Carmen-Francesca Banciu

 

Photo: Marijuana Gheorghiu

 

 

(Deutschland)

 

 

 

 

MADONNA OHNE KIND

 
Ja, nun ist alles erledigt und vorbei.
Und es war ein Junge, hatte Mutter zu ihm gesagt.
Vater hatte sich das anhören müssen.
Mutter sagte, ich habe noch hingeschaut. Seine Hände waren schon geformt. Man konnte sein Geschlecht erkennen. Wie er da lag. Zerstückelt in dieser Nierenschale.

Einmal habe ich Fetzen von einem Gespräch mitbekommen. Mutter hatte einen Eingriff an dem Tag. Sie hatte ein Kind abgetrieben. Ich weiß gar nicht, wem zuliebe.

An dem Tag war Mutter außer sich.
Mutter schrie Vater an. Nahm keine Rücksicht auf mich.
Sie nahm mich gar nicht wahr.
Sie hatte einen wütenden Blick.
Sie rannte Vater hinter her und schrie weiter: Ich hab es dir schon vorher gesagt. Aber du wolltest es mir nicht glauben.
Es war ein Junge.

Vater hatte sich das anhören müssen. Weil Mutter gar nicht aufhören wollte mit dem Geschrei.
Bis er zurück schrie: Schon gut, sei nicht so laut. Die Nachbarn geht das nichts an. Ich habe es gehört.
Na und?
Dann hatte Vater die Tür zu seinem Arbeitzimmer zugemacht und Mutter ist ins Schlafzimmer gegangen, ihre Schmerzen zu pflegen.

Vater wollte keine Kinder.
Wenn doch, dann wenigstens einen Sohn.
Mutter hatte den Sohn abgetrieben.
Weil Vater keine Kinder wollte.
Weil Mutter inzwischen zu müde geworden war.
Weil Mutter auch keine Kinder mehr wollte.
Nicht einmal einen Sohn für Vater.

Vaters Samen ist verloren gegangen.
Darüber hatte er früher nicht nachgedacht.
Vaters Samen ist verloren gegangen.
Er musste sich damit abfinden.
Er ging in sein Arbeitszimmer.
Er verschloss die Tür.
Mutter war in ihrem Zimmer.
Im Schlafzimmer.
Das Zimmer, das Vater jetzt nicht mehr betreten wollte.
Ich blieb vor der Tür.
Ich wusste nicht, was ich machen sollte.
Mich hat Mutter nicht abgetrieben.

Mich hat Mutter nicht abgetrieben.
Aber meinen Bruder.
Oder war es noch nicht mein Bruder.
Vielleicht wäre er erst dann mein Bruder geworden, wenn Mutter ihn geboren hätte.
Wenn Vater ihn anerkannt hätte.
Wenn wir alle ihn angenommen hätten.

Mich hat Mutter nicht abgetrieben.
Aber Vaters Sohn.
Vater wollte niemals Kinder.
Er wollte sich dem Aufbau einer Neuen Welt widmen.
Vater hatte die Aufgabe, den alten Menschen zu erziehen und zu formen. Umzuformen. Zum Neuen Menschen der
Neuen Ära. Des goldenen Zeitalters.

Mutter sagte, den Neuen Menschen: den Edlen. Den Starken. Den Makellosen. Immer wollte man ihn erzwingen. Das wollten eigentlich schon die Spartaner.
Aber auf jeden Fall, sagte Mutter, seit mindestens zweitausend Jahren träumt man davon. Vom neuen Menschen.
Rede keinen Unsinn, sagte Vater. Du redest von Christen. Von Renascentisten. Von Faschisten. Von Eisengardisten. Ich rede vom Neuen Menschen, der sich nicht einem Gott unterordnet. Der sich nicht von einem Gott verurteilen und bestrafen lässt. Weil er weiß. Er ist Herr über sich selbst. Und vervollkommnet sich täglich.
Er ist der Mensch des Neuen Zeitalters. Des Goldenen Zeitalters.
Dieser Mensch ist mächtiger als Gott.
Er ist Gott. Er bezwingt die Natur.
Mutter sagte. Den neuen Menschen wollte man schon immer schaffen. Seit mindestens zweitausend Jahren. Immer wieder hat man es von neuem versucht. Euch wird es auch nicht gelingen.
Die Natur. Die Natur des Menschen. Oder Gott.
Sie haben es nicht zugelassen.
Sie werden es auch weiter nicht zulassen.

An dem Tag hatte Mutter ein Kind abgetrieben. Vaters Sohn.
Die Partei hatte damals nichts gegen Abtreibung. Sie überließ die Entscheidung den Frauen. Weil das auch in der Sowjet Union so war. Ein Zeichen des Fortschritts. Der Freiheit. Der Chancengleichheit und Anerkennung der Frau.
Und damals kamen das Licht und die fröhliche Botschaft aus dem Osten.

Damals war die Partei nicht gegen Abtreibung.
Erst später änderte sie ihre Meinung.
Als das Licht immer noch aus dem Osten kam, aber die Botschaft nicht mehr aus Moskau, sondern aus Bukarest.
Als das Land aufmüpfig wurde und nach dem eigenen Weg strebte. Nach einem Sonderweg. Und den Kommunismus mit menschlichem Antlitz aufbauen wollte. Eigene Wege gehen wollte, um den multilateral entwickelten Sozialismus zu erschaffen.
Damals, als im Lande das Goldene Zeitalter anfing.

Als der Aufbau des Goldenen Zeitalters voranschritt, stellte die Partei fest, dass ihre Kräfte dafür nicht ausreichten.
Über Nacht entschied man: Der Aufbau des Kommunismus braucht Menschen in großer Menge. Er braucht Massen von Kindern, die zum Neuen Menschen werden. Er braucht viele helfende Hände.
Gebären wurde zur Pflicht. Zur patriotischen Aufgabe.

Ich weiß nicht, wie Vater sich dieser Aufgabe entziehen konnte. Denn inzwischen mussten alle sie erfüllen. Gerade von den Genossen erwartete man ein Beispiel.
Abtreiben wurde Sabotage gleich gestellt.
Frauen, die abtrieben, wurden verfolgt.
Die Väter aber blieben straflos.
Frauen, die abtrieben, wurden bestraft.

Die Frauen, die abtrieben, wurden bestraft.
Manchmal mit der Todesstrafe.
Wenn die Abtreibung nicht gelungen war.
Selbst wenn sie im Krankenhaus landeten,
dort aber nicht verrieten, wer ihnen geholfen hatte.

Vater und Mutter hatten die patriotische Aufgabe auf sich zu nehmen und ein Bespiel zu sein. Solange Mutter noch fruchtbar war.
Die Partei entschied, dass Mutter bis Fünfundvierzig fruchtbar zu sein hatte. Mutter und die anderen Genossinnen.

Im Lande gab es keine Frauen mehr. Nur Genossinnen. Also Mutter und die anderen Frauen waren ab jetzt:
Zuerst Genossinnen.
Dann Arbeitende.
Dann Gebärende.
Dann sozialistische Mütter.
Und dann Teil der Familie. Der Basiszelle der Gesellschaft.
Und erst zuletzt waren sie Frauen.
Mit der Zeit hat sich die Ordnung geändert.
Dann wurden sie Genossinnen und Gebärende.
Dann Arbeitende.
Dann sozialistische Mütter, die aus ihren Kindern den Neuen Menschen formen.
Und zuletzt waren sie Frauen. Wenn dass überhaupt noch von Belang war. Wenn das noch eine Bedeutung hatte.
Wenn ihnen die Kraft dafür noch reichte.

Für die Genossinnen wurde die Erhöhung der Geburtenrate eine patriotische Pflicht und eine moralische Verantwortung. Ihre Hauptaufgabe. Kanonenfutter für den Socialismul mulilateral dezvoltat. Dem multilateral entwickelten Sozialismus zu gebären.

Fünf Kinder pro Genossin war die Norm.
Erst danach durfte sie abtreiben.
Und damit nichts schief ging, sorgte die Partei für die Gesundheit der Genossinnen. Sie sorgte für monatliche gynäkologische Untersuchungen am Arbeitsplatz.
Untersuchungsräume wurden eingerichtet und Frauenärzte wurden in die Betriebe geschickt. Unter dem wachsamen Blick der Sicherheitsorgane.
Damit niemand Zeit verschwendet.
Damit niemand übersehen wird.
Damit niemand sich der Aufgabe entzieht.

Fünf Kinder pro Genossin. Bei erfüllter Pflicht gab es einen Preis.
Ab dem siebten Kind einen Orden.
Ab dem neunten Kind gab es den Orden Mama Eroina, den Orden der Heldinnen der sozialistischen Mütter. Und eine höhere Rente.
Eine Rentenerhöhung, die den Kommunismus nicht überlebt hat.
Die Rente selbst hat nicht überlebt.
Wir hatten ein Land voller Heldinnen.
Nicht alle erreichten das Rentenalter.
Und heute, nach dem Goldenen Zeitalter, sind sie ärmer als je zuvor. Und habe gar keine Rente.

Manche Frauen erreichten die Rente nicht.
Manche Frauen machten der Sache selbst ein Ende.
Manche machten den Kindern ein Ende.
Manche starben bei heimlichen Abtreibungen.
Manche starben im Krankenhaus.
Manche starben im Gefängnis.

Mutter ist gestorben, als sie noch fruchtbar war.
Mutter hat ihre patriotische Aufgabe nicht erfüllt.
Vater hatte sich dieser Aufgabe entzogen.
Weil er es selbst so wollte.
Aber was, wenn Mutter nicht mehr fruchtbar gewesen wäre.
Was hätte Vater machen müssen.
Wenn er seine Pflicht hätte erfüllen wollen.
Was hätte die Partei in diesem Fall geraten.
Was hätte sie erlaubt.
Was hätte sie befohlen.

Als ich noch zur Schule ging, befahl die Partei, Mädchen aus der Schule zu exmatrikulieren, wenn sie schwanger wurden.
Später wurden die Mädchen ermutigt, Schwangerschaft und Abitur in einem Abwasch zu machen.
Die Partei sorgte für die Kinderkrippen.
Und für das Abiturergebnis.

Irgendwann sagte Mutter, jetzt will ich keine Kinder mehr.
Jetzt ist es für mich zu spät.
Ich habe eine Tochter, die gebären kann.
Aber sie will nicht.
Gebären, das war schon immer eine Pflicht, sagte Mutter. Schon bei den Persern. Jede Frau musste dem König Soldaten schenken.

Immer müssen Frauen dem König Soldaten schenken.
Soldaten für den Krieg.
Soldaten für den Aufbau .
Soldaten als Steuerzahler.
Soldaten als Rentensicherung.

Immer sollen Frauen Kinder für etwas gebären. Nicht für sich selbst. Nicht aus Liebe zum Kinde.
Nicht als Bejahung. Aus Liebe zum Leben.
Immer soll die Entscheidung bei den anderen liegen. Was Frauen mit ihrem Leben. Mit ihrem Fleisch und Blut. Mit ihren Empfindungen machen.
Immer werden Frauen verurteilt und mit Schuldgefühlen beladen. Man redet ihnen ein, was sie sich dann ein Leben lang ausreden müssen. Therapieren lassen müssen. Wenn sie daran nicht zerbrechen sollen.

Wenn Männer keine Kinder wollen, geschieht ihnen nichts.

Immer soll die Entscheidung bei den anderen liegen. Was Frauen mit ihrem Körper machen. Mit ihrem Gewissen zu vereinbaren haben.
Nur bei manchen Naturvölkern durften Frauen selbst entscheiden, sagte Mutter.
Ich habe selbst entschieden.
Ich habe deinen Bruder abgetrieben.
Ich habe dich nicht abgetrieben.

 

 

MUTTERGLÜCK

 
Mich hat Mutter nicht abgetrieben.
Ob es besser gewesen wäre.
Für sie. Und für Vater.
Für ihre Beziehung.
Ob es für mich besser gewesen wäre?

Ich wollte kurz nach der Geburt schon gehen.
Mutter hielt mich zurück. Mutter und die Ärzte.
Wollte ich nicht leben?
Weiß ich nicht.
Aber jetzt, wo ich da bin, will ich leben.
Mit all meiner Kraft.

Mutter hat mich nicht abgetrieben.
Wäre es besser für Mutter gewesen?
Oder wäre sie daran zerbrochen. An diesem Schuldgefühl.
Mutter ist an Schuldgefühl zerbrochen.
Mutter ist an der eigenen Entscheidung und an ihrem Mut zerbrochen.
Am Schuldgefühl über ihren Mut.
Mutter hatte immer Schuldgefühle.

Mutter dachte, Schuldgefühle sind gut.
Sie machen aus einem einen besseren Menschen.
Einen edlen.
Mutter dachte, sich um jemanden zu sorgen, ist gut.
Damit drücke man seine Liebe aus.
Und seine Verantwortung.

Mutter dachte, je mehr Sorgen man sich um jemanden mache, desto mehr liebe man ihn. Je größer die Sorge, desto größer die Liebe.

Mutter machte sich dauernd Sorgen um mich.
Ihre Liebe wuchs von Jahr zu Jahr.
Und weil diese Liebe für sie unerträglich wurde, verbot sie mir alles.
Sie hatte Sorgen:
Ich könnte Fahrrad fahren lernen und einen Unfall haben.
Ich könnte schwimmen lernen und ertrinken.
Ich könnte auf Klassenfahrten gehen und verunglücken. Oder meine Jungfräulichkeit verlieren. Was ein und dasselbe für sie und Vater gewesen wäre.
Wenn ich auf Klassenfahrten mitgehen wollte, und um Erlaubnis bat, sagte Mutter: jetzt nicht. Warte ab. Wenn du einmal heiratest, dann erlebst du alles Schöne mit deinem Mann.
Nach der Heirat hat Mutter mir ihrem Mann drei mal Ferien erlebt. Unendlichen Streit. Und ein Leben geprägt von Kopfschmerzen.
Warum hatte Mutter mich belogen. Wer hatte ihr das beigebracht.
Warum hat sie mir das angetan.
Mutters Liebe wuchs von Jahr zu Jahr.
Mutters Liebe wuchs, je älter ich wurde. Und ihre Sorgen wuchsen mit.
Mutter machte sich Sorgen, ich könnte Menschen vertrauen und enttäuscht werden.
Mutter fürchtete, ich könnte mich verlieben.
Ich könnte sogar lieben lernen und verletzt werden.
Mutter sagte, das Leben ist eine andauernde Katastrophe.
Man muss lernen, sie täglich zu überleben.
Wo hatte man ihr das alles beigebracht.

Mutter wollte, dass ich ein besserer Mensch werde.
Ein noch besserer als sie selbst.
Aus mir sollte das Beste werden.
Denn das wollte auch Vater.
Und die Partei.
Ich sollte besser werden als alle anderen.
Manchmal hatte ich Schuldgefühle, weil ich mich nicht schuldig fühlte.
Für all das, was Mutter für schuldhaft hielt.
Und dieses Gefühl blieb mir. Und ich wusste nicht, woher es kommt. Und was ich damit machen soll.
Es wuchs zu einen Gefühl von Angst, die ich nicht benennen konnte.
Und je mehr ich sie benennen wollte, desto mächtiger wurde das Gefühl.
Desto mächtiger wurde die Angst.
Ein verteufelt schwer benennbares Gefühl.
Am Anfang blieb die Angst versteckt und ich hatte keine Ahnung, dass sie in mir hauste.
Dann überrannte sie mich mit unerwarteter Wucht, als ich selbst Kinder bekam.

Ich wollte keine Kinder.
Ich fand sie lästig.
Ich hatte keine Geduld für sie.
Ich konnte nicht mit ihnen spielen.
Ich konnte sie nicht verstehen.
Ich wusste nicht, was man mit einem Kind anfangen kann.
Soll so ein Mensch ein Kind bekommen?
So ein Mensch soll keins bekommen.

Ich wollte keine Kinder.
Und als sich das erste ankündigte, trieb ich es ab.
Soll so ein Mensch ein Kind bekommen?
So ein Mensch soll keins bekommen.

Es war ein Sohn.
Vater hätte ihn vielleicht haben wollen.
Wenn es kein uneheliches Kind gewesen wäre.
Es war ein Sohn.
Vielleicht hätte ihn Mutter auch haben wollen.
Wenn es kein uneheliches Kind gewesen wäre.
Mutters Schwester hätte ihn haben wollen.
Und auch ihr Mann.
Sie hätten ihn haben wollen.
Weil es ein Kind war.
Und weil sie Kinder liebten.
Und weil sie sich liebten.
Und weil sie Menschen liebten.
Und weil sie die Kartoffeln und das Obst in ihrem Garten liebten.
Und sie ihr Zuhause liebten.
Und die Luft, und die Erde.
Weil sie liebten.
Liebe kannten.
Und Liebe ist einfach so.

Ich hatte abgetrieben.
Weil ich das alles nicht kannte.
Und ich nicht glaubte, es jemals zu entdecken.
Ich wusste nicht, was alles noch vor mir stand.
Und was es alles zum Entdecken gibt.
Ich habe abgetrieben.
Weil es das Beste war.

Ich war allein Zuhause. In meiner Mansarde.
Ich hatte keine Katze mehr.
Mutter hatte sie weggebracht. Damals, als sie mich in Bukarest besuchte.
Sie hatte sie weggebracht, ohne mich zu fragen.
Und das alles aus Mutterliebe.
Weil es für mich so besser war. Meinte sie.
Was soll man mit einer Katze im fünften Stock.

Ich habe meine Katze tagelang gesucht.
Ich habe tagelang meine Katze gerufen.
Und die Katze hat nicht geantwortet.
Ich habe sie immer wieder gerufen.
Morgens.
Und abends.
Und nachts.
Ich bin durch das Viertel gelaufen und habe nach ihr gerufen.
Ich bin durch die Straßen gestreift.
Ich bin auf Dächer geklettert.
Ich bin in Keller gestiegen.
Und habe nach ihr gerufen.
Und ich habe von oben auf den Asphalt geschaut.
Ob da nicht ein Fleck war.
Ein roter.

Bis an den Rand der Stadt war ich gewesen.
Und habe nach ihr gerufen.
Ich habe im Sommer gerufen.
Im Frühling. Im Herbst.
Und besonders im Winter.
Sie war verschwunden.
Mutter sagte nicht wohin.

Sie war meine Katze.
Ich hatte sie nicht selbst geboren.
Ich hatte sie auf der Straße gefunden.
Von klein an aufgezogen.
Für sie hätte ich alles gegeben.
Und alles getan.

Ich habe abgetrieben,
Ich war allein in meiner Mansarde.
Es durfte keiner etwas darüber wissen.
Die Partei lauerte überall. Ich dachte nicht an sie.
Ich hatte große Schmerzen.
Ich wusste, was auf mich zukommen wird.
Und doch.
Als es geschah, hatte ich mich erschrocken.
Ich hatte den winzigen Körper gesehen.
Es war so klein, wie eine frisch geborene Katze.
Die Augen waren ausgeprägt und geschlossen.
Sie sahen bläulich aus unter den dünnen Augenlidern.
Seine Hände konnte man sehen. Und die Beinchen.
Und die winzigen Füße.
Er war zusammengekauert.
Ich beugte mich über die Kloschüssel.
Der Schmerz war unerträglich.
Ich war alleine.
Ich blutete.
Tagelang.

Der Schmerz war unerträglich.
Das Kind wurde in Seifenwasser ertränkt.
Das Seifenwasser wurde durch eine Sonde eingeführt.
Das Kind war hartnäckig.
Es bekam wieder Seifenwasser .
So ging es weiter.
Über mehrere Tage.

Der Schmerz war unerträglich.
In der Nacht. Und am Tag.
Über mehrere Tage.
Es war das Beste für das Kind.
Für ein unerwünschtes.
Es war das Beste für mich.
Es war das Beste für alle.
Der Schmerz war unerträglich.
Ich habe ihn ertragen.
Ich habe ihn überlebt.

Was wäre aus mir geworden, mit einem Kind.
Was wäre aus dem Kind geworden, mit einer Mutter, die kein Kind ertragen konnte.
Was wäre aus Mutter geworden, wenn sie mein Kind bekommen hätte.
Was wäre aus Vater geworden, wenn seine Tochter ihm ein Kind geschickt hätte.
Was wäre aus Mutter und Vater geworden, aus ihrer Ehe.
Was wäre aus Mutters Schwester und ihrem Mann geworden, wenn sie mein Kind adoptiert hätten
Was wäre aus mir geworden, wenn Mutter meinem Kind gesagt hätte: bring mir den Riemen.
Was wäre aus mir geworden, wenn ich für mein Kind keine Geduld aufgebracht hätte. Gesagt hätte: bring mir den Riemen.

 

 

MUTTERS SCHOSS

 
Mutter wollte Kinder haben. Gegen Vaters Wunsch.
Ihr Kinderwunsch war größer als die Liebe zu Vater.
Ihre Liebe zu Vater war größer als die Liebe zu mir.
Auch wenn Vater behauptete, es sei umgekehrt.
Die Liebe zu mir war größer als die Liebe zu sich selbst.
Die Liebe zu sich selbst fehlte vollkommen.
Kann man das so sagen?
Ihre Liebe zu Vater war größer als die Liebe zu mir.
Auch wenn Vater behauptete, es sei umgekehrt.

Mutter wollte Kinder haben. Weiß Gott, warum.
Manchmal dachte ich: sie wollte Kinder, damit sie das weiter gibt, was sie erlebt hat.
Was sie erlebt hat durch ihre Mutter.
Was sie erlebt hat durch ihren Vater.
Was sie erlebt hat durch den Krieg.

Mutter sagte, dass sie mich liebt.
Das sagte sie nicht wirklich. Nicht so, wie man das aus der Literatur. Aus den Filmen. Aus dem Leben der anderen kennt. Nicht so, wie es andere Mütter sagen würden.
Mutter sagte: es ist selbstverständlich, dass man seine Kinder liebt. Sie habe leider nur ein Kind. Und auf dieses Kind müsse sie sich konzentrieren. Auf dieses Kind müsse sie aufpassen. Besser aufpassen als auf ihr Augenlicht.

Vielleicht meinte Mutter mit Liebe eigentlich Aufpassen.
Und mit Aufpassen meinte sie eigentlich Kontrollieren.
Und mit Kontrollieren meinte sie Zwingen.
Und mit Zwingen meinte sie Züchtigen.
Und mit Züchtigen meinte sie Erziehen.
Und mit Erziehen meinte sie das Beste für das Kind.

Das Beste für das Kind ist Liebe.

Mutter wollte, dass ich Kinder bekomme. Wenn ich mal heirate.
Und ihr die Kinder gebe.
Weiß Gott, warum.

Ich hatte noch immer keinen Kinderwunsch. Ein Kind – das war mir fremd.
Inzwischen lebte ich zusammen mit dem Mann, der mir die Ohrringe geschenkt hatte.
Er wollte Kinder haben.
Ich hatte noch immer keinen Kinderwunsch. Ein Kind – das war mir fremd.
Ein Kind in meinem Bauch wachsen zu spüren. Das machte mir Angst.
Ich wollte keine Kinder haben.
Ich wusste nicht, was man mit einem Kind machen soll, wenn man als Teil eines Ganzen die andere Hälfte gefunden hat.
Wenn man mit ihr zusammen zu einem runden Ganzen geworden ist.

Der Mann, der mir Ohrringe geschenkt und mir beigebracht hatte, mich damit im Spiegel anzuschauen, liebte Kinder.
Ich wollte noch immer kein Kind.
Und dann bekam ich eins.
Und dann wollte ich es auch haben. Und ich zweifelte daran, ob ich es auch haben sollte. Gleichzeitig dachte ich, dass ich es nicht lieben werde. Weil ich das mit dem Lieben nicht wirklich kenne.
Weil ich nicht wirklich wüsste, wie das geht.

Wenn ich an mein Kind dachte, spürte ich, wie ich tiefer atmen konnte.
Und dann wollte ich das Kind.
Dann wollte ich ein Kind, das mir gehört, um es ihm zu schenken. Dem Mann, der Kinder liebte.
Das Kind wuchs in meinem Bauch.
Und ich spürte es.
Wenn ich an mein Kind dachte, spürte ich, wie ich immer tiefer atmen konnte.
Wie sich mein Brustkorb erweiterte.
Wie immer mehr Welt darin Platz fand.
Wie immer mehr Platz für die Welt darin war.
Wie ich immer mehr Platz für Mutter darin fand.
Und mehr Platz für Vater.
Und für den Mann, der Kinder liebte. Der mir Ohrringe geschenkt hatte. Und der mir beigebracht hatte, mich im Spiegel anzuschauen.
Ich spürte, wie meine Augen ihren Blickwinkel vergrößerten. Und die Welt einbezogen.
Wenn ich an mein Kind dachte, dachte ich auch an Mutter.
Was hat Mutter in ihrem Leben gespürt.
Was hat Mutter verpasst.

Das Kind wuchs jeden Tag. Und ich merkte es. Ich merkte es schon, bevor man es sehen konnte. Bevor es für die anderen sichtbar wurde.
Mein Kind und ich, wir wuchsen zusammen. Ich sammelte alles, was es brauchte. Das Leuchten des Obstes. Die Reife der Tomaten. Die Fülle aus dem Garten. Die Kraft der sonnigen Tage. Die Melancholie des Herbstregens. Und die Fröhlichkeit der Sommerregen. Und den Schnee. Die berauschende Frische der Luft. Das Wispern aus den Bäumen. Das Rauschen des Meeres. Den Klang des Klaviers. Den Geruch der Erde. Die Weite. Die Ferne. Die Nähe. Das Unbekannte. Das Geheimnis in den Büchern. Das Geheimnis in der Welt.
Ich sprach über all das mit dem Mann, der Kinder liebte. Und wir freuten uns darüber.
Ich entdeckte, wie viel es zum Sammeln gibt. Wie viel ich selbst für das Kind entdeckte. Und wie ich mich selbst daraus ernährte. Und wie ich mich selbst verwandelte.
Das Kind wuchs jeden Tag. Und ich wuchs mit. Und wir nährten uns aus der Überfülle der Welt.
Es war berauschend. Es war berauschend zu entdecken, wie viel es zum Sammeln gibt. Um es weiter zu geben.
Ich sammelte für uns alle. Jeden Tag. Und das Kind wuchs in meinem Bauch. Es wuchs. Es wuchs. Und je größer es wurde. Desto weiter reichte es mit seinen Bewegungen. Je weiter es reichte, desto größer wurde seine Nähe zu mir. In mir. Ich spürte das Kind immer deutlicher. Ich konnte mit dem Kind gemeinsam atmen. Seinen Körper ertasten.
Das Kind wuchs jeden Tag. Und je größer es wurde, desto spürbarer war seine Nähe zu meinem Körper. Zu mir. Desto mehr wurde es eins mit mir.
Und je mehr es wuchs, desto mehr wurde es selbst. Er selbst. Sie selbst.
Je mehr es wuchs, desto mehr wurde es eins mit mir. Und ich konnte spüren, wie es sich bewegt. Wie es sich ausbreitet. Wie es lauscht. Wie es zu mir spricht.
Und je mehr es wuchs und wir eins wurden. Desto mehr wurde es selbst.
Und je mehr es selbst wurde, desto enger wurde es in mir. Und es wollte heraus. In die weite Welt.
Wir waren uns nah gekommen. Und es drückte immer fester. Und drohte die enge Welt, in der es eingeschlossen war, zu sprengen.
Es war in mir gewachsen. Und ich geworden. Und ich spürte, auch es ist jemand selbst.
Ich wollte es in mir behalten. Und ich wollte es frei lassen. Und es musste gegen mich kämpfen, Und das schmerzte.
Es schmerzte, dass ich es gehen lassen musste.
Es schmerzte, dass ich es nicht gehen lassen wollte.
Es schmerzte, dass ich es gehen lassen wollte, damit ich wieder ich selber bin.

Und das alles spielte sich über mehrere Monate ab. Und ganz besonders spielte sich das dann an einem bestimmten Tag ab. In einer bestimmten Nacht.
Ganz besonders gewaltig spielte sich das in einer bestimmten Nacht ab. Der Nacht der Geburt. Als es sich befreite. Und dem Morgen entgegen drängte. Dem Anfang. Dem neuen Tag.

Es war eine gewaltige Nacht. Es war ein gewaltiger Kampf. Und der Schmerz war unerträglich.
Es war ein gewaltiger Kampf. Und ich wollte, dass es ihn gewinnt. Ich wollte mich an seinem Erfolg beteiligen.
Es drängte mit aller Kraft gegen mich. Und alles schmerzte.
Ich wusste nicht, dass es ein Mädchen ist. Und ich wusste es.
Und ich freute mich, dass es ein Mädchen ist. Und wenn ich daran dachte, was das alles bedeutet, ein Mädchen zu sein, dann wusste ich nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.
Und doch freute ich mich.
Ich freute mich, selbst eine Frau zu sein. Ich freute mich, mich selbst geboren zu haben. Aus einem unerwünschten Kind. Aus einem unerwünschten Mädchen. Zu mir selbst. Ich wünschte mich selbst zu haben. Und habe mich angenommen. Und konnte mich freuen, dass ich eine Tochter habe.

Ich hatte sie über Monate beschützt. Und war mit ihr zusammengewachsen. Und dann war die Zeit gekommen, uns zu trennen.
Nein. Die Zeit war gekommen, dass jede zu sich findet.
Ich sollte zu mir finden. Zu der Beschützenden. Zu der Nährenden. Zu der Liebenden. Zu der Allesgebenden.
Ich war mit ihr zusammengewachsen. Und jetzt sollte ich los lassen. Und sie sollte los lassen. Und das schmerzte.
Der Schmerz war überwältigend. Und ich nahm mir vor, ihn zu bewältigen. Zu zähmen. Zu beherrschen.
Aber der Schmerz war mächtiger als ich selbst.
Der Schmerz wuchs über mich hinaus. Er wuchs aus mir heraus. Er drängte. Ich hörte mich schreien. Und konnte den Schrei nicht zurückhalten.
Ich schrie und ich hörte mich. Und ich wollte diesen Schrei fangen. Einfangen. Ersticken. Beherrschen. Er war mächtiger als ich. Sie drängte ans Licht. Schonungslos. Und ich wusste, dass sie das tun muss. Und ich wollte, dass sie das tut. Und je mutiger sie war, desto größer war der Schmerz. Mein Mund war trocken. Und die Zunge. Und der Rachen. Und der Körper war nass. Und der Hals. Und die Stirn.
Ich stemmte die Beine gegen die Fußstützen und klammerte mich fest. Die Hebamme hielt mich. Und der Arzt.
Die Hebamme sagte: der Muttermund. Offen. Alles gut.
Die Hebamme sagte: pressen, pressen.
Drücken.
Tief atmen.
Atmen. Atmen.
Atmen nicht vergessen.
Tiefer. Noch tiefer.
Pressen. Pressen.
Kräftiger.
Noch einmal.
Drücken. Drücken.

Tief atmen.
Weiter machen.
Nicht aufhören. Nicht aufhören. Nicht aufhören.
Gut so. Weiter pressen.
Pressen.
Noch einmal tief atmen.
Und kräftig pressen. Jetzt.
Jetzt.

Meine ganze Kraft war verbraucht. Ich konnte nur noch liegen. Der ganze Körper war nass. Und der Rachen war trocken. Die Ohren verstopft. Und die Augen übergroß. Und das Licht überflutete mich. Und die Augen strahlten selbst Licht nach außen. Die Welt war übergroß geworden. Und das Herz wuchs noch weiter. Damit die Welt darin Platz findet.
Damit Mutter.
Und Vater.
Und der Mann, der Kinder liebte.
Und alles, was es sonst auf der Welt gibt.
Darin Platz finden.

Das Herz wuchs und wurde übergroß.
Damit meine Tochter darin Platz findet.
Sie schrie. So wie Neugeborene schreien. Wenn sie die Welt erobern mit ihrem ersten Atemzug.
Es war meine Tochter, die das alles getan hat.
Mein Kind.
Mein Fleisch und Blut.
Es war ich. Und es war sie.
Ich drückte sie an meinen nackten Körper.
Ich spürte ihren nackten Körper.
Sie war so klein und schutzlos.
Sie war so groß und mutig. Und stark.
Es gibt nichts, war man damit vergleichen könnte.
Und es gibt nichts, was das übertreffen könnte.
Außer dem Tod.

 

 

 

 

Biographie

geboren am 25.10.1955 in Lipova, Rumänien

aufgewachsen in Guttenbrunn, Lipova, Timisoara und Arad in Rumänien

nach dem Abitur in Arad zwischen 1974 und 1980 Studium der Kirchenmalerei
und Fachhochschule für Außenhandel in Bukarest

lebt seit 1991 mit ihren drei Kindern als freie Autorin in Berlin

schreibt Beiträge für den Rundfunk und diverse Zeitungen, ist Dozentin für Kreativitätstraining, leitet Seminare für Kreatives Schreiben und eine
Weiterbildungsliteraturwerkstatt für Autoren aus der Bundesrepublik, organisiert
vom Literaturbüro und der Stadt Detmold, Goethe Institut Berlin,

Sommerakademie Paderborn, Autorinnen Forum Rheinsberg, Berkeley Univ. u.
Rutgers Univ. in USA und anderen Institutionen, arbeitet als Coach für Autoren
und angehende Autoren.

1985 Publikationsverbot in Rumänien nach der Verleihung des Internationalen
Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung Das strahlend Ghetto

Lesetour, Vorträge, Kurse und Workshops:

Seit 1990 zahlreiche Lesungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Portugal, Holland, Rumänien, Litauen, Lettland, Griechenland

Lesetour u. Kurse in USA:
Cornelia Street Café New York, German House NYU, NYU CECS, Romanian Cultural Institute New York, Rutgers Univ., NJ, Brandeis Univ., MA, Amherst Univ. MA, Goethe Institute Boston MA, Mansfield Univ. PA, Brynmawr College, PA, Lycoming College, PA, Bloomington Univ. IN, Berkeley Univ., CA, Univ. of Georgia (Athens), Univ. of Chicago, IL.

Seminare:
Kreatives Schreiben: Erzählen, Darstellen, Ausdrücken
Literaturwerkstatt: Ich erzähle. Aber wie?
Kreativitätstraining: Touching Life – Das Leben Berühren
Rolling Coins- Kreativitätstraining

Seit 2003 Contributing Editor für die Internetzeitschrift LOGOS a Journal for Modern Culture and Society, New York. , seit 2005 Contributig Editor fuer “The Brooklyn Rail” New York.

 

www.banciu.de
www.literaturport.de
www.goethe.de
www.mutterromancefebe.wordpress.com

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