Christa Schmidt

 

                      Foto: Jens Komossa

 

(Deutschland)

 

 

 

Ich bin’s

 

Roman

 

(Hanani Verlag, 2013)

 

 

 

160 Seiten. Klappenbroschur mit Fadenheftung.
€ 15,90
ISBN 978-3-944174-17-4

 

 

 

http://www.hanani.de/bue/Christa_Schmidt.html

 

 

 

Kapitel 1-3

 

In 59 Kapiteln entwirft Christa Schmidts Roman „Ich bin’s“ die doppelbödige Geschichte einer von Verlustangst angetriebenen Suche: Viktor jagt der verschwundenen Annusch hinterher. Was sich zunächst als seine Geschichte zeigt, erscheint jedoch schließlich als die ihrige. Es ist ein spannendes und psychologisch raffiniertes Spiel um Abwesenheit und Anwesenheit, Nähe und Distanz, Erzähler und Erzähltem.

 

 

 

Annuschs Atelier

 

Oft beginnt ein Drama damit, dass jemand die Tür öffnet, aber Annusch macht nicht auf.

An ihrer Ateliertür im zweiten Stock eines Kreuzberger Fabrikgebäudes hängt ein Schild: Was soll ein Vogel mit einem Mantel?

Victor Kampnagel ist nicht in der Stimmung, absurde Fragen zu beantworten. Kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, klingelt er, klopft und ruft. Während er die Klappe des Briefkastenschlitzes auf- und zuschlägt, kommt ihm eine Idee.

Die Metallstufen im Treppenhaus dröhnen unter seinem Fallschritt, durch den Innenhof der Fabrik geht er hinaus zum Parkplatz. Auf dem Rücksitz seines alten Citroens liegen Hemden, frisch gereinigt, die er aus der Plastikhülle reißt.

Seit fünf Tagen, kurz nachdem sie den Mietvertrag für die gemeinsame Wohnung unterschrieben haben, ist Annusch verschwunden. Das Atelier, ihre Tabuzone, hat er nie betreten.

Wieder vor der Tür, biegt er den Drahtbügel für seinen Zweck zurecht, führt die Schlinge durch den Briefkastenschlitz und versucht, die innere Klinke herabzuziehen. Annusch ist eine Frau, die sich abgrenzt, denkt er, aber nicht abschließt.

Victors Lippen werden zu einer schmalen Linie, bis die Tür sich öffnet. Im Flur tastet er nach dem Lichtschalter, flackernd springen die Neonlampen an, – Annusch, bist du hier?

Es bleibt still, nur das Summen der Leuchtstoffröhren ist zu hören.

Die Atmosphäre ist ernüchternd und scheint nichts mit dem zu tun zu haben, was er von Annusch kennt. Von Chaos keine Spur – kahle Wände, Betonfußboden, eine Aluminiumleiter.

Wie gegen einen Widerstand bewegt Victor sich durch den Flur bis zum Atelierraum. Durch die Fensterfront fällt Licht aus den gegenüberliegenden Etagen, in denen keine Menschen zu sehen sind.

Vor den Fenstern, auf einer Arbeitsplatte, stehen Glasbehälter mit Pigmenten, geordnet nach dem Farbspektrum. Victor greift nach dem zinnoberroten Glas, als ein Geräusch ihn zusammenzucken lässt, und er sich umdreht.

Das Glas fällt ihm aus der Hand, aber er achtet nicht auf die Pigmente, die sich über seinen Schuhen und dem Boden ausbreiten. Die aufgerissenen Augen eines Enthaupteten starren ihn an, das Schwert ist in der Hand einer Frau.

Der Geköpfte auf dem Gemälde ist nicht Holofernes, und die Frau nicht Judith. Es ist Annusch, trotz der Zornfalte zwischen den Augenbrauen – es sind Annuschs Augen, ihre Nase, ihre Lippen, großzügig, aber aufeinandergepresst.

Judiths Dienerin, die den sich aufbäumenden Männerkörper niederhält, hat Züge von Grit, Annuschs Freundin, der Tierärztin, die Victor nie geheuer war. Und wer ist dieser Holofernes?

Unfähig, sich von der Stelle zu rühren, versucht Victor einen klaren Gedanken zu fassen. Eine Auftragsarbeit wird das nicht sein, denkt er, Annuschs Auftraggeber war offensichtlich eine ungeheure Wut.

 

 

 

Nachtbilder

 

Die Außenrollos in Victors Schlafzimmer sind herabgelassen, einzige Lichtquelle ist der laufende Fernseher, ein altes Röhrenmodell. Victor sitzt auf einem Barhocker an der Wand hinter dem Apparat. Links neben ihm, auf einem Stativ, steht seine Kamera.

Die Idee für eine neue Nachtserie ist ihm schon vor dem Einbruch gekommen: Fotos aus der Perspektive des Fernsehers – der Raum nur im bläulichen Licht des Fernsehgerätes. Bei kleiner Blende bedeutet das mindestens fünf, sechs Stunden Belichtungszeit.

Victor schaut auf seine Armbanduhr – es ist nach Mitternacht. Seit über drei Stunden sitzt er fast regungslos auf dem Hocker, den Rücken an die Wand gelehnt. Er trägt eine Hirschlederjacke und Cargohosen. In seinem Schlafzimmer dreht er die Heizung auch im Winter nicht an, weil er bei Heizungsluft nicht schlafen kann.

Immer wieder lässt er seinen Blick durch den Raum schweifen, von den Oberlichtern der Altbaufenster hinab über die Heizkörper zum Fußboden, ausgelegt mit einem Lederflickenteppich. Ansonsten sind aus der Perspektive des Fernsehers an der gegenüberliegenden Wand nur ein Schachtischchen zu sehen und das Bett.

Auf dem Tischchen stehen keine Schachfiguren. Das Bett ist leer, aber jetzt erscheint Victor der Enthauptete auf dem weißen Laken, und dann sieht er sich selbst dort liegen, sieht im bläulichen Licht das Schwert in Annuschs Hand.

Ist Annusch ein Mord zuzutrauen? Bei dieser Frage spürt Victor eine Leere, als würde sein Verstand aussetzen, seine Schläfen sind feucht vor Anspannung.

Annusch hat sich immer bedeckt gehalten, was ihre Verflossenen angeht, denkt er, die Lust ist spürbar, mit der sie die Muskeln gemalt hat, den Schimmer auf der nackten Haut, die Bizeps.

Du hast die tollsten Arme, die ich kenne! Victor hört Annuschs Stimme mit dem leichten Lispeln. Die tollsten Männerarme, hat sie in einer ihrer ersten gemeinsamen Nächte gesagt. Das glaube ich nicht, hat er damals geantwortet und zu seiner Enttäuschung hat sie hinzugefügt, naja, Manowskis Arme waren auch ganz gut.

Was weiß Victor sonst noch von Manowski? Nur, dass Annusch ein paar Jahre mit ihm zusammen gewesen ist, diesem polnischen Intellektuellen, der auf Westen umgesattelt hatte. Das ist kein Grund, jemanden zu köpfen, denkt er und sieht das Blut wie eine Fontäne aus der Kehle brechen.

Victor steigt vom Barhocker und geht einen Schritt auf das Bett zu. Menschenleer, sagt er leise.

Seine Fotos, die er als Industriefotograf macht, Schwerpunkt Biotechnologie, sind meistens menschenleer, aber auch seine Nachtserien, die er bisher im Freien aufgenommen hat, auf einem Dorfplatz oder einem stillgelegten Fabrikgelände. Durch die kleine Blende und die stundenlange Belichtungszeit, mit der er dann arbeitet, wirkt das Licht auf diesen Fotos irritierend. Nicht Tag, nicht Nacht, nicht Dämmerung, ein Licht, das an keine Zeit gebunden zu sein scheint, wie in Träumen vielleicht.

Victors Rücken schmerzt vom langen Sitzen – wenn er sich ein paar Minuten auf das Bett legen würde, wäre er dann als Schatten auf dem Foto zu sehen, als eine Art Gespenst?

Er lehnt sich gegen die Wand und schließt die Augen. Annusch mit dem Schwert, sie führt es mit festem Griff, sie ist zornig, sie ist entschlossen, sie köpft einen Schlafenden. Manowski wird durch das Schwert aus dem Schlaf gerissen und reißt die Augen auf.

Victor geht im Zimmer auf und ab, was er sonst vermeidet, weil der Fußboden schwingt und die Schwingung sich auf die Kamera überträgt. Er denkt nicht an Unschärfe und Spuren, die er auf dem Foto hinterlässt.

Traue ich Annusch einen Mord zu, fragt er sich noch einmal, und wieder setzt die Leere in seinem Kopf ein. Die Leere ist besser auszuhalten als diese unheimliche Frau.

Seit dem Einbruch wehrt Victor sich dagegen, dass Annusch ihm fremd wird.

Also Tatsachen, sagt er, und dann noch einmal lauter, ich muss mich an Tatsachen halten. Erstens: Annusch kann einen Mord als Bild kraftvoll und glaubwürdig darstellen. Zweitens: Ich habe in acht Stunden einen Fototermin in einer Biotech-Firma. Drittens: Ich brauche eine Systemspülung.

 

 

 

Die Andere

 

Beim zweiten Glas Whiskey, in einer milderen Anspannung, findet Victor endlich den Schuldigen für sein Dilemma.

Kein Mensch ist schuld, denkt er, es ist mein Auto, wäre die Karre nicht in der Werkstatt gewesen, gäbe es für mich keine Rote, keine Annusch, keinen Enthaupteten, so was kommt von so was:

Vor zwei Jahren wurden dem Citroen neue Federkugeln eingebaut. Victor wartete nach einem Fototermin in der Pücklerstraße am Grunewald auf sein Taxi, als er das Klacken von Absätzen hörte. Er sah lange, rote Haare, Sonnenbrille, dunkel geschminkte Lippen, einen Trenchcoat, eng gegürtet, eine Erscheinung, wie einem Maskenmobil entflohen, aus Dreharbeiten für einen Film, den er sich nicht anschauen würde, und doch war er plötzlich mittendrin, im Platzregen. Das Taxi bog um die Ecke, hielt neben der Rothaarigen, die ohne Zögern einstieg, und Victor brüllte, hej, absolut stopp!

Bis zu diesem Punkt betrachtet er die Folgen der maroden Hydraulik relativ emotionsfrei wie ein Kausalgesetz.

Jetzt trinkt er das Whiskeyglas in einem Schluck leer, streicht über seine feuchten Schläfen und sieht, wie sich die Frau auf dem Rücksitz zu ihm umdrehte, wie ihr die Haare ins Gesicht fielen, wie sie die Hand hob, in der sich für einen Moment etwas zeigte, das sich dem Fassbaren entzog und nicht erkennbar war auf dem Bild, das an jenem Tag vor zwei Jahren, obwohl er versuchte, es abzuwehren, immer deutlicher wurde, wie in einem Entwicklerbad, als hätte es den prasselnden Regen auf der Heckscheibe nicht gegeben.

Die Frau also wandte sich zu ihm um, während das Taxi anfuhr, dessen Nummer Victor sich merkte, und am Abend bewegte er den Fahrer trotz seines Widerstands, –‘ne Rothaarije?, wat glauben Sie denn, wen ick so allet inner Sintflut rumkutschiert hab – zu einer Auskunft, Schöneberg, Akazienstraße, wo Victor am folgenden Tag, Zufall spielend auf dem Fensterplatz eines Cafés, die Straße im Auge behielt, Ausschau haltend nach jener, von der seine Erinnerung immer wieder die ins Gesicht fallenden Haare, die erhobene Hand reproduzierte.

Als ein Vater mit nörgelndem Kind, verrotztes Monster, dachte er, neben ihm Platz nahm, bestellte er die Rechnung, bezahlte drei Espresso, schlenderte die Straße hinauf, betrachtete Auslagen in Schaufenstern, rückte vor dem spiegelnden Fensterglas eines Lampengeschäftes seinen Hemdkragen unter dem Jackett zurecht, Teil eines Anzugs, italienisch, leger, ein Modell, das er nur für bestimmte Auftraggeber, wie den in der Grunewalder Biotechnologiefirma trägt und jetzt für die Rothaarige zur Wiedererkennung.

Kurz davor, in sein Auto zu steigen und den durch neue Federkugeln wiederhergestellten Schwebezustand zu genießen, entdeckte Victor, mit einem letzten Blick auf sein Spiegelbild, schon halb abgewandt, in dem Schaufenster eine Lichtschale aus weißem Marmor.

Um den kleingedruckten Preis entziffern zu können, suchte er in seinen Jackentaschen nach der Lesebrille, die er seit einigen Monaten hin und wieder, vor allem im Dämmerlicht brauchte, was ihn überproportional verunsicherte, gefühlte fünf Dioptrien, aber es war nur eine.

Das Brillenetui hielt er schon in der Hand, als sich eine Frau neben ihn stellte, die sich auch für die Marmorlampe zu interessieren schien und Victor mit ungeschminktem Blick anschaute.

Toll, diese Lichtschale, was meinen Sie?

Victor nickte. Ihr leichtes Lispeln rührte ihn.

Wissen Sie eigentlich, dass Edison Angst vor der Dunkelheit hatte?

Victor schüttelte den Kopf, ach ja, sagte er, Angst macht erfinderisch.

Genies vielleicht, sind Sie ein Genie?

Victor lachte, – meine größte Angst ist, blind zu werden, plötzlich aufzuwachen und alles bleibt dunkel.

Sie sah ihn ernst an, Victor trat einen Schritt zurück und ließ das Brillenetui in seiner Anzugtasche verschwinden.

Sie zog den Bleistift aus ihrem Haarknoten, dunkles Haar fiel in Wellen über ihre Schultern. Gehen wir was trinken?

Victor schaute sich um, – eigentlich bin ich verabredet.

Eigentlich habe ich Angst vor Männern, sagte Annusch.

 

Jetzt, während Victor hinter dem laufenden Fernsehapparat, im bläulichen Licht, sein drittes Glas Whiskey trinkt, denkt er an seine letzte Begegnung mit der Roten am U-Bahnhof Kleistpark, einen Tag, nachdem er mit Annusch den Mietvertrag unterschrieben hat.

Annusch kann von dieser Verfolgungsjagd, bei der er im Rennen das schwere Gizzo-Stativ und den Fotokoffer abgestellt hat, nichts wissen, sie hatte einen Termin.

Und Grit? Ihre Tierarztpraxis ist in der Nähe der U-Bahnstation.

Victor fühlt das Pochen in seinen Schläfen und blendet die Hand, in der sich etwas zeigte, aus, – einer Frau hinterher rennen, so einem Retro-Modell, und rote Haare sind nicht mein Fall, was treibt mich zu diesem Schwachsinn?

Auf der Suche nach einer Antwort bedenkt er nicht, dass die Intensität einer solch rätselhaften Anziehung vor allem durch Abwehr entsteht. Victor begnügt sich mit der Erklärung, dass es sich wohl nur um einen neuen Defekt handelt, beginnende Sehschwäche, gepaart mit Kontrollverlust, Verschleißerscheinungen, die mit vierzig eben einsetzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

Christa Schmidt, geboren 1959 in Duisburg, lebt seit 1980 in Berlin. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als Redakteurin, Lektorin und Rundfunkautorin. Ihr erstes Buch erschien 1987, es folgten mehrere Erzählungen und Romane.

 

 

http://www.hanani.de/bue/Christa_Schmidt.html

 

http://www.deutschlandfunk.de/roman-spurlos-verschwunden.700.de.html?dram:article_id=280325

 

 

 

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