Die französische Schriftstellerin Françoise Hàn

 

Françoise Hàn, 24 rue Beaunier à Paris, 1979

 

 

im Gespräch mit Rodica Draghincescu

 

 

 

 

Flug

 

Kühle
umgibt mich
das Vakuum
ist mein Schwung
für das Jenseits
der Grenzen
das Jenseits
des Schwindels
das Universum
ist nicht zu umfassen
ich bin imstande
die Arme ausgebreitet.

 

 

Nous ne dormirons plus jamais au mitan du monde © éditions Saint-Germain-des-Prés 1987, p.96

 

 

Marché de la Poésie, Paris

 

 

(…) es braucht zuerst eine Spur Verrücktheit, die uns aus dem Konformismus herausführt.

(FH)

 

 

 

 

RD: Sehr geehrte Françoise Hàn, die Nummer 9 der «Levure littéraire», deren Ehrengast Sie sind, widmet sich dem Schicksal des Künstlers, den Wegen des Autors, dem Werdegang der Schöpfer bedeutender Werke, von den Anfängen bis zur Anerkennung. Was bedeutet für Sie das Wort «Schicksal»?

 

FH: Sehr geehrte Rodica Draghincescu, zunächst vielen Dank für Ihre Einladung, eine Ehre für mich.

Das Wort « Schicksal » impliziert seinem ursprünglichen Sinn nach die Idee, dass eine äußere Macht über den Verlauf des menschlichen Lebens bestimmt, eine Vorstellung, die mir fremd ist. Ich verkenne nicht, dass das Wort in der Alltagssprache verwendet wird, um nichts weiter als die Entwicklung eines Lebens zu bezeichnen, aber ich lehne es ab über das « Schicksal » eines Künstlers, wie von jeder anderen Person zu sprechen.

 

RD: Nun, nennen wir dieses Schicksal „Werdegang“.

 

FH: Ja, ich halte mich lieber an die Worte „Werdegang oder „Entwicklungsweg“.

 

RD: Das Schicksal, der Weg, ist es ein Leiter, der uns im Leben vorankommen lässt oder sogar die Quelle unserer zu treffenden Entscheidungen?

 

FH: Weder das Eine noch das Andere.

 

RD: Glauben Sie, dass man selbst Herr über seine persönlichen Wege ist, die uns zu unserem kreativen Selbst führen?

 

FH: Viele Faktoren beeinflussen das: die soziale Lage, Bildung, Familie, Gesundheit, Begegnungen, Ereignisse jeglicher Art, die Strömungen der Epoche, usw., usw. Nichts davon ist schicksalhaft, es obliegt uns, uns zu orientieren, dabei jedoch der Unsicherheit Raum zu geben.

 

RD: Der Werdegang eines Künstlers – ist er ein Akt des Mutes oder der Sprache?

 

FH: Das Eine und das Andere , das Eine oder Andere, je nach Künstler, und für jeden einzelnen Künstler, der Laune des Tages gemäß.

 

RD: Man sagt, dass die Entwicklung eines Künstlers, bildlich gesprochen, einem kleinen Pfad in der Schwebe ähnelt, der irgendwo auf ihn erwartet. Die Strecke die dorthin oder in diese Richtung führt, ist immer zu finden…. Wir möchten mit Ihnen über ihren Weg als femme de lettres sprechen. Wie haben Sie den gewundenen Pfad des literarischen Schaffens gewählt?

 

FH: Ich zögere, mich als eine femme de lettres zu bezeichnen!

 

RD: Aus welchem Grund?

 

FH: Ich habe viele andere Dinge in meinem Leben gemacht, in den letzten 43 Jahren arbeitete ich für private Arbeitgeber (ich hatte nie eine öffentliche Stellung), eine Arbeit, die nichts mit künstlerischem Schaffen gemein hatte. Ich schrieb in Augenblicken, die man für gewöhnlich als „Freizeit“ bezeichnet. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich den größten Teil meiner Zeit und der verbliebenen Energie der Poésie sowie der sozialen Verteidigung der Schriftsteller widmen. Ich kann dies dank meiner Angestellten-Rente tun, ich lebe nicht von meinen Autorenrechten. Wenn also femme de lettres, dem Lexikon „Petit Robert“ zufolge, eine „Frau, die den Beruf des Schreibens ausübt“, bedeutet, dann trifft das in meinem Fall nicht zu.

 

 

Françoise Hàn, Juli 1929

 

 

Wie gesagt, kein Schicksal hat mich zum Schreiben gezwungen. Es gab weder einen „Pfad in der Schwebe“, noch eine große Autobahn. Ich glaube, dass bei allen Menschen ein Bedürfnis besteht, etwas zu erschaffen, und dass es innerhalb der bestehenden sozialen Bedingungen einen gewissen Bereitschaftswillen geben muss, ihm diese Tätigkeit zu ermöglichen. Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für das Lesen.

 

 

Françoise Hàn, Juli 1942

 

 

Schon sehr früh wollte ich lesen lernen. Mein Großvater, ein pensionierter Lehrer, hatte postuliert, dass es nicht sinnvoll sei, bevor ich zur Schule gehe. Etwa im Alter von vier oder fünf Jahren habe ich ihn gezwungen, von seinem Prinzip abzurücken. Ich hatte Wissensdurst. Der Übergang vom Lesen zum Schreiben ist natürlich, aber in der Jugend träumte ich von allem…

 

 

Françoise Hàn, September 1959

 

 

Françoise Hàn, Juli 1977

 

 

RD: Wovon zum Beispiel?

 

FH: …zum Beispiel vom Zeichnen, vom Malen. Niemand aus meiner näheren Umgebung war in der Lage, mir davon auch nur die Grundlagen beizubringen. Ich hatte Bücher, die man mir zu Weihnachten, zu meinem Geburtstag, meinem Namenstag schenkte; die Schule hatte eine Leihbibliothek. Mit vierzehn habe ich im Sommer eine Woche mit meinen Großeltern bei einem Bruder meines Großvaters, verbracht, der die Bücher die er in seiner Jugendzeit gelesen hatte, aufbewahrt hatte. Er hat mir welche geliehen und ich habe sie verschlungen

Zu dieser Zeit schrieb ich schon «Gedichte», wenn man so sagen kann, mit denen ich meine Familie erfreute. In diesen Büchern lernte ich unter anderem die Regeln klassischer Verskunst, es wurde mir bewusst, dass es freie Verse gab, die nicht der Euklidischen Geometrie folgten, sie erschlossen mir neue Horizonte. Etwas später hätte ich gerne studiert, aber es war die Familie die die Entscheidung traf, dass ich «meinen Lebensunterhalt verdienen» sollte.

Wenn ich einige andere Leben zur Verfügung hätte, bräuchte ich mindestens

–           ein Leben um zeichnen, malen und vor allem die Technik des Kupferstich zu erlernen

–           ein Leben, nicht etwa um Musik zu machen, dafür bin ich nicht begabt, sondern um meiner krassen Unwissenheit auf diesem Gebiet abzuhelfen

–           ein Leben um Chinesisch, chinesische Kalligraphie, klassische und zeitgenössische chinesische Literatur zu studieren

–           ein Leben für Vorgeschichte, besonders für das Paläolithikum

–           ein Leben für Astrophysik

Angesichts der Unwahrscheinlichkeit anderer Leben, mache ich aus dem Gedicht ein Forschungsinstrument um in meiner Beziehung zum Universum Klarheit zu erlangen.

 

 

Lyrikfestival, Vanves, Juni 1989.

® Bernard Bardinet

 

 

RD: In Ihren Antworten, wie in Ihren Gedichten, sind Sie direkt, präzise, Sie übersetzen Klarsicht und Unbekanntes, Freiheit und Schwindelgefühl, Stärke und Stille, Gelassenheit und Leere in Rhythmus.

Ihr erster Gedichtband erschien 1956: Cité des hommes, Seghers, Paris. Seitdem publizierten sie etwa zwanzig Gedichtbände, sowie limitierte Ausgaben …, und Wand–Gedichtkollagen. Die bedeutendsten Titel im Buchhandel, verlegt bei Rougerie: Une fête, même au creux du sombre, 1997 – Bei Cadex: Profondeur du champ de vol, mit Zeichnungen von Rodolphe Perret, 1994 – L’évolution des paysages, mit Monotypien von Marie Alloy, 2000 – Chez Jacques Brémond Editeur: Cherchant à dire l’absence, 1994, 1996 – Lettre avec un fragment de bleu, 1996 – L’unité ou la déchirure, 1999 – Ne pensant à rien, 2002, mit Tintenzeichnungen von Jean-Michel Marchetti – Une feuille rouge, 2004, grafische Beiträge von Jean-Michel Marchetti, limitierte Ausgabe – Un été sans fin, 2008 – Le double remonté du puits (2011).

Von einem Buch zum nächsten gibt es versteckte, schmerzhafte Übergänge, die an Mängeln und Abgründen vorbei gehen. Es ist der Schmerz einer Welt, die Wege und Schicksale trennt, ein Schmerz der aus (…) geboren wird oder der (…) entstehen lässt. Ihr Schreiben ist rebellisch brav, ehrlich und rätselhaft, gewalttätig in wissenschaftlicher Sanftheit, wie:

eine Kordel gehängt

unter den Mond

um

aufzusteigen

oder sich aufzuhängen

 

jedes Wort

braucht

einen Schluck Luft

 

frosterstarrt

bedeutet er

im Zentrum der Moose

ein Zeichen

einen Wasserkreis

in nackter Perfektion.

(Tourbière, Une fête, même au creux du sombre – Rougerie, 1997. – 61 p.)

 

 

Françoise Hàn, Paris 1992.

 

 

Wie sind Sie zu dieser Schreibweise gekommen, so «poetisch – episch«, halb Aussage, halb ästhetisch flammend, zwischen philosophischem Flüstern und visionärer Wunde?

 

FH: Ich überlasse Ihnen die Einschätzung meines Schreibens.

 

RD: Wie haben sie dies erschaffen?

 

FH: Ich habe eine Form erfunden und bemühe mich sie zu entwickeln (ich weiß: ich habe Ticks, wiederhole mich) denn ich lese viel. Einige der Dichter die ich am Meisten lese: Henri Michaux, René Char, Laurent Gaspar, Claude Esteban, Marie-Claire Bancquart, Abdellatif Laâbi, Victor Segalen (den ich 1950 mit «Stèles et Equipées« entdeckt habe), Blaise Cendrars, Ilarie Voronca, Gérard de Nerval.

 

 

Forêt de Hez (Oise),  August 1993.

 

 

RD: Und die ausländischen Dichter?

 

FH: Ausländische Dichter, ja, in Übersetzungen: Rainer Maria Rilke, Paul Celan, Roberto Juarroz, Octavio Paz, Tomas Tranströmer (ich hatte nicht den Nobelpreis abgewartet, um ihn zu lesen), Vladimir Holan, Nazim Hikmet, José Carlos Becerra, Mahmoud Darwich, Adonis, die großen Chinesen der Tang-Epoche. Ich lese auch viele Dichter die jünger sind als ich, (ich glaube, ich habe die Geburtsdaten nicht überprüft!), unter ihnen: Michaël Gluck, André Velter, Jean-Baptiste Para, Lionel Bourg, Valérie Rouzeau, Antoine Emaz, Claude Adelen, Gérard Cartier, Zéno Bianu, Jong N. Woo, koreanischer Herkunft, Peirre Causse mit einem erstaunlichen Buch, das er im Alter von 16-17 Jahren geschrieben hat … Die Liste ist unbegrenzt und verlängert sich ständig.

 

RD: Welchen Platz nimmt das Verb «benötigen» in Ihrem Dichterleben ein?

 

FH: Ich bin nicht in der Lage zu erkennen, ob dieses Verb oft in meinen Texten vorkommt, ich glaube nicht…

 

RD: Sie sagen an einer poetischen Stelle:

«Du bist der Andere, mein andersartiger Doppelgänger, mein Hang über der Wasserscheide. Ich weiß dich weiter als die Höhenlinie, die ich nicht übersteigen werde, als der Faden einer Erwartung, der die Erosion neckt. Aber wir sind auch von derselben Faltung, aus demselben Kristallgestein, hochgehoben und gebrochen in der Verschiebung der Kontinente. Ich bedecke mit Zeichen, was uns trennt… »

(Nous ne dormirons plus jamais au mitan du monde), p.18, © éditions Saint-Germain-des-Prés, 1987

 

 

Journées internationales de poésie, Rodez 1999.

Mit Alain Lambert, in Frugières.

 

 

RD: Was wären die wichtigsten Erwartungen und Zeichen, die Ihr Leben in und mit der Dichtung bestimmt haben?

 

FH: Ich lebe nicht in der Vergangenheit und habe nie ein Tagebuch geführt. Es bringt mich in Verlegenheit, auf diese Frage zu antworten. Um herauszufinden, was in der Dichtung für mich gezählt hat, muss man meine Gedichte lesen.

 

RD: «Ich kenne alle Wege, die ich zu begehen habe», behauptete Racine, während Kafka Zweifel säte: «Was wir Weg nennen, ist unsere Unentschlossenheit». In Ihren Büchern kommen und gehen Leute, Gedanken, Gefühle. Sie gehen nie auf ausgetretenen Pfaden. Ihre Dichtung zerschneidet kühn die Frage des Sich-Begebens, ohne sich auf Umwege einzulassen. Françoise Hàn, wo kreuzen sich die Stimmen und die Bahnen Ihrer Feder?

 

FH: Ich bin ganz Kafkas Meinung. Man muss daran denken, dass Racine, wenn er in unserem glorreichen 17. Jahrhundert gesagt hätte, er kenne die Wege, die er einzuschlagen habe, nicht, dann wäre es um ihn geschehen gewesen, ohne Rückweg. Wahrscheinlich hat er es sich selbst nicht zu sagen gewagt.

 

RD: Kreuzen sich Ihre?

 

FH: Ob sich meine kreuzen? Es scheint mir eher, sie verzweigen sich, versuchen mehrere Richtungen. Ich möchte nicht – es gelingt mir nicht immer – auf meinen Schritten zurückgehen. In einer Passage d’ Equipée weigert sich Segalen für den Rückweg dieselbe Straße zu nehmen wie auf dem Hinweg, «seine Füße in dieselben Löcher» zu setzen. Das ist für mich ein Prinzip poetischer Kunst, daran möchte ich mich halten.

 

RD: Haben Sie, neben zeitweise existentiellen Notwendigkeiten, den Bedarf oder die Freude des Schreibens in den Mittelpunkt Ihres Lebens gestellt? Es gibt viele Autoren die sagen, dass die Poesie Ihr einziger erfüllter Traum sei!

 

FH: Wenn es sich um einen Traum handeln würde, würde ich eher sagen «der unerfüllte Traum, immer in Erfüllung begriffene». Poesie als Traum zu bezeichnen hieße, in eines dieser Klischees zu verfallen, die ich zurückweise. Schreiben ist eine Notwendigkeit und eine Freude. Wenn ich durch Umstände des materiellen Lebens eine Zeitlang ohne Schreiben verbringe, fühle ich, wie es mir fehlt.

 

RD: Warum verbinden die Leute den Dichter mit Armut, Unglück, Verzweiflung und Einsamkeit, mit einem Verlust und einer Verlassenheit? Sind Freude und Glück unvereinbar mit der Dichtung?

 

FH: Das war nicht immer so, das muss von der Romantik herrühren. Die zeitgenössischen Dichter sind nicht durch und durch traurig.

Im Zerrissenen – Glück, Verzweiflung –

gebären wir manchmal ein wirkliches Leben

in bewohnbarem Raum.

Lorand Gaspar (Derrière le dos de Dieu)

 

…und außerdem verwenden sie oft, so wie ich auch, das Mittel der Ironie. Es scheint mir dennoch, dass nicht alle «Leute» diese Meinung teilen. Ich kenne Leute – ich will sagen Personen, die keine Dichter sind – die mir sagen, dass ihnen meine Gedichte wohl tun. Diese Rolle gefällt mir. Warum eigentlich Verzweiflung und Einsamkeit miteinander verbinden?

 

RD: Ja genau, warum?

 

FH: Für mich hat Einsamkeit einen positiven Wert.

 

RD: Für mich auch.

 

FH: Ich bin nicht ungesellig, das was ich Ihnen zuvor gesagt habe beweist es, aber ich halte den Ameisenhaufen nicht für eine ideale Lebensform.

 

 

Bordeaux, März 2001. Foto : Pavie Zygas.

 

 

RD: Sprechen wir über Poesie und Wissenschaft. Der poetische Gesang und die Wissenschaft bemühen sich dieselbe Sache zu entziffern: die Wirklichkeit! Was sie unterscheidet ist die verwendete Sprache. Françoise Hàn, wie kommen diese beiden Wege der Erkenntnis, Dichtung und Wissenschaft in ihren Schriften miteinander aus?

 

FH: Es gibt mehr als einen sprachlichen Unterschied, auch wenn man in diesen Begriff die Zahlen, die mathematischen Zeichen, die Gleichungen einbezieht. Dazu kommen die Experimente, die in wissenschaftlichen Forschungen eine Theorie bestätigen oder entkräften. Die Astrophysik kann natürlich keine Experimente machen; sie wendet sich an die Relativitätstheorie, um etwas über die Bedingungen, die zu Anfang des Universums existierten, zu erfahren. Bezeichnend haben viele Astrophysiker ein Gefühl für Poetik, sind selbst Poeten. (Sofort denkt man an Jean-Pierre Luminet, aber er ist nicht der Einzige). Wissenschaftliche Entdeckungen geben mir ein Bild von der nahen oder fernen Realität, und es ist meine Beziehung zu dieser Realität, die in meinen Gedichten Ausdruck findet. Ich versuche nicht die Wissenschaft in poetischer Sprache zu popularisieren, wie es für zahlreiche, oft vergessene Schriftsteller, aus dem 17.-19. Jahrhundert der Fall war. Ich streiche die zu sehr spezialisierten Ausdrücke die manchmal aus meiner Feder fließen, aber ich behalte die nicht intuitiven Begriffe, zum Beispiel den Begriff der Leere, als Reservoir latenter Energien.

 

RD: Kennen Sie die von Georges Orwell eingeführten Konzepte der «Novpoesie«, die eine Poesie vorschlugen, die alle Register und Ausdrucksmöglichkeiten mobilisierte, sich als literarisches «Happening» verstand? Später, l’OULIPO mit Jacques Roubaud, der die poetische Geometrie der Welt mit Mathematik angeht? Let l’qui Holisme versucht durch Transdisziplinarität (Jean Piaget, Edgar Morin, etc) Sein und Wissen zu vereinen, um zu zeigen, dass es sich um eine Einheit handelt, und dass diese Einheit sich in verschiedenen, untereinander verbundenen Ebenen ausdrückt?

 

FH: Ich hänge mich nicht an diese Bewegungen, sie sind aber durchaus wertvoll und öffnen Horizonte.

 

 

Crest-Voland (Savoie), Juli 2008. Foto: Michel  Dunand.

 

 

RD: Die Poesie ist eine latente Wissenschaft, aber der Poet ist kein Wissenschaftler! Was kann ein großer Dichter der Welt, die ihn umgibt, geben? Eine gewisse Weisheit? Eine Spur Verrücktheit?

 

FH: Eine Weisheit sicherlich. Das jedenfalls geben mir die großen Poeten. Aber es braucht zuerst eine Spur Verrücktheit, um uns aus dem Konformismus herauszuholen.

 

RD: Welcher Dichter ist Ihre größte literarische Liebe gewesen?

 

FH: Meine Begeisterungen, meine Bewunderungen haben sich natürlich mit der Zeit verändert. Mit 13 Jahren war der einzige Dichter, den ich zur Verfügung hatte, Alfred de Musset, den meine Mutter in Ihrer Jugend gelesen hatte. Ich konnte Seiten und Seiten auswendig. In meinen zwanziger Jahren war ich voller Bewunderung für Paul Valéry, für sein «ich kann nur eine Intelligenz leidenschaftlich lieben«. Das dauerte mehrere Jahre. Seine Schriften bewundere ich kaum noch, aber dieser Satz gefällt mir immer noch. Schließlich habe ich Anfang der fünfziger Jahre René Char entdeckt, den Char von «Fureur et Mystère«, des Widerstandes gegen den Feind, der Brüderlichkeit. Auch ein sehr großer Liebesdichter, der schrieb

Jeder von uns kann

den mystischen Teil des Anderen empfangen

ohne sein Geheimnis zu verbreiten

(…)

Du hast den Gipfel erhoben

Den meine Erwartung überschreiten muss

Wenn das Morgen (verschwinden wird).

(A***)

Für mich ist heute Henri Michaux der größte französischsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts, seine pessimistische Grundhaltung teile ich jedoch nicht. Und, lassen Sie uns von Gérard de Nerval sprechen! An einem Sommertag 1952, ich war in den Ferien, las ich ein kleines Buch das ihm gewidmet ist, in der Sammlung «Poètes d’Aujourd’hui», Verlag Pierre Seghers. Ich hatte die Erleuchtung einer Brüderlichkeit. Da gibt es nichts zu erklären, das ist so.

 

RD: Welches Buch war und bleibt das Symbol für Ihre schönste Rebellion der Jugend.

 

FH: Ich habe mehrere Jugenden gehabt, mehrere Welten durchquert: die Welt meiner Kindheit ist imprägniert von den Ereignissen vor dem zweiten Weltkrieg, hat sich davon gelöst, sich Lichtjahre davon entfernt. Der Krieg, die Besatzung lasteten schwer auf meiner frühen Jugend. Der schönste Tag meines Lebens bleibt für immer der 11. September 1944, als die französischen Truppen in das burgundische Dorf einzogen, in dem sich meine Familie vor den gefürchteten Bombenangriffen auf Dijon in Sicherheit gebracht hatte. Ich hatte kaum ein Auge zugetan in dieser Nacht; die Mauer des Raumes in dem ich schlief, lag entlang der Straße und die ganze Zeit hörte ich die Lastwagen der deutschen Armee auf dem Rückzug rollen. Am Morgen, endlich, nichts mehr. Mittags, neuer sich nähernder Lärm. Ich gehe vorsichtig das Gitter aufmachen und sehe, wie langsam die blumenbedeckten Panzer vorrücken, umgeben von Leuten aus dem Dorf: die Armee von «De Lattre de Tassigny». Ich erzähle Ihnen das nicht um Ihrer Frage auszuweichen, sondern um zu zeigen, dass zu dieser Zeit eine Rebellion der Jugend andere Ziele hatte, als jene, an die man heute denkt.

 

RD: Das kann ich mir vorstellen…

 

FH: Unter meinen Kameraden in der «Ecole supérieure de commerce de Dijon» waren mehrere Jungen, etwas älter als ich, in die Résistance gegangen oder haben sich sofort bei der Befreiung in der Armee engagiert, einer von ihnen ist gestorben. Dijon war eine Kriegsepisode in meiner Familiengeschichte; wir sind nach Paris zurückgekehrt wo ich seitdem immer gewohnt habe. Im Herbst 1945 habe ich begonnen als Stenotypistin zu arbeiten. Das war nicht lustig, aber ich ertrug es, flüchtete in die Bücher. Es gab in der direkten Nachkriegszeit nicht diese Trennung zwischen den Generationen, die zum Mai 68 führte.

 

RD: Und im Mai 68?

 

FH: Und im Mai 68 war ich wirklich erwachsen. Zwischenzeitlich waren mir viele widerwärtige Dinge bewusst geworden, aber damit gehen wir weit über ihre Frage hinaus. Um darauf zurückzukommen, in einer meiner Jugenden, ich erinnere mich nicht genau in welcher, beeindruckte mich André Malraux’s «La condition humaine». Das ist alles was ich darüber sagen kann, wenn ich jedoch versuchen würde, meine Erinnerungen wachzurufen, würde mein Gedächtnis fabulieren.

 

 

Mont-Revard (Savoie) Juli 1991. Foto: Michel Dunand

 

 

RD: Françoise Hàn, sie schreiben Chroniken, sprechen über andere Autoren. Sie nehmen auch an mehreren nationalen Poesie-Jurys teil. Wie sieht die aktuelle Poesie aus?

 

FH: Genauer: Ich war in der Jury für die Preise Antonin Artaud, Claude Sernet und Ilarie Voronca – es war die gleiche Jury für die drei Preise – die anlässlich der internationalen Poesietage in Rodez vergeben wurden.

 

RD: Ich kenne Rodez und seine literarischen Preise. Ich war mehrere Male dort, nominiert, eingeladen usw.; bedauerlicher Weise sagte mir mein Freund Bernard Molinié dass alles zu Ende sei.

 

 

Rodez 1999. Mit Diane Bouloc, in Frugières.

 

 

FH: 2008 haben die ersten beiden Preise aufgehört (zu existieren) und die «Tage» wurden aus ökonomischen Gründen verkürzt. Der «Voronca-Preis» blieb bestehen, er war der Entdeckung neuer Manuskripte gewidmet. Ich habe das Angebot an dieser Jury teilzunehmen, abgelehnt, auf Grund der Ermüdung in meinem Alter. Ich bin also nicht mehr Mitglied irgendeiner Jury. Selbst der «Voronca-Preis» wurde gerade von dem Verein «Poesie Rencontres 12», der ihn organisierte, als abgeschafft erklärt.

 

RD: Und Ihre Chronistinnen-Feder?

 

FH: Ich schreibe weiterhin die Chronik der «Lettres Françaises» und Lesenotizen für andere Zeitschriften, besonders für «Europe».

 

RD: Sie schreiben über die aktuelle Poesie … Wie ist sie?

 

FH: Die aktuelle Poesie ist sehr lebendig und sehr vielfältig. Ich sehe nicht, dass sich neue Schulen abzeichnen. Die französische Sprache empfängt Lebendigkeit von Seiten der «französischsprachigen» Poeten (Adjektiv, das im geläufigen Gebrauch, ungeachtet der Etymologie, die Franzosen nicht einbezieht, AdÜ) und auch durch die Franzosen, die nicht zögern der Muttersprache Stöße zu versetzen, Neologismen zu erfinden, die Regeln der Grammatik zu verletzen. Es gibt viele auf Papier veröffentlichte Poeten, dazu kommen die Dichter die im Internet veröffentlichen.

 

 

Rodez, Mai 2002

 

 

RD: Die e-books…

 

FH: Die elektronischen Bücher müsste man hinzu zählen, ich weiß aber nicht, wie groß in dem verfügbaren Angebot der Anteil der Poesie ist. Es gibt auch die elektronische Poesie, sehr spezifisch, bei der der Autor die Informatik gut beherrschen muss. Von den großen Dichtern des 20. Jahrhunderts sind einige noch auf dieser Welt. Diese Erbschaft oder Überlieferung ist gesichert, ich würde sagen: individuell. Sicher gibt es immer Gruppen um ein editorisches Projekt, eine Zeitschrift, aber keine große Bewegung wie den Surrealismus, in der markante Persönlichkeiten, Schriftsteller und Künstler sich täglich miteinander konfrontierten.

 

RD: Und die Poesie der Frauen?

 

FH: Heute, in Frankreich haben Poetinnen nicht mehr, sondern nur genauso viele Probleme zu veröffentlichen wie Poeten, es gibt keine Diskriminierung dieser Art. Die Anthologien von «femininer Poesie», veröffentlicht unter dem Vorwand, eine Ungerechtigkeit zu reparieren, haben keinen Grund mehr zu existieren. Ich habe mich dieser Praktik immer widersetzt, denn sie platziert die Poetinnen in ein Ghetto. Feminine und maskuline Poesie gibt es nicht, es gibt Poesie. Ich nutze diese Gelegenheit, um zu sagen, dass ich mich weigere als «Poetin» angesprochen zu werden. Dieses Wort lässt mich an die Damen des 19. Jahrhunderts denken, die aufstanden um ihre Verse zu deklamieren.

 

 

Marché de la Poésie, Paris, 1995. By Jacques Brémond Verlag. Foto ® Ambre Nolen

 

 

RD: Verkauft sich die Poesie besser als in der Vergangenheit (Industrialisierung im Schnellmarsch, Wirtschaftskrise, der Verlagsmarkt – hat all das etwas verändert)?

 

 

Maison de la Poésie, Paris, Mai 1989.

Patrick Desouches, Musiker – Cendre Chassane, Schauspielerin, Françoise Hàn

 

 

FH: Ich habe keine persönliche Erfahrung im kommerziellen Bereich, ich gebe weiter, was die kleinen Verleger in meinem Umfeld sagen: sie sind besonders betroffen von der Wirtschaftskrise, davon dass unabhängige Buchhandlungen schließen, davon, dass einige (nicht alle!) öffentliche Bibliotheken, sich nicht darum kümmern, ihren Lesern die Poesie nahe zu bringen – kurz gesagt, die Poesie hatte es schon immer schwer, aber es verschlechtert sich. Sie verkauft sich eher in Salons, auf Festivals, «Poesiemärkte » wo die Leser persönlich hingehen. Dazu ist zu sagen, dass poetische Werke eine Besonderheit in der Literatur darstellen: ihre Käufer sind in überwiegender Mehrheit Dichter. So gesehen ist die Situation eher analog zu technischen und wissenschaftlichen Werken, mit dem Abstrich, dass es keine Popularisierungsliteratur für Poesie gibt. Ein angesehener Preis wie der «Apollinaire-Preis» hat mit Sicherheit nicht denselben Effekt auf den Absatz wie der «Goncourt» für Romane. Fügt man hinzu, dass viele kleine Poesie-Verleger selbst Poeten sind, befindet man sich in einem geschlossenen Kreis. Ich meine jedoch, dass die Situation weitaus besser ist als vor etwa sechzig Jahren, als der «Verleger von Poeten» der einzige Verlag war, der noch unbekannte Dichter veröffentlichte – und er ließ es sie bezahlen, indem er Subskriptionen verlangte, die der junge Autor nicht zusammenbringen konnte, ohne aus seiner Tasche zu bezahlen. Der Eintritt von «Rougerie» in das Verlagswesen, man kann es nie genug betonen, begann die Sitten zu ändern. Heute ist der Verlag «Rougerie» immer noch aktiv, die kleinen Verlage haben sich vermehrt, einige verschwinden, aber andere entstehen. Ebenso für die Zeitschriften.

 

 

Rodez, 1989. Françoise Hàn, rechts : Ralou Bécousse.

 

 

RD: Und die großen Verlage?

 

FH: Die großen Verlage haben einen wichtigen Poesiekatalog, jedenfalls was die schon renommierten Namen, die für jede Generation neu zu entdecken sind, angeht, Es existieren mehrere Taschenbuch-Kollektionen: «Poésie/Gallimard» ist nicht weit von der 500. Nummer, «Points» behält eine Abteilung Poesie, «Orphée» (Editions de la Différence) ist 2012 wieder aufgelebt, nach einigen Jahren Abwesenheit. Solche Kollektionen (die, die ich nicht genannt habe, mögen mir bitte vergeben) sind für neue Autoren nicht unbedingt offen, erweitern aber den Lesekreis der Poesie insgesamt. Abgesehen von Ausnahmen die ich nicht kenne, ist es unmöglich von seinen Autorenrechten zu leben, wenn man ausschließlich Gedichte veröffentlicht. Man benötigt einen zweiten Beruf, was oft mühsam ist, den Dichter jedoch dazu zwingt, nicht in seiner Sphäre im Kreis zu laufen, die Lebensbedingungen anderer Leute kennen zu lernen. Der im September 2012 gegründete Verband «Union des poètes&Cie» kümmert sich um die soziale Rolle der Poeten. Er bezeichnet sich als «Vereinigung aller – Wortwahnsinnigen – all derer die schreiben, uneinordbare Texte fördern oder verteidigen» (www.portique.jimdo.com/union-des-poètes-francophones; uniondespoetes@yahoo.fr).

 

RD: Welche jungen Autoren haben Ihre Aufmerksamkeit erweckt?

 

FH: Ich habe bereits Pierre Causse erwähnt. Er hatte sein Abitur noch nicht beendet als er mir 2009 das Manuskript «Funambule, mais le fil est barbelé» schickte, und von mir um Erlaubnis bat, ein Zitat aus «lettre avec un fragment de bleu» als Inschrift zu verwenden. Ein so junger Mann konnte so hervorragend schreiben? Ich habe ihn in Rodez getroffen, unsere Unterhaltung hat seine geistige Reife bestätigt. Jacques Brémond hat das Werk 2012 veröffentlicht. Pierre Causse hat mir seitdem ein anderes Manuskript zu lesen gegeben, sehr verschieden von «Funambule» aber ebenso bemerkenswert. Er studiert Theater. Es gab Andere, mit sicheren Zeichen einer poetischen Ader, unter ihnen die «Ilarie Voronca»-Preisträger. Ich denke auch an Marie-Céline Siffert, an «Monsieur en extase sur la couverture» (2007), ich habe jedoch keinen direkten Kontakt zu ihr. Es gibt bestimmt viele weitere, es ist schwierig, sie kennen zu lernen, wenn sie noch nichts veröffentlicht haben.

 

RD: Könnten Sie mich bitten, sich selbst eine Frage zu stellen, eine, die man Ihnen nie stellte, aber auf die Sie immer gewartet haben…

 

FH: Die Frage wäre: Ist Poesie zum Überleben der Menschheit notwendig? Und die Antwort: ja, sie ist unentbehrlich. Durch die Poesie, das Gedicht, vermitteln wir den späteren Generationen das ursprünglich Menschliche in uns. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts ist das eine unbedingte Verpflichtung.

 

RD: Danke, für Ihre Teilnahme an dieser Unterhaltung, sehr geehrte Françoise Hàn! Ich bin eine begeisterte Anhängerin Ihrer Poesie.

 

 

 

 

 

 

 

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Dichterin und Literaturkritikerin. Geboren 1928 in Paris, wo sie seit 1945 ununterbrochen lebt.
Arbeitete viele Jahre für wissenschaftliche Publikationen.

 

Mitarbeiterin der Zeitschrift Europa (Paris) und der Lettres Françaises(Paris). Redaktionsmitglied von La Traductière, der Revue des französisch-englischen Poesie-Festivals (Paris) und von Osiris, einem mehrsprachigen Poesie-Magazin (Old Deerfield, Massachusetts, USA).

 

Für Ihr poetisches Lebenswerk wurde ihr der Preis Dante 2013 vom Cénacle européen francophone de poésie, arts et lettre (Europäischen Kreis der frankophonen Poesie, Kunst und Literatur) verliehen.

 

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Reporterin: Rodica Draghincescu

http://www.draghincescu.com

 

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