Editorial

 

 

Liebe Freunde von hier und anderswo,

 

 

Levure littéraire 14

 

 

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In Übersetzung sein

 

 

Die Übersetzung ist neben der Architektur die meistverbreitete, meistverwendete Metapher dafür, die Komplexität der gegenwärtigen Welt auf mehr oder weniger spontane und reflektierte Art zu beschreiben. Und diese Worte sind vielleicht Metaphern voneinander, indem sie die wesentliche Rolle des Dazwischen, des Dazwischenliegenden, des Mittels und der Mitte, des Mediums, des in unserer Welt eingeschlossenen/ausgeschlossenen Dritten offenbaren.

Aber was übersetzt die Übersetzung, diese Verwendung der Übersetzung als (spontane) beschreibende Metapher der Wahl?

Zur universellen Metapher geworden, gleicht die Übersetzung annähernd dem Göttlichen: Sie ist überall, aber ihre Anerkennung kämpft noch darum, sich durchzusetzen, selbst wenn diese Anerkennung schon auf dem Weg ist.

Denn eine grundlegende Asymmetrie charakterisiert den Platz der Übersetzung in unserer Welt: der Bruch, die Scheidung zwischen ihrer (inneren und äußeren) Omnipräsenz und ihrem (fast völligen) Mangel an Anerkennung.

Aber woher diese (althergebrachte) Tendenz zum Verdecken der Omnipräsenz, der Universalität der Übersetzung (als einzige mögliche authentische Universalität)?

Weil die Übersetzung gleichzeitig die – ethischen, politischen, ökonomischen etc. – Fragestellungen der Welt und – schließlich auch! – ihre möglichen praktischen Lösungen resümiert.

Die Übersetzung ist also überall, aber sie muss immer um ihre Anerkennung kämpfen. Und das ist das Schlüsselwort: Anerkennung!

Weil die Übersetzung „von sich aus“ (als von innerer Essenz beraubte Vermittlerin, die als solche diese nötige Neupositionierung des Essentiellen der Essenz offenbart, nämlich die unserer solipsistischen individuellen Innerlichkeit in Richtung auf die soziale Innerlichkeit des „Zwischen uns“) die Trägerin der Anerkennung, der Weg zur Anerkennung und ethischen Anerkennungspolitik ist, verweigert man ihr noch immer die volle Anerkennung.

Anzuerkennen, dass „alles übersetzt werden muss“, dass, anstatt zu „kommunizieren“, wie es uns die herrschende technokratische Ideologie weiterhin diktiert, es gleichzeitig ethischer und pragmatischer wäre, dass wir uns selbst (und vielleicht vor allem) dort übersetzen, in unseren „gemeinsamen“ Sprachen, wo wir uns „natürlich“ zu verstehen scheinen, würde bedeuten anerkennen zu müssen, dass ein entscheidender Paradigmenwechsel im Gang ist, und dass alles, was man uns als „Fortschritt“ und „Entwicklung“ präsentiert und rühmt, nichts ist als Widerstand, hartnäckige Opposition gegen den wirklichen Fortschritt, gegen die wirkliche Globalisierung der Welt, ein Kampf nicht der Avantgarde, sondern der Nachhut zur Beschränkung der Globalisierung auf die technisch-ökonomische Globalisierung ist (die Technologie, die auf dem besten Weg ist, vom Werkzeug und Vermittelnden zu einem Lebensfeld und Existenzmilieu zu werden und sich so, wie es schon Heidegger vorausgesehen hat, mehr und mehr als eine Technologie der Macht im Interesse der Herrschaft entpuppt).

Die Übersetzung als Anerkennung der (gleichzeitig relativen und nicht reduzierbaren) ontologischen Idiomatisierung jedes einzelnen bemüht sich, völlig anerkannt zu werden, weil ihr Umsturzpotential riesig ist.

Anstatt zu reduzieren, bilateral von einem ins andere zu übertragen, schafft die Übersetzung Dritte, sie vervielfältigt also, lässt anwachsen und sich üppig vermehren. Als einzelne sind wir schon mehrere durch die täglichen und unbewussten Übersetzungshandlungen, und nur die Anerkennung der Übersetzung als einziges gemeinsames Paradigma könnte sie uns anerkennen lassen als einzige nützliche und akzeptable Haltung.

Denn es ist die Übersetzung, die uns Welt bilden lässt, indem sie uns mit unseren Unterschieden und durch sie versammelt. Die Makro-Spannung zwischen Globalisierung und identitärem Rückzug kann nur durch den Beginn einer Anerkennung der Übersetzung als einzige universelle Sprache aufgelöst werden.

Denn es gibt Übersetzung auf allen Ebenen, und Meta-Übersetzung oder Archi-Übersetzung oder Übersetzung der Übersetzung zwischen allen identifizierbaren und vorstellbaren Ebenen der Übersetzung: die Übersetzung übersetzt sich, und wir befinden uns alle in Übersetzung. Gerade die Übersetzung hält uns unterschiedlich, eigenartig zusammen, sie lässt uns Sein und Welt bilden.

Auf einer ersten Ebene (um nicht von der metabolischen, molekularen, zellulären, also zum Beispiel der chemischen „Übersetzung“ zu sprechen) könnte man von prä-linguistischer Selbst-Übersetzung sprechen: Wir handeln nicht, wir übersetzen uns in Handlungen.

Auf einer zweiten Ebene, die man schon intra-linguistische Übersetzung nennt (oder auch inter-idiomatische, denn „die Sprache“ ist ein architektonischer Komplex von übersetzbaren und zu übersetzenden Idiomen), das heißt das, wovon die dominante ideologische Metasprache uns sagen lässt, dass wir „kommunizieren“, in der Illusion „natürlicher“ oder von „Mutter-Sprachen, das heißt nationaler, die man uns als identisch und allen gemeinsam präsentiert, wobei die Übersetzung unter einem kriminellen, also den andern auslöschenden, recht und schlecht technologischen Automatismus, das heißt, einem säubernden und vereinfachenden, versteckt ist.

In einem bestimmten Umfeld (keinem Zentrum) finden wir die „Übersetzung im eigentlichen Sinn“ wieder, das heißt, buchstäblich verstanden, die inter-linguistische Übersetzung, die einzig anerkannte, jene, auf die man üblicherweise das totale Phänomen der Übersetzung reduziert, um es zu beherrschen (um den Archipel der Übersetzung in ein Festland zu verwandeln).

Dann gibt es eine inter-mediale Übersetzung, jene, die uns schon in die offenbarende Welt der Kunst überträgt, das heißt, der Künste, die sich seit jeher und immer mehr übersetzen, sich in einander modulieren, was die immer offensichtlichere Performativität der Künstler offenbart, die immer natürlicher vom Geschriebenen zum Visuellen, vom Klanglichen zum Körperlichen übergehen und so einem Trans-Schreiben (und einer Schreib-Trance), einer (beispielsweise) schon von Roland Barthes vorausgeahnten Trans-Semie der Welt den Lauf lassen. Die Kunst als ununterbrochener Übergang.

Wenn man den Rahmen erweitert, gelangt man zur inter-kulturellen Übersetzung. Um sie leichter verstehen und übersetzen zu lassen, ein kleines Zitat (aus einer großen Synthese): „Seit dem zweiten Jahrtausend hatten die verschiedenen Kulturen und Polytheismen der alten Welt das Niveau dominanter interkultureller Übersetzbarkeit erreicht. (…) Die Stammesreligionen sind ethnozentrisch. Die Kräfte, die ein Stamm verehrt, sind nicht die gleichen wie jene, die ein anderer Stamm verehrt. Umgekehrt kann man ohne Schwierigkeit die sehr differenzierten Elemente der polytheistischen Pantheons von einer Religion zur anderen, von einer Kultur zur anderen transponieren.“ (Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, Übersetzung aus dem Deutschen von Laure Bernardi, Paris, Flammarion, „Champs“, 2010, Seiten 82-83).  Auf dieser Ebene beginnt sich die neue global-immanente Komparatistik zu konstituieren und zu handeln.

Und „schließlich“, auf einer konventionell maximalen Ebene, könnte und sollte man von einer inter-religiösen Übersetzung sprechen, die ich durch zwei andere Zitate des gleichen großen Denkers der Monotheismen „aufspüren“ möchte: „Die Idee, nach der diese Völker im Grunde die gleichen Gottheiten verehrten, aber unter anderen Namen, war ganz und gar nicht banal und offensichtlich. Im Gegenteil, wir müssen diese Konzeption von den Dingen als eine der wichtigen Errungenschaften der großen Zivilisationen des Altertums betrachten“; „Die Offenbarung ist das Gegenteil zur Natur. Ein offenbarter Name kann nicht übersetzt werden.“ (Jan Assmann, op.cit., S. 84, S. 88). Die Theologie als „einfache“ Übersetzungswissenschaft, und die Religion als gleichzeitig vertikale und horizontale Übersetzung (Verdammung zur Übersetzung im Mythos von Babel und als „Gabe“ der Sprachen zu Pfingsten)?

Aber die andere Gefahr, die entgegengesetzte und zur Nichtanerkennung der Übersetzung komplementäre Gefahr ist die noch perversere ihrer Auflösung, ihrer automatischen Generalisierung und unreflektierten Ausdehnung, die eine überstürzte, unaufmerksame Lektüre des obigen Schemas suggerieren könnte.

Ja, die Übersetzung ist überall, aber nein, sie ist nicht überall die gleiche. Das Modell, die Matrix jeder Übersetzung, die die Spannungen der Übersetzung nicht lockern und sie nicht auflösen würde in eine platte Indifferenz und Ununterscheidbarkeit (auf den Weg zu einer „Übersetzung“ durch Maschinen), ist gerade das, was wir am allgemeinsten (und traditionellsten) unter Übersetzung verstehen: die inter-linguistische Übersetzung (jene, die sich in unserem kleinen improvisierten Schema gerade in der Mitte befindet, auf dem Platz der Übersetzung und als Ort der Übersetzung, der als gleichzeitig evidente und geheimnisvolle Übersetzung der Übersetzung ausstrahlt). Das allgemeine, universelle Phänomen der Übersetzung muss aus der Perspektive der Übersetzung „im eigentlichen Sinn“ betrachtet werden, der zwischen den Sprachen, weil gerade hier, auf dieser unendlich thematisierten Trennlinie der menschlichen Übersetzung mit all ihren ethisch-politischen Problemstellungen, alle Spannungen und alle Chancen des gesättigten Phänomens (wie Jean-Luc Marion es nennen würde), welches die Übersetzung darstellt, gewahrt und garantiert werden.

Man kann der Versuchung der generellen Äquivalenz der Lebewesen und der Dinge, der Situationen und der geographischen Zonen nur durch die Übersetzungs-Haltung widerstehen, welche einzig die Erfahrung der inter-linguistischen Übersetzung vermitteln kann. Daher ist und sollte die Übersetzung Schule machen.

Die Lebewesen und die Dinge werden nur durch das Mehrdeutige der Übersetzung äquivalent. Durch die Übersetzung werden sie nicht äquivalent, aber sie werden mehrdeutig. Die Übersetzung, das bedeutet „ein Wort für ein anderes sagen“ – aber welche Bedeutungsvielfalt, welcher Unübersetzbarkeits–Reichtum der Übersetzung schon in dieser einfachen Wörterbuch-Definition!

Die Übersetzung ist liquide, aquatisch. Eine Mitte, die gleichzeitig intern ist wie Blut und extern als planetarischer Ozean und Mutter allen Transports und Handels – und häufig auch letzter Weg der Flucht und der Flüchtigen -, verwandelt sie uns, wie Edouard Glissant sagt, in einen Archipel, wobei sie uns für uns selbst offenbart, wobei sie uns, gemäß unserer eigenen Absicht, als Archipelogos übersetzt.

Durch die Übersetzung hindurch gesehen, kehrt sich die Perspektive um, und die Welt ist ein Wassertropfen, der zusammenhält, wobei durch eine unaufhörliche Übersetzung als Homöostasie die Inseln des Landes, des Feuers und des Blutes (das innere Meer) vereint sind. Die Übersetzung als Refugium der Erde.

Wenn die Wahrheit (als gute Kraft) sich in die Mitte stellt – In medio stat virtus – dann kann sie nur zwischen uns, in Übersetzung, sein.

 

 

Foto : MIRCEA STRUTEANU

 

 

Bogdan Ghiu

 

 

Aus dem Französischen übersetzt von Roland Erb

 

 

 

 

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Konzipiert als ethischer und ästhetischer Gärstoff, ist Levure littéraire ein Versuchsfeld für Initiative und kreatives Denken, das, ohne finanzielle Hilfe oder hegemoniale Ansprüche, einzig auf Qualität und Originalität des kulturellen Schaffens selbst abzielt. In diesen Zeiten der wirtschaftlichen Krise und besonders der großen moralischen Krise, in denen der Frieden, die Bildung und die Kultur nicht gerade auf der Tageordnung stehen und es nicht mehr angesagt ist, den Humanismus zu pflegen, versucht Levure littéraire mit euch einen geheimen Ausweg zu finden, einen ruhigen Ort, um mit den tagtäglichen Barbareien und Vulgaritäten fertig zu werden.

 

Die Leveure Littéraire und ihre vielen atypishen Autorinnen (zwischen 100 und 200 pro Ausgabe) informieren und sorgen für Bildung – und das vier mal pro Jahr direkt auf Ihren Bildschirm -, indem sie weniger beachtete Themen und Sujets und Akteure aus allen sozio-kulturellen Landschaften (Literatur, Bildende Kunst, Musik, Philosophie, Anthropologie, Publizistik, Psycholinguistik, etc) – in ihrer jeweiligen Herkunft, ihren Ländern und Traditionen repräsentiert. Der Horizont zeichnet sich durch Gemeinsamkeiten wie Unterschiede aus; Gemeinsamkeiten, die uns bereichern, und eine thematische Vielfalt, die uns durch die beeindruckende Zahl von kulturellen Akteuren, die Vielfalt der verschiedenen Sprachen, Sensibilitäten, Geschmäcker, Bedürfnisse und Informationen betören.

 

« Wenn man von jemandem sagt, er sei meinesgleichen, bedeutet das, dass er mir ähnelt? »

 

In der Rubrik Languages, finden Sie die Ausgangs- und Zielsprachen unserer nicht-frankophonen Autoren und Übersetzer.

 

Die siebte Ausgabe von Levure littéraire enthält Gedichte, Novellen, Auszüge aus Romanen, Zeitungsartikel, literarische Essays, Gutachten, traditionelle Märchen und contes philosophiques, psychoanalytische Artikel, Malerei, Zeichnungen, Kollagen, Skulpturen, Theater- und Filmperformances, Musik (Jazz, Rock, Pop etc.), sowie Informationen zu internationalen kulturellen Veranstaltungen.

 

Mithilfe aller Beteiligten möchten wir den humanistischen Austausch bewahren und anregen.

 

Unser Ziel : neue Autoren bekannt machen, bekannte Autoren mit ihrer Erfahrung in ihrem Erfolg fördern, sowie jenen Perspektiven eröffnen, die keine mehr haben.

 

Kultur hilft uns, unser Schicksal besser zu meistern. Wir müssen wagen, sie mit anderen zu teilen – Autoren, diese « Fremden », « Seelendiebe », die uns doch faszinieren… Wir müssen die Identität des Anderen anerkennen, seine Unterschiede, seine Sprache, sein Werk und seine Kultur respektieren.

 

Wir müssen die Freundschaft pflegen! Sich von Kultur ernähren bedeutet, harmonisch im Haus des SEINS zu leben, zu reisen, mit Künstlerbooten in Länder reisen, in denen neue Möglichkeiten und Stimmen uns mit offenen Armen erwarten.

 

Wir müssen am Austausch von innovativen und befreienden Ideen unserer Kulturen teilhaben. Lassen wir die Machenschaften derer scheitern, die den Sturz der Kultur orchestrieren, indem sie ihren Verfall hinterhältig antreiben.

 

Levure littéraire ist für diejenigen entstanden, die Talent haben, die aber national oder international noch anonym bleiben, keine Beziehungen haben oder kaum die Möglichkeit, einen bestimmten Bekanntheitsgrad zu erreichen.

 

Unsere Zeitschrift ist multilingual geworden, weil es Länder gibt, deren Sprache und Kultur noch verkannt.

 

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Durch seinen multilingualen Humanismus nimmt Levure Schaffende auf, zeitgenössische Künstler aus allen Ecken der Welt, geistige Vertreter mehrerer Völker, Kulturen, Sprachen und Traditionen, die sonst mehr oder weniger durch Angleichung und Popularisierung jeglicher Art zum Vergessen verurteilt sind.

 

Zeitgenössisch sein bedeutet nicht, der Zeitkrise ziellos zu folgen, mit ihren Strömungen und Wendungen, gedankenlos, ohne jegliches Bewusstsein, sei es kollektiv oder selektiv. Ganz im Gegenteil, wir müssen uns bei klarem Verstand und mit Scharfsinn zu unserer Zeit bekennen, jedoch stets Abstand bewahren, sowohl räumlich als auch zeitlich, um die finsteren Spuren und Flecken auszugrenzen. Der Zeitgenosse ersetzt die Vergangenheit nicht durch die Gegenwart, er ist auf der Suche nach dem, was die Gegenwart umfasst.

 

 

Rodica Draghincescu,
verantwortliche Herausgeberin

 

Übersetzung : Tim Mücke (Deutschland)

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