Cătălina Ene Onea

 

 

(Rumänien-Deutschland)

 

 

 

abgeschrieben

(theaterstück in einem akt)

 

motto: abgeschrieben kann das leben nie werden, dazu ist es zu reich.

marie freifrau von ebner-eschenbach

 

 

personen:

ein alter mann (e.a.m.)

eine schöne frau (e.s.f.)

ein ehemaliger sportler (e.e.s.)

der regisseur (d.r.)

ein mann in weißem anzug (e.m.i.w.a.)

 

ein kleiner raum, mit einem fenster an der wand. man sieht das gebirge draußen.

in der mitte des zimmers ein tisch und vier stühle. am tisch drei leute. sie lesen in ruhe.

 

e.a.m.: was für ein theaterthema ist das eigentlich: „abgeschrieben?“ ich glaube, der regisseur hat diesmal was schlechtes gegessen oder geträumt!

e.s.f.: was sagen sie da? das thema ist höchst aktuell, man kann es wirklich als ein hauptwort unserer zeit betrachten.

e.e.s.: ein schlüsselwort, meinen sie…

e.s.f.: naja, haupt-wort, schüssel-wort, einfach ein wort, aus dem eine ganze geschichte entstehen könnte.

e.a.m.: so, so… erzählen sie nur weiter, frau marie. ich kann trotzdem nicht begreifen: meine figur… ich meine, der held, den ich im stück spielen soll, dieser feuerbach, feu-er-bach, feuerbach? bildet sich unser regisseur ein, tankred dorst zu sein? hm… ja, ja, dieser mann, der ist bestimmt bescheuert: er will die zeit besiegen!!! die zeit, die die form einer kugel hat… nun, sagen sie mir, frau marie, was für eine geschichte ist das, in der man mit einer kugel kämpft, um sie zu besiegen? (lachen)

der regisseur kommt rein.

d.r. (singend): „hass als minus und vergebens/ wird vom lieben abgeschrieben/ positiv im buch des lebens/ wird verzeichnet nur das lieben.“

e.e.s.: ach, herr regisseur, hat man denn verse für das doppelte violinkonzert von bach geschrieben?

d.r.: mein sohn, die musik ist ja die marseillaise… das ist nicht bach; mein kind, das kann doch nicht bach sein, was macht denn aber unser feuer-bach?

e.a.m.: herr regisseur, nehmen sie es mir bitte nicht übel, eine frage hätte ich: wieso haben sie sich entschieden, mir die rolle eines verrückten zu vergeben? das ist mir unbegreiflich! ich bin doch mein ganzes leben ein sehr geachteter mensch gewesen; 40 jahre meines lebens habe ich dem theater gewidmet, habe rollen wie hamlet, godot, don quijote gespielt. und nun? 40 jahre gedient und plötzlich abgeschrieben

d.r.: mein herr, beruhigen sie sich doch. hier muss ein missverständnis vorliegen. denken sie bitte nach: die eswelt –  in unserem fall die welt feuerbachs, unseres helden –  hat kohärenz in raum und zeit. er will letztendlich die zeit besiegen. die duwelt, ich meine hier – entschuldigen sie mich bitte, wenn ich das so sage – die welt eines gewöhnlichen alten mannes hat keine kohärenz in raum und zeit, in dieser zeit, in diesem raum. nach jedem beziehungsvorgang soll jedes du ein es werden, sonst…

e.e.s.: oh, herr regisseur, ich hab doch auch die weimarer klassiker gelesen. mein gott, sind die klug, und weise, besonders jener aristoteles.

d.r.: mein sohn, das ist nicht aristoteles, das sind die gedanken des großen philosophen martin bubber, eines guten freundes von mir, das ist nicht aristoteles, nicht aristoteles.

e.s.f.: das hab ich mir auch gedacht. ehrlich, herr regisseur, das hab ich auch dem alten mann vorhin schon gesagt…

e.a.m.: haben sie gehört? dem alten! jetzt verstehen sie, was ich meine, herr regisseur? dem alten, das kann doch nicht wahr sein, dem alten!!! 40 jahre gedient und plötzlich abgeschrieben…

e.s.f.: wenn sie das noch einmal sagen, so sind sie bei mir abgeschrieben! begreifen sie einfach nichts von dem, was der herr regisseur und ich soeben zu erklären versuchen? ich hab ja auch die rolle einer hausfrau zu spielen; der mann liebt mich nicht mehr, die kinder folgen mir nicht mehr, täglich achten sie mich immer weniger. schauen sie mal, was mir meine kinder im stück vorwerfen: „deine zeit ist schon längst vorbei, sag uns nicht ständig, was du glaubst, es ist uns wirklich egal.“ nun, was sagen sie dazu? ich bin aber – wie sie sehen – eine schöne, junge frau, die im wirklichen leben noch eine zukunft vor sich hat. im stück bin ich aber längst abgeschrieben. eine parallele welt. es ist ja nur eine rolle. und große schauspieler müssen jede rolle spielen, von jeder rolle träumen.

e.a.m.: träumen bedeutet sich selbst zu belügen. ja, ja, so sagt mein guter freund, der herr freud…

d.r.: es ist ja hier nicht die rede von träumen oder lügen, von alten oder jungen menschen. wir sind alle reife menschen, haben alle viel studiert, wir können uns jetzt, in unserem alter, selbst erziehen… denn „schulung und erziehung verhalten sich zueinander wie kirche und religion, wie rhythmus und mythos.“

e.e.s.: oh, herr regisseur, sie haben sicherlich meinen ehemaligen trainer kennengelernt; nett von ihnen, ihn zu zitieren, sehr nett…

d.r.: mein sohn, was für ein trainer? was sagen sie da? das ist die lebensauffassung meines cousins, des berühmten ivan illich, keine rede von ihrem ehemaligen trainer, keine rede…

e.e.s.: dann hat wahrscheinlich ihr cousin die worte meines trainers irgendwie abgeschrieben. so pflegte der nämlich zu uns zu sprechen, wenn wir bei einem wettbewerb erstmal abgeschrieben wurden; viele dachten, wir hätten keine chance, doch immer standen wir über dem strich… und dabei halfen uns immer die worte unseres guten trainers. so ein kluger mensch, so ein weiser mensch…

d.r.: nun gut, mein kind, das mag wohl so sein. heutzutage ist alles möglich. alles müsste möglich sein… wenn ich nur einen geldbetrag zur verfügung stellen könnte, der von der steuer abgeschrieben werden könnte… ich beschwere mich nicht, schließlich bin ich ein künstler, mein vermögen ist nicht das geld, ich habe meinen kopf, meine ideen, meine stücke. ich habe mein eigenes arbeitszimmer zu hause und arbeite täglich mehr als acht stunden. wenn ich das nur könnte, sorgenlos alles abschreiben… heutzutage ist alles möglich, müsste alles möglich sein.

 

stille.

 

d.r.: „his igitur breviter constitutis, singulas partes consideremus“, oder auf gut deutsch: „nachdem wir alles schon als ganzes analysiert haben, versuchen wir jetzt teil für teil zu interpretieren“, wie uns der heilige augustin auffordertmachen wir uns wieder an die arbeit!

e.e.s.: (nachdenklich) oh, herr regisseur, sie haben immer recht, immer haben sie recht, ich sollte für meine nächsten rollen auch griechisch lernen…

 

die tür wird geöffnet. da kommt ein mann  in weißem anzug herein.

 

e.m.i.w.a.: (auf die uhr schauend): uuund schluss jetzt!!! genug für heute! hat es mit der therapie geklappt? war das thema von heute, „postmoderne menschen“, ihr geschmack? herr dr. jacob l. moreno wird stolz sein, sehr stolz auf uns sein, nicht wahr?

alle lächeln zufrieden.

e.m.i.w.a.: morgen spielen wir den don quijote… die nächste stufe unseres psychodramas. ich warte schon gespannt darauf… das krankenhaus wird morgen zum schloss, und wenn nötig, kann ich die rolle der rosinanta spielen… oh, ich bin so gespannt… so gespannt.

 

sie verlassen den raum. sie gehen zurück auf die station.

ein leerer flur.

licht aus.

 

vorhang!

 

 

 

Mit diesem Text nahm Cătălina Ene Onea am Literaturwettbewerb der Deutschen Botschaft in Bukarest, mit dem Thema „abgeschrieben“, im Jahre 2007 teil.  Ihr Theaterstück abgeschrieben wurde mit dem ersten Preis gekrönt und erfreute sich eines großen Erfolgs. In Levure littéraire Nr. 13 wird es zum ersten Mal offiziell veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 
 

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BIO:

 

Cătălina Ene Onea (*1984, Rumänien)

 

Dichterin, Schriftstellerin, Übersetzerin. Schreibt auf Rumänisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Lebt in Berlin.

 

2016 hat Cătălina Ene Onea als Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung eine fachübergreifende Promotion (Literaturwissenschaft/ Interkulturalität) an der Humboldt-Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Universidad Complutense de Madrid mit dem Gesamtprädikat ‚magna cum laude‘ abgeschlossen. In ihrer Dissertation „Medea der Gegenwart“, die in Kürze beim Wissenschaftlichen Verlag Berlin als Buch erscheinen wird (mit einem Coverbild von Geta Brătescu und einem Vorwort von Inge Stephan), analysiert sie die Formen und Funktionen des Medea-Mythos in literarischen Texten nach 1945 in interkultureller Perspektive.

 

Als freie Journalistin arbeitet Cătălina  mit verschiedenen Kulturmagazinen in Europa zusammen und hat eine monatliche Rubrik namens ‚Cooltura‘ im rumänischen Magazin „Conştiinţa“. Seit September 2016 gehört sie auch zum Team von TravelOnTop.ro, eines Online-Reiseportals mit Reisetexten, -artikeln und -berichten.

 

Im Laufe der Zeit hat sie verschiedene Preise und Anerkennungen erhalten, darunter der Literaturpreis der Deutschen Botschaft in Rumänien für das Theaterstück abgeschrieben,  im Rahmen des Literaturwettbewerbs der Botschaft in Bukarest, der „Junior“-Nationalpreis für literarische Schöpfung, verliehen von dem Rumänischen Schriftstellerverband und dem Erziehungs- und Forschungsministerium, der „Adrian Marino“ Preis für ihr Essaydebüt, verliehen von der Rumänischen Rundfunkgesellschaft, oder der Spezialpreis der „Excelentia 21“ und die  Jubiläumsmedaille- und Trophäe im Rahmen des Internationalen „Nichita Stănescu“ Gedichtfestivals in Ploieşti u.v.a.

 

 

 

http://revistaconstiinta.ro/cooltura/

 

http://www.travelontop.ro/

 

https://www.amazon.de/Medea-Gegenwart-Medea-Mythos-literarischen-interkultureller/dp/3865739857

 

 

 

 

Publikationen:

 

Als Autorin:

 

„Polifonia culorilor auditive”, Tagebuch der ersten Auflage des „George Enescu“ Festivals in Heidelberg-Mannheim 2005, Confession Verlag, Ploieşti, 2006

 

„Timp contra timp”, Essays, (Vorwort von George Şovu), Confession Verlag, Ploieşti, 2004

 

 „Dincolo de ecou”, Gedichte, Alt Vision Verlag, Ploieşti, 2002

 

 „Poeme în oglindă/ Reflected Poems/ Gedichte im Spiegel”, dreisprachiger Gedichtband in eigener Übersetzung (Vorwort von Tudor Opriş), Alt Vision Verlag, Ploieşti, 2001

 

„Jocul silabelor/ Game of Sillables/ Das Spiel der Silben”, Verlagsdebüt, dreisprachiger Gedichtband in eigener Übersetzung (Vorwort von Ana Blandiana), ASTRA Verlag, Braşov, 2000

 

 

Als Übersetzerin:

 

„Leoaică tânără iubirea/ Junge Löwin, die Liebe”, Gedichte von Nichita Stănescu in deutscher Sprache, Libertas Verlag, Ploieşti, 2004

 

 „Lumina din verb/ The Light of the Verb”, Autorin Sabina Ene, (Vorwort von Părintele Galeriu, Werkeinführung von Romulus Rusan,), Alt Vision Verlag, Ploieşti, 2001

 

 

Sammelwerke:

 

„150 de ani sub semnul Minervei”. Monographie des „Ion Luca Caragiale“ Nationalkollegs Ploieşti (Koord. Petre Năchila, Vasile Moga, Traian D. Lazăr), Nomina Verlag, Ploieşti, 2014

 

 „Voz en clave”. Proyecto de Poesía en Voz Propia, audiobook, Asociación Clave 53, Madrid (Koord. Giusseppe Domínguez), 2012

 

„Sprachen öffnen Horizonte”, ein Projekt des Sprachenzentrums der Humboldt-Universität zu Berlin, anlässlich seines 60-jährigen Jubiläums (Hrsg. Elke Rößler), 2012

 

„Exerciţii de memorie” (1999),  „Exerciţii de speranţă” (2000),  „De unde vine extremismul?” (2001), ausgewählte Essays von TeilnehmerInnen der Sommerschule an der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands in Sighet, Fundaţia Academia Civică (Werkeinführung von Romulus Rusan, Vorwort von Sabine Habersack, Nachwort von Ana Blandiana)

 

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