Charlotte Ueckert

 

 

(Deutschland)

 

 

 

DIE SOMMER MEINER FRÜHEN KINDHEIT

Waren Sommer zu Hause. In Urlaub fuhr damals niemand. Wir spielten im Hof und Garten. Wir Nachbarskinder ignorierten die kleinen Geschwister, die uns die Liebe der Eltern gestohlen hatten und verschwanden hinter Hecken, erschreckten nicht nur sie, sondern auch die Erwachsenen, indem wir merkwürdige Geräusche aus Baumkronen ertönen ließen, beliebt für die Kleinen war ein unheimliches Brummen, für die Erwachsenen Sirenengeheul, das hatten wir drauf. Wir liefen zum nahen Flüsschen, in dem niemand ertrinken konnte und betrachteten ehrfürchtig die schwankenden schleimigen Gräser, die in der Wasserströmung hin und her wedelten, „Blutegel“, sagte Klaus und wir graulten uns. Daneben lag ein Gummistiefel.

 

Die Sommer meiner Kindheit waren voller Schrecken. Im Kindergarten spritzten sie uns nackt mit einem Wasserschlauch ab. Auf der Schaukel hatte ich nie Ruhe, weil Hannelore sich über mich stellte und zu hoch schaukelte. Meine Raupenkinder wurden tot getreten von den Stiefeln meiner späteren Onkel, die gerade aus der Kriegsgefangenschaft kamen. Die kannten mich, obwohl sie mich noch gar nicht gesehen hatten.

 

Als ich krank wurde, musste ich einen ganzen Sommer in einer Heilstätte verbringen. Auch dort waren die kleinen Insekten, die unter unseren Ligen im Garten krabbelten, meine besten Freunde. Immer bestimmten dort andere, was wir tun sollten, am besten gar nichts, denn Ruhe zu bewahren, bei all dem, was drohte, war das Schwierigste. Liegen, denken und fürchten. Und dabei noch gesund werden. Ich habe das in einem der schrecklichsten Sommer meiner Kindheit geschafft.

 

 

 

ENGEL

 

 

Als aus den Engeljungs Frauen wurden, schönste Jungfräulein in zartfarbenen Gewändern, konnte niemand mehr mit ihnen ringen wie einst Jakob in der Bibel. Nächtlich der Kampf. Und nah.

 

Romanautoren sprechen natürlich gleich mit dem wehrhaften Michael. Müssen sich wappnen gegen die Leser. Tobias nahm sich die verschlingende Frau unbeschadet, durch die Tricks von Raphael geschützt. Und läuft mit ihm durch Museen und Kirchen. Maria hörte ungewollt Gabriel zu, den Rest kennen wir.

Mein Engel ist, glaube ich, nur klein, meldet sich selten. Aber vielleicht liegt es an mir, ihn  wachsen zu lassen. Und ihm einen Namen zu geben.

 

Mit einem Engel an der Seite fürchte ich keine Gewitterwolken, die sich am Horizont auftürmen. Er ist besser als jeder Schirm. Mit einem Engel an der Seite fürchte ich keine Begegnung mit einem wilden Mann in den Gärten im Tal. Einmal habe ich einen auch ohne Engel an der Seite erschreckt, weil er glaubte, er säße ganz allein beim Scheißen am Wegrand. Mit einem Engel an der Seite würde ich mich sogar in den Souks von Marrakesch verlaufen wollen. Auch Mohammed hatte einen Engel, der ihm den Koran diktierte, also sind Engel dort normal. Natürlich hat nur ein Engel meine Bücher geschrieben. Das Gute an meinem Stellvertreter ist, dass er unsichtbar sein kann. Angst habe ich nur, wenn er auch für mich unsichtbar wird. Die anderen nach ihm fragen kann ich natürlich nicht.

 

Lies das nicht, sagt mein Engel. Das ist zu grausam. Finde ich auch und lese mit Abscheu. Selbst in den kleinsten Dingen haben die Engel wohl recht. Guck dir nicht diesen Film an. Der ist zu grausam. Finde ich auch und lasse den Fernseher mit Abscheu laufen. Und träume schlecht. Selbst wenn es niemandem schadet außer mir, haben die Engel wohl recht.

 

Auch Engel sind manchmal nur halb. Den Unterkörper brauchen sie nicht. Können ja fliegen. Antrieb ein feuriger Schweif. Meine Halbheiten bringen nichts vorwärts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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              * 1944 | Oldenburg

Charlotte Ueckert studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg in den Bereichen Exilliteratur und Nachkriegsliteratur. Verschiedene Lehraufträge und Vortragstätigkeiten an Fachhochschulen, Akademien, Kreuzfahrtschiffen.

Teilnahme an Lyrikfestivals, u.a. in Struga, Mazedonien, Reisestipendien für Italien und Marokko. Übersetzungen ihrer Gedichte ins Serbo-Kroatische, Rumänische, Persische und Polnische.

Jetzt ist sie freie Autorin in Hamburg, veröffentlichte mehrere Lyrikbände und gab Anthologien heraus. Sie arbeitete für Zeitungen und Rundfunk, hat Aufsätze und Beiträge in vielen Anthologien veröffentlicht, Texte lektoriert und veranstaltet Lesungen und Workshops für Schreiben und Psychologie. 

Sie ist Mitglied des PEN und arbeitet im Vorstand des Literaturzentrums Hamburg, das Lesungen im Literaturhaus Hamburg organisiert. Außerdem ist sie zweite Vorsitzende der „Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge“ mit Hauptsitz in Minden, Westfalen.

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