Christa Schuenke

 

 

 

 

Exil?

 

„Ich habe mich kaum je unter den Menschen so fremd gefühlt als gegenwärtig … Das Schlimmste ist, daß nirgends etwas ist, mit dem man sich identifizieren kann”, schreibt Albert Einstein im Herbst 1933, kurz nachdem er, aus Deutschland vertrieben, Zuflucht in Amerika gefunden hatte. Vertrieben wie so viele andere deutsche Künstler und Intellektuelle, die im Dritten Reich ins Exil gehen mussten.

 

Doch was bedeutet das – Exil? Es ist eben jenes Gefühl anhaltender Fremdheit, das selbst die freundlichste Aufnahme im Exilland allenfalls zu mildern vermag. Aber „Annäherung und Abstoßung sind tägliche Erfahrungsmuster, die in der Unsicherheit des Exils überproportionale positive wie negative Emotionen hervorrufen.“ Diese nüchterne Feststellung liest sich wie ein Kommentar zu dem von Einstein zum Ausdruck gebrachten, für jenes unfreiwillige Leben in der Fremde so charakteristischen Missbefinden. Sie stammt aus der Feder der Journalistin Claudia Anthony, die in dem grausamen Bürgerkrieg, der ihre Heimat Sierra Leone verwüstete, ihre gesamte Familie verlor, selbst in Lebensgefahr geriet und gleichfalls in der Fremde Zuflucht suchen musste. Claudia Anthony war von 2000 bis 2005 Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des deutschen P.E.N. Inzwischen ist sie wieder zurückgegangen in ihr Land und arbeitet heute in Freetown, ihrer Vaterstadt, bei einem Radiosender.

Beim P.E.N.-Zentrum Deutschland besteht seit elf Jahren das Writers-in-Exile-Programm, gleichsam ein Dank (denn „Wiedergutmachung“ kann es nicht geben) dafür, dass deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller in den Jahren der NS-Herrschaft mit Hilfe der PEN-Zentren anderer Länder in diesen Ländern Aufnahme fanden. Jeweils sechs in ihren Herkunftsländern politisch verfolgten Autoren gewährt Writers in Exile für einige Jahre in Deutschland eine sichere Heimstatt. Über zwei Dutzend Autoren konnten wir so schon unterstützen. Das Programm hilft ihnen, sich einzugewöhnen, unsere Sprache zu lernen, frei von materieller Not in Sicherheit zu leben und – sofern es ihre gesundheitliche und psychische Verfassung erlaubt – zu schreiben. Der P.E.N. hat in Berlin, Hamburg, Köln, München und demnächst auch in Nürnberg Stipendiatenwohnungen angemieteten und eingerichtet, er trägt die Kosten für die Krankenversicherung und zahlt den Gästen einen monatlichen Betrag zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten. Die Gelder dafür werden von der deutschen Bundesregierung zur Verfügung gestellt. Die Stipendien werden für ein Jahr vergeben und können bei Bedarf um weitere zwei Jahre verlängert werden. Bei praktischen Alltagsfragen wie polizeilicher Anmeldung, Beantragung einer Aufenthaltserlaubnis oder Eröffnung eines Bankkontos hilft die Geschäftsstelle des deutschen P.E.N. direkt vor Ort, teilweise unterstützt von ortsansässigen P.E.N.-Mitgliedern.

Die Stipendiaten des Writers-in-Exile-Programms des deutschen P.E.N. kommen – leider – aus aller Herren Länder. Warum dem so ist, das erfährt man tagtäglich aus den Medien. Aus Simbabwe kam Itai Mushekwe, aus China Zhou Qing, aus Belarus Alhierd Bacharevic mit seiner Familie; aus Tschetschenien Adam Guzuev, aus der Türkei Pinar Selek, aus dem Iran Mansoureh Shojaee und aus Togo Eglo Cosmos Akoete Agbodji. So viele Kulturen, so viele Erfahrungen, so viel Wissen und so viele Wege schreibender Aneignung der Welt.

Detailliertere Auskünfte über unserer Stipendiaten müssen in den meisten Fällen aus Sorge um deren Sicherheit verweigert werden. Manchen könnte  jede noch so scheinbar geringfügige Indiskretion zum Verhängnis werden. Andere wiederum haben ausdrücklich den Wunsch, mit ihrer Geschichte, ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit zu treten. Der P.E.N. respektiert das Schutzbedürfnis der einen und ist bemüht, den anderen ein Forum zu geben.

Zu der Bürde einer oft traumatischen Vergangenheit, die diese Menschen im Gepäck tragen, kommt jenes von Einstein benannte Gefühl, sich mit nichts identifizieren zu können, kommt der Verlust all dessen, was einem vertraut war, und vielfach auch  für eine Zeitspanne, deren Dauer von der individuellen Konstitution und Schwere des Traumas abhängt, der Verlust eines wesentlichen Teils der eigenen Identität. Und neben all diesen mitunter lähmenden Belastungen müssen sie hier, in dem noch fremden Land, einen Alltag bewältigen, müssen Ämtergänge und Arztbesuche absolvieren, ihre Kinder zur Schule schicken und dergleichen mehr. Vor allem aber müssen sie sich – vorerst ohne Kenntnis unserer Sprache – in der ganz anderen Kultur zurechtfinden und dürfen dabei nicht den Kontakt zu ihrem Heimatland und zu ihrer eigenen Sprache verlieren, denn dort sind schließlich ihre Leser. Und ihnen ist bewusst, dass sie in aller Regel für lange Zeit kaum eine Chance zur Rückkehr in die Heimat haben werden. So bleibt denn vielen nach dem Ende des Stipendiums nichts weiter übrig als der Asylantrag. Ein schwerer Schritt, der damit anfängt, dass man seinen Pass abgeben muss und bis zum Zeitpunkt des Entscheids nicht nur seine persönliche Freizügigkeit verliert, sondern auch das Recht zu arbeiten, die  Schule zu besuchen oder sein Studium fortzusetzen.

Doch das Exil muss nicht immer nur eine Anhäufung von Verlusten sein. Es kommt darauf an, dass beide Seiten, Gastgeber und Gäste, ohne Scheu und Vorbehalte aufeinander zugehen und gemeinsam Wege suchen, wie die Schätze gehoben werden können, die diese Autoren, die aus fremden Welten zu uns kommen, in so reichem Maße mit sich bringen. An uns ist es, ihnen mit Respekt, aber auch mit freundschaftlicher Neugier und kollegialem Interesse zu begegnen.

Das versucht der P.E.N., indem er seine jeweiligen Stipendiaten auf seiner Website vorstellt und in loser Folge Anthologien mit ihren Texten veröffentlicht. Auf Veranstaltungen des P.E.N. sind die Stipendiaten gern gesehene Gäste und haben bei Podiumsdiskussionen und Lesungen oder im SALON EXIL in Berlin Gelegenheit, sich selbst und ihre Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und das betrifft nicht nur diejenigen Autorinnen und Autoren, die gegenwärtig bei uns sind, sondern auch die ehemaligen Stipendiaten, die sich entschließen mussten, nach Ablauf dieser Schutzfrist unter den Fittichen des P.E.N. in Deutschland zu bleiben. Unsere früheren Stipendiaten bleiben dem P.E.N. eng verbunden, und diese Verbundenheit funktioniert auch umgekehrt.

Zwar kann der deutsche P.E.N.-Zentrum kann mit seinem Writers-in-Exile-Programm die Welt nicht grundlegend verändern, doch er kann immerhin bedrohten Autorinnen und Autoren das Leben retten.  Dies um so mehr und um so besser, weil er auf nationaler wie auf internationaler Ebene mit Gleichgesinnten vernetzt ist. So arbeitet der P.E.N. mit einzelnen deutschen Städten zusammen, die eigene Jahresstipendien für Exilautoren vergeben. Zugleich kooperiert er mit anderen Organisationen, deren Zielsetzung der seinen ähnlich ist, zum Beispiel mit der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und der Heinrich-Böll-Stiftung. Darüber hinaus unterhalten wir enge Kontakte zu vergleichbaren Projekten, etwa dem Programm „Städte der Zuflucht“, zu dem unter anderem Wien und Graz gehören, und dem weltumspannenden Netzwerk ICORN (International Cities of Refuge Network).

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Christa Schuenke

Vizepräsidentin des deutschen P.E.N. und Writers-in-Exile-Beauftragte

Articles similaires

Tags

Partager