Dieter Schlesak

 

 

(Rumänien-Deutschland-Italien)

 

 
Dieter Schlesak wurde in Schäßburg/Transsylvanien, Rumänien geboren.

Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Publizist und Übersetzer, Diplomgermanist, Lehrer und Literaturredakteur.

1969 Übersiedlung in die Bundesrepublik.

Lebt seit 1973 in Italien/Toskana, Provinz Lucca. Und in Stuttgart.

Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (London), Der Kogge und des VS.

 

 

 

 
Zahlreiche Preise und Stipendien. Zuletzt für das Gesamtwerk die Ehrengabe der Schillerstiftung/Weimar 2001. 2005 Ehrendoktor der Universität Bukarest. Schlesak beschäftigt sich mit Meditation und Psychiatrie (1975 erschien sein Buch « Sozialisation der Ausgeschlossenen » bei Rowohlt; 1978 auch holländisch in Amsterdam). Er schreibt Lyrik, zuletzt: « Lippe Lust. Poesia erotica »; Weiße Gegend, Gedichte, Lyrik-Edition 2000, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold, München 2000; LOS. Reisegedichte, München 2002; Herbst Zeit Lose, Liebesgedichte; alle vier Bände bei: Buch&medi@ GmbH, München; Sette volte sete. Grenzen Los. Oltre limite. Hrsg. Stefano Busellato. Lyrik-Werkauswahl italienisch-deutsch, Edizioni ETS, Pisa 2006. Essays und Prosa: Bildmeditationen in: ”Das Neue Licht Michelangelos”, Kunstdruckdokumentation der renovierten Sixtinischen Kapelle, 3 Bde. 1989-1991; Există o viaţă după moarte, Bucureşti 2001. Romane: 1986: ”Vaterlandstage” (1995 rumänisch: ”Zile acasã”); Der Verweser. Roman, Allitera Verlag, München 2002. Eine Transsylvanische Reise, EDITION KÖLN, Köln 2004, Romans Netz, Roman, EDITION KÖLN, Köln 2004.

Essays über Literatur, Grenzphänomene und Religion. Hörspiele und andere Arbeiten für das Radio (vor allem über psychiatrische Kliniken, Patientenkunst, über Medi­tation.) Historisch schließt an Vaterlandstage der Essayband Wenn die Dinge aus dem Namen fallen (1991) an, der die „enteignete“ Revolution von 1989 untersucht (rumänisch: Revolta morţilor, Bukarest 1998, italienisch: Bandiere bucate, Bergamo, 1997) gefolgt von dem synoptischen Journal Stehendes Ich in laufender Zeit (1994), das den europäischen Nach-Wende-Geist bis 1993 kritisch ausleuchtet; Zeuge an der Grenze unserer Vorstellung, Porträts, Studien und Essays, München 2005; Übersetzer- und Herausgebertätigkeit. Essays über rumänische Literatur und Philosophie; zuletzt Nichita Stãnescu: Elf Elegien, Übersetzung und Nachwort: Metapoesie der roten Zeit, Ludwigsburg 2005, Gefährliche Serpentinen, Rumänische Lyrik der Gegenwart, 1998.

 

 

 

 

Stimmen der Kritik

 

Hier ist, um mit Musil zu reden, nicht nur eine neue Seele da, sondern auch der dazugehoerige Stil. Das vitale Sprach- und Erfahrungsmaterial ist in großraeumige Rhythmen uebersetzt, die in der Ferne die Zentnerschwere einer lyrischen Tradition von Gryphius bis Guenter und Klopstock ahnen lassen, bei denen die Form gerade noch die alles sprengende Erfahrung fasst… Man moechte auf die formale und sprachliche Kunstleistung hinweisen, auf die Vielfalt der Themen – und koennte doch nur sagen: Ecce Poeta. Viele dieser Gedichte lassen den Leser nicht los, sie greifen seine Erfahrung, sein Bewußtsein an. (Walter Hinderer, Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Die Ausführungen von Dieter Schlesak haben den Vorzug der Klarheit. Was bei Heiner Müller bisher dunkel « deutsches Verhängnis », « Kolonisation » oder « Überfremdung, bei Volker Braun locker « das nicht Nennenswerte » hieß und von Christa Wolf als « dunkle wilde Jagd » bedichtet wird … ist hier plötzlich deutlich. » (Iris Radisch, DIE ZEIT)

Sein Ich ist sich des Zeitsprungs gewiß, sein Ich warnt den Leser vor allzu großen Erwartungen … Die enge Verbindung von gegenwärtigem Geschehen, das das Bewußtsein noch nicht aufnehmen kann, und einer eben abgelaufenen Vergangenheit, die als Traumsequenz in eine Zukunft reicht, in welcher alles erst entwickelt wird, was im Präsens zu schnell vorüberjagt – ist der Übergang, in dem das Schlesaksche Ich stehengeblieben ist, um in der Fülle des Augenblicks seine vielschichtigen Beobachtungen machen zu können. Es wählt den quälenden Weg der Offenlegung von Wunden im Zeitbewußtsein am Ende des 20. Jahrhunderts. (Wolfgang Schlott, Kommune 2)

 

 

 

 

– Geschpräch –

 

 

 

 
RD: Nachdem du aus Rumänien fortgegangen bist, nach Deutschland kamst, dann nach Italien, hast du fast alle Intensitäten des Empfindens eines Einsamen in der Einsamkeit der Umgebung erlebt. Was für menschliche und literarische  Modelle haben dich in deinem Exil besonders beschäftigt.

 

DS: Die Frage kann ich eigentlich nur im Lebensrückblick beantworten. Und dieser hängt eng zusammen mit sich steigernden Grenzerfahrungen der Einsamkeit. Diese begannen mit dem Schrecken und den Ängsten der stacheldrahtbewehrten politischen Grenze, dem  Niemandsland, wo geschossen wurde, der Flucht, und sie reichen bis zur ontologischen Grenzüberschreitung. Das Menschheitsmodell des Exils und der Vertreibung ist sehr schön beschrieben in der Genesis, aber auch in der Geschichte vom Verlorenen Sohn.

Und um  den Bogen zur ursprünglichen Grenze zurückzuschlagen: – ich bin jetzt ein Emigrant in Pension, weil ich ja heute jederzeit “nach Hause” zurückkehren könnte. Doch auch in Umkehrung der schönen Bibelgeschichte müßte man dann heute sagen: Die unmögliche Heimkehr des Sohnes zur endgültig verlorenen Mutter.

Die endgültige Einsamkeit des letzten Exils als Mensch aber bleibt, denn jeder stirbt für sich allein, und Gott für uns alle, daher ist diese letzte Einsamkeit so schwer zu ertragen, weil Gott für uns tot ist. Gerade deshalb ist die Anstrengung, diesen Letzten Ort zu finden, so wichtig, um weiterleben zu können. Nachdem sowohl die Tröstungen der Religionen als auch  die politischen Exile  im alten Europa gefallen sind, gibt es eine neue Leere.

Meinem  Roman „Vaterlandstage Und die Kunst des Verschwindens“ (1986) habe ich ein Hölderlin-Zitat  aus den „Anmerkungen zur Antigonä“ vorangestellt: „… daß jedes, als von unendlicher Umkehr ergriffen, und erschüttert, in unendlicher Form sich fühlt, in der er erschüttert ist. Denn vaterländische Umkehr ist die Umkehr aller Vorstellungsarten und Formen.“ Umkehr aller Vorstellungen also als Vorbedingung, um unsere wahre Heimat zu erkennen? Wir können sie nicht erkennen, weil wir blindgemacht wurden durch die herrschenden Downerprogramme einer kollektiven (technischen) Halluzination, die uns das Herz und das Hirn verunreinigen.

Nach Hölderlin wäre eine Art schmerzhafter Schock und eine Erschütterung, eine Katharsis zur Bewußtwerdung und Umkehr nötig. Soll man also auf eine neue Kata-stropé hoffen müssen ?

 

 

 

 
RD:  Dieter Schlesak, ich habe dich in deinem Schreiben (sei es Lyrik, sei es Prosa oder Essay) immer auf einem von Melancholie minierten Boden des Exils wiedergefunden. Und da  warst du aufgewühlt von einem Kampf zwischen Engel und Dämon, Leben und Tod, Glauben und Wissenschaft. Wählt der Schriftsteller immer diesen ewigen Sisyphusweg? Wie war es in deinem Fall?

 

DS: Da das kleine Exil nach 1989 gefallen ist, es nur noch das große Exil gibt, müssen wir wieder zwischen Glauben und Zweifel leben, schreiben,  denken. Die Zeit der historischen Utopie-Hoffnungen ist vorbei, und es bleibt nur noch eine Alternative:  Die Tradition wieder aufzunehmen. Im Absoluten lebendig zu sein, bewußt zu leben  – oder im kleinen  täglichen (“ökonomischen”) Tod einer angepassten  Existenz als „Sozialtier“ dahinzuvegetieren. Schreiben, Inspiration, Kunst, Liebe können es verhindern.  Und genau das war und ist meine Sisyphusarbeit, nämlich diesen täglich der Jämmerlichkeit Ausgesetzten zu seinem Sein hinzuführen, nun platonisch gesprochen, ihn von seiner „Mimesis“ zu überzeugen, sich von den Downerprogrammen nicht erdrücken zu lassen. Sichineinssetzen mit der « Ebenbildlichkeit », die « Apriorität des Individuellen »  zu entdecken (Omoisis to theo,  bei Platon: Angleichung an das Göttliche im Menschen.) Dazu gehört, den Schein, das soge­nannte « Wirkliche », die Hülle zu zerbrechen, zu entlarven; in der Moderne mit sprachlichen Mitteln; meta-phérein – Metapher heißt ja hinüber-tragen, anderswohin tragen.) Das Fremdsein, das Exil zu überwinden – wir waren ja auch zu Hause im Exil, und ich habe mich in der Securitate-Zeit “zu Hause” in einem schmerzhafteren Exil befunden als dann in der äußeren Fremde – erfordert eine andere, schwierigere Grenzüberschreitung als die Fortschritts-Utopie oder den politischen Widerstand oder die politische Flucht; da haben wir nach 89 sehr viel hinzugelernt, und die alten Utopien mit großen Schwierigkeiten auch für unser Schreiben ad acta gelegt. Es ist eine Umkehr  zu Längstgewußtem nötig, und das ist nicht so einfach und schnell zu machen:  Der Mensch ist nach Kant fremd, weil er eine Art Ebenbild  des « höchsten Gutes », des « Einen » ist, zu dem er nur mit dem « inneren Sinn » Zugang hat. Dieser « innere Sinn »  aber geht über die Alltags­welt der Sinne weit hinaus, die ihn nicht zu sich kommen läßt, da schon wegen des Voranrückens von Zeit in den Außeneindrücken eine Erfahrung überhaupt nur möglich sein kann, wenn  sich der « Zusammenhang » oder die « Einheit » unseres Bewußtseins als « Gewußte » und zugleich Wissende herstellt, also Verstehen da ist.

Es gibt sogar eine Belohnung dafür, wenn dieser “Zusammenhang”  berührt wird: Das Glücksgefühl beim “apriorischen” blitzartigen « Begreifen » und Verstehen durch einen Ein-Fall, und dieses nicht nur beim Literatur­schreiben oder beim schöpferischen Denken  in der Kunst und Wissenschaft!

Auf die Literatur übertragen heißt das (zumindest bei mir), ein Arbeiten mit einem Beziehungsnetz von Lebensfragmenten, Erfahrungsfragmenten, Zitaten, ihre Collage ergibt sich aus der besonderen Notwendigkeit der Phantasiearbeit, denn die Einfälle arbeiten sequentiell, in einzelnen kurzen Szenen und Handlungs-Stößen; viel­leicht ist das bei Lyrikern so: es ist der erlebte Mo­ment oder die Welt als Einfall, ganz « heiß » aufgeschrieben, tagebuchartig in « Zeithäppchen », flashs, und dann erst nachträglich zu­sammen­gesetzt zu einem Buch, einem Roman, einer Prosaarbeit, einem Gedichtband. Und zwar immer so, daß auch  beim nachträglichen Zusammensetzen alles « heiß » und inspirativ gesche­hen muß, es darf  keine Manipulation oder Bastelarbeit sein.

Dieses ist  deshalb so erregend, weil es wie die Simulation eines ebenbildlichen Prozesses zu sein scheint, wo Sinn sich summiert. Je mehr Einzelszenen oder  Fragmente und einzelne Gedichte in einer Struktur,  wie etwa in meinem letzten Gedichtband “Tunneleffekt” sich gegen­seitig anziehen, dichter werden, ein an­näherndes Ganzes ergeben, umso größer ist die Erregung dieser intuitiven, ganz persönlichen und doch sich selbst überschreitenden  « Sinnarbeit », die sich eben einem Unerreichbaren, ei­nem verborgenen Gan­zen annähert. Es ist ein erhellendes Verstehen, das immer näher und in­tensiver wird, je mehr « Bildpunkte » auf dem Bildschirm des Gedankens und dann des Buches zusam­menkommen.

Das kommt aber dem Ziel heute der Wissenschaft, etwa in der Quantenphysik nahe, dem Versuch, sich dem “Ganzen” anzunähern. Carl Friedrich von Weiz­säcker hat das sehr schön am Be­ispiel der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge – so Carl Friedrich von Weizsäcker – sei « letztlich nicht wahr. » Isolierte Ob­jekte bedeuten nur « mangelnde Kenntnis der Kohä­renz …der Wirk­lichkeit.  Wenn es überhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Stand­punkt dieser Einheit aus gesehen … sind die Objekte nur Objekte für end­liche Subjekte (d.h. für Sub­jekte, denen gewis­ses mögliches Wissen fehlt)… (d.h. sie sind indi­viduelle See­len unter den Bedingungen der Kör­perlichkeit).”

 

RD: Die Existenzbedingungen des östlichen Menschen, ebenso die des westlichen Menschen, beide verborgen in ihrer Individualität, im entre deux, dem Kampf zwischen der „Logik des Herzens”  und der „Logik des Kopfes”, ostwestlich eingebracht auf dem Schwarz-auf-Weiss der Autorenschrift, dies sind nur zwei metaphorische Hypostasen der Bnegriffsanstrengung im Prozess der autenthischen Erkenntnis, und schon bei Pascal  ist diese Dualität zu finden. Oder ist es ganz anders und auf eine ganz andere Weise?

 

DS: Aber Pascal war selbst Mathematiker, witzigerweise Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Vater also der mathematischen Grundlagen moderner Physik, und zugleich Mystiker. Notgedrungen Mytiker? Ja. Und zwar aus dem Grund – Kant sagte es, Weizsäcker heute: weil die Vernunft erkennen kann, daß sie den Grund ihres Wissens mit Verstandes-Mitteln niemals erkennen kann. Daher ist “logique du coeur” und “ordre du coeur”, also das Subjekt als Einfallstor für jenen Grund, der mit der “Einheit” identisch ist, nötig. Also Intuition, Einfall, Inspiration, Liebe, Poesie, Traum, “Hellsehen”, ja, “Prophetie”. Grenzüberschreitungen und Grenzgänge, Dinge, die der 1989  (und im Ruin des “Fortschritts” durch innere und äußere Verheerungen des Industriesystems) endgültig gescheiterten Aufklärung ein Greuel waren. Der eigentliche Schauplatz der Entwicklung ist wieder (wie in der Klassik) nach innen verlegt: Es stimmt, daß Intuition, Träume und Kopflastigkeit, auch Kopf und Bauch,  sich in jedem Menschen widerstreiten. Manche lokalisieren die beiden Pole in den beiden Hirnhälften, andere sehen sie  in männlich und weiblich, Yin und Yang, positiv und negativ, Natur und Technik; möglicherweise auch in der Trennung Ost (Fernost) und West (aber auch Süd und Nord);  doch was die oben benannte Bipolarität betrifft, ist sie als utopischer (auch ökologischer) Kampf in der Außenwelt an die inneren und äußeren Machtsysteme heute eigentlich schon verloren – an den Kopf, den Verstand (nicht auch an die Vernunft!), an das große Geld. Das Kreative, die Intuition, Inspiration im Schreiben sind ein letztes Reservat wie die Liebe.

Doch die Implikationen dieser Entgegensetzung sind heute viel ernster und für uns Autoren weitreichender, weil sich trotz allem eine merkwürdige positive Entwicklung vollzieht, die einer Apokalypse (Augenöffnung) entgegenkommt.  Weil das Subjektive, der Einzelne immer mehr zu einem gesellschaftlichen Phänomen wird. Man sieht es nicht nur daran, daß der Einzelne von der Werbung, dem Konsum, dem E-Commerce, dem Internet als Machtfaktor umworben wird. Oder in den wichtigsten Formeln der Mikrophysik, etwa denen Heisenbergs, der “Beobachter”, das Subjekt, eine enorme Rolle spielt, daran, daß die “neue Masse” der bisherigen Massenpsychologie entgegengestezt ist:  1989  haben Millionen Einzelne friedlich die Welt verändert. Das heißt, daß auch wir Autoren, vor allem als Lyriker größere Verantwortung tragen, als es sich die Gesellschaft vorstellt, die die Literatur, gar Poesie, Klangformen des Ich, mißachtet, ja verachtet. Nein, im Innern, im Kern der Geschichte wirken diese ziemlich starken Mächte “der Schwäche” subversiv! Obwohl künstlerische und geistige Phänomene anscheinend immer weniger zählen,   rückt das Subjekt  ins Zentrum. Denn der dichteste Ort des Alls ist der menschliche Kopf. Kenntnis ist in unsere Sprachformen übersetztes kosmisches Wissen, vor allem in die der Mathematik. Das Subjekt, der Grund dieser Kenntnis selbst aber kann begrifflich niemals erfaßt werden… Dieses  Unfaßbare wurde einmal « metonymische Kausalität » (abwesender Grund) genannt; sie ist der klingende Grund von Musik und Poesie.

Der Einzelne, das Individuum, sein Bewußtsein ist mehr als « die Welt ». Lyrik ist also zu einer Haupt-Sache geworden, oder müßte  konse­quenterweise zu einer Hauptsache werden!

Zwischen einer neuen Art des Zugangs zur Transzendenz des Ich, das, was leider immer noch  “Glauben” genannt und der Kirche zugeordnet wird,  und einer neuen Wissenschaft steht jene erwähnte neue Blindheit. In diesem minierten Niemandsland hat sich vor allem meine Essayistik bewegt, die meiner Belletristik zuarbeitet!  Es ging mir immer darum, mich selbst zu überzeugen,  besser, den Ratio- und Logikgläubigen in mir mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen und zu überlisten: daß die uns gebotene kollektive Halluzination eben Schein ist, ein Dämon also, der uns  fesselt, die Engel (auch die der Poesie!) aber ganz wo anders sind, erst erscheinen, wenn wir diese Mauer der Blindheit ablegen! Wobei  sich die Mikrophysik heute mit der alten indischen Weisheit die Hand reicht (Schleier der Maya!)  Und dieser Grenzgang nun, der anknüpft an den harten Kern unseres Wissens ist für eine neue Freiheit sehr wichtig! Und nicht nur für Autoren! Nämlich genau da weiterzudenken, wo offizielle Wissenschaft nicht weiterkommt, in Richtung eines neuen Paradigmas aber eine Menge  vorbereitet wird, neuerdings in der Molekularbiologie und Gentechnologie mit allen faustischen Gefahren und Anmaßungen, weil die Basis des bisherigen Wissenkönnens sich verändert. Auch die Biologie bestätigt immer mehr, daß die Welt Geist ist, die nicht als Geist erscheint, Wissen ist, Wissen auch gespeichert in den einzelnen Genen. In der Mikrophysik oder den Randgebiten sämtlicher Wissenschaften  gab es diese Erkennnis längst!  Auch in der Einsicht, daß der Rahmen der Zukunft etwa (historisch und technisch) im Überschreiten der bisherigen Naturkonstanten gesehen werden muß, nämlich im Überschreiten von Licht­geschwindig­keit und Quant. Und bei solch einer Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit geschieht Unvorstellbares, wir kommen ins Fassungslose, denn da löst sich jede “feste Welt” auf, Materie erweist sich als das, was sie ist: gefrorene Information und eine Art Minifirmament oder ein Schweizer Käse.  (Gemimt wird diese Immaterialität ja schon durch unsere elektronischen Haustiere  und das Internet!) Vielleicht ist das gros von Kunst und Literatur heute gesellschaftlich deshalb so ohnmächtig und “Nebensache”, weil Literatur kaum ein Fundament besitzt mit der sie jenen, die Wahrheit fürchten, zuvorkommen, ja, ihnen Angst machen kann.

Heute kann ein Poet entweder poeta doctus  sein oder eben ”postmoderner” Banallyriker der reinen Zufälligkeit. Doch es ist natürlich nicht nur das theoretische Fundament, das Literatur, vor allem die Lyrik brauchen würde, sondern mit diesem trifft sich der Chock des Historischen: Auschwitz und Hiroshima, und die Einsicht, daß wir Posthume, nichts als Phantome der Geschichte sind!

 

RD:  Marcel Proust hat in seiner „Wiedergefundenen Zeit” gschrieben: „Der Stil ist für den Schriftsteller das, was für den Maler die Farbe ist: kein technisches Problem, sondern eines der Vision.” Glaubst du, dass der Stil eines Autors von der realen Welt abhängt, den Gesten, den Gefühlen, Entscheidungen, oder vielmehr von der Möglichkeitswelt, dem Traumgebiet der Psychologie, der Psycholingvistik und der Soziologie und durch Methoden der Intuition wie bei Bergson bedingt ist?

 

DS: Eigentlich habe ich darauf schon geantwortet. Das Apriorische, Hölderlins Apriorität des Individuellen, nicht die reale Welt bestimmt den Stil, das Subjektivste eines Autors, sein “Klang”,“Einfall” bestimmt den Stil. Das was heute noch unvorstellbar ist, kann morgen wirklich sein!

Es ist erstaunlich, wie sich die poetische mit der exakten Inspiration trifft, etwa auch die Lyrik oder die Science fiction mit den hinter der Geschichte wirkenden weltverändernden mathematischen Formeln. Etwa die Intuitionen eines Hermann Oberth im Bereich der Rakete, die auf genauen Berechnungen beruhten mit Jule Vernes  “Spinnereien”. Heidegger hat das Apriorische (den Einfall vor der Erfahrung!) als Geschichtsfaktor in seinem Kant-Buch “Die Frage nach dem Ding” wunderbar analysiert und Beispiele gebracht. Etwa, daß Newton seine die Physik revolutionierenden Formeln zuerst beiseitegelegt hatte, da sie anscheinend nicht stimmten, er hatte sie noch mit dem alten Wissen von der Distanz Erde-Mond berechnet. Dann wurden die Instrumente (Fernrohre) verbessert, die Distanzberechnung wurde viel genauer, und plötzlich stimmten Newtons “alte” Formeln bis auf die letzte Dezimalstelle.

 

 

 

 
Es ist schwer, dieses Apriori des Einfalls in ein paar Worten zu erklären, doch ich will es versuchen, da es ins Zentrum  meiner Arbeit zielt:  Den Abgrund zwischen dem, was das Denken und das Handeln – bis hin zu den Politikern, Managern und Universitäten bestimmt, und den Dimensionen, auf die unsere gesamte Umwelt aufgebaut ist, nämlich eine Welt von Geist, die nicht als Geist erscheint, mit literarischen Mitteln zu überbrücken. Genauer:  Das, was uns umgibt, ist ja eine völlig andere, immaterielle  Welt an einer unvorstellbaren Grenze zu einem neuen Weltmuster und Paradigma. Beispiel: Denken wir nur an unsere « elektronischen Haustiere », Compu­ter, Radio, Fernsehen usw. Sie beruhen auf Formeln, die einmal « Einfälle », Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche « Gedanken­blitze » wie in der Kunst,  aus einem großen kosmischen Informationssystem, das alles bestimmt, eben auch die vordergründige Geschichte! Das Nicht-Ma­terielle, das « Geistige » bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse ma­chen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird « objektiv », lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu be­herrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln. Die Menschen der Gegenwart  bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung  weiter so, als wäre sie im­mer noch die alte Körperwelt. Das herrschende materielle Denken ist antiquiert, denn die Welt ist Geist, der nicht als Geist erscheint. Außerdem ist durch  weltweite Kommunikation unsere Welt eine einzige geworden.

Leider wird die Literatur von Anpassung, der Werbung, dem Geldgeschäft, und dem Zwang der von Verlagen und dem Fernsehen gemachten Moden bestimmt, nicht von den in ihr selbst wirkenden Gegenkräften und Gesetzen!

 

RD:  Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Schlesak-Stil und der molekularen Identität sämtlicher  Ich-Individuen und den Personenvorbilder deiner Romane?  Wie pflegst du deine Romanwelt, dass sie deine Welt wird und umgekehrt, dass deine Welt ihre Welt wird.

 

DS: Man könnte den Romancier für einen gut kalkulierenden “Wahnsinnigen” halten. Ja, ich geb es zu: Zwischen meinen Personen und  mir besteht eine intime Beziehung, und alles schwankt in der Erzählung  zwischen den Personalpromonia Ich, Du, Er; die Eisdecke ist dünn, man bricht ein. Die Hauptperson, meist mein Alter ego, durch den Erzähler zum Er gemacht und verfremdet, wird im inneren Monolog und der icherzälten Erinnerung wieder zum Ich, die anderen Personen im Dialog zum Du, ähnlich ja auch die Hauptperson, und das Spiel mit Ich und Er wiederholt sich bei allen Personen, so daß metasprachlich und strukturell alle eine Person sind. Dazu kommt, daß sie – oft von der Hauptfigur  erinnert als Erinnerte aber selbst erinnern, zu einem Geflecht von Erfahrungen (meist denen des Autors) gehören, und so zu jenem Modell der Detail-Zusammenführung von Sinn gehören, die das Ganze erst möglich machen. Wie schwierig aber dieses “Einsammeln” bei meinem Hauptthema, der unmöglichen Heimkehr ist (als ich die “Vaterlandstage” schrieb, 1976-86, war die Heimkehr noch wegen der Diktatur nicht möglich!), zeigte sich erst nach dem Fall der Diktatur. Daß es eine unüberwindliche Barriere trotz des Heimwehs gibt, ein Leben zwischen wunder Erinnerung und unaufhörlichem Schreiben als Lebensersatz, das das Unmögliche in unendlicher Abfolge zelebriert, das hat etwa Oliver Sill in seinem Buch über Herta Müllers, Richard Wagners und mein Werk “Reisen wegwohin” schön analysiert.  Den Schwebezustand in jener Exil-Prosa z.B. Oder die Spaltung der Hauptfigur in den textimmanenten Ich-Erzähler, in das Ich als Figur, und in eine Michael T. benannte Figur, die anstatt der Hauptperson nach Hause in die Diktatur und alle Gefahren geschickt wird. Sie wird der Spionage angeklagt, ihr droht Erschießung. Doch wird sie schließlich des Landes verwiesen;  Ende offen: Dieser Schluß übersetzt die Heimkehr-Unmöglichkeit ins Reale des Romans. Aber mit der Ausweisung  beginnt auch der Roman, wobei eine  Ringform entsteht: Die Ichfigur “erinnert”   schreibend im unendlichen Regressus an diese Heimkehr des Michael T., sie weiß ja von Anfang an, daß eine wirkliche Heimkehr unmöglich ist, die sie an die Fiktion Michael T. delegiert hat; sie aber bleibt wund und abschiedsunfähig und heimwehkrank am Schreibtisch, wo unendliches Schreiben auch keine Heilung bringt! Metapher des im Nirgendwo sich befindenden, nirgends beheimateten Emigranten, eines “Zwischen­schaftlers” eben. “Nachvollziehbar wird dieses Verwirrspiel zwischen dem Ich und Michael T., zwischen Ich, Er und Du nur dann, wenn man den Spiegelungseffekt, die gleichsam gedoppelte Erzählsituation der Fiktion in der Fiktion vergegenwärtigt.” So Oliver Sill. Michael T., der Naive, vom Ich Erfundene, glaubt an das auf der “Reise”, also “wirklich” Erlebte. Das Ich, sein Erfinder aber weiß, daß reale Heimkehr illusorisch ist, der Riß nicht heilbar, nur erinnert möglich ist, “Erinnerungsparadiese,” die es real nirgends mehr gibt. So ruft das Ich Michael zu, was der erst noch schmerzlich erfahren muß: “Kein Platz für dich, Zwischenschaftler, T., mit deinen Heimfahrten.”

Ich hatte mit diesen Übersetzungen von Traumata und Nie-Erfahrungen ins Buch anfangs große Schwierigkeiten, das „Lebens-Material“, oft auch Tagebuch­aufzeichnungen und Dokumente standen erstmal wie eine undurchdringliche Wand  vor mir, und erst durch solche Kunstgriffe und komplizierte Strukturen, eben den oft erwähnten inspirativen flash ließen sie sich in den Zusammenhang “binden”, so daß der Klang, der Stil des Ganzen zurückwirkt, und sie sich mühelos und wie durch Diktat im benötigten Ton und Stil verändern, ja oft “Erfindungen” daraus werden. Sehr froh war ich einmal, als meine Mutter mir über eine Szene des Buches sagte: Aber woher weißt du das, du hast doch damals noch gar nicht gelebt! Als ich ihr sagte, daß ich es “erfunden” hätte, protestierte sie heftig, sie sei doch dabei gewesen und wisse genau, daß es so war und nicht anders! So wurde also literarische Erfindung überraschenderweise zur Erinnerungs­realität eines wirklich lebenden Menschen.

In den “Vaterlandstagen” sind viele Interviews, auf Band aufge­nommene Gespröäche und Erzählungen und dann die Dokumente der Zeit so “erfindend” eingeschmolzen worden.

Zurzeit arbeite ich an einem  Chat-Roman (“Romans Netz”) – der die Gren­ze zwischen Wirklichkeit und Buch noch radikaler auflöst: Der « Autor » nimmt in “Romans Netz”  « real » selbst an dem Geschehen, das von Tag zu Tag (über Mailpost und Chatrendezvous) abläuft,  teil. Er ist einer, der nicht mehr, wie es sich bisher für Autoren gehörte, einsam im stillen Kämmerlein arbeitet, sondern sich « am Schreibtisch » « unsterblich verlieben » kann oder ungeheuer viel Stoff, LebensMaterial erhält. Partner, Beichtvater, Seelendoktor. Dabei ist er durch sein Arbeitsgerät (den PC) direkt zu seinem Buch und zu seinen Figuren gekommen, mit denen er live kommuniziert, sich Freundschafts- oder auch gefährliche Liebes­beziehungen in dieser körperlosen absentia entwickeln.

 

RD: Du schreibst auch Gedichte. Schreibst einen Gedichtstil, der sich durch eine besondere dramatische Spannung auszeichnet. Was für Obsessionen und Visionen  verfolgen dich dabei? Ist die Balance Poesie-Proza eine des Chamelion-Bedürfnisses?

 

DS: Ich bin in erster Reihe Lyriker und habe mehr Gedichte veröffentlicht  als Prosa.  Von der Kritik wurde auch meine Prosa  wegen der dichten sprachlichen Struktur als Prosa eines Lyrikers eingestuft, die Übergänge sind aber fließend und dieses Thema gehört noch zur vorherigen Frage des Personengesprächs zwischen Ich, Du und Er.

Das Ich ist im Zeit-Ent­zug angekommen. Mit dem Wissen des « zu Gast-Gewe­sen-Sein-Werdens » (Celan), mit dem ich lebe, wissend, daß unser Zeitbewußtsein ange­lernt und Projektion ist, läßt sich die von vielen noch geglaubte « Wirklichkeit » nicht darstellen, nur „aufheben“! Erzählen aus jener andern  « Zeit-Ebene » heraus, wo Zeit aufgelöst ist, kann in unserer Sprache nur durch Interlinear­version oder metaphorisch geschehen, Erzählen ist unmöglich, da weder die Subjekte noch die Sprache Lebens-Erfahrung mit jener anderen Ebene haben können, der der Zukunft oder der des Todes, es ist dies nur möglich mit der Todes-Erfahrung, die noch keiner hier, ohne Rekurs auf das Unter­bewußtsein, haben kann, aber täglich im « kleinen Tod », also im Abgrund zwi­schen den vergehenden Sekunden erlebt. Das hier-gebliebene Bewußtsein des lyrischen Ich oder das der Perso­nen aber erlebt es in seinen Abgründen sublim, intuitiv, als Traum-Ebene – in je­nem Grenzraum, der durchgehend Lebende und Tote, die nie getrennt sind oder waren, im « Unbewußten » vereint, so daß auch die Beziehung Personen-Erzähler­-Ich und lyri­sches Ich – reales Ich  überhaupt möglich wird!

Prosa schreibe ich eigentlich vor allem deshalb, weil die Hure  Geschichte, sich besser mit der Prosa verträgt,  Adorno hat sogar mal das Diktum geprägt, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, doch eines ist wahr: meine traumatischen Erlebnisse, und stellvertretende  Texte auch für und über meine siebenbürgisch-deutschen Landsleute lassen sich welthaltig besser und allen zugänglicher nur in Prosa ausdrücken. Prosa ist eine viel stärkere Mischform als Lyrik.

Doch Wesentliches, eben jene vorhin geschilderten Grenzgänge sind eher der Lyrik zugänglich, das meiste wird von der Prosa überhaupt nicht erreicht.

 

RD:  Dieter Schlesak, du hast eine seltene Lebenskraft, eine  saftige und profunde  Sprache  durch die dein poetisches Universum zur Gänze die Sensibilität eines Mannes mit ihrer Erinnerungspersistenz widerspiegelt zwischen Orpheus, Narziss, Sisyphos und Ulysses sich auszudrücken vermag.

Wann schreibst du, wie schreibst du, wo, wieviel und was schreibst du?

 

DS: Es ist schon richtig, daß ich mich als Autor in den von Dir genannten mythischen Gestalten und Mustern wiederfinde. Ulysses ist aber eher die äußere Geschichte, das Exil, das den ganzen Hintergrund meines Lebens und meiner Geschichten bildet, nur: daß es ein Ulysses ist, der nie ankommt, und auf den  weder Ithaka noch Penelope warten. Gegenwart ist also nie. Heimat ein Niemals, und  so auch der Zeitfluß Illusion. Glücklich ist, wer daran Abschiedsfähigkeit lernen  kann.

Schreiben geschieht an dieser Grenze des Todesbewußtseins in einer merkwürdigen Geborgenheit der Absence…

Orpheus, Narziss und Sisyphos aber sind wie tröstliche Phantome immer da, wenn ich schreibe … Doch auch sie müssen in jenen Spiegel der Absence sehen und erschrecken. Denn es ist der Spiegel des Niemalsmehrwieder, das Un-Bild nie das Ab-Bild, die Frage nach jenem unbekannten und unbeschreibli­chen Wesen jenseits der Sprache, das un­heimlich ist, im Schrecken er­scheint, uns sprachlos macht.  Ist das Tabu dieses Bildverbotes « Gott », das hier Fehlende? Ist « Gott » der Tod? Wie Hegel meint?  Abwesenheit der sinnlichen Welt als Anwesen­heit ihrer Tiefenstruktur, Anwesenheit unse­res « Angeschlos­senseins » an den undenkbaren größten Zusammen­hang, Er dafür eine Chiffer? Dieses « Nichts » ist als Entwicklungs­spen­der in allem enthalten, im Menschen unbewußt als grenz­über­schreitende Erwartung, Hohlform unverzicht­barer Hoff­nung.  Nach  George Steiner bekommen wir jetzt die Rechnung dafür prä­sentiert, daß unsere Zivilisation, « darstellerisch orientiert », sich  nur durch die Verletzung des Bildverbots entwick­eln konnte, also durch den « Tod Gottes », daß sie dafür « Gott und die Welt im Wort `nachgebildet` hat, »  was letztlich eine Art Welt gewordene  Illusion war.  Diese Rückkehr zur  Ein­sicht in die « metamorphische Bedeutung, die Willkürlichkeit von Bedeu­tung » und dann: « die fossilgewordene Autorität des logos », ist ein   tödliches Vergessen, mit dem auch die  Autoren geschlagen sind: « Zeichen transportieren keine Gegenwärtigkeit », sie sind Illusion  und To­desaufschub, Mallarmés Absence (das Wort « Rose » als Absenz der wirkli­chen Rose), die Schreibenden zum Schicksal wird. Dabei sei es nur eine traurige Imitation des andern gro­ßen Nichts (das Wort « Gott » als seine Abwesenheit), auch die Zitate von Zwischenräumen, Ris­sen, Zeitspalten usw. sind Spiele mit dieser Absence. Das alte Bildverbot, das die Darstellung des Undenk­baren, Unvorstellbaren, Unfaßbaren, das die natürliche Ursachenkette dessen, was wir uns bis heute vorstellen können, durchbricht, verbietet, ließe sich heute so ausdrücken: Worte und Bil­der dienen zur Beruhigung, zur Illusionsherstellung, ohne die wir so nicht leben könnten, wie wir leben; und das, was wir mit Worten und Bildern ver­drängen  und beruhigen,  reicht in je­nen Bereich des Unheimlichen und des Todes, der zum Verschwinden gebracht werden soll, damit diese die Erde vernichtende Zivilisation überhaupt existieren kann! Dieses Unheimliche ist im Christentum das totaliter aliter,   das Ganz Andere genannt worden. Wobei weiter zu beden­ken ist, daß die vorstellbare Grenze, die uns davon trennt,  ganz sicher nicht die Grenze der Welt ist, son­dern nur die unseres gegenwärtigen (uns schützenden) BILDES von ihr, das – wei­ter in die­sem Zauberzirkel des Absurden im Bereich der begriffli­chen Erkenntnis, wie schon die Veden und heute die Physik lehren – Täuschung unse­rer Sinne,  – ja eine An-Maßung  ist.

Wann ich schreibe? Meist vormittags, nie nachts. Es sind eigentlich  Überfälle, und ich schreibe auch Romane wie ich Lyrik schreibe, also immer ist das Material warm und kommt aus dem Augenblick des Einfalls. Es ist nie das zeitliche Fortschreiben eines Kapitels, des gestern liegengelassenen Satzes. Es sind Szenen, Dialoge etc. die erst nachher montiert werden, in einem neuen kreativen Prozess des Einfalls, und so entsteht dann erst die Buchstruktur. Beim Schreiben nämlich geschieht das Zusammensetzen der BILDER in einem umge­kehrten Prozeß, und das ist die Möglichkeit einer überrealen Probehandlung vor allem im Gedicht, die das Unzertrennte, Unzerschnittene wiederbringt; nicht der Zeitverlauf, sondern die  aufblitzenden Sequenzen sind zu­erst da. Und in einem Aufblitzen und Einleuchten ziehen sie sich je nach Verwandt­schaft und Sinn-Nähe an; das schafft höhere Lust, ist also ein gefühlter Wahrheitsbeweis. Und schafft einen andern Zeitverlauf, der kein Bruch mehr ist, keine quälende Unverein­barkeit, sondern er ist fiktiv, wie Einfälle und Intuitionen, die aus einem Bereich an der Grenze unserer Vorstellung kommen. Eine Übung, um etwas zu erreichen, was es nicht gegeben hätte, aber sein könnte, eine Menschenmöglichkeit, die verloren ge­gangen wäre, hätte sich hier nicht der Ein­fall den Weg in unsere Verständniswelt gebahnt; der Ein-Fall ist also wie ein Fakt, wie eine Stimme aus einer an­dern Welt, womöglich aus einer zukünftigen, postmortalen  Welt, wo es diese  Trennungen nicht mehr gibt.

Ich habe bisher viel zu viel geschrieben, anfangs nach der Emigration war es auch eine Art Lebensrettung in der Fremde, ich schrieb im Stehn, im Gehen, tagebuchartig, überfallartig, mein Archiv an Tagebüchern ist enorm angewachsen, und ich schöpfe heute noch  aus diesem Reichtum an Texten.  Meine Prosa wurde auch von Kritikern so gesehen: als biographische und tagebuchartige Gebilde.

 

RD:  Es ist dir  mit der Lebendigkeit und  Ursprünglichkeit deines dreifachnationalen  Genies gelungen, dieselben positiven Reaktionen der Autorenwelt deiner drei Länder, wo du hingehst, wegfährst, immer wiederkommst, zu erhalten.

 

DS: Ich bin ein Grenzgänger auch in Dingen des Wohnsitzes und der Landeszugehörigkeit.  Eigentlich aber bin ich in Wirklichkeit nirgends “zu Hause”, es sei denn in der deutschen Sprache. Deutsch­land, Ru­mänien, Italien; drei Leben, drei Erfahrungen, Schreiben in der Muttersprache Deutsch  in fremder Umgebung. Mein Trauma, aber auch mein Erkenntnismittel ist das Nicht- Dazugehören. Schon in Bu­karest, bevor ich Deutschland kannte, bevor ich überhaupt die Grenze des Lan­des überschreiten durfte, wo nur in der Sprache diese Sehnsucht saß, wie ein verhindertes Flugge­rät, ein Vogel mit gebunde­nen Flügeln, ein Mensch, der einen Vogel im Kopf hat, wurde ich gefragt, sag mal, was bist du denn eigent­lich, ein Rumäne bist du nicht, du bist ja in Siebenbürgen als Siebenbürger Sachse geboren,  aber ein Deutscher bist du auch nicht, du warst ja noch nie in Deutschland? Du mußt Ju­de sein. – Stimmt es etwa nicht?  Von Marina Zwetajewa, der russischen Lyrikerin stammt ein erhellendes Wort:  Bce poety jidy – al­le Dichter sind Juden, d.h.,  sie bleiben immer Fremde und sie gehen ei­nem Hand­werk nach, das, laut Paul Celan, keinen Goldenen Boden, sondern über­haupt keinen Boden hat. Identität gibt es also für diese « Fremden » nur punktu­ell, näm­lich im Augen­blick der inspirierten Selbst­herstellung via Schreiben, denn Sprache ist der einzige feste Boden,  die stärkste Kraft dieses verhinderten Vogels, der da Mensch heißt, mit dem Vogel freilich  im Kopf.

Das Zwischen-Sein als Chance? Es gibt Ostdeutsche und Westdeutsche, und es gibt Deut­sche der Dritten Art.

Ich lebe 10 Monate im Jahr in Agliano/Lucca, und das meiste, was ich schreibe, entsteht hier. Das Aburde ist, obwohl ich schon 28 Jahre in Italien in meinem alten Bauernhaus lebe, Landschaft und Gegend, die Menschen hier, Meer und Berge, dies Ausgesparte, Entzogene, das mein ewiges Flucht-Ich  gewählt hat, liebe, gehöre ich mehr zu jenen Ländern, wo ich  absent bin: Deutschland und Rumänien.  Bin ich doch durch Sprache, Kultur, Biographie nicht an Italien sondern an Deutschland, mehr noch immer an Rumänien und an Siebenbürgen gebunden, in diesen beiden Ländern, weniger in Italien, veröffentliche ich auch meine Bücher.

Das italienische Temperament sagt mir zu, allerdings fehlt mir hier jener schmerzliche historische Bruch, den es in meinen beiden andern Ländern gibt, die beiden Diktaturen, die Narben, die Krieg und Nachkrieg hinterlassen haben, also die anthropologischen Wunden, die etwa die ostdeutsche und auch die rumänische Literatur so lebendig und interessant machen. Hier in Italien wurde alles mit der Partisanenlegende und im Untergrund mit der Mafia und Amerika überspielt. Die historische Naivität, die Bruchlosigkeit, die Fixation aufs Private und ausschließlich aufs Eigeninteresse, also der westliche Typ Mensch ist hier viel stärker ausgeprägt als in Deutschland oder gar in Rumänien. Ich finde auch vieles langweilig, was hier öffentlich geschieht, die Literatur ebenfalls. In  der Lyrik allerdings sagt mir einiges sehr zu … so die neue metaphysische Poesie…

In Deutschland ist es die neue Literatur der jungen Frauen und die Ost- und Berlinliteratur; in Rumänien finde ich die Lyrik hervorragend, sie hat viel zu sagen, geht mit vielen Traumen um, ist explosiv; ich finde sie interessanter als die gegenwärtige westeuropäische Poesie, nur ist sie viel zu wenig bekannt!

 

RD:  Wie stehst du als  Übersetzer grosser Werteintensitäten deiner Über­tragungen (man vergleiche dazu die letzte Anthologie rumänischer Poesie „Gefährliche Serpentinen”, herausgegeben von Dieter Schlesak und veröffentlicht in Berlin)  zum Problem literarischer Übersetzungen.

Wie sehr ist ein Mangel an Interesse bei den Verlegern festzustellen, wenn es um ein Talent aus dem Osten geht? Beherrscht die Sozialpolitik auch die Verlagspolitik? Warum? Ein Krieg kann die Tür grosser Verlage für die Schrifsteller des blutig betroffenen Landes öffnen, während die Türen für ein Land verschlossen bleiben, wo die Bevölkerung mit der Armut, der Depression, dem Sterben kämpft?`Übertreibe ich?

 

DS: Meine Gedanken zum Übersetzen gehen von Walter Benjamin aus und von Rudolf Pannwitz: « Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien, ist die Aufgabe des Übersetzers. » So daß er « die Grenzen des Deutschen erweitert », etwa um das Fremde, hier das Rumänische. Wie in der Tangente berührt die Über-Setzung das Original, und im heißen Berührungspunkt, der ein flash sein muß, um dann « nach dem Gesetz der Treue (aber im Innersten der angestoßenen Sprachphantasie) in der Freiheit der Sprachbewegung ihre eigenste Bahn zu verfolgen, um sie als « Bruchstück einer größeren Sprache erkennbar zu machen ». So erst wird der sehr unterschiedliche « Gefühlston » der Sprachen, der etwa das rumänische Brot:  « Brot », « pâine » bestimmt, in jener Ursprache der Phantasie im Geistigen aufgehoben und in-eins-gesetzt.

Zu Deiner zweiten  Halbfrage: Ohne Eigeninteresse und nur auf literarische Werte ist kein einziger Verleger mehr aus. Es gibt ja sowieso nur gewinnorientierte Konzerne, außer vier-fünf Eigentümerverlagen wie Suhrkamp oder Beck. Oder kleine Verlage wie das Druckhaus Galrev in Berlin und eine Reihe anderer.

Der Osten interessiert natürlich aus Gewinngründen, weil das Publikum danach fragt, durchgesetzt haben sich vor allem die Ungarn, zum Teil Polen und Tschechen. Und dann die Russen. Rumänien kaum.  Aber auch dieses Interesse hat stark abgenommen. Es gab  in der Diktaturzeit freilich einen Ostbonus, gleich nach 89 einen Revolutionsbonus, und es stimmt, Blut muß fließen, wie in Bosnien oder Kosovo, dann ist plötzlich auch das Interesse da, Armut und Elend interessiert kaum jemanden im reichen Westen, so ist diese Welt gemacht, nur Sensationen gelten als vermarktbar. Und sicher würde ein Krieg der betroffenen Literatur verlegerische  Aufmerksaamkeit und Auftrieb geben, so scheußlich das klingt. Wie ja auch Rumänien gleich nach der blutigen Revolution “in” war, und ich bei Rowohlt einen Vertrag bekam, Bücher aus Rumänien zu machen. Im Juli 90 aber wurde der Vertrag zurückgenommen.

 

RD:  Kann man die Lyrik der letzten Jahre noch so definieren wie Sain-John-Perse, die „Liebe als ihr Heim, die Gleichgültigkeit als ihr Gesetz, und alles immer durch Vorwegnahme…” Will sie weder Absenz, noch Verweigerung sein? Könntest du ein anderes neues Fundament  für Poesie und Literatur  im 21. Jahrhundert sehen?

 

DS: Ich glaube fest daran, daß eben gerade die Lyrik dazu berufen ist, diesen neuen Grund zu umkreisen, ja, ihn mitzugestalten, mit ihren scharfen Wort-Lupen  hineinzusehen in einen Ab-Grund. Und so möchte ich nur auf die vorhin vorgetragene “posthume Poetik”  und die Wichtigkeit des Subjekts hinweisen, ebenso auf die Funktion des Brückenbaus, weil die “Außenwelt” immer unwichtiger wird, sich alles nach innen verlegt, Zeit, Raum, Körperlichkeit verschwinden, sich in Schwingungen und Licht auflösen. Was die Revolution durchs Atom, die Medien (Fernsehen) nach außen war, ist jetzt durch das Internet, Chatrooms, Mails etc. eine Revolution nach innen, eine weltweite interaktive Beziehungsgemeinschaft zwischen Subjekten, vor allem auch in der Liebe und Erotik, für den noch unvorbereiteten menschlichen Biotop eine gefährliche  Reise nach innen.

 

RD:  Glaubt der Essayist Dieter Schlesak an die neuen Autorengene­rationen? Hast du Kontakte zu den letzten Ost-westlichen Strömungen. Welche Ähnlichkeiten  zwischen Ost und West (oder das Gegenteil?) gibt es?

 

DS: Ich hoffe sehr, daß mein Eindruck nicht trügt, und die junge Generation in den drei Ländern, die ich besser kenne, eine neue Einstellung, einen neuen Stil entwickelt, der auch immer mehr geprägt ist von einer weltweiten Gemeinschaft, die durch die elektronischen Medien ungeahnte Kommunikationmöglichkeiten bietet, so daß  die Unterschiede  Ost-West (zumindest an der Oberfläche) immer kleiner werden; doch die Substanz und die Traumata sind sehr verschieden! Freilich sind auch die Verführungen zur Anpassung im Eitelkeitskarrussel und der Cliquen in Ost und West  gleich groß… und sie werden leider auch genutzt! In allen drei Ländern. Die meisten Hoffnungen habe ich aber in die eigenständigen starken jungen Frauen der Literatur – in Rumänien möglicherweise noch mehr als anderswo. Ich glaube, die Literatur dieses “neuen” Landes, (vor zehn Jahren fast noch ein kulturelles Niemandsland) ist erst im Kommen! In Rumänien, wo der Motor Verzweiflung und notwendige Kompensation des Elends – der Druck am stärksten ist, die Wunden noch offen, ja, wo es oft ums nackte Überleben geht, ist Literatur noch ein seelisches Überlebensmittel. Und dazu kommt der Vorteil der kleinen Sprache  (ähnlich wie bei den Holländern oder Ungarn) und des Abgelegenseins: man kennt mehrere Sprachen, muß sich umsehn in andern Sprachen und Literaturen; der günstige Einfluß etwa der amerikanischen Literatur wirkt sich aus (auch hochwertiger Science fiction etwa), so daß Spitzenprodukte der jungen Lyrik und auch der Prosa heute weniger provinziell sind als in Italien oder in Deutschland! Und eine Poetik und Poesis der Zukunft schon praktiziert wird. Auf sie bin ich auch am meisten gespannt, erhoffe mir viel und habe auch die meisten Kontakte mit jungen rumänischen KollegInnen. Nach dem Erscheinen meiner rumänischen Lyrik-Anthologie „Gefährliche Serpentinen“ haben diese Kontakte und Freundschaften rasant zugenom­men. Und das schönste Beispiel dafür, aber auch für diesen Aufbruch der jungen rumänischen Poesien nach Europa und in die Welt ist ja gerade auch Rodica Draghincescu …

 

RD:  Dieter Schlesak, welche literarischen Projekte hast du für die nächste Zukunft?

 

DS: Ich sprach schon von meinem Chat-Roman “Chatterleys in Romans Netz”, in dem meine “posthume Poetik” am konsequentesten wiederzu finden ist: Eine Chatliebesgeschichte mit tödlichem Ausgang.

Dann arbeite ich an einem Prosabuch, Arbeitstitel: “Terplan oder die Kunst der Heimkehr”, eine Fortsetzung der “Vaterlandstage”, ähnlich wie Kunderas “Die Unwissenheit”, eine neue Reise ins Nirgendwo, die ein ehemaliger Emigrant fassungslos bei der “Heimkehr” antritt, erkennt, daß er von nun an nirgends mehr zuhause ist, genau wie die vielen Toten seiner Erinnerung, die er dort auf Schritt und Tritt antrifft, Gespenster die seine Stadt bevölkern, und nun sein Leben sind. Eines dieser Gespenster, das auch mich nicht losläßt, ist mein Landsmann Vlad Tsepes, der 1431 in meiner Heimatstadt geboren wurde, Vorbild von Bram Stokers “Dracula.” Diese lukrative und total verballhornte Legende im westlichen Kulturkommerz hat mich immer schon geärgert, auch daß Transsylvanien mit diese westliche Projektion des eigenen Bösen ins Grusel-Abseitige  gleichgesetzt wird!  In einem Buch habe ich die Legende auseinander­genommen und Vlads Geschichte erzählt.  Ein “Dracula”-Roman ist abgeschlossen, wartet auf seine Veröffentlichung. Ebenso ein Band Profile „Lauter letzte Tage“, tödliche Wendepunkte im Leben großer Persönlichkeiten, etwa im Leben von Johannes Kepler, der seine Mutter vor dem Feuertod rettete, sie war als Hexe angeklagt; Hölderlin in der Heilanstalt; Althussers Krise, und der Mord an seiner Ehefrau;  Jean Amérys und Paul Celans Selbstmord u.a..

Schließlich schreibe ich noch an einem  “Überlebenstagebuch”,  einem Krebs-Tagebuch, die Hauptperson dieses Buches weiß, wie es ist, wenn es zu einer umgekehrten Liebesgeschichte kommt, die Geliebte, an die wir andauernd, und oft mit Schmerzen, denken müssen, keine Frau, sondern der drohende Tod ist.

 

 

 

 

www.dieterschlesak.de

 

 

 

 

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Journalistin : RODICA DRAGHINCESCU

www.draghincescu.com

 

 

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