Einführung

 

 

Liebe Leserinnen,

Liebe Leser,

 

 

Noch bevor das Jahr zu Ende geht, möchten wir euch  die 8. Ausgabe von Levure littéraire vorstellen.

 

Das von uns ausgewählte Thema für diese Ausgabe ist:

 

 

Haben oder Sein: Die geheime Geschichte der Dinge.

 

 

 

 

Mit unserem Thema haben wir uns vorgenommen, Künstler und Autoren für zwei Themen zu begeistern, die aber eigentlich auch unabhängig voneinander oder gemeinsam als ein Thema behandelt werden können. Zwei Themen, die sich je nach Betrachtungsweise ergänzen oder sich  im Widerspruch zu einander befinden, aber in jedem Fall zueinander gehören.

 

Wenn man  dem Urteil des bekannten Philosophen und Psychoanalytikers Erich Fromm folgen möchte, ist eine Gesellschaft, die sich am Haben und nicht am Sein orientiert, also eine Gesellschaft, die sich an dem Haben von toten Dingen und nicht am lebendigen Sein orientiert, eine kranke Gesellschaft, die Nekrophilie der Biophilie vorzieht.

 

Erich Fromm betrachtet die Dinge, die Gegenstände, nur aus der Perspektive einer Konsumgesellschaft. Für ihn können Gegenstände in Besitz genommen werden, sind aber macht- und leblos.

 

In manchen Kulturen, wie der der Amazonas-Indianer zum Beispiel, werden Gegenstände nicht nur als Güter, die für die Bewältigung des Alltags notwendig sind, betrachtet. Für diese Völker ist das Erschaffen von Gegenständen ein menschlicher Schöpfungsakt.

 

In ihrem Beitrag zu Levure littéraire schreibt die Schweizer Ethnologin Sabine August:

 

„Während wir BewohnerInnen der westlichen Hemisphäre vom südafrikanischen Naturwissenschaftler Lyall Watson aus seinem zum Bestseller avancierten Buch: „Das geheime Leben der Dinge. Warum Computer und Autos ein Eigenleben führen“ (2013) ungläubig erfahren, dass die Dinge, von denen wir umgeben sind und mit denen wir uns emotional verbinden, jetzt wissenschaftlich nachgewiesen ein Leben – wenn nicht gar ein geheimes Leben – führen, wissen Amazonas-Indianer bereits seit Menschengedenken, dass es keine « unbelebte » Materie gibt.“

 

In einer Gesellschaft, die sich mit rasender Geschwindigkeit verändert, die ihre Werte im gleichen, atemberaubenden Rhythmus hinterfragt,  relativiert, verändert, aufs Spiel setzt, wollten wir Künstler aller Sparten dazu anregen, künstlerische Untersuchungen zu unternehmen, Fragen zu stellen oder gar Antworten zu finden, die der heutigen Zeit angemessen sind.

 

Haben oder Sein, sind das Gegensätze?

 

Und wenn nicht, wie sieht das Leben von Dingen aus, die wir besitzen?

 

Wer sind wir, wenn wir bestimmte Dinge besitzen? Wie verändert uns das?

 

Wie beeinflusst unser Sein die Geschichte eines Gegenstands, den wir besitzen?

 

Haben Gegenstände eine eigene Erinnerung?

 

Gibt eine Kommunikation zwischen Mensch und Ding?

 

Gehören Computer und andere technische Instrumente, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind zu den leblosen Dingen? Oder müssen wir diese Einteilung ändern oder erweitern?

 

Dies sind nur einige der Fragen, die wir uns auch selbst gestellt haben.

Es sind Fragen, die zahlreiche Antworten ermöglichen. Und einige davon werden Sie von Künstlern, Schriftstellern und anderen Forschern aus der ganzen Welt  in der 8. Ausgabe der Levure littéraire finden.

 

 

 

Viel Spaß beim Lesen und bei ihren eigenen Entdeckungen!

 

 

 

 

 

 

 Carmen-Francesca Banciu

 

Stellvertretende Chefredakteurin

 

 

Konzipiert als ethischer und ästhetischer Gärstoff, ist Levure littéraire ein Versuchsfeld für Initiative und kreatives Denken, das, ohne finanzielle Hilfe oder hegemoniale Ansprüche, einzig auf Qualität und Originalität des kulturellen Schaffens selbst abzielt. In diesen Zeiten der wirtschaftlichen Krise und besonders der großen moralischen Krise, in denen der Frieden, die Bildung und die Kultur nicht gerade auf der Tageordnung stehen und es nicht mehr angesagt ist, den Humanismus zu pflegen, versucht Levure littéraire mit euch einen geheimen Ausweg zu finden, einen ruhigen Ort, um mit den tagtäglichen Barbareien und Vulgaritäten fertig zu werden.

 

Die Leveure Littéraire und ihre vielen atypishen Autorinnen (zwischen 50 und 160 pro Ausgabe) informieren und sorgen für Bildung – und das vier mal pro Jahr direkt auf Ihren Bildschirm -, indem sie weniger beachtete Themen und Sujets und Akteure aus allen sozio-kulturellen Landschaften (Literatur, Bildende Kunst, Musik, Philosophie, Anthropologie, Publizistik, Psycholinguistik, etc) – in ihrer jeweiligen Herkunft, ihren Ländern und Traditionen repräsentiert. Der Horizont zeichnet sich durch Gemeinsamkeiten wie Unterschiede aus; Gemeinsamkeiten, die uns bereichern, und eine thematische Vielfalt, die uns durch die beeindruckende Zahl von kulturellen Akteuren, die Vielfalt der verschiedenen Sprachen, Sensibilitäten, Geschmäcker, Bedürfnisse und Informationen betören.

 

« Wenn man von jemandem sagt, er sei meinesgleichen, bedeutet das, dass er mir ähnelt? »

 

In der Rubrik Languages, finden Sie die Ausgangs- und Zielsprachen unserer nicht-frankophonen Autoren und Übersetzer.

 

Die siebte Ausgabe von Levure littéraire enthält Gedichte, Novellen, Auszüge aus Romanen, Zeitungsartikel, literarische Essays, Gutachten, traditionelle Märchen und contes philosophiques, psychoanalytische Artikel, Malerei, Zeichnungen, Kollagen, Skulpturen, Theater- und Filmperformances, Musik (Jazz, Rock, Pop etc.), sowie Informationen zu internationalen kulturellen Veranstaltungen.

 

Mithilfe aller Beteiligten möchten wir den humanistischen Austausch bewahren und anregen.

 

Unser Ziel : neue Autoren bekannt machen, bekannte Autoren mit ihrer Erfahrung in ihrem Erfolg fördern, sowie jenen Perspektiven eröffnen, die keine mehr haben.

 

Kultur hilft uns, unser Schicksal besser zu meistern. Wir müssen wagen, sie mit anderen zu teilen – Autoren, diese « Fremden », « Seelendiebe », die uns doch faszinieren… Wir müssen die Identität des Anderen anerkennen, seine Unterschiede, seine Sprache, sein Werk und seine Kultur respektieren.

 

Wir müssen die Freundschaft pflegen! Sich von Kultur ernähren bedeutet, harmonisch im Haus des SEINS zu leben, zu reisen, mit Künstlerbooten in Länder reisen, in denen neue Möglichkeiten und Stimmen uns mit offenen Armen erwarten.

 

Wir müssen am Austausch von innovativen und befreienden Ideen unserer Kulturen teilhaben. Lassen wir die Machenschaften derer scheitern, die den Sturz der Kultur orchestrieren, indem sie ihren Verfall hinterhältig antreiben.

 

Levure littéraire ist für diejenigen entstanden, die Talent haben, die aber national oder international noch anonym bleiben, keine Beziehungen haben oder kaum die Möglichkeit, einen bestimmten Bekanntheitsgrad zu erreichen.

 

Unsere Zeitschrift ist multilingual geworden, weil es Länder gibt, deren Sprache und Kultur noch verkannt.

 

Ohne Politik zu betreiben möchten wir gegen die kulturellen Parasiten kämpfen, die mit gekreuzten Armen, gefüllten Mündern und Taschen, das Aussterben der Kultur predigen. Wir prangern das Mäzenatentum sowie die Kürzung vom kulturellen Etat an, den Verfall des sprachlichen, menschlichen, ästhetischen und ethischen Verhaltens unseres 21. Jahrhunderts.

 

Schützen wir die Kunst, indem wir sie machen! Machen wir Kunst, indem wir sie verteidigen! Kunst hat stets dazu beigetragen, dass wir widerstehen, dass wir uns in Würde entwickeln, dass wir die Welt lieben und dass wir an eine bessere Welt glauben. Kunst hat noch niemanden getötet. Bringen auch wir sie nicht um. Machen wir aus ihr weder einen Spekulationseinsatz noch ein ordinäres kommerzielles Produkt. Der globalisierte Kunstmarkt ist nicht unsere Kunst, sondern erscheint uns als ANTIKUNST, eine Kunst, die Künstler und ihre Kulturen von ihrem Weg und ihrem Schicksal abbringt.

 

Durch seinen multilingualen Humanismus nimmt Levure Schaffende auf, zeitgenössische Künstler aus allen Ecken der Welt, geistige Vertreter mehrerer Völker, Kulturen, Sprachen und Traditionen, die sonst mehr oder weniger durch Angleichung und Popularisierung jeglicher Art zum Vergessen verurteilt sind.

 

Zeitgenössisch sein bedeutet nicht, der Zeitkrise ziellos zu folgen, mit ihren Strömungen und Wendungen, gedankenlos, ohne jegliches Bewusstsein, sei es kollektiv oder selektiv. Ganz im Gegenteil, wir müssen uns bei klarem Verstand und mit Scharfsinn zu unserer Zeit bekennen, jedoch stets Abstand bewahren, sowohl räumlich als auch zeitlich, um die finsteren Spuren und Flecken auszugrenzen. Der Zeitgenosse ersetzt die Vergangenheit nicht durch die Gegenwart, er ist auf der Suche nach dem, was die Gegenwart umfasst.

 

 

Rodica Draghincescu,
verantwortliche Herausgeberin

Übersetzung :

Tim Mücke (Berlin)