Charlotte Ueckert

 

                                   

(Deutschland)

 

 

 

 

INZWISCHEN WOHNEN

 

Philemon und Baucis

 

im Neubau mit Heizung

 

doch karren sie ihren Dreiradwagen

 

jeden Tag zweimal zum alten Haus

 

Keller etruskisch

 

Fundamente Mittelalter

 

die Ernte im Garten seit Jahrhunderten

 

Feigenbaum und ruppige Palme

 

mit Mantel und Mütze gegen den Wind

 

besichtigen sie jeden Halm als den ihren

 

Morgens aufstehen zum alten Haus

 

fahren mittags zurück zum modernen Herd

 

und solange es hell ist wieder

 

im Garten stehen und die Arbeiten planen

 

fürs nächste Jahr

 

Philemon breitbeinig

 

ihn zieht der Hosenboden abwärts

 

Baucis breithüftig beide

 

einen auf den Deckel gekriegt

 

so etwas kleiner geworden geht

 

es auch

 

 

 

 

 

DAS HAUS VON PHILEMON UND BAUCIS

 

ein Museum einst wohnte ein Fräulein darin

 

noch hängt ihr Nachttopf an der Wand

 

neben dem Herz Jesu an jedem Nagel

 

ein Nutz- oder Ziergegenstand

 

der Garten besteht aus Töpfen

 

das habe ich nicht gewusst und einem Blick

 

ins Tal ein Erbe

 

zieht wohl die beiden Alten dahin oder

 

vergangene Schandtat oder einer muss

 

sich ja kümmern hätte die Signorina Kinder

 

gehabt sie wäre vergessen jetzt bewahrt

 

bei den unsterblichen Alten

 

mit breiten Hüften zahnlos aber Philemon

 

hat verschmitzte Augen und Baucis

 

ist schön in diesen Augen

 

die alle Arbeit getan haben und nun

 

darüber verfügen

 

 

 

 

 

BAUCIS KOMMT MIR ENTGEGEN

 

die Wange kalt und sie weint

 

Hat der Gott doch

 

sein Versprechen nicht gehalten

 

sie verzeiht

 

zündet ihm Kerzen

 

und lächelt mit zwei neuen

 

Zähnen mir zu

 

 

 

ALS PHILEMON UND BAUCIS

 

noch mit dem Knattermobil

 

zur Gartenschau fuhren

 

mir zuwinkten beim Lebenssinnieren

 

und nicht nur die Palme

 

die üppige Feige auch

 

jeden einzelnen Topf mit Blüte

 

und Stiel lebevoll pflegten

 

fühlte auch ich mich gehegt

 

und gehoben wusste sogar

 

bin Teil der alten Ziegel

 

die vom Dach segelten

 

Teil jedes verfallenen Mauersteins.

 

 

 

 

 

DIE ZEIT MACHT AUS ALLEM EIN BILDERBUCH

 

picobello der Garten mit Zier

 

Zypressen und dicht gesätem Rasen

 

eine familia mit Kindern und Hund

 

und Tischtennisterrasse

 

Architektur und Design besser

 

Essen und Trinken

 

natürlich auch Dogs

 

sogar die Schwiegermutter

 

ist eingeladen

 

und alle Ziegel am Dach neu

 

und fast ewig befestigt

 

für die Zeit nach mir wie lang

 

sie auch währt nach den beiden Alten

 

 

 

 

 

ICH WOHNE UNTER DEM DACH

Eines blauen Vogels

Der ist über mir neu eingezogen

Nicht einmal wenn ich das Fenster öffne

Stört es ihn

Seinen blau behaupteten Kopf zu wenden

Die schöne Gestalt mir zu zeigen

Das muss er sein der Vogel

Der süßen Morgenarien

Doch schon flog er mit einem

Krächzen davon

Ja, nicken die im Tal

Gepflückten blauen Blumen

Auf dem Tisch

 

 

 

 

DER WIND KÄMMT DEN SCHAFEN

Weiße Flügel in die Wolle

Innen verdichten sich

Ihre dunklen Kerne im Gegenlicht

Hügelabwärts wehen sie

Und wieder hinaufgeplustert

Über das Feld der Grund

Ist mein Näherkommen

Innen auch dunkel doch außen

Kein Leuchten durchs Fell

Nur sonnig mein Antlitz

Vergessene Worte pusten

Flügelweiß aus meinem Mund

 

 

 

 

DER LAGO IST IMMER NOCH BLAU

Die Enten nur haben was

Zu beanstanden in ihrer

Entengesellschaft der See lässt sie

Schwerfällig am Strand

Keine Welle lockt

Der See schweigt lässt nur sie

Plaudern vom Glitzern

Und den Versprechungen

Des anderen Ufers

Platanen und Pinien

Wiegen im Windgesäusel

Der See aber schweigt

Amüsiert sich nur leicht

Gekräuselt verbirgt er Horizonte

Ziel ist ihm Tiefe

Stille

In die keiner hinab will

Einzeln bleibt der Fisch

In meinem Bauch Schnattern

 

 

 

 

REGENBÖGEN STELZEN STEIL ÜBER LAND

Heben den Himmel ins Rund

Tragen die Wasserlast

Zurück in die Erde

Sollte ich eine Farbe nicht

Kennen zeigen sie’s mir

So nah scheint die Wurzel

Dass zumindest eine mich verlockt

Wie eine Katze zum nassen Fell

 

 

 

SONNE OHNE DUNST

Berge zum Anfassen

Ein Mantelwind

Über allem die leichte Ruh

Zu Ende geht der Sommer

Nachts magert der Mond

Beißt mit einem Zahn

 

 

 

 

WIE SPRACHE FUNKTIONIERT

 

Abends kommen die Bienenfresser

 

Mit spitzen Schreien

 

Segeln sie scharf unter Wolkengeball

 

Bis in die Gassen fast

 

In die Fenster und mir um die Ohren

 

So klein flattrig

 

In liebenswürdigem Schnitt

 

Spielende Kinder die ein Lächeln wollen

 

Und mich aus dem Verstummen

 

In Worte zwingen

 

 

 

 

 

DIE GEDICHTE DER LETZTEN TAGE

            

 

gelebt

dann erst fallen mir Buchstaben in die Ohren

sanfte Vogelstimmen

die den Regen in die hintere Reihe singen

 

Poesie des Erhabenen

über dunstgefülltem Tal

 

 

 

 

 

 

DAS TAL BESTIMMT ALLES

 

dort aus der Tiefe kommt das Gemüse

und wilde Früchte  auch Vögel

 

herauf die Dächer

Schafe weiden und saufen den Bach aus

am Grund und die Männer ziehen hinab

zur Jagd am Frühabend

seh ich Glühlämpchen von oben

sich in den Wald fressen  und dann fängt

das Geschrei an Höj Höj das Gebell

für die Wildschweine und es kracht

und dann kommen die Männer und

wollen bewundert sein richtige Männer

die bestimmt nichts von Frauen verstehen

 

 

 

 

 

 

SAND

 

Sand baut Täler und Höhen. Wasser reißt Vertiefungen, Wind türmt auf. Das Wetter-Hoch kommt auf Kosten des Tief, aber das finden nur wenige schlimm. Hoch hinaus wollen alle, auch die, die noch nicht tief gesunken sind. Gefährlicher als das Tief für das Hoch ist die trügerische Masse Sand. Denn er wird

bewegt. Damit fing alles an. Mit der Hohlform der Hände. Festen Sand mochten wir Kinder nicht, wir wollten formen. Lose rann er uns durch die Finger. Immer ist er heimatlich  an einem Strand. Die große Sandkiste. Mutter der Materie ein

Staubkorn. Spielmaterial unter den Fingernägeln. Ein blauer und ein grüner Rand als Begrenzung des Losen von Feuchtem und Festem.

 

Wir haben ein Ziel. Ziehen Spuren nach. Feinpulvrig häufelt der Sand sich um Füße. Rinnt durch alle Ritzen der Kleidung, Poren der Haut. Sand und Muschelschalen fallen bis durch unsere Knochen und wir ziehen aus in die Fremde.

Einfach das Leben im Gespräch mit Wellen. Möwenwarnung auf und ab. Lauschen und Brabbeln. Von Kindesbeinen an wissen wir wie. Wir kletterten auf Felsen und glaubten uns sicher, selbst wenn er auf Sand schwamm. Die Richtung setzt das Meer, der letzte Schritt weiter als angenommen.

 

 

 

 

 

 

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/752.html

 

 

 

 

Charlotte Ueckert studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg in den Bereichen Exilliteratur und Nachkriegsliteratur. Verschiedene Lehraufträge und Vortragstätigkeiten an Fachhochschulen, Akademien, Kreuzfahrtschiffen.

Teilnahme an Lyrikfestivals, u.a. in Struga, Mazedonien, Reisestipendien für Italien und Marokko. Übersetzungen ihrer Gedichte ins Serbo-Kroatische, Rumänische, Persische und Polnische.

Jetzt ist sie freie Autorin in Hamburg, veröffentlichte mehrere Lyrikbände und gab Anthologien heraus. Sie arbeitete für Zeitungen und Rundfunk, hat Aufsätze und Beiträge in vielen Anthologien veröffentlicht, Texte lektoriert und veranstaltet Lesungen und workshops für Schreiben und Psychologie.

Sie ist Mitglied des PEN und arbeitet im Vorstand des Literaturzentrums Hamburg, das Lesungen im Literaturhaus Hamburg organisiert. Außerdem ist sie zweite Vorsitzende der „Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge“ mit Hauptsitz in Minden, Westfalen.

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