Cornelia Manikowsky

 

(Deutschland)

 

Leere Landschaft

 

Der Zug fährt durch Felder und Wiesen, nur vereinzelt sind Bäume zu sehen oder Büsche und es ist flach, man kann weit sehen; Felder und Wiesen bis zum Horizont und bis sich die Grenze zwischen Land und Himmel verliert. Hin und wieder ist ein Schuppen zu erkennen, eine mit Autoreifen bedeckte Rübenmiete oder ein rostiger Pflug am Rand eines Feldes. Menschen oder Tiere sind kaum zu entdecken und auch auf den wenigen Straßen ist niemand auszumachen.

Es wird trocken hier sein, im Sommer, und im Winter wird es kalt sein, der Wind wird über die Felder fegen, ein staubtrockener oder eisiger Wind, der durch nichts aufgehalten wird. Jetzt hat der Herbst gerade begonnen, die ersten Regengüsse haben den Staub gebunden und alles in ein vorsichtiges Grün getaucht. Es ist zögernd und abwartend, als ahne es bereits, dass es den Winter nicht überstehen wird.

 

 

 

 

 

 

September

 

Es ist kühl am Morgen. Und feucht. Eine feine  Schicht Nebel steht über dem Boden. Noch ist er leicht und flüchtig, nur ein dünner Film. Um ihn zu sehen, müssen wir in die Knie gehen, unsere Köpfe auf die Höhe des Grases bringen – das Knistern der Halme im Ohr, ein Pieksen an der Wange, der Geruch nach Erde und Gras und Kindheit, Kribbeln in der Nase und auch am Gaumen –

Tagsüber ist es warm. Wir tragen offene Schuhe und dünne Kleidung, wir halten die Fenster geöffnet oder wir sitzen draußen und lachen und strecken die Körper.

Ein Wimpernschlag genügt, um den Nebel aufzureißen, ihn zu zerstreuen, in schmale, kaum merkliche Fetzen. Schon verliert er sich im Licht des neuen Tages, seiner Wärme.

 

 

 

 

 

Die Rose

 

Die Luft steht. Seit Tagen ist keine einzige Wolke am Himmel zu erkennen. Längst haben die Häuser die Hitze aufgenommen, staut sich die Wärme in den engen Höfen. Auch im Schatten ist es noch heiß. Doch hin und wieder fährt jäh eine Windbö in die Höfe, wirbelt Wäsche um eine Wäscheleine, bläst eine Zeitung vom Gartentisch und stiebt das Laub des vergangenen Herbstes über den Boden. Dann bewegt sich auch eine Rose an der Wand, deren einziger, mit wenigen Blättern und einer einzelnen roten Blüte ausgestatteter Schaft bereits das erste Stockwerk erreicht hat. Hart kratzt ihr dorniger Stamm über die verputzte Wand.

 

 

 

 

 

Frühe Erinnerung

 

In einem Wasserglas das Blitzen der Sonne. Eine Stimme. Nochmals die Stimme. Jetzt ist sie lauter. Und schneller und näher, doch es ist dieselbe Abfolge der Worte, dieselbe Betonung. Perlend steigen kleine Bläschen an die Oberfläche, zögern, zerplatzen. Ich höre mein eigenes Lachen. Ein Sonnenstrahl sticht mir in die Augen, ich hebe die Hände und kneife die Augen zusammen. Die Stimme ist erneut da, laut und hart und direkt an meinem Ohr, eine Hand zieht an meiner Schulter, klirrend schlägt Glas auf den Boden. Die Tischplatte leuchtet im Licht der Sonne. Langsam reibt meine Hand über die Schulter.

 

 

 

 

 

Im Park

 

Hört mich, hört mich, im Park ein kleines Mädchen, die dunklen Schatten der Bäume, ein Rascheln im Gebüsch. Hört mich? die Stimme leiser, fragend und bittend, sie geht zwei, drei Schritte zur Seite, streift mit den Füßen durch das Gras, trocken knistern die Halme. Und dann sagt sie Ach, in die Stille der Bäume und Gräser und Sträucher, das Knistern und Rascheln und Schaben, sie sagt es leise, flüstert, erschrocken über die eigene Stimme, verschluckt das Wort schnell im Sprechen. Leise rauschen die Bäume im Wind, kraspeln die Blätter der Sträucher. Ein Ast knackt.

 

 

 

 

 

Nach einem Fest

 

Ich gehe die Straße zurück, die ich einige Stunden zuvor gekommen bin. Es ist dunkel geworden. Die Fenster schwarz. Jeder Schritt ist zu hören. Das weiche Aufschlagen meines Körpers auf dem harten Untergrund, das Suchen nach Halt. Schaben auf dem Boden.

Ich habe ganz leise in einem Türrahmen gestanden, ein Glas in der Hand gehalten und auf die Tanzenden gesehen. Das Glas war kalt. Zart. Keine Unebenheit verriet sich meinen Fingern. Ab und zu habe ich die Augen geschlossen und die Finger sind durch das Haar gefahren. Dann ist der Moment vorbeigegangen, ich habe wieder im Türrahmen gestanden, das Gesicht fest auf die Tanzenden gerichtet.

An das Treppenhaus dachte ich, an das Leiserwerden der Stimmen und der Musik hinter meinem Rücken, an die Möglichkeit, aus einem Haus zu treten, genussvoll und laut die Luft einzuziehen, die Arme fröstelnd an den Körper zu drücken.

 

 

 

 

 

im Eintreten

 

fahren die Augen von der einen zur anderen Seite, im Öffnen der Tür, im ersten Schritt, während sich auf dem Gesicht bereits das Lächeln andeutet, mit dem sogleich eine zufällig nah der Tür stehende Person begrüßt wird; sie lächeln und nicken und grüßen, verteilen kleine Sätze zu den Seiten und tasten gleichzeitig die Körper der im Raum Stehenden ab, vergewissern sich, ob der andere da ist, wo er ist, vergewissern sich des Platzes, an dem er steht, auf den hin sie vorsichtig, verdeckt, verborgen suchend blicken werden, fürchtend und hoffend, entdeckt zu werden, vergewissern sich der Richtung, auf die hin oder von der weg sie nun ihre Körperhaltung ausrichten, die Neigung des Profils, die Lautstärke des Sprechens – vielleicht stehen sie auch innerhalb einer Gruppe zusammen, unterhalten sich über einen Film, den sie gesehen haben, ein Buch oder ein Thema aus der Politik, vielleicht bleiben sie auch noch nebeneinander stehen, wenn die Gruppe sich bereits aufgelöst hat, schweigend und zu Boden blickend oder dann doch ein paar Worte wechselnd, sich für einen angebotenen Stuhl oder eine geöffnete Tür bedankend, bevor sie vorsichtig und zögernd auseinander gehen, anstatt nach dem ersten Blick in den Raum, dem ersten eiligen Absuchen der Anwesenden und sobald sie den anderen in einer lachenden Gruppe, allein am Buffet oder an eine Wand gelehnt entdeckt hätten quer durch den Raum aufeinander zuzulaufen, ohne auf die anderen Gäste, die Gastgeber und die Höflichkeit zu achten, sich durch die Menge der Herumstehenden zu drängen, einer Gruppe auszuweichen, einer zweiten, nicht auf die Blicke zu reagieren, die ihnen von den Seiten zugeworfen werden könnten, die Versuche, sie zu grüßen, sie in eine der im Raum verstreuten Gruppen zu ziehen und in ein Gespräch zu verwickeln zu ignorieren, um sich mit einem Ausruf der Freude zwischen zwei eng nebeneinander stehenden Schultern hindurchzuschieben, schnell an einer von der Seite kommenden Person vorbeizuspringen, einen an sie gerichteten Gruß, eine Bemerkung oder eine Frage nicht zu beachten oder mit einem Später! beiseitezuschieben, um dann endlich beieinander anzulangen, mit zwei, drei schnellen Schritten voreinander zum Stehen zu kommen, laut lachend oder rufend und die Arme nacheinander ausstreckend, ehe sie die letzten Zentimeter hinter sich gelassen hätten und sie einander mit lautem Lachen und konfusem Sprechen in die Arme fallen könnten, die Körper aneinander ziehen und wieder voneinander schieben könnten, unsicher, ob sie einander umschlingen oder ansehen sollten, sprechen oder lachen oder küssen sollten, bis schließlich nur noch ein wirres Durcheinander von Armen und Beinen und Haaren und Köpfen und Lachen und Weinen zu sehen und zu hören wäre –

 

 

 

 

 

was man alles verliert, wenn die Eltern sterben oder alt werden und krank und Hilfe brauchen und man nicht mehr einfach nach Hause fahren und sich fallen und alles auf sich fallen lassen kann, auch wenn es anstrengend ist und lästig und ermüdend und zuviel … man verliert die Sonntagnachmittage in überheizten Wohnungen, man verliert den Geruch nach Kuchen und warm gestelltem Kaffee und Alter und Stillstand, man verliert die Müdigkeit, die einen mit dem Betreten der elterlichen Wohnung umfängt und erst wieder loslässt, wenn man die Tür wieder hinter sich zugezogen und die Luft tief eingesogen hat und die manchmal auch dann nicht verschwindet, sondern bis in den späten Abend und die Nacht und dann wieder den nächsten Tag verharrt und noch an einem haftet, wenn man längst in die eigene Wohnung und den eigenen Alltag zurückgekehrt ist, wo sie jeden Schritt und jeden Gedanken bremst – man verliert die verbogenen Kleiderbügel, die keine Jacke mehr halten mögen, man verliert den dunklen Flur mit den Trockenblumen und dem verstaubten Spiegel, man verliert die mürben Handtücher im Badezimmer und das Nichtstun und einfach nur da sein und Zuhören und die schwere Luft und das Warten, man verliert die Anrufe zum Geburtstag und die Geschichten, die man längst kennt, man verliert das Gefühl des Erstickens und der Enge und der Lähmung, man verliert die Langeweile und die Ordnung und man verliert seinen Platz in der Welt und in der Reihenfolge, man verliert den Ablauf und das Ende, man verliert die Distanz – sie können nicht mehr, sie können nicht mehr gehen und nicht mehr hören, sie können im Badezimmer keine neue Birne eindrehen und die verdorbenen Lebensmittel nicht in den Abfall werfen, sie können das Zeitschriftenabonnement nicht abbestellen und sie können nicht mehr sitzen und nicht mehr liegen und nicht mehr stehen – es wird keine selbstgebackenen Kekse mehr geben, keine Hausmittel und keine medizinischen Geheimtipps und Wundermittel und auch keine Geschichten von den Verwandten und aus der Kindheit der Eltern, keinen Geruch nach alter Haut und Haarspray und Kölnisch Wasser, kein abgestandenes Mineralwasser und kein Lachen mit den Geschwistern, kein Grinsen, keine hochgezogenen Augenbrauen und kein unterdrücktes Aufstöhnen und keine sorgfältig ausgeschnittenen Zeitungsartikel und Notizzettel auf der Anrichte, einen Stapel für jedes der Geschwister, die Punkt für Punkt abgearbeitet werden müssen, auch wenn wir nicht zuhören und durcheinander sprechen und dann alles in die Taschen stecken und zu Hause unbesehen in den Mülleimer werfen, zusammen mit den veralteten Wanderkarten und Ausstellungs- und Hotelprospekten, doch jetzt sterben sie, sie sterben! sie können nicht mehr, sie können nicht mehr hören und nicht mehr sehen, sie haben Schwierigkeiten einzuschlafen und am morgen kommen sie nicht hoch und die Programmierung des Fernsehers verstehen sie auch nicht, sie sterben und wir verlieren Zeit und Platz, verlieren die jährlichen Familienfotos und die Telefonate zur Unzeit und den Kontakt, wir verlieren Weihnachten und den Tannenbaum, die Weihnachtsfiguren und die Kerzen, wir verlieren die Geschenke und das viele Essen und wir verlieren die Trägheit zwischen Weihnachten und Neujahr und das Aufatmen, wenn alles wieder vorbei ist und wir verlieren die Ordnung der Sprache und die Reihenfolge der Buchstaben, wir verlieren die Jahreszeiten und das Wetter und oben und unten und vorher und nachher und ein wenig verlieren wir auch uns selbst

 

 

 

 

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Cornelia Manikowsky geboren 3.12.1961

Studium der Germanistik, Geschichte und Psychologie in Hamburg

 

Veröffentlichungen

Die Mutter im Sessel im Krieg, Verlag Hans Schiler, Berlin 2011

Glückswolke geschrumpft (Kinderbuch), Verlag Jungbrunnen, Wien 2007

Sommergeräusche, Kieler Edition im Verlag Ludwig, Kiel 2002

Marguerite Duras. Der Schmerz. Die Liebe. (gemeinsam mit D. Deuring), Kinemathek Hamburg, Hamburg 1997

Rosa Rosa, Rotbuch Verlag Hamburg 1996

Eine Frau und ein Junge, Rotbuch Verlag Berlin 1991

 

Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitungen, Zeitschriften und Literaturzeitschriften

 

Auszeichnungen: 2011 Kinder- und Jugendliteraturpreis der SOS-Kinderdörfer; 2002 artist in residence im Künstlerinnenhof Die Höge; 2000 Stipendiatin der Stiftung Kulturfonds (Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop); 1999 Aufenthaltsstipendium im Maison des Écrivains Étrangers et des Traducteurs (M.E.E.T) in ST Nazaire/ Frankreich; 1996/ 97 Aufenthaltsstipendium im Künstlerhof Schreyahn, Niedersachsen; 1996 Aufenthaltsstipendium in der Akademie Schloß Solitude, Stuttgart; 1995 Förderpreis für Literatur der Hansestadt Hamburg; 1995 Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin; 1990 Preis der Kärntner Industrie im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes in Klagenfurt/ Österreich; 1988 Förderpreis für Literatur der Hansestadt Hamburg.

 

 

www.manikowsky.de

 

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