Christoph Aschenbrenner

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Dort, wo die alten Kopfweiden stehen

 

Die Welt ist weit, bei euch ist sie klein. Ich ging fort, um mit Leben endlich anzufangen. Ihr habt mich nicht verstanden.

Vielleicht nehm ich mal ein Zimmer im alten Hotel „Zur Rose“. Vielleicht mach ich eine Lesung im Jugendstift Marienheim. Vielleicht gibt’s Applaus, vielleicht was auf die Fresse. Vielleicht sehe ich in den Kopfsteinpflastergassen mein Mädchen, nun eine Frau.

Sitz wieder inner Konditorei, statt in die Kirche zu geh’n. Spendier euch ein Bier im „Goldenen Hirsch“.

Sicher ist eins, ich steige in die Straßenbahn zum Bahnhof, um euch abermals zu verlassen. Ich muss dort hin, wo ich atmen kann.

 

 

 

Leises Lied

 

Manchmal war ich in dich verliebt, aber sagen tat ich’s dir nicht. Vielleicht denke ich bald nicht mehr so oft an dich. Vielleicht dauert der Abschied ein ganzes Leben.

Du nahmst meine Noten und spieltest das Klavier wie man liebt. Wir wurden einander vorgestellt und du nahmst deinen Platz ein. Ich war traurig, du hast das nicht akzeptiert. Der Schmerz zerbrach, zerbrach auf den weißen und schwarzen Tasten, die du berührtest.

Der letzte Ton stand noch lange im Raum. Du nahmst die Schleife aus deinem Haar. Ich glaub’, ich wurde nur geboren, um das zu sehen. Du hast die Tastatur betrachtet. Den Schluss noch mal gespielt.

Im Exil. Mich zu verständigen fällt mir schwer, nur die Noten sind international. Es fehlt mir die Zeit, die Zeit in deinem Musikzimmer, wo wir einander nah waren, ohne dass wir’s wussten.

Der Herrenmensch marschierte ein und du nahmst eine andere Passage als ich. Getroffen haben wir uns im Winter. Gelacht und gesprochen. Es gab kein Klavier, nur weiße und schwarze Tasten, die du an die Wand gemalt hattest. Und du spieltest immer noch wie man liebt.

Langsam ziehen graue Strähnen in dein Haar. Deine Kinder werden groß. Es steht wieder ein Klavier bei dir. Es ist stumm und ich gehe vielleicht wieder zurück, denn die tausend Jahre sind schnell vergangen. Besser du spielst nicht mehr so wie man liebt.

 

 

 

Morgens kein Nutella

 

Die Kindheit von Herrn C. war etwas schräg. Sein Vater war Arbeiter im Stahlwerk. Wenn der Feierabend hatte, nahm er seine Bierflasche nicht aus der Hand und blies den Zigarettenrauch den Kindern ins Gesicht. Herr C. war das älteste Kind unter den Geschwistern.

Die Mutter, stets sehr behütend, fürsorglich und immer wegen irgendetwas besorgt, las vor dem Einschlafen Märchen aus einem dicken Buch vor, während Vater mit voller Lautstärke Fernsehen schaute, denn sein Gehör hatte in der Fabrik gelitten. Manchmal wünschte sich der kleine Herr C., er könne selber die Geschichten lesen, die von Riesen, Zwergen, von Königssöhnen und Prinzessinnen und den drei Wünschen, die die Feen gewähren, erzählten. Viel zu früh klappte nämlich Mutter das Buch zu und es hieß: « Augen zu und schlaf! » Nebenan dröhnten die Schüsse in einem Westernfilm und der Junge musste schlafen.

Irgendwann kam der erste Schultag. Herr C. wurde eingeschult und durfte endlich Lesen und Schreiben lernen. Sein Vater hatte frei und eine Fahne. Die Mutter hat die Kinder immer zu Hause gehalten. Gespielt wurde im Hinterhof. Sie hatte große Angst davor, dass auf der Straße, wo die Nachbarskinder spielten, eins ihrer Kinder verunglücken könnte.

Der junge Herr C. lernte in der ersten Klasse nun fremde Kinder näher kennen. Da war die Marion, ihre Mutter war Krankenschwester und der Mann Gärtner. Und die Ingeborg, deren Eltern einen Kaufmannsladen führten. Gudrun kam aus einem Ingenieurshaushalt. Veronikas Vater war Bäcker und der musste immer ganz früh aufstehen. Heute kann sich Herr C. nicht erinnern, aus was für Elternhäusern die anderen Jungs seiner Klasse kamen. Doch. Der Uli. Sein Vater war bei der Sparkasse. Und dort arbeitet sein ehemaliger Klassenkamerad heute auch.

Nach der Schule sofort nach Hause, sonst wurde Mutter böse. Wenn er da war, fragte sie ihn immer, was er gelernt und erlebt habe. Aber Herr C. war damals oft einsilbig. Es war viel, was sein kleiner Kopf aufzunehmen hatte. Nicht nur, dass er den Unterrichtsstoff behalten musste, ihn beschäftigte auch, dass es zu Hause bei den anderen Kindern wohl anders zuging, als er es kannte.

Seine Lehrerin war eine erfahrene Kraft, beliebt bei ihren Schülern wie bei den Eltern. Sie hatte einen Blick für talentierte Schüler. Bei dem jungen Herrn C. erkannte sie nach einer Weile ein Potential, welches sie zu fördern verstand. Und so blühte der Junge auf, der zunächst ziemlich schüchtern dagesessen hatte. Das war es, was sie an ihrem Beruf liebte.

Herr C. hatte daheim das ganze Märchenbuch selber gelesen. Er fing an, seine Schulbücher im Voraus zu lesen, weiter, als die Klasse in der Schule war. Er suchte zu Hause nach noch mehr Lesestoff, doch außer der Bibel gab es nur noch ein paar alte Illustrierte, die noch niemand weggeworfen hatte. Was darin stand, hatte viele schwierige Wörter, die er buchstabieren musste, jedoch oft nicht verstand. Na, und Werbeanzeigen. So für Nutella, dem leckeren Brotaufstrich.

Am nächsten Tag in der Schulpause fragte er Veronika, mit der er sich etwas angefreundet hatte, was Nutella sei. Sie verdrehte die Augen und lächelte mitleidig, wie immer, wenn der Junge so merkwürdige Fragen stellte.

« Das weiß doch jeder! Das ist wie Schokolade, nur cremig, und man schmiert es aufs Butterbrot. Wir essen es jeden Morgen zum Frühstück. »

« Hm », kommentierte Herr C.

In der nächsten Stunde teilte die Lehrerin mit, dass alle nun genug gelernt hätten, um auch die Schulbibliothek nutzen zu können und sie würden jetzt da hingehen und gezeigt bekommen, wie man sich Bücher aussuchen und ausleihen könne. Es war, als hätte die Fee aus dem Märchenbuch Herrn C. einen Wunsch erfüllt. Da war ein Raum voll mit Büchern, Bücher und Bücher! Und man durfte sie mit nach Hause nehmen.

So wurde Herr C. eine richtige Leseratte, was auch dem Vater nicht entging und ihn oft so nannte, nur dass der die Silben « Le-se » wegließ. Der Junge las während seine Geschwister im Hinterhof spielten und er las abends im Bett. Wenn Mutter nach ihm schaute, musste sie das Licht löschen und das Buch, das er im Schlaf noch festhielt, legte sie seufzend weg.

An einem Sonntag, als die Familie am Frühstückstisch saß, der Vater den Qualm seiner Zigaretten den Kindern ins Gesicht blasend, fragte der junge Herr C.: « Warum gibt es eigentlich bei uns kein Nutella? Diesen leckeren Brotaufstrich? » Sofort fing er sich vom Vater eine. Der wurde ganz schön wütend und schimpfte, ob es dem feinen Herrn Sohn nicht genügen würde, was auf dem Tisch stünde, er würde doch alles durch seine schwere Maloche heranschaffen! Diese Ohrfeige brannte Herrn C. noch lange im Gesicht.

 

 

 

Vaters Hut

 

„Vater! Vater!“

Der Mann steht an der Haustür. Er ruft: „Vater! Mach doch auf!“

Es ist früh an einem Sommermorgen. Es dämmert bereits.

„Vater! Wach auf!“ Wieder drückt er auf die Klingel. Sie ist durchs Haus zu hören.

Endlich Schritte im Treppenhaus. Dann im Flur.

„Wer ist da?“

„Hier ist dein Sohn! Mach doch endlich auf!“

Der Schlüssel dreht zweimal im Schloss und der alte Mann öffnet die Tür.

„Was willst du?“

„Vater! Hast du’s vergessen? Heute ist unser Tag! Wir wollen diesen Tag zusammen sein. Nur

du und ich. Ich habe das Cabrio vollgetankt.“

„Komm rein, mein Sohn.“ Der Sohn folgt dem Vater in die Küche.

„Heute, wo deine Mutter nicht da ist, gibt es erst mal einen schönen starken Bohnenkaffee.“

Als sie ihren Kaffee getrunken haben, geht sich der Vater rasieren.

Nun können sie fahren. Der Sohn gibt dem Vater einen Hut. „Das ist dein Sommerhut, nicht wahr? Der steht dir sehr gut!“

Sie steigen ins Cabriolet und fahren los. Langsam. Sie haben viel Zeit. Der Vater sucht einen passenden Sender im Autoradio. Sie hören Jazzmusik.

Der Tag ist angebrochen, es wird schnell warm. Sie fahren an die Küste. Sie parken den

Wagen und gehen an den Strand.

Vater und Sohn unterhalten sich mit einem Spiel.

„Eine drei, höchstens.“

„Nein, eine glatte zwei.“

„Oh, guck mal, da läuft eine eins.“

„Ja, schön. Aber höchstens eins minus.“

Eine junge Frau mit einer sagenhaften Figur kommt ihnen entgegen. Vater und Sohn schauen

sich an und sagen gleichzeitig: „Eins plus!“

So gehen sie über den Strand. Sie hinterlassen Fußspuren, die die gleichmäßig rollenden Wellen wegspülen.

„Vater, hast du Durst?“

„Ich habe großen Durst, mein Sohn.“ Sie setzen sich in ein Strandbistro. Dort bestellt der Sohn dem Vater ein großes kühles Blondes. Auch ein zweites, dann ein drittes.

Gemeinsam hocken sie danach in den Dünen und sehen die Sonne sinken. Auf der Heimfahrt brennen ihre Wangen.

Wieder zu Hause angekommen, verabschieden sie sich herzlich voneinander.

„Das machen wir mal wieder“, meint der Ältere.

„Gerne, ich fand es schön, Vater.“

„Ich auch. Jetzt geh und pass auf dich auf, Sohn!“

Der Sohn wartet, bis sein Vater die Tür hinter sich zweimal abschließt, dreht sich um und sieht den Hut vom alten Herrn noch im Auto.

Er nimmt den schönen Sommerhut und ruft: „Vater! Vater!“

Der Mann steht vor der Haustür.

„Vater! Mach doch auf!“ Es dämmert bereits.

„Vater! Vater?“

Im Nachbarhaus geht ein Fenster auf.

„Was machen Sie denn für einen Lärm?“

Eine Frau beugt sich aus dem Fenster.

„Ich will meinem Vater nur den Hut zurückgeben.“

Die Frau schaut genauer hin.

„Sind Sie nicht der Sohn vom alten Kubischek? Wo waren Sie denn all die Jahre? Wissen Sie denn nicht, dass Ihr Vater seit einem Jahr tot ist?“ Die Nachbarin schließt wieder das Fenster.

Er steht vor seinem Elternhaus. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt. An der Tür ein Schild: „Zu verkaufen.“

Der Mann hält den Sommerhut in den Händen. Er setzt ihn auf. Der Hut scheint zu passen. Es ist kühl für einen Sommermorgen.

 

 

 

http://www.sonderpunkt-verlag.de/stamm/de/buecher/ash/b-ash.php

 


Autorengruppe Sem;kolon
:

http://www.muenster.org/semikolon/

 


Homepage
Christoph Aschenbrenner

http://www.c-aschenbrenner.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

1966 geboren in einer von Industrie geprägten mittleren Großstadt am Niederrhein. Ging zunächst in eine Schlosserlehre. Besuchte dann das Abendgymnasium und zog 1991 zum Studium der Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaften nach Münster. Schloss sich dort der freien Autorengruppe „Sem;kolon“ an. Treffen, Anthologien und Lesungen der Literaturgruppe gestaltet er bis heute mit.

 

Eigene Veröffentlichung: Ultraviolett – 14 Momentaufnahmen aus unbestimmten Tiefen, Sonderpunkt-Verlag, Münster, 2014, ISBN 978-3-95407-035-0 . Dem Buch wurden „Leises Lied“ und „Vaters Hut“ entnommen.

Articles similaires

Tags

Partager