Cornelia Becker

 

 

 (Deutschland)

 

 

 

 

 

 

Eastside

 

Geräuschlos schließt sich die Haustür hinter ihm. Lichtreflexe der geschliffenen Scheiben flirren über die Wände der kühlen Eingangshalle. Roter, schwerer Sisalteppich unter seinen Füßen, als Mo  – immer zwei Stufen nehmend – hinaufgeht. Er streift die Jacke ab, freut sich auf eine kalte Dusche. Angelangt in der dritten Etage, die Schlüssel schon in der Hand, bleibt er plötzlich stehen, auf seiner Wohnungstür ist ein pinkfarbener Halbmond gemalt, darunter steht: Mohammedaner raus! Er tastet das Wort wieder und wieder ab und begreift nicht, spürt ein rasches Zirkulieren in seinem Körper, Hitze von innen aufsteigend, wo ist die Verbindung zu ihm?

Mohammedaner, sperrig, verstaubt klingt das. Und fremd.

Wütend wischt er über die Schrift, es ist nur Kreide, die seine Handfläche sofort rosa färbt. Hinter sich, in der Wohnung der alten Frau Egbert hört er etwas leise scharren. Er wendet sich um, ruft gegen die verschlossene Tür, ob sie etwas gesehen habe, wiederholt seine Frage, als er anklopft, lauscht, doch von drinnen ist nichts mehr zu hören.

Warme, abgestandene Luft steht im Flur seiner Wohnung, als er schließlich aufschließt und eintritt. Mo streift seine Chucks ab, wirft Jacke und Schlüssel auf die Bank im Eingang, geht durch den langen, dadurch eng wirkenden Flur zu seinem Arbeitszimmer. Lichtpfützen färben das Parkett goldgelb. Er hat wieder vergessen die Jalousien zu schließen und gegen jedes bessere Wissen öffnet er jetzt die Doppelfenster. Steht regungslos eine Weile, braucht all seine Energie, um die Botschaft an der Tür auszublenden.  Eine Festschreibung, die für ihn  nicht existiert, nur in den Köpfen anderer vorhanden ist. Mo guckt  hinunter auf die Allee; Platanen, die dreistöckigen Häuser, er sieht alles so, wie man Vertrautes anschaut, ohne es wirklich zu sehen. Über den Baumkronen rechts glitzert die goldene Kuppel vom Schloss. In der flirrenden Luft scheint die Figur darauf zu tanzen. Das dreckig weiße Dach eines Busses schiebt sich langsam unter ihm vorbei, die Reifen plattern über das Kopfsteinpflaster. Er wendet sich dem Raum zu. Das Lämpchen des Anrufbeantworters blinkt, eine Nachricht von Miguel, der wissen möchte, wie weit seine Pläne nun gediehen seien, ist Mo langsam bereit  nach Granada zu kommen? Mo drückt auf die Wahlwiederholung, wenige Freizeichen, eine digitalisierte Stimme wiederholt die Telefonnummer. Seufzend legt er auf. Die weißen Wände des Zimmers – die Tapeten mühevoll abgekratzt, bis der Putz darunter sichtbar wurde – Schreibtisch, PC, ein Regal, das vollgestellt mit nützlichen Dingen ist, nur nicht mit Büchern. Rechts daneben stapeln sich die Bücherkisten, noch nicht ausgepackt. Bilder, Leinwände hintereinander gestellt, auch dafür hat er sich noch keine Zeit genommen. Die gesamte Einrichtung ist auf das Notwendigste beschränkt. Improvisation seine Lebenshaltung. Er gibt sich einen Ruck, muss das Geschmiere auf seiner Wohnungstür abwischen, doch auf dem Weg in die Küche überlegt er es sich anders. Er wird es stehenlassen. Sollen doch alle im Haus davon erfahren. Irgendeiner wird schon reagieren!

2

Das Wasser prasselt auf seinen Körper, in sein Gesicht. Kalt und hart. Endlich kommen die Gedanken zurück, finden wieder Raum in seinem Kopf. Bilder vor allem: Granada. Vom Albaicín aus der Blick über engstehende Häuser und Gassengewirr, Piniengeruch und der von Eisen und Salz in der Luft.  Mo ist innerlich ganz auf den Freund an seiner Seite konzentriert: Miguel, der die Silhouette der Stadt mit seiner Hand nachzeichnet, der, Mo weiß es genau, ihm die Stadt näher zu bringen sucht. Er braucht einen Partner für seine Geschäfte, jemanden, der investiert. Mo wäre genau der Richtige. Sie kennen, vertrauen einander. Jeder seiner Sätze versucht ihn zu überzeugen: Komm hierher. Dies ist unsere Stadt! Und Mo folgt seiner Hand bereitwillig über Burg und Berg, genießt Miguels persönlich getönten Erzählungen über diese Stadt, in der er immerhin schon seit fünfundzwanzig Jahren lebt.

Später streiften sie durch das arabische Viertel, tranken Tee, ein junger Mann, der sich vom Bildschirm seines Laptops losreißen musste, bediente sie; er machte Andeutungen von großen politischen Umwälzungen im Osten, jetzt kann uns niemand mehr das Sprechen verbieten, sagte er und wies auf den PC. Doch erst am Abend, als Mo aus nächster Nähe den Muezzin rufen hörte, – die Stimme eines einzelnen Mannes, leicht und leise, vom Wind getragen, eine modulierte, wohlklingende Stimme, die die Anwesenheit seines Gottes heraufbeschwor und auch ihn damit berührte, obwohl er nicht gläubig ist – erst da war ihm bewusst geworden, dass es eine Verbindung zwischen ihm und der muslimischen Geschichte der Stadt gab. Die Schönheit dieser Melodie hatte sein Vater die ersten zwölf Jahre seines Lebens im Ohr gehabt, war mit ihr aufgewachsen. Und plötzlich wusste Mo, dass er diesen Teil in sich bisher gänzlich ignoriert hatte. So kann man unbekanntes Land in sich entdecken.

Und er schloss seine Augen und lauschte dem zärtlichen Gesang. Allah u akbar …

Auf dem Flur bleibt er vor dem Spiegel stehen: schlank, langgliedrig, die dunkelblonden Locken ziehen sich nass und schwer fast bis auf die Schultern hinunter. Seine Augen blau, dunkel, preußischblau, wie seine Mutter immer sagte. Er streckt sich zufrieden nach oben, jeder Muskel, wie von einem guten Maler nachgezeichnet. Sanft und präzise gleichzeitig.  Ein paar Klimmzüge an der Stange, die er mit schweren Schrauben an den Flurwänden befestigt hat. Warum macht er sich eigentlich so viele Gedanken? Sein Leben verläuft gut. Er ist erfolgreich. Männer und Frauen lieben ihn. Seine deutsche Mutter und sein tunesischer Vater haben keine Gelegenheit verstreichen lassen, den Jungen, ihr einziges Kind, schon früh in seinen Besonderheiten zu unterstützen. Und sein Vater sorgte dafür, dass Mo sich Ort und Menschen zugehörig fühlte.  Seine Mutter wachte über die üblichen Rituale: der Tannenbaum zu Weihnachten, die Eiersuche zu Ostern. Die deutsche Sprache war ihre gemeinsame Familiensprache. Kein Wort von einer Rückkehr in eine unbekannte Vaterheimat. Im Gegenteil, sein Vater betonte immer wieder, wie wohl er sich hier fühle, welches Geschenk, das er hatte wählen dürfen und nicht wie so viele andere am Herkunftsort unglücklich ausharren musste. Und tatsächlich: die Stadt, mit ihren Straßen und Plätzen, dem Werk, das so vielen Arbeit gab, war die ihn fraglos umgebende Welt, die sich langsam, beginnend in Mutters Schoß und Vaters Armen, erweiterte, organisch mit ihm in die Höhe und Breite wuchs. Mo war Deutscher, in Wolfsburg geboren, religiöse oder nationale Einbindung hatte bei ihm Zuhause keine Rolle gespielt. Man war tolerant Menschen gegenüber die eine religiöse  Identität, welche auch immer,  brauchten und kultivierten. Übertriebene nationale Betonung wurde bei ihnen mit einem Lachen quittiert.

Arabäisch, sagte sein Vater. Nein, Germanäisch, widersprach seine Mutter.

Mo steigt in kurze Shorts, gießt Wasser in ein Glas, leert es in einem Zug, füllt es ein zweites Mal und geht damit hinaus auf den Balkon. Die dichte Blätterwand der Kastanie, geschichtet aus verschiedenen Grün- und Gelbtönungen, lässt das Sonnenlicht kaum durch. Immer noch ist es sehr warm, die Luft aufgeladen wie vor einem Gewitter.

Bisher kannte er kein Zögern und Zaudern, wenn er etwas anfängt, gelingt es ihm auch. Doch seit einigen Monaten gibt es plötzlich Hürden, die im Weg liegen und ihn zwingen, Umwege einzuschlagen. Genauer gesagt seit dem Eintreffen des Briefes im Frühjahr. Ein Brief, in dem er aufgefordert wurde, Deutschland zu verlassen. Der Verfasser erklärte die Einwanderungspolitik der Regierung für gescheitert, ließ sich über den Bau von nicht gewollten Moscheen, sowie der hohen Kriminalitätsrate von arabischen Jugendlichen aus. Die Vernichtung Deutschlands durch Zuwanderung und Islamisierung sei beschlossene Sache, schrieb er weiter. In über sechzig Suren würde zum Mord an Andersgläubigen und Ungläubigen, speziell an Juden und Christen aufgerufen. Das Vertrauen in die Integrationsabsichten einer naiven und entscheidungsscheuen Regierung  sei aufgebraucht und deshalb müssten jetzt die Bürger selbst aktiv werden. Tatsache ist, wir kennen einander nicht, oder viel zu wenig. Wir haben bisher zu wenig nach gefragt, und die Mohammedaner ihrerseits haben sich viel zu wenig erklärt und geöffnet. Prinzipiell habe ich persönlich nichts gegen Sie oder einen Ihrer Landsleute, doch scheint mir aufgrund vieler kultureller Unterschiede ein Zusammenleben nicht möglich, ja, problematisch. Der Brief war in einem höflichen Tonfall gehalten – gepflegte Handschrift, fehlerfreie Orthografie – sein Verfasser schien ein planvoll vorgehender, verhaltener Mensch zu sein, keiner, der aus dem Affekt handelt. Duktus und alte Rechtschreibung schienen eher auf einen besonnenen, älteren Menschen zu schließen. Keiner der üblichen Nazischreier jedenfalls. Und am Ende des Briefes forderte er ihn fast besorgt auf das Land, unser Land, zu verlassen, bevor es ein Unglück gäbe.

Woher wusste dieser Mensch wer Mo ist? Woher kennt er ihn? Und nun traut er sich auch noch ins Haus hinein. Das passt irgendwie nicht zum Stil des Briefes. Aber diesen altmodischen Begriff: Mohammedaner, den hat er im Brief  doch auch benutzt? Ist es vielleicht jemand, der ihm seine Eigentumswohnung neidet? Wohnt er womöglich im selben Haus und sie begegnen sich täglich? Nein, das ist unmöglich, er kennt seine Mitbewohner, das traut er niemandem zu!

Diese Fragen, die nun ständig in ihm zirkulieren und neue nach sich ziehen. Als ob Mo etwas zu befürchten hat! Er beschließt den Brief ebenso wie die Zeichen an der Tür zu ignorieren. Er wird sich nicht provozieren lassen!

Von unten klingen Lachen und leise Stimmen herauf, zerteilt vom Klacken der Boule – Kugeln. Was für ein friedlicher und wunderbarer Abend. Er wird Angie anrufen, ob sie mit ihm ausgehen will.

3

Und dann? fragt Angie weiter.

Und dann und dann … Nichts weiter, nur dieses Geschmiere.

Okay, schon gut. Ich hole uns was zu trinken.

Neben sich spürt er die Hitze, hört das Knistern des Feuers in der Tonne. Er lehnt sich zurück, gräbt seine nackten Füßen in den kühlen Sand. Ein weiter Himmel über ihm. In seiner Blickrichtung die Kronen vereinzelt stehender Bäume. Riesen, uralt. Rechts davon der Fluss. Bisher hat er mit niemandem über die Drohung gesprochen. Es ist irgendwie demütigend, als habe man eine   psychische Fehlhaltung, eine Perversion bei ihm diagnostiziert.  Einen Makel, auf den ihn die Briefe höflich, aber kalt hinwiesen. Etwas, was er zuvor an sich, wenn überhaupt, nicht mit diesen negativen Vorzeichen wahrgenommen hat.

Angie kommt mit den Getränken zurück, bietet ihm ein Bier mit Lemonzusatz an, er hasst das süße Zeug und lehnt ab. Sie sinkt  in den Liegestuhl neben ihm, erzählt, dass sie am nächsten Morgen früh aufstehen müsse,  drei Leute habe sie für eine Tour beisammen. Sie organisiert Fahrradtouren für Berlin-Touristen, bringt sie auf Fahrrädern zu den vergessenen Mauerorten der Stadt. Mo freut sich für sie, dann läuft ja alles prima.  Angie schaut in die Dunkelheit, trinkt. Eine Fahrradwerkstatt würde wahrscheinlich besser funktionieren. Bei den alten Klapperrädern … Während der letzten Tour mussten wir schon zu Beginn ein Rad flicken. Mitten auf dem Pariser Platz. Bei 30 Grad!

Was machst du auf dem Pariser Platz, wenn du die versteckten Orte suchst?

Haha, wir müssen uns doch irgendwo treffen. Zentral. Und die Tour war grad erst losgegangen. Mein Glück, dass einer technisch geschickt war und hilfsbereit, sonst … Die drei anderen Kunden waren jedenfalls reichlich genervt. Im letzten Jahr hat Angie einige gebrauchte Räder gekauft und sie im Hinterhof überwintern lassen, mit dem Ergebnis, dass bei Frühlingsbeginn alle brauchbaren, neueren Teile abmontiert waren und die Restfahräder verrostet. Du darfst die Räder im Winter nicht wieder draußen lassen. Wir suchen eine Garage dafür.

Und dann? Hundert Euro für so ein Ding? Nein!

Er bietet ihr finanzielle Hilfe an, die sie zum wiederholten Male ablehnt. Muss mir für den Winter sowieso was einfallen lassen, sagt sie, steht auf, zieht eine seiner Locken auseinander, die sofort zurückspringt. Kommst Du mit?  Er schüttelt den Kopf, hat keine Lust zu tanzen, vielleicht später. Angie geht hinüber zu einer Holzplattform unter den Bäumen. Mo schiebt sich in seinem Liegestuhl etwas nach oben. Manchmal kann er ihre weit ausgreifenden Bewegungen zwischen den anderen Tänzern ausmachen. Er hat sie vor einigen Jahren im Kiez, im Wedding kennengelernt. Dort herrscht ein raues Klima und man traf sich hin und wieder in einer der drei Kneipen, in die Leute wie sie hingehen konnten.  An einem Abend war Angie aufgeregt herein gestolpert, kurzatmig erzählte sie am Tresen, wie sie gerade von zwei ausländischen Jungens an einer Kreuzung fast vom Fahrrad herunter gestoßen worden wäre. Einfach so. Während der nächsten Stunden sprach sie immer wieder darüber, wie die Beiden sie zwischen sich genommen und hin und her gestoßen hatten. Wie einen Spielball! Ihr Erstaunen darüber, dass ihr überhaupt so etwas passieren konnte! Später begleitete Mo sie auf ihrem Heimweg. Sie lud ihn zu sich ein. An diesem Abend verführte sie ihn und sie schliefen miteinander. Nie sprachen sie über ihre Gefühle.  Er war nicht verliebt und sie gehörte nicht zu den Frauen, die klammerten und klagten.

Zerstreut greift Mo nach einer liegengebliebenen Zeitung, im Feuerschein kann er nur die Titelzeile lesen: Haftverschärfung für jugendliche Straftäter. Für Araber, murmelt Mo und stopft die Zeitung in die Feuertonne. Die Flammen blecken hoch,  das Papier wolkt auf und zerfällt.  Er folgt Angie auf die Tanzfläche. Die Musik ist dick und schlierig, wie die warme Sommernacht und er bewegt sich fast von allein. Als Angie ihn entdeckt, grinst sie, bleibt aber in ihrem Rhythmus und auf  Distanz. Eine unbekannte Frau tanzt sich an ihn heran, rudert mit den Armen vor seinem Gesicht. Er schließt die Augen, überlässt sich dem Sound. Das letzte Mal hat er in Granada getanzt. Granada? Was will er dort? Einen Versuch starten, wie immer. Neues erproben. Die Stadt fasziniert ihn. Vielleicht kann er dort etwas finden, was zu ihm gehört? Bevor andere ihn in etwas hinein zwingen.

Archäologe der eigenen Geschichte werden. Das gefällt ihm!

Als er die Augen wieder öffnet, tanzt die Frau immer noch vor ihm, schaut ihn aufmerksam an. Er lächelt sein sanftes Lächeln, wissend, wie sehr das den Frauen gefällt. Im selben Moment ist Angie an seiner Seite, hängt sich in seinen Arm, und er lässt sich von ihr fortziehen. Ihr Platz am Feuer ist belegt von einer Gruppe Jugendlicher. Sie nehmen zwei  Korbstühle und setzen sich unter den freien Himmel mitten in das Gelände. Angie zündet einen Joint an, inhaliert tief. Schaut in den Himmel in dem einige, blasse Sterne nur zu ahnen sind. Beta pictoris, Al Dhahab al Dajajah … Sie spricht die Namen aus wie ein Gebet. Mo kennt ihre Leidenschaft für Astronomie, sie liebt den Klang der Sternennamen und hat eine riesige Sammlung davon im Kopf. Auch er betrachtet den Himmel, in dem nichts zu sehen ist, die Lichter der Stadt fressen alles, nur seine Weite und Dunkelheit ist über ihnen. Sie reicht ihm den Joint, er zieht daran und lehnt sich zurück. In ihrer Nähe spielen sie Volleyball, das Reiben und Quietschen der  Gummisohlen auf dem Sand,  der dumpfe Aufprall  des Balles. Weit von ihnen entfernt, am Rande des offenen Himmels ist die Skyline aufgehängt, wie eine Leuchtreklame frisst sie sich in den Horizont. Deep sky,  Alderamin …  reiht Angie die Namen der Himmelskörper weiter auf. Irgendwann unterbricht sie sich selbst, fragt ihn nach seinen Plänen und ob er nun entschieden sei, nach Spanien zu gehen? Wie zufällig fällt ihre Hand auf seine. Nein, Angie, nein. Das geht nicht mehr. Sagt er, lässt seine schlaffe Hand aber auf der Stuhllehne liegen. Auch Angie rührt sich nicht. Du willst also tatsächlich hin? Du kannst doch gar kein Spanisch. Irgendetwas musst du da doch machen? Insistiert sie, als er mit den Schultern zuckt.

Wenn man sich so fragt, geht man nie. Was hab ich denn hier? Superstress, fünf Jobs parallel. Und dort wird es halt nicht anders sein!  Sie schweigen, starren beide in das Dunkel über ihnen …

Auf jeden Fall wird er – sollte er nach Spanien aufbrechen – seine Großmutter besuchen. Weiß der Teufel, warum ihm die jetzt gerade einfällt. Er sei oft bei ihr in den Ferien gewesen. Mit seinen Eltern lebte er in Wolfsburg.  Sein Vater habe dort einen Job als Ingenieur, bei VW in der Entwicklung gehabt. Und seine Mutter brachte ihn regelmäßig in den Ferien ins Dorf zu ihrer Familie. Seine Großmutter war voller Geschichten, erfundenen oder wahren, wer wusste das schon? Zumeist von ihren Vorfahren. Ein beeindruckendes, wildes Volk jedenfalls, von Pech und Schwefel zusammengehalten. Wirklich merkwürdige Dinge passierten in dem Dorf. Eine meiner ersten Erinnerungen ist eine Frau, die langsam zum Himmel aufsteigt. Langsam und irgendwie wackelig, so als sei sie mit den Flügeln noch nicht vertraut.

Angie setzt die Flasche ab, aus der sie gerade trinkt und hustet: Flügel?

Ja, natürlich Flügel. Wie sollte sie denn sonst fliegen?

Gerade will sie ihm etwas erzählen, als sein Handy klingelt. Er springt auf und geht hinüber zum Spreeufer, setzt sich auf die Mauer, fühlt die Wärme der Steine durch den dünnen Stoff seiner Hose. Wasser gluckert unter seinen Füßen. Miguel ist am Apparat, erzählt den neuesten Klatsch aus Granada. Stell dir vor, heute gab es eine Demo, die nordafrikanischen Einwanderer fordern ihren Anteil am Erlös der Eintrittsgelder für die Alhambra. Tolle Entwicklungen, was? Und die Spanier sind stinksauer. Ein Ausflugsdampfer, hell erleuchtet, schiebt sich heran. Die Wellen schlagen hoch, das Wasser platscht gegen die Mauereinfassung, ein muffiger Geruch, der daraus aufsteigt.  Er zieht die Füße hoch, erzählt Miguel in die wummernden Bässe der Tanzmusik hinein von der Drohung an der Tür. Ob das schon häufiger passiert sei, will der wissen.

Hin und wieder eine Provokation … Die Wellen klatschen jetzt über die Einfassung hinaus, er springt auf, wendet sich dem Gelände zu. Miguel ruft, er könne ihn nicht mehr verstehen.

Die U-Bahn, die Nächte, wiederholt Mo, die Stadt ist riesig und voller Aggression, sind meist nur jugendliche Kraftprotzereien. Und es gibt immer Leute, die herum pöbeln müssen.

Es ist gefährlich, pass auf dich auf! Der besorgte Ton, da ist er. Er bereut jetzt, dass er davon gesprochen hat. Es ist schon gut. Mir kann nichts passieren, ruft er. Plötzlich ist die Verbindung unterbrochen. Er schaltet sein Handy ab.

Als er zurückkommt, steht Angie an der Feuerstelle. Mo erzählt ihr von dem Anruf. Sie setzt die Flasche an den Mund, trinkt. Schaut durch das grünfunkelnde Glas in das Feuer, sagt, sie sei irgendwie neidisch … auf seine Sorglosigkeit. Einfach so abhauen, neu anfangen. Verdammt.  Angie ist betrunken! Das geschieht in der letzten Zeit immer häufiger.  Sie verträgt nicht viel. Ihren kleinen und großen Krisen begegnet sie wahrscheinlich mit Alkohol, und da jeder Tag eine Krise birgt, trinkt sie täglich. Er hält ihre Hand fest, nimmt ihr die Flasche fort, sagt, dass er sie nach Haus bringen wird .

Das Gelände liegt direkt hinter der Eastside Gallery am Ostbahnhof. Gegenüber  vom Ausgang ist die Stadt sofort wieder da: Mac Do, Liddel, die ganze Einkaufsindustrie, in flachen, grauen Gebäuden hintereinander geschachtelt. Er startet seinen Jeep Cherokee, das Radio springt automatisch an. Islamistischer Terror. Verbrennung des Korans. Tschador verbarg die Bombe… Er stellt das Radio ab. Wohin er auch hört in diesem Sommer, rechte Populisten erobern die politische Bühne und das Publikum applaudiert.

Angie neben ihm ist fast eingeschlafen. Vor ihrer Haustür in der Malplaquetstraße schüttelt er sie leicht. Sie schnauft leise, rutscht näher an ihn heran, lehnt den Kopf gegen seine Schulter und murmelt: Komm mit rauf. Mo schiebt sie vorsichtig zurück, steigt aus, öffnet die Tür an ihrer Seite und flüstert ihren Namen. Gegen ihren Protest hilft er ihr aus dem Wagen. Draußen stößt sie ihn von sich und wankt zum Eingang. Mo ist damals freiwillig in den Wedding gezogen und schon wieder fort, während sie immer noch hier lebt. Ihre Alternativen sind spärlicher geworden. Angie hat jetzt das Tor geöffnet und macht eine Bewegung über die Schulter hinweg, wie „Haudochab“. Mo wartet bis sich das schwere Tor hinter ihr schließt, dann erst fährt er weiter zur Stadtautobahn Richtung Charlottenburg. Raus aus dem Ghetto!

An seiner Wohnungstür immer noch das Kreidegekritzel.

4

Im Moment muss er finanziell ein wenig kürzer treten und verschiedene Aufgaben jonglieren. In der Werbefirma haben sie seinen Job runter geschmolzen auf zehn Stunden, es kommen nicht genügend Aufträge rein. Das reicht nicht für seinen Lebensstandard. Zum Glück hat er die Kredite für seine Wohnung gerade abbezahlt! Überhaupt weigert er sich das allgemeine Klagelied der wirtschaftlichen Krise mitzusingen. Bestens ausgebildet ist er und sobald die Rezension eingedämmt, wir er als einer der Ersten durchstarten! Ein Arbeitskollege, Freelancer wie er, hat ihm den Job bei Secretfilms vermittelt. Er muss die einzelnen Organisationsschritte an den Drehorten planen und koordinieren. Sechzehn Stunden am Set sind normal. Er kann hart arbeiten. Mehrere Baustellen nebeneinander? Kein Problem. Ist alles nur eine Sache der Konzentration.

Der Gedächtnisturm soll eingerüstet werden. Secretfilm hat den Auftrag bekommen, eine kurze dreiminütige Doku für das regionale Fernsehen zu realisieren, um auf die Baumängel hinzuweisen. Ein Arzt, der die Nation anstatt mit dem Skalpell, durch Lachen via Bildschirm kurieren will, hat zuvor einige Berlin-Bürger zu einer Klettertour auf den gegenüberliegenden neuen Turm eingeladen. Oben angelangt referierte er über eine mögliche Einsturzgefahr des Turmes und Höhenängste, natürlich neurotische, der Teilnehmer. Zum Schluss regte er zu einem kleinen Gedankenspiel an: Wie fühlst du dich? Ein terroristischer Angriff, du hast drei Möglichkeiten. Die erste, du kannst springen, die zweite: abwarten, was passiert, die dritte Option ist beten … Haha, sehr witzig! Das daraus gewonnene Filmmaterial ist schon bearbeitet, nun fehlen noch einige Außenaufnahmen. Die müssen rein, bevor der gegenüberliegende alte Turm im Herbst eingerüstet werden würde! Mit dem Kameramann Alexander und Ben, dem Projektleiter  steigt Mo auf das Flachdach des neuen Turmes hinauf, um die Kameraeinstellungen festzulegen. Eine Steintreppe führt zum Flachdach hinauf, die letzten Meter müssen sie über eine Feuerleiter hochklettern. Über ihm der Himmel, unter ihm die Tiefe, ihm wird übel, er konzentriert sich auf die langen Beine des Kameramannes vor ihm. Endlich sind sie oben, laut brandet der Verkehrslärm zu ihnen herauf, der Breitscheidplatz, zwischen zwei dicht befahrenen Straßen gelegen, eine vitale Gegend, eine der Hauptverkehrsadern der Westcity. Hinter ihnen der Schatten des alten Turmes, der mit seinem zerstörten Mauerwerk alles überragt und den glatten blauen Himmel auszackt. Ben schaut sich um, sagt, er hoffe, dass sie genügend Material beisammen haben. Sie machen sich Gedanken über Lichteinfall und Sonnenstand und welche Einstellungen noch fehlen …Mo kann sich nur schwer konzentrieren, schaut hinab auf den Platz. Sein Herz rast. Ein Stoß von hinten und er liegt unten … Nein, es ist wie ein Sog. Ein Schritt nach vorn, die Tiefe selbst ist es, die ihn ruft, ihn mit ihrem großen Atem einsaugen will. Er tritt zurück, dem langen Kameramann vor das Schienbein, der hinter ihm steht.  Er stammelt eine Entschuldigung, doch Alexander grinst auf ihn herab: Schon gut. Er sei bei der ersten Klettertour dabei gewesen, und der Arzt, dieser Komiker, habe schon recht gehabt! Man dürfe nicht zu nah an den Abgrund heran gehen.

Auf dem Weg zum Parkplatz wird er von Ben gerufen, kann Mo ihn mitnehmen und am Schloss absetzen? Kochende Luft im Auto als er startet, die Klimaanlage braucht eine Weile, bis es erträglicher wird. Das glatte schwarze Lenkrad unter seinen Händen beruhigt ihn. An der Kreuzung Savignyplatz, Ecke Bleibtreustraße muss er vor einer Ampel halten. Sofort sind zwei junge Männer da, die ihm die Scheiben wischen wollen. Er winkt ab, doch der eine stellt schon den Scheibenwischer hoch, während der andere mit einem nassen, dreckigen Schwamm zu wischen beginnt. Verdammt, man wird die nicht los. Kaum wechselt das Signal, gibt er Gas. Die beiden Männer springen zurück. Bist nervös heute? fragt Ben. Plötzlich hat Mo den Impuls ihm alles zu erzählen. Ben ist empört. Wie sich über alles ein Schleier gelegt habe, darunter die demokratischen Werte versteckt, geschützt gegen islamische Einflüsse. Der Tschador der Vernunft sozusagen! Wird ja langsam wieder gesellschaftsfähig Menschen auszugrenzen. Mo lacht, spürt, wie ihn Bens Reaktion entlastet, der Druck, der sich seit Wochen aufbaut und staut, abnimmt. Was ihn am meisten irritiert, das merkt er jetzt im Gespräch mit Ben, ist die Haltung seiner Mitbewohner; diese netten, aufgeschlossenen Menschen haben den Vorfall bisher mit keinem Wort erwähnt und das obwohl der „Mohammedaner“ schon  seit drei Tagen an seiner Tür zu sehen ist. Und gestern ist ihm eine Nachbarin auf der Straße entgegengekommen, sieht ihn, und wechselt zur anderen Seite, kurz darauf, an der Ampel sind sie sich dann doch begegnet und mussten sich grüßen. Ist er zu empfindlich? Das kann er sich doch nicht einbilden?  Natürlich ist es ihr gutes Recht, wenn sie mit dem Unglück anderer nicht konfrontiert werden will. Wofür lebt man in der Großstadt? Sucht ihre Anonymität. Doch nicht, um in die Schwierigkeiten anderer hinein gezogen zu werden …

Ben will wissen, ob er die Polizei verständigt hat?

Nein. Mo hat nicht einmal mehr den Brief, er hat ihn zerrissen. Aus Wut zerrissen. Blöder Witz, hat er gedacht. Doch jetzt merkt er: der andere lässt nicht locker. Der meint es ernst! Und Mo fragt sich, was er damit zu tun hat? Demnächst werden sie mich von der anderen Seite zum Ausbildungslager rekrutieren wollen…

Womit du dann alle Erwartungen endlich erfüllt hättest!

Mo muss plötzlich laut lachen, zur anderen Seite – wenn es die denn gäbe -, passt er auch nicht. Er ist unbeabsichtigt zwischen die Fronten geraten und weiß nur eines: er taugt nicht zum Opfer!

Zugehörigkeit.

Wie klein die Schubladen sind, wie eng die möglichen Verhaltensweisen.

5

Keine Spur mehr von der Kreide an seiner Tür, als er nach Haus kommt. Die Putzkolonne ist da gewesen, hat das Treppenhaus und seine Tür gereinigt. Fast ärgert ihn das jetzt, nun können die Nachbarn weiterhin so tun, als hätten sie nichts gesehen. Woher seine Wut? Weil sich nicht alle gleich bei ihm erkundigt haben? Mo kennt doch ihre Zurückhaltung!

Er hat einige freie Tage vor sich, die Filmaufnahmen sind für die nächste Woche angesetzt. Stattdessen wird er zu Haus an einem Werbeprojekt weiterarbeiten. Bei freier Zeiteinteilung: lange schlafen, mittags joggen, bis tief in die Nacht hinein arbeiten … Sein Einsamkeitskokon.  Er liebt ihn!

Manchmal führt er lange Telefongespräche mit Miguel. Ja, er überlegt ernsthaft aufzubrechen. Und Granada, warum nicht? Aber wie er es auch dreht und wendet, die Mittel sind  knapp, seine Rücklagen reichen für wenige Monate und an eine Geschäftsbeteiligung ist im Moment überhaupt nicht zu denken! Es ist mehr, um die eigene Haut zu retten. Klingt dramatischer, als es ist! Er braucht Abstand. Das Land, seine Menschen von Außen betrachten. Sich ein Bild machen. Wenn man ein Bild anschaut, muss man Abstand halten. Erst in der Distanz kann man sich von den Details lösen und Überblick gewinnen.

Miguel besteht darauf, dass er trotzdem kommt. Er wird ihm das Dachzimmer reservieren, da habe schon so mancher seine Krise überdacht und überwunden. Im Haus gäbe es immer genügend Arbeit. Er weiß nicht, ob er Mo das zumuten kann…?

Doch! Er möchte ja aufhören zu denken. Wenn es etwas zu tun gibt für ihn, wunderbar! Soll er die Pension renovieren? Er meint das ernst, den Kopf ausschalten, an einfache Dinge wie Farbrollen und Tapeten denken.

Miguel rät ihm, die Berliner Wohnung nicht zu verkaufen. Der Berlin-Tourismus boomt, er solle vermieten! Er fragt Mo, ob er weitere Schwierigkeiten bekommen habe?

Nein, antwortet Mo. Aber irgendetwas in ihm rumore, eine Energie, er wisse nicht was und sei unzufrieden …

Manchmal muss man es aushalten, dass man nicht einmal die Fragen an das eigene Leben kennt!

8

Er läuft. Jeden Tag seine gewohnte Strecke zum Schloss, durch den Park und zurück. Manchmal sogar zweimal. Nach den ersten Laufschritten, wenn er Atem und Bewegung gut koordinieren kann, Rhythmus findet, kann er sich ohne Anstrengung laufen lassen. Das Laufen hilft, alle schweren Gefühle abzuschütteln, leichtfüßig wird er und leicht die Gedanken, die dahingleiten, wie sein Körper unter grünen Baumkronen durch lichte und schattige Wege gleitet.

An einem Nachmittag läuft er im Platanenschatten, aus dem Park zurückkommend, über die Mittelpromenade. Ein kleiner Sommerregen setzt ein. Der Erdgeruch ist so intensiv, dass er glaubt, die Wurzeln riechen zu können.  Schon von weitem erkennt er zwei Nachbarinnen, die unter dem Vordach des Hauses beisammen stehen. Zwei Frauen im mittleren Alter, die gern mit ihm flirten, ihm hin und wieder kleine Anekdoten erzählen, Indiskretionen über die Hausbewohner, die sie ihm zustecken wie ein verklebtes Bonbon. Er verlangsamt, quert die Straße, läuft zögernd auf sie zu und grüßt. Die Zwei brechen ihr Gespräch ab, fahren auseinander, als sie seiner gewahr werden. Ein angedeuteter Gruß mit dem Kopf ist alles, was er heute bekommt. Fast stolpert er, fängt sich, läuft weiter, die Haustür ist geöffnet und er läuft einfach weiter, die Treppen hinauf. Im dritten Stock zittert ihm der Schlüssel in der Hand. Sie wissen Bescheid! Es hat sich herum gesprochen, das ist deutlich an ihren Reaktionen abzulesen. Er horcht zur gegenüber liegenden Wohnung. Frau Egbert, die ihm sonst immer  von ihren kleinen und großen Sorgen erzählt, vermeidet ein Zusammentreffen. Seit dem Vorfall hat er sie jedenfalls nicht gesehen, während er sie sonst dreimal am Tag trifft. Vielleicht ist sie aber auch verreist?  Warum sagt niemand etwas? Wahrscheinlich ist es ihnen peinlich und sie wissen nicht, sich zu verhalten? Auch wenn es ihm nicht passt, er wartet auf eine Geste, ein Wort nur, eines, das ihm seinen Platz unter ihnen zusichert. Doch da es nicht ausgesprochen wird, die Mitbewohner im ganz im Gegenteil ausweichen, fühlt er sich plötzlich isoliert. Die geliebte Unabhängigkeit wandelt sich in Abhängigkeit: das Deuten von Blicken, das Warten auf Zeichen. Das er die Anerkennung der anderen so sehr braucht, ist ihm neu und diese Entdeckung reibt an ihm, ist wie eine kleine Verletzung, die da ist, ein permanenter kleiner Schmerz, der bei einer falschen Bewegung aufflammt.

An diesem Tag weiß er, dass er handeln muss!

Eine Entscheidung treffen muss! Nicht zulassen, auf gar keinen Fall zulassen, dass andere über ihn entscheiden.  Bewegung verändert die Perspektive. Granada. Flucht nach vorn. Ein anderes Leben! Aber so einfach lässt man sich doch nicht aus seinem eigenen Leben hinaus drängen.

Stigmatisiert, was auch immer ihn in Granada erwartete, das würde er mitnehmen! Eine bittere Erfahrung! Mit nichts anderem in seinem Leben vergleichbar.

6

Immer wieder findet er Nachrichten von Angie auf dem AB,  sie erzählt an einem Tag, dass sie einen weiteren Auftrag habe, trällert fast in den Hörer hinein. Wann sieht man sich?  Übrigens hab ich mal so einen Engel bei mir gehabt. Ist direkt vor meinem Fenster runter und hat dann sogar einige Wochen bei mir gelebt …. Tolle Geschichte, erzähl ich Dir, wenn wir uns sehen. Was Angie wieder redet. Mo geht hinaus auf den Balkon. Gewölk von Farben, gelb und grau, Spuren von Rot, kurz darauf dunkelt der Himmel ein. Die Geräusche scheinen jetzt gedämpfter, hin und wieder ein Auto, das Klacken der Boule-Kugeln, wie jeden Abend.

Angie ist nicht klein zu kriegen. Einen Engel hat sie gefunden. Kinderträume! Das mag er an ihr, diese überbordende Phantasie angesichts existentieller Kämpfe. Lebensrettend! Fast seine gesamte Schulzeit hat er damit überstanden, die trockensten Unterrichtsstunden mit Gegenwelten gefüllt, die Aufmerksamkeit schweifend, gelöst, körperlos fast, wie er es beim Laufen erlebt. Und schwupp war er weg, sich einfach aus dem Fenster hinaus geträumt, auf dem Rücken eines weißen Pferdes in seine Welt  davon galoppiert. Der geflügelte Schimmel aus den Erzählungen seines Vaters, dessen Geschichten alle so anfingen: das weiße Pferd kommt, seine Flügel verdecken den Himmel, ich springe von der Fensterbank auf seinen Rücken, klammere mich an der  Mähne fest, …mischte sich mit den geerdeten Erzählungen seiner Mutter, in denen es allerdings handfester zuging: Wilderer und Strauchdiebe bevölkerten ihre Erzählungen. Wenn die Schulwirklichkeit mit Formeln und Rechtschreibregeln Mo zu nahe rückte, hatte er sich auf den Rücken seines geflügelten Schimmels geschwungen und war damit in seine Parallelwelt geflüchtet.

Seine Eltern unterstützten seine Phantasie, fütterten ihn geradezu – seine Mutter vor allem – immer weiter mit Geschichten aus ihrem Fundus. Ein unerschöpflicher Vorrat; Anekdoten, Geschichten, Stegreiferfindungen.  Orientalische Übertreibungen eben, rief seine Mutter und flunkerte weiter. Mehr nicht. Mehr war das nicht. Sein Vater still, seine Mutter laut und überfließend.

Ein kleiner Schritt nur vom Träumer zum Eigenbrötler. Ja, er liebte die Einsamkeit, brauchte diese Zeit für sich. Doch er war immer in seinen Besonderheiten akzeptiert worden. Freundschaften waren einfach. Nie war ihm jemand – abgesehen von den kleinen Konflikten – feindlich begegnet.

Plötzlich hat er den Impuls seinen Vater anzurufen. Der ist auch sofort am Telefon. Ca va? Qui! Et maman? Die ist im Kino, mit einer Freundin.

Vaters Stimme klingt müde. Er räuspert sich, erzählt, er habe die Nachrichten angeschaut und sei eingeschlafen. Mo spürt deutlich die Fernseheinsamkeit seines Vaters, doch der ist nun wach, redet schon weiter: Es kriselt in Tunis, die Menschen sind unzufrieden… du wirst sehn, es wird etwas passieren, sie haben zu lange still gehalten …

Was soll schon passieren Papa?

Alltag in Tunesien, das sei unerträglich, eine alte Welt am Abgrund. Sein Vater korrespondiert über das Internet mit Freunden aus dem Maghreb. Es geht nicht mehr so weiter. Davon kommt in Europa nichts an. Wir wollen das hier nicht hören! Die zumeist ignorante Haltung seiner deutschen Bekannten die wird ihm jetzt eigentlich erst bewusst.  Sie haben so ihre Vorstellungen, ein Halbwissen, dass sie untereinander austauschen und bestätigen. Ein Tauchurlaub in Ägypten. Eine Reise nach Tunesien, auf Mackes Spuren am besten. Ja, der Orient, schön und exotisch, immer noch. Die Menschen dort? Eine brodelnder, unkontrollierbarer Haufen. Mit Vorsicht zu genießen! Besser man bleibt auf Abstand.

 Du bist ein Ausnahmearaber. Du bist ja nicht so, wie diese Händler auf der Straße, nicht so wie die Tagediebe, die in den Souks herumlungern und dem Touristen alles verkaufen: gutes Wetter, Teppiche, Sex, und sie hinterrücks ausrauben.

Ein entkoffeinierter Araber eben! schnaubt er.

Mo kennt die Klagen seines Vaters schon. Er, der immer optimistisch in die Zukunft geschaut hat – man müsse an die Veränderung glauben. Die Hoffnung und die Träume nie aufgeben – er wurde zunehmend skeptischer.  Aber war da nicht immer schon eine kleine Melancholie gewesen? Eine Verlorenheit, genau dieses Gefühl, welches Mo von sich fern halten wollte und die sein Vater versuchte mit Scherzen und Lachen zu übertönen? Verstand und Gefühl. Ein einziger Widerspruch.  Dies erinnert Mo an die unermüdlichen Diskussionen am Küchentisch mit seinem Vater. Seine Schuldgefühle, wenn Vater sich verteidigte und die Abstände von Jahr zu Jahr größer wurden zwischen ihnen. Das alte unentwirrbare Knäuel. Familienbande, zäh und anhaftend.

Warum ruft er ihn an?

Ich dachte an den Engel. Erinnerst du dich?

Mo kann förmlich sehen, wie sein Vater sich auf dem alten Diwan aufrichtet, als er antwortet, dass er sich natürlich erinnere. Du warst total beeindruckt. Sein Vater lacht glucksend und tief: Der Engel. Und das geflügelte Pferd. Der Schimmel kommt, seine Flügel verdecken den Himmel … Zauberworte; Mo fällt ein, zweistimmig geht es weiter: und ich springe von der Fensterbank direkt auf seinen Rücken, klammer mich an seiner Mähne fest. Die leise Stimme seines Vaters berührt ihn. Dünnhäutig fühlt er sich, verletzt und getröstet zugleich. Nun ist es an ihm sich zu räuspern und zweimal zu schlucken, bevor er wieder sprechen kann. Doch sein Vater kommt ihm zuvor. Moharem? Wie ernst er plötzlich ist. (Moharem, sei vorsichtig! Moharem pass auf dich auf!) Dieses ganze Gerede im Moment, Sarrazin und Konsorten, nimm es nicht ernst. Die Mehrzahl denkt nicht so einen … Müll, trotz aller Ignoranz. Die Deutschen … sie sind vorsichtig,  ja. Ein bisschen ängstlich immer! Ihre Vorstellung vom Orient ist vielleicht ein wenig antiquiert. Sie haben Angst vor Veränderungen. Wenn man so ruhig, so sicher lebt wie sie, seit Jahrzehnten, dann wird man etwas unbeweglich. Aber die meisten denken nicht so. Damals, als er ankam … keiner habe ihn ausgegrenzt. Na ja, immer diese Fragen nach seiner Herkunft, seinen überraschend guten Deutschkenntnissen.  Man habe ihn einordnen wollen. Doch niemand habe ihn angefeindet, weil er ein Moslem ist. Das heute ist …

Kein Wunder. Die Bomben der Gotteskrieger…, entgegnet Mo.

Ja, natürlich, pflichtet sein Vater ihm bei. Schreckliche Dinge sind geschehen. Große Missverständnisse entstanden. Die Religionen sind unsere ärgsten Feinde!

Er beruhigt seinen Vater, man brauche sich keine Gedanken machen, alles würde sich regeln… Doch er spürt, dass er sich tatsächlich gesorgt hat!

7

Eine warme Nacht. Luft wie Seide. Lampignons schweben über ihm, alle Tische sind besetzt. Er nimmt einen Schluck vom Wein, ein kräftiger Barolo. Fruchtig, erdig. Ein alter italienischer Schlager, aus den sechziger Jahren: Volare, hoho, cantare, hohohoho … Sich vorzustellen, dass er zu jener Zeit noch nicht, lange noch nicht in seinem Körper, fühlend, denkend, in sich selbst, angekommen war. Komischer Gedanke. Die jungen Jahre seiner Eltern. Wann ist sein Vater eigentlich aus Tunesien aufgebrochen? Zu Vaters Familie hat er nie viel Kontakt gehabt, zu schwierig war es die Verbindung nach Tunis zu halten. Die Erweiterung der Kleinfamilie waren seine deutsche Oma und ihr Dorf. Zwei Schwestern seiner Mutter mit Familie, doch auch die innerlich weit entfernt, das hat er schon als Kind gespürt, diese Fremdheit untereinander, obwohl in nächster Nähe zur Großmutter lebend. Ansonsten sie: Vater, Mutter, Kind. Einmal habe er seinen Eltern gesagt, er wolle keinen Bruder, er wolle sie, die Eltern, nicht teilen. Erstaunlich. Das alte Kinderspiel: Vater, Mutter, Kind. Drei in ihrer selbst erschaffenen Welt. Gediegen. Gesprächsbereit. Einige Grundsätze waren heilig: Die Bedürfnisse jedes Einzelnen mussten respektiert werden. Du kannst Dummheiten machen, doch achte den Anderen! Der Umgangston war liebevoll. Es gab Reibungen, hitzige Verteidigungen, abgelöst von ausufernden Gesprächen. Ein echtes Interesse füreinander, unzählige Fragen, in denen ein wahrer Ton mitschwang. Ich möchte dich verstehen, erkläre mir … Und immer war ihre Liebe zupackend, körperlich: Ich muss dich fühlen!

Das Essen kommt, Saltimboca a la Romana. Er schmeckt zuerst den Salbei, herb und aromatisch, den salzigen Schinken, dann folgt der feinere Geschmack des Kalbsfleisches. Herrlich, keiner kann das Gericht so gut zubereiten wie dieser italienische Koch. Er hätte seinem Vater sagen sollen,  dass er nach Granada aufbrechen wird. Vorläufig. Zumindest für einige Monate.

8

Seit Stunden sitzt er am PC, das Grafikprogramm tanzt ihm vor den Augen. Es sind die letzten Arbeitsschritte, bevor er die Projektskizzen losschicken kann. Es ist gegen zwei Uhr nachts. Seine Augen brennen und sein Körper ist steif, trotzdem schaut er noch in seine Mails.  Angie schreibt: Wo versteckst du dich wieder? Sie kannte ihn schon gut. Mal war er fort, dann wieder da! Demnächst! Versprochen, antwortet er und klickt die Leiste weg. Er beendet das Programm, macht auf dem Flur ein paar Klimmzüge, fünf, vier, drei, zwei, eins, geht weiter zur Küche. Aus dem Kühlschrank nimmt er Milch, trinkt direkt aus der Packung, schneidet ein Stück Käse und etwas Baguette ab. Als das Telefon klingelt, freut er sich schon auf ein spätes Gespräch mit Miguel. Doch ein Blick auf das Display genügt, der Anruf kommt aus Berlin. Wer kann das sein, um diese Zeit?  Eine unbekannte Stimme meldet sich, fragt ob er schon geschlafen habe?

Sofort ist er in Habachtstellung. Natürlich weiß er, wer spricht, doch er will seine Identität, will, dass der Andere aus dem Dunkel heraustritt und sich zeigt. Er fragt also nach seinem Namen.

Lachend erwidert der, dass dies nicht wichtig sei. Haben Sie es sich schon überlegt?

Was soll er sich überlegt haben? Wovon redet der andere? Und warum sagt er nicht, wer er ist?

Er geht nicht auf seine Fragen ein, sagt nur Mo kenne seine Absichten doch genau, er habe ihm alles schriftlich auseinandergelegt. Mo solle besser gehen. Es könne sonst gefährlich werden. Jemand mit seiner Herkunft. Ja, tatsächlich, er dürfe sich nicht mehr so sicher fühlen…  Wieder dieser wohlwollende Ton, der ihn vorgeblich schützen will.

Was wollen sie? Sie wollen mir drohen? Er wird an seine Vernunft appellieren, ihm zeigen, dass er dazu gehört, dass er …,  dass er … Was? Einer wie der ist? Was für eine absurde Situation! Wut, Ohnmacht steigt in im hoch. Er atmet tief ein, er wird sich nicht hinreißen lassen und die Kontrolle verlieren.

Sie fragen mich tatsächlich, was ich will? Ich meine es gut mit Ihnen. Die Freundlichkeit zerfällt, die Stimme ist jetzt ätzend, beißt sich durch den Äther …  Mo schwitzt, riecht seinen eigenen stechenden Schweißgeruch, der ihn verwundert, schon das wird er dem Anderen nie verzeihen, dass sein Körper nach Angst riecht. Ruhig bleiben, sagt er sich, komische Worte, wie: Würde, Stolz …  gehen in seinem Kopf herum, komisch, weil diese Wörter bisher nicht zu ihm gehört haben. Dem anderen nicht die Freude machen auszuflippen. Denn er ist keiner, der rumschreit und die Beherrschung verliert. Barbarisch, unzivilisiert. Ein Araber eben. Er kann ihn sich vorstellen, selbstzufrieden und humorlos,  ein miesepetriger Alter, dem der Gram ins faltige Gesicht gewachsen ist. Sie sind unverschämt, sagt er. Warum lassen sie mich nicht in Ruhe? Er ist jetzt doch erregt, versucht darüber hinwegzureden, doch was für ein dummes Zeug ihm einfällt. Sein Mund ist trocken, der Hals zugeschnürt. Hilflosigkeit überflutet ihn. Er kann nicht vernünftig diskutieren und legt auf. Das hat alles nichts mit Vernunft zu tun. Er sollte die Polizei rufen. Das ist doch sinnlos … Diese vertrackte freundliche Masche. Ein dummer Gewalttäter wäre ihm lieber, jemand von dem sich Mo klarer abgrenzen könnte. Und er weiß, dieser Anruf wird sein Leben mehr als alles andere in vorher und nachher spalten. Vorher ein Fisch im Schwarm, eine Bewegung, und alle werden gemeinsam bewegt, ohne Nachdenken von der Strömung hin und her getragen. Und Nachher…

Avant et aprés. Das Nachher kann er sich noch nicht vorstellen, kann sich nicht vorstellen, wie es ist, weiter zu machen, wenn man sich nach allen Seiten  absichern muss.

Kurz darauf klingelt es wieder. Mo hebt nicht ab. Der AB schaltet sich ein und fast gleichzeitig hört er den harten Klang des eingehängten Telefons. Mo steht am Fenster, steht regungslos eine Weile, erschüttert und aufgewühlt. Blind für das dunkle gewölbte Laubdach, blind für die vereinzelt erleuchteten Fenster. An Schlaf ist nicht zu denken. Er macht einige Atemübungen, die er aus dem Aikido kennt, fährt den PC wieder hoch, arbeitet weiter und ist tief konzentriert, als das Telefon erneut klingelt.

Seien Sie vernünftig. Gehen sie ans Telefon. Ich weiß doch, dass Sie da sind. Eine Pause entsteht, der wartet, der weiß nicht weiter! So unhöflich? Ist das eine Provokation? Geh gefälligst ran. Nimm das Telefon! Wieder schweigt er. Mo hört seinen Atem durch das atmosphärische Rauschen, kann sein angespanntes Warten geradezu fühlen. Okay. Ich hab es nur gut gemeint. Jetzt bleibt mir nichts anderes mehr. Sie zwingen mich … ich muss jetzt wirklich böse werden: Allerletzte Warnung! Bitte einpacken. Hier geht nichts mehr! Von mir aus gehen Sie nach Neukölln oder Kreuzberg. Da rotten sich ja Ihresgleichen sowieso zusammen. Aber hier … Dies ist eine ordentliche deutsche Wohngegend. Wir sitzen hier doch nicht und warten, bis Ihr uns alle in die Luft sprengt! Wir wollen euch hier nicht.  Und nehmen Sie die anderen gleich mit. Diese Sozialschmarotzer. Terroristen… Mo hält es nicht mehr aus, springt auf, stellt den Ton aus. Wie weit kann der Andere gehen? Hat ihn, Mo, fest im Blick. Während er ihm ausgeliefert ist, ihn nicht fassen kann, ein Phantom, gesichtslos, nur seine Stimme, die kennt er jetzt. So wie er es nicht fassen kann, was mit ihm geschieht. In dieser Minute wünscht er sich nichts anderes mehr, als das der andere sich zu erkennen gibt, dass sie sich begegnen.  Verflixt, er sitzt wirklich zwischen den Stühlen. Es gibt keine Orte mehr, sich zu zurück zu ziehen und die Konflikte auszublenden. Mo rutscht an der Wand herunter, bleibt am Boden sitzen. Keinen Ort der Unschuld. Er ist plötzlich so müde.  Er hat keine Angst vor körperlicher Gewalt. Er ist topfit, so schnell kann man ihn nicht fertigmachen. Es ist eher die innere Auflösung, die ihn irritiert.

9

Er forciert seine Reisevorbereitungen. Zwei Projekte, die nur vor Ort ausgeführt werden können, muss er absagen. Einen weiteren Grafikauftrag wird er mitnehmen und dort bearbeiten. Er schaltet Anzeigen, sucht einen Nachmieter für seine Wohnung .Verdrängt die plötzlich aufsteigende Frage, ob dies eine Flucht und er somit feige ist? Nur sein Vater würde diese Frage verstehen. Ob er sie allerdings beantworten kann und ob er, Mo, die Antwort annehmen könnte, bezweifelt er.  Er muss es selbst herausfinden! Außerdem will er den Vater nicht beunruhigen.

Und schließlich ist er froh, als die Filmaufnahmen wieder beginnen. Aussicht auf ein normales Leben ohne die quälenden Gedanken! In zwei Wochen würde auch dieses Projekt erledigt sein. Er macht also seinen Job, steht täglich in der sengenden Sonne, die auf Mauern und Beton kocht, gibt Anweisungen, hält Schaulustige auf Abstand, ist hier und dort, nur den Turm meidet er und abends trinkt er mit den Kollegen ein Glas. Manchmal essen sie noch eine Kleinigkeit zusammen. Sind trotz der Erschöpfung laut, ausgelassen, schnell betrunken. An einem Abend sitzt Mo neben einer Kollegin, die sich mit einigen Leuten ihnen gegenüber unterhält. Eine leise, abgeschliffene Sprechweise, doch plötzlich hört er genauer hin, sie berichtet gerade über die Sekretärin, die für Wochen krank geschrieben sei, eine Depression, Suizidgefahr nicht ausgeschlossen …. Ihre Tochter heirate einen Libanesen, konvertiere zum Islam, trage Kopftuch, laufe schon einen Schritt hinter ihm … da seien ihre Nerven einfach durchgedreht.  Ob die Sekretärin denn sehr gläubig sei? Wird sie gefragt. Nein, das glaube sie nicht. Wahrscheinlich gäbe es da doch schon eine andere Vorgeschichte, wirft Ben ein, Probleme mit der Tochter sicherlich, oder womöglich eine psychische Disposition?  O nein, braust die Kollegin auf, das Verhältnis Mutter und Tochter war wunderbar. Konnte gar nicht besser … Außerdem können die doch nicht daherkommen und alles was wir Frauen uns im Westen erkämpft haben, mit ihren mittelalterlichen Machogehabe zugrunde richten … Ben schneidet ihren Satz, genug davon. Ein neuer Auftrag sei hereingekommen, sagt er, ein großer Auftrag, – er skizziert ihn kurz – die nächsten Monate seien also sicher. Und darauf wollen sie anstoßen! Fragen, Spekulationen, ob auch alle in das Projekt einbezogen werden können?  Und mitten in diese Hochstimmung hinein, sagt Mo, dass er Berlin verlassen will. Für einige Monate. Die Kollegen schauen ihn fragend an. Was anderes machen. Sich verändern. Granada sei der rechte Ort dazu. Fragende Blicke. Um was zu tun? Er kann es noch nicht sagen. … Schlacke abstoßen! Fällt ihm dazu ein und er lacht. Die Arbeitskollegen stoßen mit ihm an, beneiden ihn, drohen ihm scherzhaft damit, dass sie ihn besuchen werden. Er lacht mit ihnen. Auch wenn er noch nicht wisse, wozu er aufbricht, die Entscheidung kommt doch sehr plötzlich? Wird er von Alexander gefragt. Sein Jungengesicht auf ihn gerichtet. Er überlegt nur einen kurzen Moment, dann sagt er höflich, doch bestimmt: Wegen all der Geschichten, die jetzt im Umlauf sind, Geschichten, wie die eben gehörte … Ich verstehe dich, sagt Ben sehr schnell, etwas zu schnell, als habe er etwas zu verbergen. Redet schon weiter, von schwierigen Zeiten, dass es Entwicklungen geben wird, … Vorrechtstellung aufgeben …. Wir sind noch nicht bereit dazu! Alle schweigen… Das will Mo nicht, dieses verdammte Schweigen.

Das schlechte Gewissen. Der Fluch der Deutschen. Er muss lächeln, ein guter Filmtitel …

10

Er steigt in seine Joggingschuhe, läuft die Treppe hinunter, über die Allee, die jetzt menschenleer ist, auf das Schloss zu. Trabt seine Runde, forciert die Geschwindigkeit nicht, fast vergnügt sortiert er die Dinge im Kopf, die sich im Laufen leichter bewegen lassen. Die, die er dalassen, die wenigen, die er mitnehmen wird: Laptop, Laufschuhe … Es wird nicht viel sein. Alles Überflüssige muss weg, es soll nicht mehr sein, als vor achtzehn Jahren, als er bei seinen Eltern ausgezogen ist. Alles andere: die Bücher, die Bilder wird er in seinem Arbeitszimmer lagern. Immerhin vier Zimmer ! Drei Zimmer, Küche, Bad, hat er in die Anzeige gesetzt. Viele Anrufe bekommen. Leider wollen die meisten nur für kurze Zeit mieten. Doch übermorgen wird endlich jemand kommen, der für fünf Monate eine Wohnung benötigt.  Die Firma zahlt. Der Preis spielt keine Rolle!

Im dunklen, wilden Teil des Parks, zur Spree hinaus – wo die strengen Gesetze der Gartenbaukunst mit ihren Achsen und Symmetrien nicht mehr greifen, wo Busch und Baum wuchert und schäumt und schwarze Schatten hocken – knackt und raschelt es im Unterholz. Er kennt diese Nachtgeräusche, sie gehören hierher, wahrscheinlich Tiere, die unterwegs sind. Doch ein lautes Krachen, ein Zersplittern von Holz lässt ihn aufschrecken. Schnelle Schritte nähern sich, jemand läuft hinter ihm … Gerade als er dies wahrnimmt, sich im Lauf umwendet, ist der andere schon wieder verschwunden. Irgendwo im Gehölz raschelt etwas und leiser werdend entfernen sich die Laufgeräusche. Mo ist bereit, angespannt lauschend läuft er weiter, bleibt in seinem Rhythmus, er wird sich nicht einschränken lassen, wird seine Gefühle kontrollieren. Er läuft, entspannt sich wieder, atmet ein, aus. Schritt. Schritt. Gedanken kommen und  gehen, ein … aus … ein, sein Körper gleitet geschmeidig durch die Dunkelheit, leicht, ist ein Teil der Nacht … Fast muss er jetzt lachen, über seine Phantasien und Befürchtungen, als jemand seitlich neben ihm aus dem Unterholz herausbricht… Sofort rast sein Herz, er kämpft gegen den Drang schneller zu werden, wegzulaufen, zwingt sich den Laufrhythmus einzuhalten … und bleibt plötzlich stehen, abrupt, verwundert über die eigene Reaktion…. Der Mann, nein, es ist eine Frau, jetzt wo sie ihn überholt, erkennt er, dass sein Verfolger eine Frau ist. Sie wiederum sieht ihn kurz von der Seite an, erstaunt, läuft weiter ohne ihr Tempo zu verändern. Schaut sich nach einigen Schritten noch einmal um …. Mo steht immer noch atemlos, nach vorn gebeugt jetzt, keucht, würgt fast, wie nach einer übermäßigen Anstrengung. Schimpft mit sich selbst, über sein irrationales Verhalten. Wie kann er sich so ausliefern? Als würde er in einer Unterwerfungsgeste noch seine Kehle hinhalten. Und warum? Weil Angst ihn lenkt! Als er sich etwas beruhigt hat, geht er weiter, geht langsam zurück.  Auch jetzt hellwach, und seine Sinne überall hin ausgestreckt. So weit ist es also mit ihm gekommen.

Angst setzt die Grenzen in deinem Leben. Sie macht dich angreifbar. Und das Leben wird eng!

9

Endlich ist es soweit. An einem dunstigen Sonntagmorgen übergibt er seine Wohnungsschlüssel an den Untermieter, klopft an die Wohnungstür der Frau Egbert: Ich bin weg, ruft er. Läuft pfeifend die Treppen hinunter, steigt in sein vollgepacktes Auto und fährt los. Er ist mit Angie auf dem Flohmarkt am Fehrbelliner Platz verabredet. Vor einigen Tagen hat sie ihm geholfen, die wichtigsten Dinge in seinem Arbeitszimmer zusammen zu tragen. Vieles hat er vorher schon aussortiert und ihr einiges für den Flohmarkt mitgegeben. Es ist noch früh am Morgen, die Straßen sind leer, ein weißer, dunstiger Himmel über ihm. Der typische Berlinhimmel, den wird er nicht vermissen! Schon fühlt er wie der Druck nachlässt. Fühlt, dass er seine Habachtstellung, das Wittern und Sichern nach allen Seiten aufgeben kann. Er könnte schreien vor Freude. Endlich geht es los!

Er findet Angie hinter einem überfüllten Stand. Alte Gebrauchsgegenstände, Kunsthandwerkliches, überflüssige Haushaltsgeräte, dazwischen ihre astrologischen Bücher und das Teleskop.

Das willst du verkaufen? Mo nimmt das Teleskop und schaut hindurch.

Ach, dafür hat sie kaum noch Zeit! Wegwerfende Handbewegung. Was soll sie sich von dem teuren Zeug abhängig machen?

Gut, dann wird Mo es kaufen. Darüber ist Angie erstaunt. Für Miguel, erklärt er ihr und besteht darauf, dass sie ihren vollen Preis nimmt. Denk daran, dass ich ein Fremder bin, also mach deinen Preis. Und die Bücher nehme ich auch noch dazu! Er zahlt, sie packt alles umständlich in Papiere und Tüten ein. Sie schweigen etwas betreten. Angie zupft an ihrer Ware, ordnet sie neu: Und was nun? So hat er sie noch nie erlebt, sprach- und ratlos gleichermaßen. Mo greift nach einer schweren Glaskugel, kühl und glatt liegt sie in seiner Hand, schmiegt sich hinein. Er lässt sie in seinen Händen hin und her gleiten. Schaut sich um und schlägt vor, dass man im Café nebenan etwas trinken könne. Hat Angie schon gefrühstückt? Erleichtert willigt sie ein, fragt den Standnachbarn, ob er aufpassen wird? Der Hof vor dem Lokal liegt dem Park gegenüber, sie setzen sich an freien Tisch, Blick auf die Bäume. Angie ist jetzt aufgekratzt, erzählt, dass sie die Möglichkeit hat, in einer gutgehenden Kneipe am Stuttgarter Platz zu kellnern. Jede Woche mindestens vier bis fünf Schichten. Stundenlohn und Trinkgeld. Da kommt was zusammen. Mit großem Appetit macht sie sich über ein Frühstück her. Und ihre Touren? Ach, die zwei, drei Aufträge, die kann sie noch nebenbei machen und es bleibt immer noch Zeit … Sie wird plötzlich ernst: Du willst also wirklich weg? Alle hauen ab. Berlin ist ein Ramschladen geworden.

Was redest du? Alle Welt will nach Berlin. Eine Stadt attraktiver als New York!

Redest wie ein Reiseführer. Ihre Mundwinkel sind hämisch nach unten gezogen. Und warum gehst du dann weg, wenn alles so toll ist hier? Außerdem wollte ich nie nach New York. Highern und Fighern! Hier geht gar nichts mehr. Sie starrt in den Park und schweigt. Zurückbleiben ist das Schlimmste, sagt sie dann.

Sie begleitet ihn zum Auto. Der frühmorgendliche diesige Himmel ist jetzt klar und blau. Funkelndes Wetter. Gerade richtig um loszufahren. Findet Angie.

Wenn es kalt wird, kommst du. Wir fahren ans Meer. Er gibt ihr das von ihr geschnürte Paket zurück: Versprich mir, dass du das Teleskop nie verkaufen wirst? Nimmt sie in den Arm, steigt in den Wagen und fährt los.

Sie winkt und ruft ihm etwas zu. Mo öffnet das Fenster: der Engel, ruft sie, der Engel, er ist … Ein hupendes Auto überholt ihn, verschluckt ihre Worte. Er fädelt sich in den Verkehr, beschleunigt, sieht sie im Rückspiegel klein werden, zu einem winzigen Punkt in der Stadtlandschaft zusammen schnurren.

 

 

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