Der Maler Sergio Birga

 

(Frankreich)

 

 

Sergio Birga in Fontainebleau, 2013 (Foto: Annie Birga)

 

 

 

 

LL: Die Pariser Galerie von Colette Clavreul am Place des Vosges präsentierte von Januar bis März 2014 den Pariser Maler Sergio Birga. Gelegenheit für die Levure littéraire, sich mit ihm ausführlich über sein vielfältiges Lebenswerk und den langen künstlerischen Werdegang zu unterhalten.

 

 

 

 

Galerie Colette CLAVREUL, 25 Place des Vosges – 75003 PARIS, 01 42 77 23 81

ou 06 86 93 03 11, colette.clavreul@gmail.com

 http://www.galerie-clavreul.fr/programme14.htm#birga

 

 

LL: Sie haben bereits eine lange und vielfältige künstlerische Laufbahn. Dabei verfolgten Sie immer ihren persönlichen Weg, abseits der Moden. So interessierten Sie sich in den 1960er Jahren in Florenz, ihrer Geburtsstadt, für die Malerei des deutschen Expressionismus.

 

SB: Mit 19 Jahren war mir im Schaufenster eines Buchladens ein Cover ins Auge gesprungen. Dieses Buch, ich habe es bis heute bewahrt, hieß „Der Expressionismus“ von Waldemar George, und das Bild darauf „Der Schrei“ von Edvard Munch in seiner schönsten Version. Bereits seit dem 17. Lebensjahr hatte ich begonnen, Porträts und Landschaften zu malen. Ich entdeckte die Maler der Künstlergruppe „Die Brücke“, die im totalen Widerspruch zu den beiden modischen Hauptrichtungen im damaligen Italien standen: dem schwarzmalerischen sozialistischen Realismus und der geometrischen Abstraktion. Die Lebendigkeit der Farben und die Ausdruckskraft entsprachen meinem damaligen Gemütszustand, dem eines jungen Mannes in der Revolte. Meine Orientierung verfestigte sich, als ich nicht nur die Reproduktionen sondern auch die echten Bilder auf dem 1964er Opernfestival Maggio Fiorentino entdecken konnte – einer Manifestation in Florenz von großer Spannbreite, das die Musik und die plastischen Künste vereinte – das sich thematisch in jenem Jahr thematisch dem Expressionismus widmete.

 

 

       Die Begegnung mit Otto Dix, gezeichnet von Sergio Birga

 

LL: Woraufhin Sie sich sofort den Wunsch erfüllten, die noch lebenden deutschen Maler des Expressionismus bei einer Art Pilgerfahrt persönlich kennenzulernen.

 

SB: Ich war von leidenschaftlicher Neugier erfüllt. Im September 1965, ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ausgerüstet mit einem Taschenwörterbuch, aber vor den Bildern sprechen die Maler ohnehin eine gemeinsame Sprache, beschloss ich, Erich Heckel und Otto Dix in Hemmenhoffen am Bodensee zu suchen, einer kleinen Stadt bei Konstanz, Refugium für diese innerlich Emigrierten der Nazizeit. Heckel strahlte mit seinen 83 Jahren immer noch eine große Kraft aus. Ihm, wie auch später den Anderen, zeigte ich die Zeichnungen, Stiche und Fotografien meiner Bilder. Er machte einen großherzigen Tausch mit dem jungen Künstler: ein Selbstporträt, ein Holzschnitt in Farbe, gegen die von der Hindemith-Musik inspirierte Radierung „Des Todes Tod“. Mit Otto Dix tauschte ich gegen „Die Kapitalisten“ aus der schönen Serie „Der Krieg – Toter /St. Clement“. Ich bewunderte seine jüngsten Bilder und er erklärte mir seine Mal-Technik.

Zu Beginn des Jahres 1966 beschloss ich, meine Recherche fortzusetzen. Ich traf Ludwig Meidner in seinem bescheidenen Atelier in Darmstadt, umgeben von Selbstporträts á la Rembrandt. Er sollte noch im selben Jahr im Alter von 86 Jahren sterben. Diese Besuche, kurz und intensiv, sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Er weissagte mir aus den Linien meiner Hand, dass meine exzessive Originalität mir ein schweres Leben in einer zunehmend gleichförmigen Welt bescheren würde.

Bald darauf gelangte ich nach Villeneuve in der Schweiz, wo Oscar Kokoschka wohnte. An den Wänden wunderschöne Landschaften. Er gab mir Hinweise, wie man mit der Fläche und der Tiefe umgehen kann. Seine humanistischen und philosophischen Gespräche zeugten von der Tiefe seines Denkens.

 

LL: Ich fand bei der Recherche über ihr Leben, ein Porträt, das Otto Dix von ihnen gezeichnet hat. Unter welchen Umständen ist es entstanden?

 

 

       Portrait Sergio Birga, Zeichnungen von Otto Dix (1966) und Conrad Felixmüller (1977)

 

 

SB: Im Jahr 1966 habe ich erneut Otto Dix besucht, der mich von allen Malern am tiefsten beeindruckt hat. Dieses Mal begleitete mich der italienische Maler Sergio Ceccotti. Es ist eine kleine Zeichnung, schnell mit der Feder angefertigt, fahrig und prägnant. Auch ich fertigte eine Zeichnung, aber besonders die Szene ist mir in Erinnerung geblieben. Und so habe ich den Tondo (Rundbild) „Otto Dix beim Zeichnen meines Porträts“ gemalt, mit den Tannen vor seinem Fenster und einem Detail seines Bildes «Der Triumph des Todes».

 

 

       Sergio Birga: Tondo. Otto Dix zeichnet mein Porträt, 2006, Öl auf Leinwand

 

 

LL: 10 Jahre später sind Sie erneut nach Deutschland zurückgekehrt, nun auf der Suche nach Conrad Felixmüller. Weshalb diese Reise?

 

SB: In der Zwischenzeit hatte ich geheiratet und meine Frau Annie begleitete mich. Felixmüller malte von uns ein sehr schönes Doppelporträt in Öl. Geflohen aus der DDR und desillusioniert, wohnte er in einer Atelier-Villa im Berliner Stadtteil Dahlem. Seine Frau Londa und er empfingen uns sehr zuvorkommend. Ich war an seinem künstlerischen Werdegang interessiert, weil er sich, so wie sein Freund Otto Dix, vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit entwickelt hatte. Eine Entwicklung die ich damals ebenfalls vollzog.

 

 

       Sergio Birga: Selbstporträt mit Palette

 

 

LL: Sind die ersten vom Expressionismus beeinflussten Jahre endgültig verschwunden aus ihrem Verständnis von Malerei?

 

SB: Absolut nicht. Ihre Spur findet sich deutlich in meinem ganzen grafischen Werk, sowohl in den Zeichnungen als auch in den Stichen. Die Deutschen haben sich darin nicht geirrt: das französische Kulturinstitut in Dresden hat im Jahr 2010 eine Ausstellung meiner Holzschnitte gezeigt. Ich konnte endlich im Museum das wunderbare Bild von Dix „Der Schützengraben“ sehen. Und in meiner Malerei, die Schnitte, die Komposition und die Farben, wenn auch gezähmt, zeugen durchaus von diesen Wurzeln, obwohl ich ja aus Florenz stamme.

 

 

       Sergio Birga: Einsamkeit, 67 x 93 cm, 1960, Öl auf Leinwand

 

 

LL: Seit dem Abriss der Pariser Markthallen von Baltard im Jahre 1970 bis zur gegenwärtigen Rekonstruktion der historischen Mitte Berlins, zieht sich ein roter Faden: Ihr Interesse für die Transformation der großen Städte.

 

 

       Sergio Birga: Aus dem Triptychon „Der große Abriss der Hallen“ in Paris, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm, 1971-2006

 

 

SB: Ich war immer ganz bildhaft interessiert an den modernen Ruinen, den Maschinen, lauten Monstren, den hohen roten Kränen am Himmel, den Betonmischmaschinen, den Baggern und Speichern, jenen dinosaurierartigen Wesen, die wie eine vergängliche Architektur die Bedingungen der Arbeiter konstituieren, verstreut auf den Baustellen wie die Sklaven des Moloch im Film „Metropolis“.

 

 

      Sergio Birga: Sanierung der Hallen in Paris, Aquarelle, 24 x 32 cm, 2013

 

 

Es gibt eine Verurteilung und eine Wut gegenüber Immobilienspekulation, die die alten Quartiere zerstört, die Grünflächen vernichtet, das im Lauf der Geschichte entstandene urbane Gewebe angreift. Eines jener Bilder, das die Konstruktion des zukünftigen Museum Centre Pompidou zeigt, heißt „Griff nach der Stadt“. Aber eine Stadt, die sich aus ihren Ruinen erhebt, wie Dresden oder Berlin, wiederaufgebaut nach historischem Vorbild und mit innovativen Architekten, gibt mir ein positives Gefühl, das ich versuche, objektiv als Stadtlandschaft darzustellen.

 

 

       Sergio Birga vor dem Gemälde „Die alten Renault-Fabriken“, Ölf auf Leinwand, 114 x 146 cm, 2002

 

 

LL: Vielleicht können Sie an dieser Stelle etwas mehr über Ihr Engagement in der religiösen Kunst sagen?

 

 

           Sergio Birga: Kreuzweg-Station,Öl auf Holz, 70 x 60 cm, 2012 – Kirche Sainte-Élisabeth, Paris.

 

 

SB: Ich habe nie einen gewissen christlichen Mystizismus verloren. Ich malte Kreuzigungsszenen, einen „Ecce Homo“ der die bedrohlichen Personen um Christus aus heutiger Sicht in einer Abwandlung von Bosch aktualisiert, im Stil expressionistisch. Als ich in den 1990er Jahren ganz persönlich zur religiösen Praxis zurückgefunden habe, konnte ich Aufträge für verschiedene Kirchen ausführen.

Darüber war ich sehr glücklich, meine Malerei war wie ein Gebet, sie hatte ein gut definiertes Ziel, sie blieb nicht mehr im Atelier, sondern bekam eine soziale Rolle und integrierte sich in einem architektonischen Kontext.

Sei es in Heiligenbildern (Triptychon der Heiligen), in den Szenen der Leidensgeschichte Christus (Kreuzweg) oder in Altären (Papst Johannes Paul II, Altar in Orveau), stelle ich Figuren dar und erinnere mich daran, dass die religiöse Kunst lange Zeit die Biblia Pauperum, die Bibel der Armen war, welche mittels der Bilder die Botschaft des Evangeliums verkündete. Ich versuche, ganz bescheiden, in der Tradition zu bleiben, die von Frà Angelico über Maurice Denis bis zu Chagall führt.

 

LL: Der größte Teil ihrer Stiche bezieht sich auf die Erzählungen Franz Kafkas. Warum fühlen Sie sich von diesem Schriftsteller so angezogen?

 

 

       Sergio Birga: Die Verwandlung nach Franz Kafka – Der Vater, Holzschnitt, 34,5 x 24,5 cm, 1963

 

 

SB: Ich entdeckte Kafka im zweiten Lebensjahrzehnt in der Edition Feltrinellii U.E. durch ein Vorwort des Dichters Eugenio Montale, das mich bewog, ihn zu lesen. Ich illustrierte die visuell eindrucksvollsten Szenen aus „Die Verwandlung“, dem „Prozess“ und „Ein Traum“. Es entstanden zahlreiche Zeichnungen, die dem Druck der Holzschnitte vorausgingen. Manchmal finden sich phantastische Szenen auf meinen Bildern, so wie „Auf dem Friedhof“, das nach der Lektüre der Erzählung „Ein Traum“ entstand. Wenn ich mich über mein Bedürfnis nach Kafka befrage, so lassen sich mehrere Gründe unterscheiden: die Auflehnung gegen den die Familie dominierenden Vater, die Verweigerung gegenüber der unpersönlichen Gesellschaft und der Technokratie, das Antiautoritäre, des Gefühl der Absurdität in manchen Situationen, die „moderne Melancholie“. Die Kraft des Schreibens, die Kafka selbst identifizierte, als er sagte, dass ein Buch „die Axt“ sei, „die das gefrorene Meer in uns spaltet“.

Und später hat das Schicksal gewollt, ohne vorherige Abstimmung, dass ein langjähriger Freund, der Schriftsteller und Kunsthistoriker Gérard-Georges Lemaire, der schon bereits viel über Prag geschrieben hatte, eine große kollektive Ausstellung um das Thema Kafka herum organisierte, eine Wanderausstellung die im Musée du Montparnasse endete. Ich fand meine alte Liebe wieder, beugte mich diesmal erneut über die Erzählungen und Nouvellen. Wunderbare Texte wie die „Strafkolonie“ und „Der Landarzt“.

Im Jahr 2004 erschien ein erhellender Essay des Philosophen Michael Löwy „Franz Kafka. Der ungehorsame Träumer“ (Editions Stock). Darin findet sich, neben anderen Stichen, auch mein „Porträt von Kafka 1924“. Der Faden ist noch nicht abgerissen, da im Jahr 2014, ein mutiger und junger deutscher Verlag, KLAK, Kafkas Erzählungen mit meinen Holzschnitten illustriert herausgeben wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Biografie

 

Sergio Birga

Geboren 1940 in Florenz

Italienischer Maler, der seit 1966 in Paris lebt und arbeitet.

Chevalier des Arts et des Lettres.

(Träger des Ordens der Künste und der Literatur des französischen Kulturministeriums)

 

 

Seit seinen Anfängen hat Sergio Birga seine Liebe zur Kunst und seine Passion für Museumsbesuche bewahrt. Seine ersten Arbeiten wurden vom Expressionismus beeinflusst. Als junger Mann reiste er drei Mal nach Deutschland (1965, 66, 76), um dessen Protagonisten zu treffen, Heckel, Meidner, Kokoschka und insbesondere, Otto Dix und Conrad Felixmüller, mit denen sich eine fruchtbare Freundschaft entwickelte und sogar gegenseitige Porträts entstanden.

 

Diese lang gepflegten Begegnungen mit Berliner und deutschen Künstlern haben lebenslange Spuren hinterlassen.

 

Sergio Birga, Absolvent der Scuola d’Arte in Florenz, ließ sich im Jahr 1965 in Paris nieder und studierte dort Druckgrafik an der Kunsthochschule im Atelier von Lucien Coutaud.

 

Ab 1967 seiner Werke sind seine figurativen und kritischen Werke stärker von politischen Inhalten geprägt (Vietnam. Zerstörung der alten Pariser Markthallen). Von 1969 bis 1975 war er Mitglied des Comité des Salon der jungen Malerei (Salon de la Jeune Peinture). Er beteiligte sich im Jahr 1977 an der Ausstellung « Tägliche Mythologien 2 » (ARC), die die Maler der Bewegung der « Narrativen Figuration » vereinte.

In den 1980er Jahren kehrte er in die Individualität und das Erbe der antiken Malerei zurück, die von de Chirico geprägt wurde. Italien findet sich in den Themen der Arkaden, Gärten, Statuen und mythologischen Figuren. Obwohl er die Bewegung der „Pittura Colta“ (peinture de citations) streift, bleibt die Konstante in seinem Werk der Magische Realismus (Dictionnaire Bénézit, 2000).

 

In seiner letzten Periode Birga widmet sich Birga mehr objektiven Ausdrücken: Porträts, Selbstporträts, Stadtansichten. Er inspiriert sich dabei mal literarisch (Gemälde und Grafiken aus Kafka-Texten) oder religiös (religiöse Kunst, Kreuzweg). Im Jahr 2007 fand in der Villa Tamaris (La Seyne-sur-Mer) eine große retrospektive Ausstellung seines über fast 50-jährigen Schaffens statt.

 

2008-2009: neuer Zyklus von Zeichnungen (« Lessons of Darkness » nach Patrizia Runfola) Holzschnitte (Geschichten von Kafka), Aquarelle (Bretagne, Esterel), Kreuzweg für St. Elizabeth (Paris, III), viele Gruppe Ausstellungen im Ausland (Berlin, Brüssel, Mexiko) und Frankreich (Museum of Soissons, der Montparnasse Museum). Das Museum für zeitgenössische Geschichte hat ein Gemälde von ihm erworben. Das Kulturministerium Frankreichs hat Sergio Birga mit dem Orden „Chevalier des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet.

 

LINKS:

 

Persönliche Webseite (mit zahlreichen Beispielen aus seinem Werk)

http://birga.pagesperso-orange.fr//SergioBirga/Sergio%20Birga.html

 

Kurzporträt des Malers in seinem Atelier (vor dem Bild der Dresdner Frauenkirche):

 

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