Dan Coman

nachtgedichte

 

 
ich errege über die maßen. ich kennen keinen der mir widersteht.
ich bin ein mann wie ihr ihn euch nicht vorstellen könnt.
damit ich nicht platze vor angst renne ich tausendmal gegen die zimmerwand.
ich zeige es euch aber nicht. ich zeige niemandem etwas.
ich bin ein außerordentlicher mann. ich bin ein mann wie ihr ihn euch nicht vorstellen könnt.
ich schlage wie ein hirnverbrannter mit dem herzen und ärger noch als ein hirnverbrannter
widerstehe ich diesem erstickten lachen.
das delirium beginnt und damit fällt stück um stück
mein körper in mich hinein und erfüllt mich mit grauen.
nichts bleibt außer dem verstörenden atem: ein. aus. aus. aus.
meine kraft verzückt mich dermaßen daß ich schäume.
dutzende ja hunderte kilometer im umkreis nichts anderes
als dieser schaum drauf und dran die erde zu zermalmen.
wirklich: ich errege über die maßen. ich kenne keinen der mir widersteht.
ich zeige es euch aber nicht. ich zeige niemandem etwas.

 

 

ich bin seit dreißig jahren in bistritz. nichts hat meinen körper erhellt
so daß ich jetzt achtzig kilo mehr wiege: wie ein schwein
wühlt mein schatten in mir und reibt sich an meinen knochen.

ich bin in bistritz und jeden morgen löst sich
eine neue sonne von der decke und nachdem sie kurz gegen die luft im raum geschlagen hat
knarrt sie stundenlang zwischen den wänden.
und ghinga neigt sich bis sie nicht größer ist als eine katze
und geht den ganzen morgen so gebeugt herum.
mein körper der in ihren armen im saft steht knallt an beiden enden
wie tausend peitschen.

seit dreißig jahren hier wie ein stück lackiertes holz:
die kälte läßt mich nicht zittern die kraft des lichts ist unbedeutend
und wenn ich rede dringt der lärm nicht über meine haut hinaus.
von all den jahren kein einziges in dem ich mich anders bewegt hätte als getragen von ihren armen.

und genauso wie ein stück lackiertes holz schlägt sie nachts gegen mich
und erschreckt zielgenau die lebendigen.

 

 

frühmorgens erhebt sich unter den lebendigen der geist der lebendigen und
nachdem er eine weile über ihnen gepfiffen hat
fällt er wie ein fettes mücklein in die milch mitten hinein
und schlägt schaumige kreise.

hier jedoch zählt nur die körperkraft.

hier ist die sonne seit dreißig jahren über mir erstarrt und
mein körper riecht schon stark nach schweinebraten.
und ghinga trägt mich auf den armen und erbleicht bei jedem schritt
und wirft den kopf in den nacken.

(wieviel präzision dennoch in ihren bewegungen: seit dreißig jahren
ist körperliches leiden hier unbekannt.)

wie ein großer wollteppich aus dem fenster gehängt
lüftet sich mein körper in wenigen stunden und in wenigen stunden schon riecht die welt stark nach schwein.

und in all dieser zeit drängen sich die lebendigen unterm fenster
und betasten sich an einer merkwürdigen stelle und flüstern
ununterbrochen über den geist der lebendigen der gleich aus dem fleisch geholt wird
stark und bunt und mit goldenen pickeln übersät.

(und vor dem fenster hängt weiterhin mein körper und
flattert und verbreitet den bratengeruch über die lebendigen.)

und dann erscheint ghinga und betrachtet die da mit großer nachsicht
hört ihren reden zu und sieht den geist in seinem saft stehen zwischen ihnen

und schließlich holt ghinga vor ihren augen ihren körper aus dem kleid
und haut ihnen mitsamt ihrer herrlichen zellulitis kurz auf die schnauze.

wenn es sehr kalt ist läßt ghinga mich aus ihren armen fallen
und beginnt durch die räume zu gehen wie nur sie imstande ist:
schnell, schnell und mit gelenken die knallen wie peitschen.

 

 

wenn es sehr kalt ist liegt mein körper wie ein häuflein elend auf dem teppich
weich und kaffefleckig. das kommt der neuen sonne gerade recht:
zielsicherer als eine stechmücke schießt sie zwischen den wänden herunter und zwickt mich in die wangen.
ich kann mich nur schwer bewegen aber wenn es mir gelingt sie zu treffen reißt sie an der seite auf
und die eingesperrte luft erfüllt sofort die welt.

wenn es sehr kalt ist beginne ich gegen das eine ende meines körpers zu schlagen
wie gegen den boden einer weinflasche oder eines senfglases
doch diese weichen und ungeschickten schläge
schaffen mir nicht den schatten aus dem leib:
seit dreißig jahren sind meine körperenden mit fleischstopfen versiegelt.

ein glück nur daß diese frau so traurig ist: wenn es sehr kalt ist
kommt sie und hebt meinen körper vom teppich auf und zehn kaffee lang
trägt sie ihn um die schultern wie den pelz eines silberfuchses.

 

 

wie eine etwas bleiche warze wie ein schmuckstück
ist mein körper eines schönen tages aus der mitte der lebendigen direkt in ihre arme geschnellt
und hat hier eigenständig zu wachsen begonnen
und ist dreißig jahre lang immerzu gewachsen.
und diese frau hat ihn tag für tag an ihrer seite getragen
und ihm ständig zu rauchen gegeben.

von aller anfang an war mein körper reglos und wenn er gewachsen ist
dann weil sein schatten in seinem inneren wuchs und ihn aufblähte und vorwärtsdrängte.
eine art seltene krankheit die eigentlich nichts verursacht
wie so eine krankheit ist mein körper dreißig jahre besinnungslos gewachsen
und ghinga hat ihn dreißig jahre lang in ihren armen getragen
und ihm vom kaffee zu knabbern gegeben.

und in all diesen jahren war es ghinga die morgens erwachte und
mich zwischen ihren knien zurechtlegte und den rhythmus meiner bewegungen mit ihren eigenen armen vorgab

und ghinga war es die spürte wenn alles dem ende zu ging
und dann hob sie mich schnell über ihren kopf
und schüttelte meinen körper ein paarmal vor dem licht.

 

 

ich bin ganz ruhig: ich kenne alle meine verdienste. dreißig jahre
hat der schatten wie ein klares stück holz meinen körper
über der erde gehalten doch jetzt
hängen nur noch meine beine zwischen ihren armen herab vor der welt
und flattern heftig im leeren.

so ausgestreckt mitten im zimmer sieht ghinga wie schwanger aus:
über weite flächen des körpers hat die häusliche zellulitis sich auszubreiten begonnen.
ein paar regengüsse sprudeln aus der erde und bleiben eine weile über ihr.
wenn ihr körper zu schwitzen beginnt
knackt die erde kurz an ihren enden und kühlt ab wie ein gefrierschrank.

ich halte meine zehen genau vor den mond und spiegele
mit einer einzigen bewegung in den zehennägeln nur das was zu behalten ist.
jetzt bin ich ganz ruhig: alle guten dinge sind geschehen.
ich spreche klar denn ich spreche einzig und allein für mich.

in kurzen abständen treten häuflein lebendiger ins zimmer
verstummen.

 

 

ich könnte sagen ich sei etwas zahmer geworden: ich atme über den dingen
und diese schwanken ein bißchen nur ein kleines bißchen und berühren mein gesicht.
ich grüße die lebendigen mit der alten geste obwohl diese sie am meisten zu erschrecken scheint.
in der erde wurde es nach dreißig jahren hell doch es war nichts zu sehen.
nur ghinga freute sich und roch insgeheim an ihrem körper.
in der tat: ich bin viel zahmer geworden.
ein herrlicher bauch beginnt jetzt schon mein zittern zu überwölben.
die lebendigen sind auf hundert meter an mich herangekommen ohne wieder
über die schulter meiner geliebten zu rufen, eleganter als eine nachtschärpe
bewegt sich der körper meiner geliebten in vollkommenem gleichgewicht.
ich bin vollends zahm geworden. ich bin ganz ruhig:
ich habe niemanden mehr nach mir suchen lassen und das ist eine gute sache.
jetzt ist es mein herrlicher bauch der mich im gleichgewicht hält.
aus bequemlichkeit lege ich meinen kopf auf die schulter und sofort
knacken meine worte zu meiner schönheit zwischen meinen lippen
wie riesige samenkörner zwischen den zähnen eines pferdes. es ist so gut. es ist perfekt:
nach dreißig jahren rollt eine sonne klein wie das herz einer biene
durch die erde und härtet sie
und die papageienschwärme schießen hervor und füllen die hohlräume die die toten hinterlassen haben.

 

 

damit ich nicht nach schweiß rieche habe ich meinen körper mit erde verstopft
und habe mich dann hundertmal um mich selbst gedreht und kälte verbreitet.
ich bin geschützt für den rest meines lebens. ich bin ganz ruhig und gut gelaunt:
wie pudelwelpen machen die toten männchen und wärmen mir das herz.
ich spreche nie zu ihnen doch abends vor allem abends führe ich sie aus
und sie winseln und murmeln in ihrer vogelsprache.
manche tragen noch eine richtige krankheit in ihrem innern und deshalb
auferstehen sie alle paar tage. und dann wird es um die sonne herum schwarz ganz schwarz
und das licht schießt aus den schenkeln dieser frau und trifft sie sicher.
ich bin geschützt für den rest meines lebens. ich bin ganz ruhig und gut gelaunt:
sehr früh am morgen lege ich mich mitten ins zimmer
und kümmere mich einzig und allein um mein vergnügungen. ein paar stunden gibt es nichts anderes
selbst wenn sich die toten wie vernachlässigte neugeborene
sofort zu meinen füßen versammeln und in ihrer vogelsprache
zu winseln beginnen und zu zittern beginnen und gemeinsam zu schreien beginnen.

 

 

nach einer langen erstarrung finde ich mich wieder unwiderstehlich.
mit der geschwindigkeit eines jungen geparden dringe ich ein in mein hirn
und mit zweimal der geschwindigkeit eines jungen geparden laufe ich durchs zimmer.
ich gönne mir eine besondere lust. ich sauge ganz einfach die luft ein: ich bin froh.
ich kann mir kaum widerstehen (ich erkenne mich selbst wenn ich tanze).
mit unvergleichlicher gerissenheit gelange ich zu meinem herzen.
ich spreche mit mir doch ich muß aufpassen: nur mit überschwenglichem lob
schaffe ich es von einem tag auf den andern.
ich bin wirklich ein erstaunliches wesen.
ich weiß nicht mehr aus und ein: ich finde mich unwiderstehlich.
ich öffne das fenster und die erde flutet wie ein klares wasser herein.

 

 

die ganze nacht über das verrückte buch.
die worte anderer deutend die jetzt in der erde sind.
und der schwarze kaffee in den ich dann stundenlang starre. sehr elegant
führt ghinga ihren tollwütigen hund aus
und gibt kleine töne von sich durch ihre gelben absätze.
dann und wann schlüpfen wie ein bündel schlangen ihre knie unter dem kleid hervor
und flattern über mir.
und ich über das verrückte buch in hemden mit offenem krage
wovon ich ungeordnete errektionen kriege
und erschrecke über dieses schmerzverzerrte gesicht.
ich bin am ende der welt und ich brauche zeit mich zu gewöhnen:
von hier sieh man alles. absolut alles.
ich fahre mit den händen durch die erde wie durch zum trocknen gehängte wäsche.
ich mache zeichen ohne daß mich jemand sieht und wenn doch jemand sieht dann sieht er das nicht so.
angeregt von ihrer eigenen eleganz läuft ghinga unter den lebenden herum
ihre gelben absätze treten die luft bis sie ein paar falten wirft
und wie ein zerknitterter schal an ihrem hals weht.
ich bin am ende der welt und spreche über das verrückte buch.
und dann noch über die worte anderer, die jetzt in der erde sind.
die sonne ist hart geworden wie eine kokosnuß und wenn der wind weht schlägt sie gegen meine knie.
ruhig ganz ruhig mache ich ein loch in ihre mitte und sauge ihren ganzen saft aus.

 

 

ich habe keinen augenblick aufgehört anders mit mir zu reden als mit einer frau
doch heute übersteigt die schamlosigkeit jedes vorstellungsvermögen.
es ist eine stunde nach mitternacht und ich drehe mich um mich selbst
mit atemberaubender geschwindigkeit und küsse immer wieder meine hände.
es geht über meine kräfte mich zu enthalten. bis über meine kräfte.
denn schon dadurch daß er weiß daß ich in ihm drin bin reagiert mein körper
wie zehn läufige katzen zusammen wie ghinga wie niemand sonst.
ich habe alles versucht. sogar stummheit sogar vollkommene reglosigkeit. umsonst.
sooft ich zu mir sprach war mein mund drauf und dran sich selbst aufzufressen
vor soviel klingender herrlichkeit soviel kunstfertigkeit.
monatelang habe ich nichts anderes getan als mich zu erniedrigen aber umsonst ganz umsonst.
wirklich: ich habe nie aufgehört anders mit mir zu reden als mit einer frau
doch heute hat die schamlosigkeit jedes vorstellungsvermögen überstiegen.
heute da es mir gerade gelungen ist meinen körper einzuschläfern
und die spannung zwischen mir und ihm sich beinahe gelöst hatte.
nur gab es nichts was stärker war nichts was mich abhalten konnte:
ich erhob mich in meiner ganzen herrlichkeit über meinem körper und drückte ihn in die kissen
und wie bei einer frau reichten auch bei ihm ein paar starke und gezielte bewegungen aus
daß seine dumpfen schreie meine schreie überlagerten.

 

 

in meinem innern befindet sich mein körper und im innern des körpers
wie eine kleine wie eine schwarze hausfliege meine kraft.
so strebe ich vorwärts. ich gehe in einem unbegrenzten raum ein und aus.
ich gehe ein und aus: ich bin der einzige dem das gelingt.
ich habe mich mit vollkommener schnelligkeit vermehrt ohne etwas anderes zu gebrauchen als mich selbst.
weder kaninchen noch heuschrecken noch die urmutter aller wirbeltiere könnten mich einholen.
es genügt daß ich atme: schon schieße ich aus meinem körper und erfülle alle winkel der welt.
jetzt bin ich nicht mehr zu sehen wenngleich meine herrlichkeit wesentlich ist.
jetzt kann mich niemand sehen weil niemand von außerhalb meiner zu sehen vermag.
alles was sich bewegt verdankt die bewegung mir. selbst mein körper
der sich in meinem innern krümmt vor entsetzen da ich mich krümme vor entsetzen
und im innern meines körpers meine kraft mit ihren unbedeutenden versuchen.
ich habe einen unbegrenzten raum erfüllt und jetzt laufe ich über.
nicht einmal ich selbst kann mich noch beherrschen.
ich kann meine vollkommene vermehrung nicht mehr verfolgen.
doch ich bin als einziger so nahe an meinen rändern.
ich bin als einziger so nahe an mir selbst. fast kann ich mich betasten.

 

 

ich bin unmöglich von der stelle zu bewegen. in mir ist nichts doch ich bin unmöglich von der stelle zu bewegen
mit der kraft eines einzelnen menschen. wie ein riesiges eßzimmermöbel.
wie jedes ding das sich selbst nichts bedeutet.
aber ich rede. ich rede bis die haut meiner wangen aufplatzt.
ich höre nie auf.
meine ganze kraft spannt sich wie ein bogen hinten im mund
und schlägt ton für ton gnadenlos zu. satz für satz.
ich werde nicht müde denn ich verstehe nichts von dem was ich sage.
und ich ermüde niemanden denn da ist niemand mehr.
so bin ich geboren. gleich aus der erde gleich unmöglich von der stelle zu bewegen
gleich mit den wörtern außerhalb meiner. genau so.
wie jedes ding das sich selbst nichts bedeutet.

 

 

Aus dem Rumänischen von Georg Aescht

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