Cornelia Manikowsky

 

 

(Deutschland)

 

 

Leere Landschaft

 

 
Der Zug fährt durch Felder und Wiesen, nur vereinzelt sind Bäume zu sehen oder Büsche und es ist flach, man kann weit sehen; Felder und Wiesen bis zum Horizont und bis sich die Grenze zwischen Land und Himmel verliert. Hin und wieder ist ein Schuppen zu erkennen, eine mit Autoreifen bedeckte Rübenmiete oder ein rostiger Pflug am Rand eines Feldes. Menschen oder Tiere sind kaum zu entdecken und auch auf den wenigen Straßen ist niemand auszumachen.

 
Es wird trocken hier sein, im Sommer, und im Winter wird es kalt sein, der Wind wird über die Felder fegen, ein staubtrockener oder eisiger Wind, der durch nichts aufgehalten wird. Jetzt hat der Herbst gerade begonnen, die ersten Regengüsse haben den Staub gebunden und alles in ein vorsichtiges Grün getaucht. Es ist zögernd und abwartend, als ahne es bereits, dass es den Winter nicht überstehen wird.

 

 

Die Rose

 

 

 

 

Fruehe Erinnerung

 

 
In einem Wasserglas das Blitzen der Sonne. Eine Stimme. Nochmals die Stimme. Jetzt ist sie lauter. Und schneller und näher, doch es ist dieselbe Abfolge der Worte, dieselbe Betonung. Perlend steigen kleine Bläschen an die Oberfläche, zögern, zerplatzen. Ich höre mein eigenes Lachen. Ein Sonnenstrahl sticht mir in die Augen, ich hebe die Hände und kneife die Augen zusammen. Die Stimme ist erneut da, laut und hart und direkt an meinem Ohr, eine Hand zieht an meiner Schulter, klirrend schlägt Glas auf den Boden. Die Tischplatte leuchtet im Licht der Sonne. Langsam reibt meine Hand über die Schulter.

 

 

Im Park

 

 

 

 

Im Eintreten

 

 
fahren die Augen von der einen zur anderen Seite, im Öffnen der Tür, im ersten Schritt, während sich auf dem Gesicht bereits das Lächeln andeutet, mit dem sogleich eine zufällig nah der Tür stehende Person begrüßt wird; sie lächeln und nicken und grüßen, verteilen kleine Sätze zu den Seiten und tasten gleichzeitig die Körper der im Raum Stehenden ab, vergewissern sich, ob der andere da ist, wo er ist, vergewissern sich des Platzes, an dem er steht, auf den hin sie vorsichtig, verdeckt, verborgen suchend blicken werden, fürchtend und hoffend, entdeckt zu werden, vergewissern sich der Richtung, auf die hin oder von der weg sie nun ihre Körperhaltung ausrichten, die Neigung des Profils, die Lautstärke des Sprechens – vielleicht stehen sie auch innerhalb einer Gruppe zusammen, unterhalten sich über einen Film, den sie gesehen haben, ein Buch oder ein Thema aus der Politik, vielleicht bleiben sie auch noch nebeneinander stehen, wenn die Gruppe sich bereits aufgelöst hat, schweigend und zu Boden blickend oder dann doch ein paar Worte wechselnd, sich für einen angebotenen Stuhl oder eine geöffnete Tür bedankend, bevor sie vorsichtig und zögernd auseinander gehen, anstatt nach dem ersten Blick in den Raum, dem ersten eiligen Absuchen der Anwesenden und sobald sie den anderen in einer lachenden Gruppe, allein am Buffet oder an eine Wand gelehnt entdeckt hätten quer durch den Raum aufeinander zuzulaufen, ohne auf die anderen Gäste, die Gastgeber und die Höflichkeit zu achten, sich durch die Menge der Herumstehenden zu drängen, einer Gruppe auszuweichen, einer zweiten, nicht auf die Blicke zu reagieren, die ihnen von den Seiten zugeworfen werden könnten, die Versuche, sie zu grüßen, sie in eine der im Raum verstreuten Gruppen zu ziehen und in ein Gespräch zu verwickeln zu ignorieren, um sich mit einem Ausruf der Freude zwischen zwei eng nebeneinander stehenden Schultern hindurchzuschieben, schnell an einer von der Seite kommenden Person vorbeizuspringen, einen an sie gerichteten Gruß, eine Bemerkung oder eine Frage nicht zu beachten oder mit einem Später! beiseitezuschieben, um dann endlich beieinander anzulangen, mit zwei, drei schnellen Schritten voreinander zum Stehen zu kommen, laut lachend oder rufend und die Arme nacheinander ausstreckend, ehe sie die letzten Zentimeter hinter sich gelassen hätten und sie einander mit lautem Lachen und konfusem Sprechen in die Arme fallen könnten, die Körper aneinander ziehen und wieder voneinander schieben könnten, unsicher, ob sie einander umschlingen oder ansehen sollten, sprechen oder lachen oder küssen sollten, bis schließlich nur noch ein wirres Durcheinander von Armen und Beinen und Haaren und Köpfen und Lachen und Weinen zu sehen und zu hören wäre –

 

 

Nach einem Fest

 

 

 

 

September

 

 
Es ist kühl am Morgen. Und feucht. Eine feine Schicht Nebel steht über dem Boden. Noch ist er leicht und flüchtig, nur ein dünner Film. Um ihn zu sehen, müssen wir in die Knie gehen, unsere Köpfe auf die Höhe des Grases bringen – das Knistern der Halme im Ohr, ein Pieksen an der Wange, der Geruch nach Erde und Gras und Kindheit, Kribbeln in der Nase und auch am Gaumen –
Tagsüber ist es warm. Wir tragen offene Schuhe und dünne Kleidung, wir halten die Fenster geöffnet oder wir sitzen draußen und lachen und strecken die Körper.
Ein Wimpernschlag genügt, um den Nebel aufzureißen, ihn zu zerstreuen, in schmale, kaum merkliche Fetzen. Schon verliert er sich im Licht des neuen Tages, seiner Wärme.

 

 

Was man alles verliert

 

 

 

 

www.manikowsky.de

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