Carmen-Francesca Banciu

 

Foto: Marijuana Gheorghiu

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

Der Radritter über den Wolken

 

Es war ein himmlischer Himmel. Wenn ich so sagen darf. Einer, den man nicht so eins, zwei vergessen kann. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich weiß, wovon ich rede. Ich wohne sehr nah am Himmel. Wenn ich will, kann ich den ganzen lieben langen Tag nur den Himmel betrachten. Anstarren. Und das ohne die kleinste Mühe. Die Krähen und die Kräne sind sehr nah beieinander, dort, wo ich wohne. Ich wohne im Himmel. Und wenn Sie es nicht glauben, will ich Sie auch gar nicht überzeugen. Denn wer kann mit Sicherheit erklären, wo der Himmel anfängt. Wo für jeden von uns der Himmel anfängt.

 

Ich saß an meinem Schreibtisch. Das Fenster meines Arbeitszimmers ist fast so groß wie die Außen- wand. Das gefällt mir, denn so kann ich mich richtig im Himmel fühlen. An jenem Morgen hatte ich kurz zum Fenster geschaut. Und merkte, irgendetwas war nicht in Ordnung. Auch mit mir war nicht alles in Ordnung. Ich wäre am liebsten gar nicht aufgestanden an jenem Morgen. In der Morgenpost, die ich nie kaufe, wie ich auch keine anderen Zeitungen kaufe. In der Morgenpost, die mich aber immer wieder auf irgendwelchen Wegen erreicht. Stand genau das, was ich schon vorher gespürt hatte: Heute kommen Sie nicht a­us dem Bett. Das sollte an diesem Tag natürlich nur für Skorpione gelten. Ich wollte dem Horoskop eins auswischen und stand trotzdem auf. Aber mit großer Mühe. Ich musste mich drei- mal so viel anstrengen wie an den anderen Tagen. Ich schaffte es bis zu meinem Schreibtisch. Von dort konnte ich besser die Wolken betrachten. Eine Aufgabe, die ich mir immer wieder vornehme, wenn ich keine Lust habe, meine wirklichen Aufgaben zu erledigen. Deshalb bin ich inzwischen ein Wolkenspezialist.

 

An jenem Morgen war der Fernsehturm verschwunden. Meine Katze klagte einmal mehr über die Un- beständigkeit, die heutzutage in der Welt herrscht. Und nun musste ich in Betracht ziehen, dass sie viel- leicht gar nicht konservativ war, sondern schlicht recht haben könnte. Wissen Sie, ich konnte diese Sätze noch nie leiden, die man überall auf dieser Welt zu hören bekommt. Sätze wie: Heutzutage. Und: Nichts ist, wie es einmal war. Und die Leute von heute. Und so weiter. Nicht einmal die Katzen von heute sind mehr das, was sie früher waren. Hat- te mir meine Katze gesagt. Ich habe mir diese Katze nicht ausgesucht. Und im Übrigen ist sie auch gar nicht meine Katze. Sie ist die Katze meiner kleins- ten Tochter. Aber weil ich ihr meistens zu Essen gebe und sie des Öfteren erfreue, wenn ich ihr Kat- zenklo leere. Und weil ich natürlich nicht mehr zur Schule gehe. Und deswegen aus ihrer Sicht viel Zeit habe, die Wolken zu betrachten, schnurrt sie mir et- was zu, wenn sie glaubt, ich könnte ein paar philosophische Betrachtungen verdauen. Das kann ich aber nie. Denn ich streite meiner Katze das Recht aufs Philosophieren ab. Sie soll lieber richtig schnurren und Mäuse fangen. Aber auch hier muss ich ihr wie- der einmal Recht geben. Wir wohnen im Himmel und da laufen bekanntlich keine Mäuse herum. Sie ist also arbeitslos. Mein Ex ist auch arbeitslos. Und deswegen sehr flink im Philosophieren. Warum al- so soll man seiner Katze nicht das gönnen, was dem Ex gegönnt wird? Sie glauben vielleicht, ich bin ge- mein. Nein, ich habe nichts gegen Katzen. Sie sind mir eigentlich lieber, auch wenn sie philosophieren.

 

Meine Katze sagte: Du, der Fernsehturm. Wo ist der? Und natürlich war nicht nur der Fernseh- turm verschwunden. Auch das Kreuz auf dem Ber- liner Dom. Nein. Der ganze Dom war weg. Aber das haben wir nicht gleich gemerkt. Nur die Sache mit dem Fernsehturm. Denn Sie wissen schon. Der ist doch so ein Markenzeichen für uns Berliner und Wahlberliner. Wenigstens behaupten das die Journalisten. Sie meinen zu wissen, dass es so ist. Besonders für die Leute aus dem Osten.

 

Meine Katze ist eine echte Berlinerin. Sie ist in Berlin geboren, hat blaue Augen und braucht keine Arbeitsgenehmigung. Einen Pass hat sie seit ihrer Geburt. Und mit dem darf sie überallhin. Nach Spanien, nach Griechenland. Und so weiter. Sie hat in der EU keine Schwierigkeiten, mit Ausnahme der Inselfritzen, die Katzen ein halbes Jahr unter Qua- rantäne stellen wollen, bevor sie den Maul- und Klauenseuchetieren begegnen dürfen. Auch darf sie arbeiten. In jedem dieser Länder. Ohne Genehmi- gung. Die Freiheiten einer Katze sind unermesslich. Für Katzen gilt bis heute: Sie brauchen keinen Tatzenabdruck in ihrem Pass. Sie sind als Vielschläfer bekannt. Und als solche geduldet.

Unsere Katze hat von Geburt an einen Pass. Ich habe erst mit fünfunddreißig einen Pass bekommen.

Und sobald ich ihn hatte, machte ich mich aus dem Staub. Aus dem Bukarester Staub. Und bei Gott, diese Stadt erstickt daran. Besonders im Sommer. In meinem Pass ist auch ein Vermerk, der warnt. Oder bestätigt. Je nachdem, ob Sie die Flasche halb voll oder halb leer sehen. Er bestätigt also, dass ich nur als Wort-Verkäuferin arbeiten darf. Ich habe ein Ge- werbe anmelden müssen dafür. Das wiederum kann das Finanzamt bestätigen. Ich habe ein Unterneh- men. Und dafür soll ich Steuern zahlen. Da ich mit Worten handle und Worte bekanntlich nichts sind, zahle ich genau das beim Finanzamt.

 

An jenem Tag sagte meine Katze: Du, der Fern- sehturm. Ich war, wie gesagt, so gut gelaunt, dass ich mich am liebsten wieder auf die andere Seite gedreht und den nächsten Traum geträumt hätte. An jenem Tag wusste unsere Katze, dass mit mir, sollte sie über- haupt die Absicht gehabt haben, nicht gut Kirschen essen war.

 

Mein Sohn wusste das auch. Und aus diesem Grund meinte er, ich sollte ihm lieber aus dem Weg gehen, sonst würde sich der schlechte Tag noch auf die ganze Woche übertragen. Weil es ein Montag war. Und wir diesbezüglich. Ach, wie ich diese Aus- drucksweise anhimmele. Weil wir also diesbezüglich total abergläubisch sind.

 

Ich war etwas angeknackst, dass ein Sohn so mit seiner Mutter. Na, Sie wissen schon. Die Jugend von heute. Kein Respekt und nichts. Das haben wir alles den Achtundsechzigern zu verdanken. Und wenn sie es bei all dem Rebellieren nicht versäumt haben, selbst Kinder zu kriegen. Oder es nicht vermieden haben, selbst Kinder in diese hässliche Welt zu set- zen, an der sie auch mitgeschnippelt und -gebastelt haben. Dann sind sie so. Rotzfrech. Wie mein Sohn.

 

Trotzdem. Ich bin glücklich. Dass er so ist, wie er ist. Dass er sich nicht anpasst. Und sich nicht erpressen lässt. Ich bin glücklich mit meinem Mut- terdasein. Auch wenn es Tage gibt wie eben jenen Montag, an dem ich mich wie ein angeschlagenes Ei fühlte. Warum gerade ein Ei? Na ja, so etwas Kom- plexes und Hartes. Und trotzdem reicht ein kleiner Stoß. Ich wollte mit meinem Sohn nicht lange über meine Rechte als Mutter diskutieren. Ich hatte an je- nem Tag keine Lust für meine Gleichberechtigung als Elternteil zu kämpfen. Ich ließ alles sausen und sagte mir: Na gut, mein Sohn. Dann erzähle ich dir nichts über den Dom. Und den Fernsehturm. Und so radelte er zur Schule und glaubte, die Welt wäre noch in Ordnung.

 

An jenem Morgen entschied ich mich also, nicht ins Café­ zu gehen. Ich wollte lieber zu Hause schrei- ben. An meinem Schreibtisch am Fenster. Vor dem Fenster hingen die Wolken. Sie verschmolzen mit dem Nebel. Ich musste schreiben und zwang mich, nicht aus dem Fenster zu schauen. Aber genau in dem Moment radelte jemand vorbei. Erst glaub- te ich, es sei ein Fisch. Aber nein. Es war wieder Herr Landowski. Herr Landowski konnte mich mit nichts mehr überraschen. Und – aus welchem Grund auch immer – erinnerte ich mich an den kleinen Mann, den ich vom Zug aus gesehen hatte, als ich einmal aus Bielefeld zurückkam. Der Mann war nicht größer als eine Wassermelone. Hatte die Hosen heruntergezogen, und als der Zug an ihm vorbeifuhr, konnte man gerade noch sehen, dass er ein Häufchen hinter sich gelassen hatte. Ich könnte sogar schwören, er hätte mit den Augen gezwinkert. Es war kurz nach Bielefeld, als sich das ereignete.

 

Oder vielleicht sogar noch in Bielefeld, irgendwo an der Peripherie. Und obwohl der Mann ganz weit entfernt war, auf einem Feld, konnte man ihn sehr gut erkennen. So als wäre er in unmittelbarer Nähe. Die ganze Zeit musste ich an das Männlein denken. Und an seine komische Kleidung. Ich merkte gar nicht mehr, wie schnell wir uns Berlin näherten. Er erinnerte mich an einen Ritter aus dem Mittelalter. Ich könnte schwören, neben ihm auf dem Boden lag seine Hellebarde. Ich musste an ihn denken. Und ganz besonders musste ich an George Steiner den- ken. Und an Bielefeld. Und an Genf. Es war mein erstes Jahr in Berlin. Mein erstes Jahr in der Welt. Und ich kannte noch nichts davon, als ich George Steiner begegnete. Er erzählte mir einiges über sein Leben in Oxford und Genf. Und in Amerika. Genf murmelte ich. Und die Welt tat sich ein Stück wei- ter auf. Auch für mich. George kannte sie. Nicht nur aus Büchern wie ich. Er kannte auch Genf. Genf murmelte ich. Und es klang so weit. Und so schweizerisch. Und gleichzeitig auch italienisch. Denn ich hörte immer Geneva in meinem Kopf. Und die Sehnsucht nach all dem, was ich nicht kann- te, blühte in mir auf. Genf. Genf hörte sich so abge- brochen an. So stumpf. Im Vergleich zu Geneva. So als hätte es gar nichts von dem Schwung und dem traumhaften Klang von Geneva behalten. George Steiner sagte: Ja, Genf. Wie soll es denn sein? Lang- weilig. Es ist das Bielefeld der Schweiz.

Wir waren schon am Bahnhof Wannsee ange- kommen, als mir auffiel, dass ich mich den ganzen Weg nur mit dem Männlein beschäftigt hatte. Und in Wannsee war Langeweile angesagt. Wir mussten warten. Lockwechsel nannte sich das. Weil die Schienen zwischen dem einen und dem anderen

 

Berlin noch nicht kompatibel waren. Und wenn man bei dieser zwanzigminütigen Warterei darüber nachdachte, warum die Schienen nicht kompatibel waren, dann kam einem die ganze Geschichte in den Sinn. Und man wusste, dass man sich hier in Wannsee gar nicht langweilen konnte. Und man wusste, dass es keinen einzigen langweiligen Ort auf der Welt gibt. Es gibt kein Bielefeld. Und ich strich George aus meinem Kopf. Ich sagte mir, dass die Langeweile von Bielefeld in George selbst steckte. Und dass George lieber ein bisschen Zug fahren sollte. Zwischen Bielefeld und Berlin.

Anstatt so viel zu fliegen. Und nur in teuren Hotels zu wohnen. Aber nach kurzer Überlegung wusste ich, dass ich den gleichen Fehler machte, wenn ich so etwas sagte. Denn auch beim Fliegen und in teuren Hotels gibt es versteckte Geschichten. Geheimnisse und Poesie. Wer soll sie nur entdecken?

Herr Landowski war schon vorbeigesaust. Auf den Wolken sah man die Spuren seines Fahrrads. Bei Herrn Landowski, der im fünften Stock wohnt, wundert mich gar nichts. Vor ein paar Tagen, als wir alleine im Fahrstuhl standen, hat er mich angesprochen und gesagt: Sie haben es gut. Sie wohnen im Himmel. Ihr Platz ist schon gesichert. Sie kön- nen beruhigt sündigen.

Herr Landowski sündigt gerne. Mit Josephine. Und da es seine Frau nicht wissen muss, nimmt er eben diesen Weg zu ihr. Josephine ist eine kleine Dicke mit Dauerwelle und getupften Leggings aus dem 11. Stock im Hause vis-à-vis.

Es war nicht das erste Mal, dass er an meinem Fenster vorbeiradelte. Jeden Tag, wenn ich meine Gymnastikübungen mache, muss ich aufpassen.

 

Denn einmal, als er vorbeifuhr, schaute er rein und sagte: Na, einen Haufen Kinder hast du und bist doch noch zum Sündigen bereit? Sonst würdest du nicht dauernd hier herumturnen. Um deine Figur zu erhalten. Wir wissen alles, sagte er noch. Ist mir pupsegal, was Sie von mir denken. Ich will Ihnen gar nichts ausreden. Habe ich zu ihm gesagt. Und gerade in diesem Augenblick kam mein Sohn, der seinen Taschenrechner zu Hause vergessen hatte, ins Zimmer herein und fragte: Mit wem redest du denn?

 

 

 

 

Ich wurde rot im Gesicht und sagte: Na, siehst du doch. Mit Herrn Landowski. Ich will eine Ge- schichte über ihn schreiben. Der ist gerade am Fens- ter vorbeigeradelt. Aha, antwortete mein Sohn, und strich mir über den Kopf.

 

Und jetzt, als ich an diese Geschichte mit Herrn Landowski dachte und hoffte, mein Sohn hätte heu- te nichts vergessen, kam ein anderer Radler vorbei. Der Mann hatte den Kopf von Bibartz, meinem Ge- liebten aus dem Kindergarten. Ich ging in den deut- schen Kindergarten. Obwohl er eigentlich Andreas hieß, sagten alle Bibartz zu ihm. Und ich auch. Ich konnte den Namen damals gar nicht leiden. Und ließ mich von ihm scheiden, bevor wir überhaupt verheiratet waren. Nicht einmal um seiner rötli- chen Locken willen hätte ich jemals Bibartz heißen wollen. Das mit dem Behalten meines Mädchenna- mens ist mir damals nicht eingefallen.

 

Bibartz war ein Biber mit einem kleinen Bauch und vielen Sommersprossen. Ich liebe Sommerspros- sen und rötliches Haar. Und jetzt wusste ich nicht, ob es sinnvoll war, mich nach Bibartz umzuschauen, wo ich sowieso nicht heiraten will und eigentlich ganz was anderes tun musste.

Ich hätte mich lieber um meinen Schreibtisch kümmern und meine Geschichte beenden sollen. Doch das war gar nicht so einfach. Denn gerade sah ich meine älteste Tochter in einem weißen Hemd am Fenster vorbeischweben. Barfuß. Mit einem roten Rucksack auf dem Rücken. Man sah noch den Sommer an ihren gebräunten Beinen. Oh, dachte ich, hoffentlich hat sie nicht meine Armbanduhr mitgenommen. Ich habe mir eine hübsche, kleine, billige Uhr gekauft, die aussieht, als wäre sie teuer. Dabei ist das Teuerste an ihr die Batterie. Und die kann ich gleich wegschmeißen. Wenn meine Toch- ter sie angefasst hat. Seit sie in der Pubertät ist, ent- lädt sie jede Batterie, die sie anfasst. Und jede Uhr bleibt in ihrer Nähe stehen.

 

Ich konnte nicht anders, als mich nach meiner Tochter umzuschauen und mich wegen der Uhr zu vergewissern. Aber statt meiner Tochter sah ich nur den Radler mit dem Kopf von Bibartz, der immer noch mit dem Fahrrad herumirrte. Und je weiter er fuhr, desto größer wurde sein Kopf. Bibartz hat- te einen riesigen Kopf. Die Locken seiner Kindheit waren schon längst verschwunden. Er radelte und drehte sich nach mir um.

 

Ein Kran schob ihm eine dicke, plüschige Wolke entgegen. Bibartz stieg auf die Wolke und radelte weiter. Ich fragte mich, wohin er so eilig unterwegs war. Wir haben uns nie mehr gesehen, seit ich ihn verlassen habe. Damals bei den Volkstänzen im Kin- dergarten. Er radelte auf die Wolke und da sie weich war, hatte er große Mühe, sein Gleichgewicht zu hal- ten. Nun hat er schon immer Ausdauer gehabt, und obwohl ich ihm winkte und sagte, dass man nicht so verbissen sein darf, drückte er immer kräftiger in die Pedalen, bis er die schwammige Masse überwunden

hatte und ihm eine flache, dünne Wolke das Radeln erleichterte. Er schaute noch einmal zurück zu mir.

 

Ich drückte ihm die Daumen. Er redete so laut, dass ich ihn verstehen konnte, obwohl zwischen meinem Fenster und ihm grob geschätzt mindestens ein Ki- lometer lag. Aber Bibartz konnte schon als Kind al- les, was er sich vorgenommen hatte. So staunte ich eigentlich gar nicht, als ich sah, dass er das Fahrrad plötzlich so behandelte, als wäre es ein Pferd, das sich auf die Hinterbeine stellt. Immer schneller und schneller. Fuhr er weiter. Nur auf einem Rad. Vom Fenster aus konnte ich nicht genau einschätzen, wie weit die nächste Wolke entfernt war. Er sprang mit dem Fahrrad von einer Wolke zur nächsten. Vom Hinterrad aufs Vorderrad. Und um mir, die nicht einmal Fahrrad fahren kann, zu zeigen, wie peinlich ängstlich ich sei, machte er all das, was mein Sohn wahrscheinlich sonst so alles auf der Straße auspro- biert. Gott sei Dank weiß ich nicht über alles Be- scheid. Bibartz fuhr, ohne sich am Lenkrad festzu- halten. Mit den Händen hinter dem Rücken. Und noch dazu auf nur einem Rad. Und selbst, wenn es kaum zu glauben ist, er konnte mit seinen kräfigen Beinen das Rad auch so beherrschen. Das Rad war ein Pferd, das ihm vollkommen folgte. Und auf die nächste Wolke sprang. Dann kam der Augenblick, wo ich dachte, Bibartz würde abstürzen. Er drehte sich mit dem Rad in der Luft. Überschlug sich zweimal. Und landete wieder auf den Hinterbeinen seines Pferdes. Und das Pferd wieherte vor Freude. Und Bibartz’ großer Kopf und sein Bauch zitterten. Noch einmal drehte er sich in der Luft. Jedes Mal schaute er dabei zu mir. Ich war begeistert und sprachlos. Und applaudier- te heftig. Aber trotz meiner Begeisterung wusste ich noch immer, dass ich niemals Bibartz heißen möchte.

 

Dann probierte Bibartz noch ein letztes Kunst- stück. Er trat mit immer höherer Geschwindigkeit in die Pedalen, bis der Schwung das Rad unter ihm wegriss. Das Rad flog durch die Luft. Drehte sich einmal. Zweimal. Dreimal. Danach fiel es wieder auf die Wolke, zitternd und bebend. Wie ein wil- des Tier. Doch Bibartz zähmte und beherrschte das Tier. Wie ein Künstler sprang er wieder auf das Rad und fuhr noch ein Stück weiter. Dann stieg er ab und machte eine Verbeugung. Ich merkte erst jetzt, wie weh mir die Hände taten vom vielen Klatschen. Sie waren rot geworden und brannten. Ich musste sie unter kaltes Wasser halten. Als ich ins Zimmer zurückkam, hatte ich meine Lederhand- schuhe an. Und sei es, dass ich lauter klatschte oder nur, weil ich zurückgekommen war, Bibartz stieg erneut aufs Rad und fing mir nichts dir nichts an, steil nach oben zu fahren. Wie an einer Wand.

 

Meine Meinung schien ihm immer noch wichtig zu sein, denn er schaute sich dauernd nach mir um. Ich ges- tikulierte und hob die Schultern und war unendlich aufgeregt. Ich rief ihm nach: Bibartz, du musst mir nichts beweisen. Wir sind schon beide über vierzig. Ich wollte nur eins. Dass Bibartz sich nicht den Hals bricht. Wenigstens nicht meinetwegen.

 

Weil ich Angst hatte, Bibartz könnte abstürzen, schaute ich weg. Ich schaute in meine Tasse. Und ihr Boden war ganz schwarz. Obwohl ich den Kaf- fee schon ausgetrunken hatte. Und aus der Schwär- ze stieg eine mit Kaffee beschmierte Gestalt. Ich stopfte die Tasse mit meiner Hand zu, weil mir das alles zu anstrengend wurde. Und doch wollte ich mir die Gestalt genauer ansehen. Nur hatte ich dazu jetzt keine Zeit. Flüchtig hatte ich jedoch einiges erkennen können. Die Gestalt schien ein Mann zu sein. Der Mann trug einen Hut mit ungewöhnlich kleiner Krempe, einen Ballonmantel und Socken. Und man konnte noch erkennen, dass die mal weiß gewesen waren. Er trug einen Koffer in der Hand und eine Lupe. Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Er erinnerte mich an jemanden. An. An…vielleicht an Bielefeld. An das Wassermelonenmännlein. Aber ich musste jetzt wieder nach meinem Radritter sehen.

 

Ich hielt die Hand über die Tasse. Wegen meiner Lederhandschuhe spürte ich nicht, dass mir der Mann zwischen den Fingern entwischte. Ich kriegte ihn dann doch noch, bevor die Katze wach wurde, schmiss ihn auf den Untersetzer und stülpte die Tas- se über ihn. So als wollte ich im Kaffeesatz die Zukunft lesen. Die Zukunft des Mannes mit dem Ballonmantel. Oder die Zukunft von Bibartz.

 

Inzwischen hatte Bibartz den Fernsehturm erobert. Er war schon fast oben angekommen. Und wie ihm zu Ehren, löste sich der Nebel und man konnte richtig sehen, wie er die rutschige Wand erklomm. Als er oben angekommen war, merkte ich, dass sich der Tag schon neigte. Langsam schlich sich die Dunkelheit ein. Bibartz hielt sich eine Wei- le an der Spitze des Turmes auf. Der Nebel war inzwischen weg und der Turm wieder sichtbar. Bibartz hatte ihn befreit. Er winkte mir. Und ich winkte zurück. Ich war stolz auf ihn. Und dabei vergaß ich den kleinen Mann, der sich nun endgültig davongeschlichen hatte. In jener Nacht hatte ich einen Traum: Ich kam von einer Reise nach Hause und hatte keine Schlüssel. Ich klingelte. Es war Bibartz, der mir die Tür öffnete.

Bibartz mit seinen Sommersprossen. Und ich liebte sie alle. Nun hatte ich aber die Sache mit dem Kombuchapilz gelesen. Gelesen, dass er die Sommersprossen verschwinden lässt. Ich fing an zu weinen. Bitterlich. Ich weiß, Kombucha schmeckt und ist so gesund. Aber was ist mit den Sommersprossen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

http://www.banciu.de

 
http://www.literaturport.de/index.php?id=28&no_cache=1&tid=6
http://www.goethe.de/kue/lit/prj/lit/arc/b08/701/deindex.htm
http://www.mutterromancefebe.wordpress.com

Articles similaires

Tags

Partager