Claudiu M. Florian

 

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(Rumänien-Deutschland)

 

 

 

ZWEIEINHALB STÖRCHE – ROMAN EINER KINDHEIT IN SIEBENBÜRGEN

(Transit Verlag, Berlin, 2012)

 

 

 
Claudiu M. Florian2

 

 

 

Alles ist mehrerlei. Die Menschen hier wie die Menschen woanders, die eine Sprache wie die andere, unsere Feier zu Hause wie die Feier im rot­braunen Fernseher. Es ist nicht alles eins. Es ist alles zwei. Oder drei. Oder vier.

Es ist Heiligabend, und wir sitzen zu dritt vor dem bunt geschmück­ten Tannenbaum und singen. Doch singen tun wir nicht zu dritt, nur sitzen, denn die Sprache hilft uns nämlich nicht allen weiter. »O, Tan­nenbaum …«, ertönt unser kleines Ständchen, von der Großmutter und von mir, wobei der Großvater nur dabeisitzt und leise summt. Er spricht die Sprache dieses Liedes nicht, und rein vom Hören her wird er recht wenig mitbekommen vom Duzen des Nadelbäumchens und von dessen Blühen nicht nur zur Sommerzeit. Allein der Anblick wird ihn wohl fest-stellen lassen, dass auch im Winter, wenn es schneit, das grüne Gewächs vor unseren Augen in vollem Schmuck auflebt.

Danach ist er es, den ich singend begleite: »O, brad frumos …«, und es ist die Großmutter, die jetzt leise summt, obwohl sie diese andere Sprache des gleichen Liedes versteht und auch spricht. Sie lässt aber den Großvater zu Lied kommen, sind sie doch so selten, die Male, wo wir gemütlich zu dritt sitzen und ich jeden von ihnen begleite. Die Sprachen des Liedes trennen uns weitaus weniger, als uns die Melodie und der An-lass desselben vereint. Ich – ich verstehe beide und weiß auch, dass sie das gleiche erzählen in den beiden Sprachen, deren sich die Großmutter und der Großvater auch sonst jeweils bedienen in all dem, was sie zu sa­gen haben, und die sich oft in schlichten Einzelheiten ergänzen. »O brad frumos« heißt auf Rumänisch: »O, schöner Tannenbaum«.

So wie beim Mitsingen bin ich der einzige, der mit beiden mitreden kann in der jeweiligen Sprache. Das liegt daran, dass der Großvater die Sprache der Großmutter nicht spricht und letztere in der Sprache des Großvaters nicht singt.

Denn die Großmutter und der Großvater sind selber mehrerlei.

 

***

 

Drei Häuser weiter, bei uns auf der Gasse, lebt ein alter Onkel. Ein sehr alter Onkel. Sehr, sehr alt. Er heißt Adam, und er ist nie anders gewesen als nur alt. Der Großvater und die Großmutter haben gar kein Alter, sie sind einfach so wie sie sind und anders kann ich sie mir nicht vorstel­len – obwohl es manchmal heißt, sie seien einmal auch so klein gewesen wie ich. Das wäre lustig: jedem von ihnen einmal auf gleicher Augen­höhe gegenüber zu stehen, der Großmutter in ihre blauen Augen hinter den Augengläsern unter dem kaumbunten Kopftuch zu blicken und mit dem Großvater, mit seinen Furchen in den Augenwinkeln, die ihn fast ständig lächeln lassen, und mit seinem dreiteiligen, nur kleineren An­zug, im Sand zu spielen.

Der Adam lässt sich selten auf der Gasse sehen. Und wenn, dann fast immer nur ganz nahe an seinem Haus, im Vorbeigehen, mit unsäglich kleinen und langsamen Schritten. Die Leute sagen Adam-Batschi zu ihm, und die Großmutter, wenn sie von ihm redet, sagt »der Arme«. Nicht weil er arm, sondern weil er eben alt und einsam ist.

Seit mir die Großmutter unlängst von einem Buch erzählt hat, in dem eine besondere Geschichte geschrieben stünde, die vom ersten Menschen auf Erden erzählen soll, als sie mir dann auch noch gesagt hat, jener erste Mensch habe Adam geheißen – seither ist meine Aufregung kaum noch zu mäßigen, denn ich bin mir sicher: Er, der uralte Adam, ist der erste Mensch! Ich bin Nachbar des ersten Menschen, den es auf der Welt ge­geben hat! Seine Einsamkeit finde ich nicht bedauernswert, sie lässt mich eher eine gewisse Unruhe und sogar Angst verspüren, wenn ich ihn sehe. Der Mensch, der jetzt alleine geht, der ist schon alleine gegangen, als es noch keinen anderen Menschen auf der Erde gegeben hat. Selbst mich nicht. Ich stelle mir die Welt so wie jetzt vor, nur ohne Nachbarn und oh­ne Autos und ohne Häuser, selbst ohne Großvater und Großmutter. Viel­leicht auch ohne Indeutschland. Nur Gras und Wald und das Tal jenseits unseres Gartens. Und irgendwo in dieser grünen Öde, auf unserer leeren Gasse, mit den gleichen kleinen, langsamen Schritten auf dem Trottoir, den Adam. Ich habe ihn nie woanders gehen sehen als die Gasse auf und ab und nur in der Nähe seines Hauses und meistens auf es zu. Ich habe ihn auch nie mit jemand anderem reden sehen – wie denn auch? Er ist so alt wie die Zeit. Und mit der kann man nicht reden. Man kann sie nur, manchmal, in ihrem Vorüberziehen betrachten.

Die Zeit hier ist ebenfalls mehrerlei.

 

***

 

Zur Zeit jedoch geht es dem Fernseher besonders schlimm – so schlimm, dass er selbst auf die Fäuste des Großvaters nicht mehr hö­ren will. Der Nenea Ghiţă, der Elektriker ohne Zeigefinger an der rech-ten Hand, hat sich wieder einmal zu uns einladen lassen, das rotbrau­ne Gehäuse in die Mitte gestellt und die vielen staubigen Lampen der Reihe nach herausgezupft und auf den Tisch um die beiden Weinbe­cher gelegt. Der Wein ist noch vom letzten Jahr, von der guten ersten Lese, obwohl wir inzwischen im Frühling sind. Doch schließlich weiß auch der Nenea Ghiţă nicht mehr, woran es liegt und wieso der Ge­nosse auf dem Bildschirm ständig nach oben eilt, um rasch von unten wieder aufzutauchen. Nach vielem Schimpfen, der Genosse möge doch endlich stillstehen und nicht ständig nach oben wollen, muss der Ne­nea Ghiţă aufgeben und, mit seiner zeigefingerlosen Hand den letzten Becher Ribiselwein ergreifend, vor dem Großvater seine Machtlosigkeit eingestehen. Somit gibt es nur noch die eine Lösung, dass nämlich der Vişan, der neue Meister im Ort, den Fernseher abholt und in seine Re­paratur bringt.

Die Unzufriedenheit des Großvaters ist umso größer, da es heißt, eben in diesen Tagen soll der Genosse zum ersten Präsidenten der Re­publik ernannt werden. Es heißt, das wäre auch in unserem rotbraunen Dacia II zu sehen.

Der richtige Mechaniker, mit Zeigefinger und mit seinem schwarzen Auto, kommt tags darauf vor das Haus angerollt und bringt unseren Fernseher weg. Ein paar Tage später bringt er ihn mit sämtlichen Lam­pen wieder zurück. Als wir ihn erwartungsvoll anschalten, stellen wir voller Zufriedenheit fest, dass die Welt wieder in Ordnung ist. Der Ge­nosse, der ab nun Preşedintele – »der Präsident« heißt, will nirgendwo nach oben mehr hin und steht ganz fest vor unseren Augen.

 

***

 

Wenig später und etwas weiter weg, heraus aus dem dichten Laubwald und nach einigen kurzen Halten in kleineren Bahnhöfen, erhebt sich wie im Nu ein weiterer mächtiger Wald. Der da besteht jedoch aus schlan­ken Eisenmasten, eng miteinander verflochten durch ein dichtes Geäst dünner und sich häufig überkreuzender Drähte. Turmhoch schießen drei riesige Masten über allen empor, von einer Gestalt, wie ich bislang noch keine zu sehen bekommen habe. Feine Drahtsehnen verbinden ihre spit­zen, auf einer Höhe stehenden Schultern von einer Seite zur anderen und von oben nach unten und schräg nach allen Richtungen. Alles ist eckig und geradlinig, wie ein gewaltiges Drahtzauntor zu einer hellblauen, mit weißen Wolkensträuchern übersäten Terrasse im Himmel.

Nein, das ist es nicht! Kein Drahtzauntor. Was es aber wirklich ist, ist ziemlich unverständlich. Auf meine Frage meint der Vater, das sei ei­ne Störanlage. Nach einem weiteren Hin und Her, in dem ich frage und der Vater unsicher und ausweichend zu antworten scheint, zeichnet sich allmählich eine Erklärung ab: Es ist eine Störanlage für die Menschlein im Schwarzen Radio. Bei uns zu Hause heißt es doch schon immer, die dürften nicht alles sagen, was sie sagen. Aber sagen tun sie es trotzdem. Wieso man etwas nicht sagen darf? Ist doch richtig: ich darf auch nicht alles sagen – ja sogar nicht alles merken. Garstige Wörter, zum Beispiel, die ich auf der Gasse oder bei der Paula-Tante höre. Doch die Mensch­lein, denen die Großmutter und der Großvater jeden Abend zuhören, die reden alle frei und fließend, garstige Wörter höre ich dabei keine. Wieso ist dann eine derart riesige Anlage nötig, bloß um ein paar win­zige Menschlein mit braven Stimmen zum Schweigen zu bringen? Mir fällt dabei ein, dass ab und zu, an manchen Abenden, deren Stimmen tatsächlich zu knistern beginnen und manchmal auch völlig verrutschen und verschwinden. Das ist dann für die Großmutter immer Anlass, am Knopf zu drehen und nach anderen Menschlein zu suchen, die weiter reden können, und für den Großvater, manchmal Wörter zu sagen, für die erst recht eine Störanlage nötig wäre.

 

***

 

Vor uns haben die Pioniere aus den höheren Schulklassen gesungen. Etwas über den lachenden Frühling und den eingetroffenen Ersten Mai. Und über die Arbeiter, die losgegangen seien, um sich zu verbrüdern und zu feiern. Gesungen haben die Pioniere das alles auf Rumänisch.

Und jetzt singen wir auf Deutsch. Doch bevor wir vorhin, etwas ver­schüchtert vor so vielen Leuten, die Bühne bestiegen haben, ist die Ge­nossin Gemeinde aufgetaucht und hat uns eine kurze Rede gehalten. Die Helga-Tante mit der wir die letzten beiden Proben gestern und vorges­tern durchgeführt haben, schien über die Rede nicht ganz glücklich ge­wesen zu sein. Sie hat nur etwas grimmig gekuckt und nichts gesagt.

– Ihr seid hier die kleinsten, die auf der Bühne auftreten, – so die dünne Genossin Gemeinde hastig zu uns – und deshalb sollt ihr auch die besten sein. Eure Kostüme sehen großartig aus, – hat sie noch gesagt, als ob sie uns zum ersten Mal zu sehen bekam. – Schön hat die Frau Helga sie für euch gemacht! Was seid ihr denn für welche? Fledermäuse?

– Schwaaal-ben! – hat der Bruno gebrummt.

– Ach, Schwalben! – hat die Genossin Gemeinde sich noch kurz be­geistert, dann ist sie wieder sachlich geworden. – So, jetzt passt auf, Kin­der: Am Ende, nachdem ihr euer Liedchen gesungen habt, kriegt ihr ei­ne Überraschung. Bitte alle ruhig und ordentlich auf der Bühne bleiben und froh sein, bis ihr der Reihe nach weggeht. Keiner geht zu früh weg, und alle habt ihr euch zu freuen, so, dass die Leute es sehen können, denn jeder von euch wird was bekommen. Gut?

Die Begeisterung bei uns hat sofort eingesetzt und musste erstmal durch ein zischendes »Ssscht!« gedämpft werden, denn wir störten die Pioniere beim Singen. Nur die Helga-Tante hat sich gar nicht über unser angekündigtes Geschenk gefreut.

Die Aufregung des bevorstehenden Auftritts und des Schwalbenseins vor so vielen Leuten haben wir vergessen. Was wird es bloß sein, was wir bekommen werden? Ein Paket Ausdeutschland? Wahrscheinlich nicht. Denn das kriegt, wenn, dann jeder einzeln. Dann muss einer aus dem Haus alsbald mit der Eisenbahn nach Kronstadt zum Zoll fahren, um dort es öffnen und durchsuchen zu lassen, etwas daraus dem Zöllner ge­ben, um es danach, zugebunden und in einer Tragetasche verstaut, mit der Eisenbahn heimzubringen. Dann stellt man es auf den großen Tisch, öffnet es in aller Ruhe und freut sich darüber, die ganze Familie.

Das mit unserem Singen auf der Bühne ist offensichtlich gut gegangen, sonst würden die vielen Leute nicht so klatschen und uns anstrahlen. Wir sind kreuz und quer über die Bühne geschlängelt, haben uns ver­streut, mal als Paare, mal vereinzelt durch die Gegend hüpfend und flat­ternd, während zwei von uns das Brautpaar gespielt haben. Leider sind das nicht die Karoline und ich gewesen. Das Lied selbst erzählt von lau­ter Vögeln, von Lerche und Eule und Auerhahn und Meise und vielen anderen, während wir alle bloß Schwalben sind, die im Lied gar nicht vorkommen. Das scheint den Leuten nichts auszumachen – viele von ih­nen reden auch gar kein Deutsch. Wie dem auch sei, wir stehen jetzt im Halbkreis da voller Erwartung auf unser Geschenk.

Die dünne Genossin Gemeinde, die bereits seit dem Beginn unseres Auftritts unten an der vorderen Ecke der Bühne steht und wartet, springt flink die vier-fünf Bretterstufen hinauf auf die Bühne, wendet sich halb zu uns, dann zu den vielen Menschen hin und beginnt zu reden.

– Liebe Kinder – beginnt sie schwungvoll, und der Auftritt scheint sie gar nicht aufzuregen, obwohl sie vor so vielen Leuten steht – liebe Kinder, ihr habt so schön gesungen und getanzt, und da wir heute den Ersten Mai feiern, hat unsere Partei auch an euch gedacht und will euch belohnen, denn es ist eine Ehre, von der Partei geehrt zu werden, und ihr habt es durch eure Leistungen wohlverdient, was euch zum Ansporn für weitere große Leistungen dienen soll, zum Aufblühen und zum Fort­schritt unseres geliebten Vaterlandes.

Das wird es wohl sein, weswegen so viele Leute im Gras auf dem Berg sitzen und uns zuklatschen. Die sind wahrscheinlich alle von der Partei. Und immer, wenn die was schenkt, wird geklatscht. Das hat es schon öf­ter im rotbraunen Fernseher gegeben, dass eine große Menge Leute sitzt und jemanden, der vor ihr steht, anklatscht. Meistens den Genossen. Je­doch: Nicht, dass ich wüsste, dass die Helga-Tante-von-hier, der Resi-Onkel, der Moraru und der Nachbar Schuller, ja selbst die Großmutter zur Partei gehören. Denn sie bemerke ich auch, ganz vorne sitzend, in der Menschenmenge vor uns, mit gespannten Mienen zuhörend.

– Eure Belohnung, liebe Kinder, – fährt die dünne Genossin Gemein­de fort, – ihr kriegt … euch wird die Ehre erwiesen, aufgenommen zu werden als erster Jahrgang … in die neu gegründete Organisation der »Falken des Vaterlandes«!

Dann sagt sie das Gleiche gleich noch mal auf Rumänisch, mit der et­was anderen Aussprache jener Leute, die meistens Deutsch reden.

– Das ist die neu gegründete Organisation, die euch die Fürsorge der Partei und der Regierung zeigt, – redet die Genossin Gemeinde weiter, flüchtig auf uns und dann wiederum auf die vielen Leute im Gras bli­ckend. – Hier sollt ihr euch geborgen fühlen und schöne Sachen ma­chen, bis ihr in die Schule geht und später zu Pionieren werdet.

Wir versuchen, etwas froh zu sein. Erstmal ohne genau zu wissen, warum. Wahrscheinlich weil es heißt, wir sollten uns freuen. Und von wegen schönen Sachen: Unsere Blicke suchen nach irgendwelchen ver­packten Geschenken, nach Spielsachen oder nach was Süßem, was un­sere Belohnung fühlbar werden lässt. Doch stattdessen holt die dünne Genossin Gemeinde aus einer Ecke eine kleine Kartonschachtel hervor, ganz weiß und schlicht und gar nicht als Geschenk verpackt, und tänzelt erneut auf uns zu, diesmal nur uns in ihren Blick fassend.

– Hier! – legt sie wieder los. – Hier bekommt ihr das Zeichen, dass ihr alle zu den »Falken des Vaterlandes« gehört. Das habt ihr ab heute an eurer Uniform zu tragen!

Unsere Uniform ist das dumme hellblaue Röckchen, doch das tragen wir heute ausnahmsweise nicht, denn wir sind schwarze Schwalben.

Die Genossin Gemeinde holt aus ihrer Schachtel ein kleines, buntes Stoffteil, länglich zugeschnitten, in der Mitte zusammengeschnürt, hin­ten mit einer Sicherheitsnadel zu befestigen. Da ich der erste in der Reihe bin, bekomme ich als erster das kleine Stück links an die Brust geheftet.

– Das ist die Trikolore, die ihr als »Falken des Vaterlandes« tragen werdet, bis euch die Partei eine passende Uniform dazu schenken wird. Bald werden eure Eltern sie im Geschäft für euch kaufen können. Das rot-gelb-blaue Stoffteilchen an der Brust sieht aus wie ein zer­quetschter Schmetterling. Es hängt etwas schief, wie in der vordersten Reihe der dünne Schnurrbart vom Resi-Onkel unter seinem noch dün­neren Lächeln. Die Genossin Gemeinde macht eine zufriedene Miene und sieht zu, wie wir alle stumm dastehen mit unseren bunten Schmet­terlingen. Mehr scheint es für uns nicht zu geben. Ein paar Leute haben geklatscht, aber es sind weniger gewesen als bei unserem Lied.

Danach steigen wieder Pioniere auf die Bühne und singen noch was vom Ersten Mai, während wir wortlos der Reihe nach die kurze Holz­treppe herabsteigen.

Wir betrachten uns gegenseitig und zupfen ab und zu an unseren tri­koloren Stoffteilchen. Sie sehen schön aus, die drei Farben rot-gelb-blau auf dem schwarzen Hintergrund des Kostüms.

Kaum ist die Rede von der Ehre, Falke zu sein, vorüber, ist nichts mehr besonders daran, Falke zu sein. Wir stehen nicht mehr oben auf der Bühne, kaum einer achtet noch auf uns, keiner klatscht uns mehr an, unsere leeren Hände brauchen auch nicht mehr zu flattern, denn als Schwalben haben wir ebenfalls ausgedient. Die Genossin Gemeinde ist auch nicht mehr oben, um uns schön zuzureden. Ergriffen spricht sie, etwas abseits, mit einem Onkel in grauem Anzug und mit Krawatte.

Der Nachbar Schuller tut das Gleiche mit dem Resi-Onkel, der wei­terhin schief lächelt, und ich höre ihn sagen: – Falken hin, Falken her, aber lass sie nicht vergessen, Schwalben zu sein. Schwalben sind näm­lich Wandervögel …

 

***

 

Ausgerechnet an diesem Abend, als ich dachte, zu Hause werde diesmal ich im Mittelpunkt stehen!

Inzwischen habe ich so richtig erfahren, was ein Falke ist. Er wächst auch bei uns im Land – natürlich, wie hätten wir sonst ausgesehen, als Falken des Vaterlandes ohne Falken im Vaterland? Ein kräftiger, flinker Vogel, der alles sieht und auf Mäuse lauert und diese fängt. Wie die Katze. Nur dass er fliegt. Was weder wir, noch die Katze können. Das besagt auch das Lied, das aus der Sendung für Kinder am Sonntagvormittag ertönt:

 

                        „Şoimii patriei, şoimii patriei,

                        Spre lumină vom zbura,

                        Şoimii patriei, şoimii patriei,

                        Pentru tine, ţara mea.“

 

                        „Falken des Vaterlandes, Falken des Vaterlandes,

                        Dem Licht entgegen werden wir fliegen,

                        Falken des Vaterlandes, Falken des Vaterlandes,

                        Für dich, mein Land.“

 

Demnach ist es der Flug, der die Falken in der Organisation vereint, der ab heute auch wir angehören. Nicht die Lauer und auch nicht das Mäusefangen. Deswegen gibt es wahrscheinlich auch keine Organisation der Katzen des Vaterlandes.

Und eben heute scheinen die Großmutter und der Großvater neugieriger denn je zu erfahren, was denn los sei. Mal einer, mal der andere huschen aus dem einen Zimmer ins nächste und wieder zurück und tauschen, wenn sie sich begegnen, geringe Worte und manch einen knappen Ausruf. An diesem Abend sind beide an, auch das schwarze Radio und auch der rotbraune Fernseher. Jeder sagt etwas anderes. Das eine spricht über den Fall Saigons und den verlorenen Krieg der Amerikaner, der andere über den Sieg der vietnamesischen Volksarmee und der Kommunisten in Vietnam. Ich weiß nicht, wer der Saigon ist und auch nicht warum und von wo er denn gefallen sein soll, doch ich merke, dass es wichtig ist und dass beide von dessen Fall betroffen sind.

– A-uz´ acolo! – ruft die Großmutter aus. – Na hör mal hin! – So ruft sie jedesmal auf Rumänisch aus, wenn etwas sie besonders stark staunen lässt. – Dass die Amerikaner Dresch´ kriegen, dass sie den Krieg verlieren! Wann hat es noch sowas gegeben? Sowas gibt´s doch gar nicht!

– Sunt daţi dracului vietnamezii, dom’le! Mann, sind die des Teufels, die Vietnamesen! – äußert auch der Großvater, als Zeichen höchster Anerkennung. – Die haben es gewusst, sich jah-re-lang in ihren Wäldern dort zu schlagen. Die vergeben nichts! Ab jetzt wird es auch dort so sein wie bei uns damals, im Fünfundvierziger. Die Kommunisten kommen, setzen sich überall fest und die Geschichte hat sich.

Welche Geschichte hat sich? Ich hab sie nicht mitbekommen! Auf ihren Gesichtern versuche ich einen Ausdruck, eine Stimmung auszumachen, anhand deren ich feststellen kann ob die Vorgänge von denen sie reden gut oder schlecht sind. 

– Was die Russen wohl lachen werden! – kommentiert noch die Großmutter aus einem Mundwinkel. – Denn sowas haben die noch nicht erlebt!

Wenn die Russen lachen, will das heißen sie sind froh. Denn die Amerikaner haben von Kommunisten im Wald eine Dresch eingesteckt. Wer sind von daher die Guten und wer die Schlechten? Der rotbraune Fernseher erzählt sie seien sehr gut, die Kommunisten. Doch ganz was anderes behauptet das schwarze Radio. Wird es wohl auch bei uns im Wald Kommunisten geben? Denn Amerikaner hab ich keine gesehen. Also: die Russen… Doch auch die Russen sind die Schlechten! So sagt der Großvater und so sagt das schwarze Radio. Wie sind dann die anderen, die Amerikaner? Obwohl diese, die Russen, in den Filmen im Fernseher stets die Guten sind. Demnach, wenn die Guten sich freuen, ist das gut? Doch nein, das sind dennoch die Schlechten. Und wenn die Schlechten sich freuen, wie ist das dann?

Viel einfacher mit den Rumänen und den Türken. Dort ist von Anfang an klar wer gut und wer schlecht ist, wer verliert und wer gewinnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Claudiu Mihail Florian, 1969 in Rupea/Reps, in Rumänien geboren, ging mit elf Jahren aus seinem Heimatort in Siebenbürgen nach Bukarest. Nach dem Abitur 1988 leistete er den rumänischen Militärdienst ab, wo er im Dezember 1989 den Umbruch seines Landes miterlebte. Später studierte er Germanistik und Geschichte in Bukarest, Bielefeld und München. Als Student übersetzte er mehrere englische und deutsche Autoren ins Rumänische, darunter Hermann Hesse. Seit 2002 arbeitet er im rumänischen Außenministerium.

 
http://www.amazon.de/Zweieinhalb-St%C3%B6rche-Roman-Kindheit-Siebenb%C3%BCrgen/dp/3887472357

 

http://www.deutschlandradiokultur.de/zurueck-ins-kindheitsland.950.de.html?dram:article_id=136747

 


http://www.euprizeliterature.eu/author/2016/claudiu-m-florian

 

 

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