Cornelia Becker

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Philipp wischte sich die Hände an der Hose ab. Er stand auf und griff in den Mauervorsprung hinter sich, der ihnen als Versteck für Nachrichten und brauchbare Fundstücke  diente. Jetzt fand er einen skelettierten Hühnerschädel darin, er besah ihn von allen Seiten und lächelte den Alten an. Danke, sagte Philipp und ging hinüber in sein Monsterkabinett, das er sich in dem engen, fensterlosen Verschlag neben dem Hühnerstall hatte einrichten dürfen. Hitze brütete in dem Raum und im ersten Moment war der Geruch von Staub und Hühnerkot überwältigend.

Das künstliche Licht fiel auf Gläser mit mumifizierten Mäusen, Libellen, Schmetterlingen. Gekrümmte Fischleichen. Ein ausgetrockneter Frosch. Ein Gecko, der bis auf die fehlende Schwanzspitze vollkommen erhalten war und ihn aus großen trüben Augen anglotzte. Knochen. Schädel. Eine fleischfressende Pflanze. Ein von feinen Adern durchzogener Augapfel, der, neben abgeschnittenen Nasen, ausgerissenen Fingergelenken auf einem Tisch lag. Aus Glibbermasse, in kleinen Dosen an jedem Kiosk für wenige Duros zu erwerben. Daneben merkwürdige Geräte: stilisierte Messer, selbstgebastelte Peitschen, Macheten, Säbel, Krummdolche in allen Ausführungen. Das alles unter dem Licht einer roten Glühbirne.

Auf einer wackligen Holzkiste stand die rote chinesische Lackschachtel neben Kerzenstummeln und Knochen. Philipp wischte mit der Handkante den Staub von der Kiste und setzte den Hühnerschädel vorsichtig darauf. Griff nach einer Kerze und zündete sie an. Er tat dies ohne zu überlegen, genauso, wie er seit Vaters Tod die Türen hinter sich nie sofort schloss, wenn er ein Haus betrat, oder in einen Wagen stieg, sondern noch eine Weile wartete, weil man ja nie wissen konnte, wer noch mit hinein wollte.

Die Hitze war drückend. Er setzte sich auf eine andere Kiste, döste und träumte: an einem heißen Sommertag in Berlin hatte sein Vater ihm einen kleinen Ausflug mit dem Fahrrad vorgeschlagen. Sie waren schon eine Weile unterwegs, als sein Vater an einem Eiscafé hielt. Kurz darauf saß er mit einem Hörnchen und zwei Kugeln Eis hinten auf dem Fahrrad seines Vaters. Sie rumpelten über das Kopfsteinpflaster des Bürgersteiges, das Eis streifte Vaters Hemd und tropfte auf den hellen Stoff, doch der bemerkte nichts davon. Einhändig hielt er das Lenkrad und fuhr auf dem Trottoir, in der anderen Hand balancierte er sein Eishörnchen. Sie sausten an einem älteren Mann vorbei, der mit seinen Armen winkte und rief, der Bürgersteig sei für Passanten und nicht für Fahrräder gemacht. Eine Senkung über Schotterweg unter grünem Laubdach, schon waren sie in einem winzigen Park, zwischen zwei großen Verkehrsstraßen gelegen. Sein Vater half ihm vom Fahrrad, sie setzten sich auf den Rasen. Sein Vater erzählte von einer Kunstauktion, bei der ein Bild 4,5 Millionen Dollar erzielt habe, aber er sagte es so, als würde ihn das ekeln. Philipp leckte sein Eis, Erdbeere und Himbeere, fruchtig, süß füllte der Geschmack seinen Mund aus. Er träumte und die Rede seines Vaters war ein Teil des tosenden Verkehrs um ihn herum. Als sie aufgegessen hatten, fuhren sie weiter über eine Brücke, auf ein riesiges, flaches Gebäude zu: die Nationalgalerie. Auf dem Vorplatz wies sein Vater auf eine Skulptur seitlich von dem Museum: Ein rechteckiger schwerer Körper, verrostetes Eisen, Arme, die sich in alle Richtungen bogen. Verdrehte Tentakeln, die überall hin greifen wollten.

Gudari, sagte sein Vater, das heißt Krieger auf Baskisch.

Philipp lief um den Krieger herum, von hinten überragten die stumpfen Enden der Arme den Körper und wurden zu Stierhörnern. Die Figur war etwa doppelt so groß wie er. Vater hob ihn hoch und setzte ihn auf einen Arm, der gerade aus dem Körper herauswuchs und nach verschiedenen Drehungen in einem weiten Bogen vor der Mitte aufschwang. Philipp lief auf der Rundung an Vaters Hand, kletterte auf den anderen Arm und sah über den Sockel hinweg, sah an der gläsernen Fassade des Museums entlang, hinüber zu einem schiefen riesigen Gebäude. Stand im nächsten Moment selbst auf dem Sockel, war hoch wie die Bäume neben ihm, die aus dem steinernen Boden hinauswuchsen. Langsam streckte er die Arme nach oben, aber der Himmel über den Bäumen war immer noch sehr weit entfernt.

Er kletterte nach unten, und als er sich wieder am Boden befand, zwängte er sich zwischen Körper und Arme des Gudari, er passte gerade hinein. Das Eisen war kühl, und auf die Rundung des gebogenen Armes konnte er sein Kinn legen. Jetzt spürte er die Anspannung und Konzentration, die von dem Gudari ausging. Geballte Muskeln, die gleich losschlagen konnten. Sofort war er selbst in Kampfbereitschaft, wurde hart, undurchdringlich, wie die eiserne Kraft in seinem Rücken, wurde ein Teil des Stahlkörpers. Und er rief seine Feinde: Los, kommt aus eurem Versteck raus. Und in ihr ängstliches Murmeln und sein großes Rufen hinein, sagte sein Vater: Du spürst seine Kraft …

Gudari. Der Krieger. Er hatte das Wort genommen und nach Haus getragen, und manchmal, wenn er mit seinen Freunden spielte:  „Räuber und Gendarm“, oder „Starwar“ war der Gudari dabei, stark und mächtig. Und später, nach Vaters Tod, wandelte sich der Gudari zu einem Superhelden, einer Kampfmaschine, an der alles abprallte …

 
Un  pesado cuerpo rectangular, acero oxidado, brazos retorciéndose en todas direcciones. Tentáculos en contorsión que deseaban apresarlo todo

Gudari, dijo su padre, que significa guerrero en vasco.

Philipp giró en torno al guerrero, los muñones de los brazos sobresalían por detrás del cuerpo convirtiéndose en cuernos taurinos. La figura era casi el doble que él. Su padre lo elevó y lo puso sobre un brazo que sobresalía del cuerpo y que desde el centro, tras diversos giros, alzaba el vuelo en un amplio arco. Philipp de la mano de su padre anduvo sobre su redondez, escaló a otro brazo y su mirada, más allá del zócalo, se fue deslizando por la fachada vétrea del museo hasta un gran edificio extraño. Se puso de pié sobre el zócalo, ahora era tan alto como los árboles que cerca surgían del suelo pétreo. Despacio extendió los brazos en alto, pero el cielo sobre los árboles aún se le quedaba lejano…

Cuando al descender se encontró de nuevo en el suelo se metió entre el cuerpo y los brazos del Gudari, cabía bien justo. El acero estaba frío y sobre la redondez del brazo arqueado podía apoyar la barbilla. Ahora sentía la tensión y concentración que salían del Gudari. En ese momento él mismo se encontró listo para el combate, se volvió duro, impenetrable, como la fuerza férrea a su espalda, el mismo era ahora una parte del cuerpo de acero. Y gritó a sus enemigos: vamos, salid de vuestros escondrijos!

 

 

Aus: Der raue Gesang, Roman, Contra-Bass 2017

 

 

Übersetzung :  Manuel G. Cardereo

 

 

 

 

Kurz vor seinem 12. Geburtstag verliert Philipp seinen Vater durch ein Flugzeugunglück. Er war Kunsthistoriker und sein Held war der Bilderhauer Eduardo Chillida. Wenn andere Kinder Geschichten über Robin Hood oder die Yeti-Ritter gehört haben, ging Philipps Phantasie zu den Erzählungen seines Vaters über den baskischen Künstler los.  Der Vater versprach dem Sohn eine gemeinsame Reise zu einigen Skulpturen, wenn er etwas größer sein würde. Doch dazu blieb ihnen keine Zeit mehr.

 

 

 

Die Mutter gibt unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes die Wohnung in Berlin auf, packt das gemeinsame Leben in Kartons und wandert mit dem Jungen auf die kanarischen Inseln aus. Philipp wächst dort auf, nach anfänglich großen Problemen, lernt er schließlich Spanisch und gewinnt Freunde …

 

 

 

25 Jahre später, in einer großen Krise, fährt Philipp los mit der Landkarte seines Vaters ausgestattet, um endlich die gemeinsame Route abzufahren. Er sucht die  Skulpturen auf, erinnert sich an jenen Sommer, als sein Vater gestorben ist und trifft auf seinen verschiedenen Stationen unterschiedliche Menschen, die ihn begleiten, sich ihm entgegenstellen oder ihn verlassen …

 

 

Während meines Schreibprozesses entstehen immer wieder kleinformatige Collagen (20 mal 20), die ich Käfterchen* nenne, und die auf einer tieferen und unbewussteren Ebene ein narratives Element aufgreifen oder eine Sekundärinspiration ausdrücken, welche in der Erzählung so nicht zu finden ist. Es sind Übersetzungen von „blinden Flecken“ oder irrationalen Anteilen, die sich erst in der bildnerischen Sprache ausdrücken lassen oder überhaupt deutlich werden.

 

Käfterchen* kleine, enge Studierstube

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Cornelia Becker schrieb bisher Erzählungen, Hörstücke und lyrische Kurzprosa, die in Literaturzeitschriften und im Rundfunk publiziert wurden. 2009 wurde mit dem Hörbuch MagentaRot eine Sammlung von Erzählungen herausgegeben, schon zwei Jahre später erschien der Erzählungsband Eintritt frei, Achter-Verlag. Im August 2014 publizierte sie den Roman Die Unsterblichkeit der Signora Vero im LangenMüllerVerlag. Das Künstlerbuch Die Kindermeines Vaters gab sie im BÜBÜLVerlag heraus. Ihr Roman Der raue Gesang wurde im Sommer 2017 im Contra-Bass-Verlag veröffentlicht. Für ihre Arbeiten erhielt sie Auszeichnungen und Stipendien.

Im Herbst 2017 wurde ihr Roman Der raue Gesang für die Hotlist der Bücher unabhängiger Verlage nominiert.

Vor wenigen Wochen wurde sie in der Bubenreuther Anthologie aufgenommen, die sich als Querschnitt für neue deutsche Literatur versteht.

Im vergangenen Dezember wurde ihr Text Turmgedächtnis auf der Lesebühne: „Der Feuerpudel“  für den 2. Preis ausgewählt.

Cornelia Becker ist Schriftstellerin, Dozentin für literarisches Schreiben und Text-Coach, Mixed-Media-Künstlerin.

 

Articles similaires

Tags

Partager