Charlotte Ueckert

 

 

(Deutschland)

 

 

 

ALTES KÜNSTLERPAAR

 

Ich bin immer

noch gierig

Sagte die alte Dame Dichterin

Verstand mich nicht mehr

Um die Knochen faltet

Sich ihre Haut

Sie nuschelt mit Zahnersatz

Fragt mich was neu

Ich

Alle Zähne drin

Verfallserscheinungen noch

Gebremst will mir selbst

Gier verbieten

Aus lauter Weisheit oder

Vorweggenommenem Ende

Ganz still saß ihr Mann

Lebe in einer anderen Welt

Lächelten seine Augen

 

 

 

 

 

 

WIE SPRACHE FUNKTIONIERT

 

Abends kommen die Bienenfresser

Mit spitzen Schreien

Segeln sie scharf unter Wolkengeball

Bis in die Gassen fast

In die Fenster und mir um die Ohren

So klein flattrig

In liebenswürdigem Schnitt

Spielende Kinder die ein Lächeln wollen

Und mich aus dem Verstummen

In Worte zwingen

 

 

 

DIE DICHTER

 

Wolkengeheimnisse einsamer Späher

Kenntnisse magisch astral oder

Was vom Wasserdampf gewusst

Was erinnert wird macht frei

Für die Zukunft ihr Dichter

Mit zitternden Händen und belegter

Stimme wenn alle euch verständnislos

Folgen

Dann kommt Suppe und Wein

Bei Geplauder in Grenzen

Gehalten

Wortgeheimnisse einsamer Späher

 

 

 

DIE ZEIT MIT DIR

 

immer großes Kino

Der Sängerin höchste Koloratur

Sonnenauf- und -untergang

Von weitem erblickten wir

Staunend den Orkan

Im kleinsten Zimmer

War alles bel‘étage

 

Was liegt hinter der Leinwand

Des Künstlers Rollenmaske

Was blüht ohne Sonne

Und wie verbringt sich die Zeit

In den Dachstübchen

Die schweben ohne Fundament

 

 

 

ORPHEUS

 

Nicht mehr die Frau

Die davongleitet

Auf den Flügeln des Ungeheuers

Sondern eine

Die den Dämonen entkommt

Sie folgt einem Sänger

Noch umfangen von Buhlern …

Und dieser Orpheus schafft es

 

 

 

EURYDIKE

 

Im Totenreich leben

Im schönsten Schatten

Unter dem Kirschbaum

Warten mit Früchten

Im Mund auf Orpheus

Sein Lied habe ich

In der Frühe gehört

In ein sich auflösender

Nebelstreif

 

 

 

PAPÀVERO – Mohn

 

Die Härchen gesträubt

Vor zärtlichem Schrecken

Auf deinem Handrücken

Noch verbirgt sich

Die Blüte deiner Handwärme

In allen fünf Fingern

Rot Rot Rausch

Prachtrot Purpur du

Aber siehst schon

Blütenblätter fallen und

Das Herz verkapselt

 

 

 

FREITAG DER VENUS

 

Liebesgöttin für einen Fischzug

So viel Frühlingsregen wird den Herbst noch

ernähren

wie hoch der Sommerhimmel auch sein mag

vergiss es beim Anblick

der feuchten Lappen

die über Berg und Tal schleifen

sie lecken kühl über dünnes

Papier wie vollgeschrieben auch

damit die alte Liebe blüht

und viele Herbste aushält

 

 

 

 

 

 

 

 

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* 1944 | Oldenburg, Deutschland

 

http://www.charlotte-ueckert.de/

 

Charlotte Ueckert studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg in den Bereichen Exilliteratur und Nachkriegsliteratur. Verschiedene Lehraufträge und Vortragstätigkeiten an Fachhochschulen, Akademien, Kreuzfahrtschiffen.

 

Teilnahme an Lyrikfestivals, u.a. in Struga, Mazedonien, Reisestipendien für Italien und Marokko. Übersetzungen ihrer Gedichte ins Serbo-Kroatische, Rumänische, Persische und Polnische.

 

 

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