Dagmar Hess

 

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(Deutschland)

 

 

 

Geschichten aus dem Morgenland

 

 

„Typisch, aber nicht repräsentativ“ sind die Geschichten aus dem „Morgenland“, die derzeit auf der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden im gleichnamigen Stück erzählt werden. Immer wieder sprechen die Akteure, die aus der arabischen Welt in die sächsische Landeshauptstadt gekommen sind und sich zu dieser Produktion gemeldet haben, diese Formel. So als hätten Regisseurin und Dramaturgin Angst davor, neue Stereotype zu produzieren. Eine Art Exkulpations-Klausel also ist dieses „typisch, aber nicht repräsentativ“.

„Dabei ist die Kategorisierung von Personen anhand bestimmter Merkmale (wie z. B. Haartracht, Hautfarbe, Alter, Geschlecht)“ laut Wikipedia „ ein für Menschen völlig normaler, schnell und nahezu automatisch ablaufender Prozess. (…) Eine dermaßen vereinfachte Repräsentation anderer Personengruppen erleichtert die alltäglichen Interaktionen mit unbekannten Personen sehr. Durch äußere Merkmale (z. B. Alter, Kleidung, Auftreten, Geschlecht) ausgelöste Stereotype dienen als Hinweisstrukturen für erwartete und zu erwartende Verhaltensweisen.“

Wie nützlich wäre es, solche Stereotype parat zu haben, wenn man Montag nachmittags in der Straßenbahn sitzt. Man könnte Freund und Feind unterscheiden. Denn die Stadt scheint in Lager gespalten. Wo will der Kirchenvorstand wohl hin? Zu Pegida auf den Theaterplatz? Zum Flüchtlingstreff beim Montagscafé im Kleinen Haus des Staatsschauspiels? Zur Gegendemo von „Herz statt Hetze“? Oder zum Kreuz-Chor, der beim Adventskonzert zum Mitsingen im Dynamo-Stadion eine Art Crossover-Mission als  neue Tradition begründen will? Und wohin wollen die vielen anderen netten, manchmal aber auch zu besorgten Dresdner, die ich so sehr schätze, seit ich vor zehn Jahren hierher gezogen bin?

Nicht nur meine Neugier ist groß. Auch meine sächsischen Mitbürger trauen den Medien und deren Geschichten nicht so richtig. Deshalb ist „Morgenland“ derzeit ausverkauft. Dort erzählen Tarek, Sami, Yesmine und andere Zuwanderer (nicht alle sind Flüchtlinge, und manche haben sich hier auch schon ein Leben aufgebaut) von sich, ihrer Heimat, ihren Müttern und ihrer Religion. Informationen aus erster Hand eben.

Die hätte auch gern der pensionierte Berufsausbilder aus Riesa, der neben seinem ehrenamtlichen Engagement als DaZ-Lehrer auch noch Zeit und Energie hat, sich zum Thema „Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen“ fortzubilden. Allzugern wüsste er, warum genau seine syrischen Schützlinge ihre Heimat verlassen und sich auf den beschwerlich-gefährlichen Weg nach Deutschland gemacht haben. Die Psychologin rät dringend ab: Wer an einem Trauma rührt, der ist dafür verantwortlich. Und wer darf sich schon guten Gewissens als psychologischer Laie das Bündel eines anderen aufladen? Außerdem haben die Schüler das Recht auf einen klar abgesteckten Rahmen: Wo Deutschunterricht drauf steht, darf auch nur Deutschunterricht drin sein und keine verkappte Psychotherapie oder ein Ausforschen, das nur die Neugier anderer bedient.

Also habe ich als Lehrerin intuitiv einiges richtig gemacht: Persönliches ist soweit wichtig, dass man ein Formular ausfüllen kann; wer angibt, aus medizinischen Gründen nur sitzen zu dürfen, von dem verlange ich darüber ein Attest. Alles weitere erzählen mir die Schüler freiwillig oder gar nicht, häufig dann auf dem nicht immer zuverlässigen Weg über das Englische oder das Französische. Da bleiben viele Freiheitsgrade, wenn man sich die persönlichen Geschichten zusammenreimt.

Zum Beispiel die von Zoran: Er ist später als die anderen in unsere Klasse gekommen. Erst als er meine Entschlossenheit gespürt hat, ihn notfalls aus meinem Klassenzimmer zu verweisen, hat er den Unterricht nicht mehr durch ständiges Reden gestört und ist sogar teilweise zu einer Stütze geworden. Ich nehme an, er konnte es schwer aushalten, anfangs sprachlich im Rückstand zu sein, wird er doch nicht müde, seine Englischkenntnisse zu loben, dank derer er in seinem Heimatland Afghanistan zum Dolmetscher für die amerikanische Armee wurde. Später habe er auf der Flucht  zwei Jahre in Griechenland im Gefängnis gesessen. Weil er keine Papiere hatte? Aus dieser Zeit stammen jedenfalls seine Rückenschmerzen und die Griechischkenntnisse. Warum er nicht nach Amerika gehen konnte? Warum er keine Eltern und auch niemanden sonst auf der Welt hat, wie er sagt? Ich nehme es einfach so hin. Vielleicht tut es ja einfach zu weh, sich derer zu erinnern, die man zurück gelassen hat? Vielleicht würde er es mir auch erzählen, wenn ich seine Einladung zum Reisessen bei sich zuhause, in die er auch meinen Sohn mit einbezieht, annehmen würde. Aber ich weiß wie Reis – zumindest in der persischen Variante – schmeckt…

Zoran hat mir auch erzählt, dass die Verlobte seines Landsmanns Jamil in Afghanistan ums Leben gekommen ist. Wie und warum, das wusste er nicht. Jamil ist stets korrekt gekleidet und hat sich bisher große Mühe mit dem Lernen gegeben, auch wenn er kein ausgesprochenes Sprachtalent ist. Aber wie spricht man sein Beileid aus, ohne die notwendige Distanz zu verletzen? Das habe ich noch in keinem interkulturellen Training gelernt. Zuletzt hat Jamil ein paar Tage gefehlt, nachdem er sich überhaupt nicht mehr hatte konzentrieren können. Ich hoffe, er fängt sich wieder und findet neuen Mut, auch wenn ihm mit seiner Verlobten vielleicht die bisherigen Pläne für seine Zukunft abhanden gekommen sind.

Einer der Schüler, die mir besonders ans Herz gewachsen sind, ist Faruk. Wahrscheinlich mag ich ihn nicht nur, weil er eine schnelle Auffassungsgabe hat, sondern auch, weil er schwächeren Schülern hilft, z. B., indem er ihnen neue deutsche Wörter ins Dari übersetzt und grammatische Strukturen erklärt. Er hat – so habe ich ihn verstanden – auch schon eine deutsche Freundin gefunden. War es vielleicht Eifersucht auf diesen guten Start in Deutschland, warum er von seinen Mitbewohnern mit mehreren Messerstichen verletzt wurde?

Auch Mimoun aus Marokko hat länger gefehlt, weil er ein Opfer von Gewalt geworden ist. Eines Montags morgens kam er mit einem Freund, der in die Parallelklasse geht, zum Unterricht und hatte ein (aus meiner Sicht) seltsames Anliegen: Ich solle ihnen mehrere Verletzungen am Kopf und an den Beinen bescheinigen. Sie wollten damit dann zum Gericht gehen und die Angreifer anzeigen, die sie am Freitag vorher zusammengeschlagen hatten. Ich habe eingewandt, dass ich kein Mediziner und die Polizei der richtige Ansprechpartner sei. Die tue nichts für sie, sagten die beiden. Man muss ihnen aber wohl doch zugehört haben, denn am Abend kam die Nachricht über den feigen Überfall – rund 20 gegen zwei – im Deutschlandfunk, und in der örtlichen Zeitung wurde auch darüber berichtet. Nach seiner Genesung hat Mimoun dann ein Couscous-Gericht für alle mit in die Schule gebracht.

Ali wurde nach den Anschlägen von Paris von seiner (wohl älteren) deutschen Nachbarin gefragt, ob er denn Moslem sei. Als er bejahte, hat sie ihn beschimpft, obwohl er ihr immer die Einkäufe in ihre Wohnung trägt. „Wie kann das sein?“, fragt er mich. Ich frage mich auch, denke an das (zumindest in meiner Erinnerung) friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Mannheim, wo ich studiert habe. Und ich sage: „Sie müssen Geduld haben mit uns Deutschen“.

Chadisha und Rabia, die einzigen jungen Frauen, die ich unterrichte, haben mich kürzlich zu einer „Party“ eingeladen, die sich als Weihnachtsessen im eher kleinen Kreis entpuppte. Ein Christ aus Syrien hat mir dort erzählt, wie man in seiner früheren Heimat Weihnachten gefeiert hat und wie er und seine Mutter ihren Glauben hier in Dresden leben. Zuhause war er Personal-Sachbearbeiter, hier betreut er in einem Hotel das Frühstücksbüffet.

Was ist an diesen Geschichten wohl typisch, was repräsentativ? Was kann so vielleicht auch nur hier im Elbtal und in der Sächsischen Schweiz passieren und warum? Vielleicht, weil die Einheimischen aufgrund ihrer historischen Erfahrung mehr Angst vor Linken als vor Rechten haben? Wie lange werden mir die „Flüchtlinge“ noch meine Materialien in den dritten Stock schleppen, selbst wenn ich sie persönlich gar nicht unterrichte?

Warum haben mich einige Schüler „Frau Merkel“ genannt? (Ich habe natürlich sofort abgewunken, denn ich bin weder anmaßend noch habe ich die Verantwortung von Politikern zu tragen). Ist das ein Kompliment? Oder halten mich die Schüler womöglich nur für eine Mischung aus Kompetenz und Naivität, wie manche hierzulande die aktuelle Bundeskanzlerin wahrnehmen? Wie dem auch sei: Ich nehme es als Ansporn, meinen kleinen Teil zum Gelingen der Neu-Beheimatung beizutragen. Vielleicht können wir dann eines Tages sagen: Typisch deutsch!

 

 

 

http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_sprach_literatur_und_kulturwissenschaften/romanistik/einrichtungen/cifraqs/cifraqs_studium/essay_hess_0405

 

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/bueroarchitektur-schoene-raeume-gute-leistung-1383861.html

 

https://www.vdi-nachrichten.com/Management-Karriere/Faktor-Mensch-Wissensmanagement-zentral

 

https://www.vdi-nachrichten.com/Management-Karriere/Global-Service-Jam-Prototypen-bauen-Praesentationen

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

Dagmar Hess hat nach dem Abitur im nordhessischen Korbach als Redakteurin beim „Bergsträßer Anzeiger“ gearbeitet und dann in Mannheim Wirtschaft und Pädagogik, in Cergy-Pontoise bei Paris Internationales Management und an der FU Berlin und in Dresden französische Sprache und Kultur studiert. Nach einem Ausflug in die Beratungs-Branche etablierte sie sich als Fachjournalistin für Bildung und Arbeitswelt. Seit jeher hat sie ihre Liebe zur Sprache auch als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und später auch für Französisch „ausgelebt“. Derzeit unterrichtet sie an zwei Berufsschulzentren in Dresden und Pirna Flüchtlinge.

 

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