Carmen-Francesca Banciu

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Hearing many words is not listening. It´s like a noise among the leaves. The quality of listening is attention.

(Yddu Krishnamurti)
 

Looking at many things is not seeing.  The quality of seeing is awareness.

 

 

LEICHTER WIND IM PARADIES

 
 

                         Reading Univ. Veszprem

 

 

Nein, ich fange nicht wieder an.

Ich habe nie aufgehört. Mit dem Rauchen.

Ich rauche nur noch ein paar Mal im Jahr. Vielleicht zehn Mal. Aber heute habe ich Lust darauf. Auf eine George Karelia. Ich habe sie hier in Griechenland vor 15 Jahren das erste Mal ausprobiert. Und es gibt sie heute noch.

 

Vieles hat sich in den 15 Jahren hier verändert. Vieles ist in den 15 Jahren verschwunden. Die Karelias sind immer noch da. A blend of the finest…. Un mélange… Immer noch in der flachen, gelben Packung. Die Packung mit goldenen Lettern. Die man öffnet wie eine Pralinenschachtel. George Karelias and Sons. Smoother taste. Virginia. Alles wie vor Jahren. Nur dass ein weißes Etikett  mit tiefschwarzer Schrift die elegante Schachtel verunstaltet. Bedrohlich anmutend klebt es auf der Vorderseite. Und wiederholt sich auf der Rückseite. Eine im Voraus verfasste Todesanzeige für den  Raucher.

 

 

                         Reading GEDOK Karlsruhe
 
Copyright: Georgeta Maria Andrée

 

 

Ein süßlich-würzig-weicher Geruch lässt auf sich warten. Bis ich die Schachtel weit aufgemacht habe.

Aber ich lasse mir Zeit und lese erst mit Geduld die Schrift auf der inneren Seite des Deckels. Ich kann mich nicht erinnern, diese Botschaft von George A Karelias jemals gelesen zu haben. Habe ich damals seiner Botschaft keine Aufmerksamkeit geschenkt? Jedenfalls hat George A Karelias damals zu mir nicht gesprochen.

Oder ist es vielleicht eine neue Message.

For over a century successive generations of our family have worked to refine our products. From this rich heritage and tradition we bring to you a distinctive cigarette of superior Quality.

George hat selbst in Gold unterschrieben. Ein regelmäßiger, ausgeglichener, eleganter Schriftzug. Ein Mann im Gleichgewicht. Kein Exzess liebender.

Ist das wahr?

 

Wenn man die Schachtel öffnet, bekommt man eine leise Ahnung von dem, was Mr. George meint.

Aber erst muss man das elegante Papier bewundern. Bemustert mit den winzigen Karelia-Zeichen. Unzählige Goldwappen auf weißem Papier. Wenn man den Papierschutz aufschlägt, ist die innere Seite  ganz in Gold gehalten. In diesem leuchtenden Bett liegen die Zigaretten nebeneinander in zwei Reihen. Mit langen, orangenen, von gelb gesprenkelten Filtern. Jede einzelne trägt in Gold den Namen Karelia.

Honig-Vanille-Milch-Tabak-weiße-Lederhandschuhe Duft. Aus der Schachtel steigt er sanft hoch. Un mélange des meilleurs tabacs choisis pour qualité …

 

Ich atme den feinen Duft ein. Leicht und reich. Seine betörende Süße entspannt mich. Der griechische Sommerabend ist vollkommener durch seine Anwesenheit.

Ich habe Berlin verlassen. Bin geflüchtet. Meinem Leben bin ich entkommen über den Sommer.  Um in ein anderes zu schlüpfen.  In das Leben auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer.

 

Ich habe Berlin verlassen, um alles Schwere, alles Ungelöste hinter mir zu lassen. Mindestens zu unterbrechen. Oder es gar zu ändern.  Mich von der Schwere zu befreien. Mich neu zu gebären. Durch einen anderen Blick. Durch eine andere Haltung. Durch Achtsamkeit. Durch Aufmerksamkeit.

Ich bin gekommen, um das Leben selbst zu berühren. Um mich neu zu gebären. Und das Gebären in Worte zu fassen.

 

 

II

(Ich wohne in einem einsamen Haus am Rande eines maniotischen Dorfes.  Erst vor kurzem angekommen tauche ich in die samtene Luft  ein.)

 

Um mich der  laue Sommerabend.

Über mir der neue Mond. Zierlich, golden, passend zu der Kareliaschachtel hängt er über dem Meer.

Ich sitze auf der Terrasse eines griechischen Bergdorfes.  Die Terrasse liegt am Hang. Und weil ich sitze, sieht es aus, als wäre die Terrasse eine Brücke. zwischen dem Garten und  dem Meer.

Ich wähle eine Zigarette.  Die dritte in der Reihe. Als hätte das eine Bedeutung. Es hat eine Bedeutung. Es ist die dritte Zigarette aus der oberen Reihe. Und weil sie die dritte ist, schmeckt sie anders als die zweite. Oder die Zehnte. Oder die Siebzehnte aus der zweiten Reihe. Weil sie mehr Feuchtigkeit. Weil sie mehr Luft. Weil sie mehr Licht abbekommt. Weil ich sie ausgewählt habe.  Weil  nichts sich selbst gleich ist. Und alles immer neu und unbekannt.

 

Ich kann mich vom Duft nicht trennen und klemme die Karelia zwischen Oberlippe und Nase. Und halte sie dort. Ich schaue aufs Meer. Und zum Mond hinauf. Und zu den Gewimmel von fliegenden  Faltern um die Hängelampe auf der Terrasse.

Ich halte die Zigarette fest. Und während ich das tue, stelle ich mir vor, wie das aussieht. Und muss lachen. Und die Zigarette fällt auf dem Boden. Ich hebe sie auf. Es ist die dritte Zigarette aus der oberen Reihe. Und doch, ist sie etwas oder jemand anderes geworden.  Ab jetzt ist sie die dritte Zigarette aus der oberen Reihe, die auf dem Boden gefallen ist.

 

Die dritte Zigarette (aus der oberen Reihe, die auf dem Boden gefallen ist) hat jetzt eine Geschichte.

Sie hatte schon eine davor. Nur ich kannte sie nicht. Ich hatte nicht einmal an sie gedacht.  Als würde es sie erst jetzt geben, weil ich sie wahrgenommen habe.

 

An der Schachtel schnüffelt jetzt neugierig eine Heuschrecke Sie ist ocker mit bräunlichen Mustern und grünen Verzierungen. Auch sie passend zum Gold der Schachtel.

 

Ich halte meine Zigarette fest und atme den Duft ein. Der Duft macht mich glücklich. Kann mich  das Rauchen noch glücklicher machen?

Die Heuschrecke will zum Geruch in die Schachtel. Ich schließe die Schachtel. Erschrecke die Schrecke. Ohne Absicht. Sie bleibt auf dem Tisch. Erstarrt. Dann taucht sie wieder auf.  Tastet sie sich mit ihrem Füller immer näher an die Schachtel heran. Es muss eine Raucherin sein. An  addicted smoker. Oder ist der Kareliaduft  ein familiärer Duft für griechische Heuschrecken.

(Oder ist der Duft einer Karelia beheimatet in Kalamata ein familiärer Duft für maniotische Heuschrecken.)

 

Der Duft macht mich glücklich. Der Duft von twenty luxury cigarettes.

Zwanzig mal kann ich mich darüber freuen. Wenn ich den Duft des Tabaks, nachts auf der Terrasse sitzend – umgeben von singenden Zikaden, von  zirpenden Grillen und Grashüpfern, von neugierigen Heuschrecken, von orange und rosafarbenen Faltern, von  kleinen zitronengelben, winzigen Insekten – mit  tiefem Zug einatme.

Zwanzig mal kann ich mich darüber freuen.  Und noch mehr. Wenn ich sie nicht anzünde.

 

Unten am Fuß des Berges flimmern die Lichter der Stadt. Die Lichter von Stoupa. Und hinter den Lichtern breitet sich aus ein Meer von Dunkelheit. Hinter den Lichtern liegt dunkel das Meer.

Ich, hoch auf einem griechischen Berg, könnte jetzt die feinste Zigarette rauchen. More than a century hat man sich darum bemüht. Damit ich sie heute und jetzt genießen kann.

 

Seit Jahren habe ich mir keine eigenen Zigaretten gekauft. Nur manchmal bei anderen Rauchern geschnorrt. Ich hab gar kein Feuerzeug. In meiner überraschungsreichen Tasche. Eigentlich ein Stadtrucksack. Finde ich eine schmale Streichholzschachtel. Auf der Schachtel steht Hotel Remarque.  Diese Schachtel ist mit mir viel gereist. Durch die halbe Welt.  Ohne einen Grund. Weil sie einfach da war. Und kein Grund da war, sie rauszuholen.

Hotel Remarque. Das ist etwa zehn her. Das war in Osnabrück.

Aus Osnabrück kommt eine Freundin, die ich in Griechenland kennengelernt habe.

 

 

        Reading RKI Berlin

 

 

Nein. Ich habe sie nicht geraucht. Die Karelia. Ich habe sie zurückgelegt. Und bin mit dem Duft eingeschlafen.

 

 

III

ALLES wacht vor mir auf hier im Dorf. Es ist erst morgens um halb sechs. Wie früh muss ich aufstehen, damit ich die erste bin? Damit ich alles mitbekomme. Damit ich alles wahrnehme. Damit mir nichts entgleitet. Entgeht. Damit ich meine Spuren in das Geschehen des Dorfes und seiner Umgebung einflechte. Damit ich Teil des Ganzen bin. Und gleichzeitig den Überblick behalte.

 

Von der Terrasse  sehe ich auf die Kurve, die aus dem Dorf zur Landstraße führt. Und auf die zwei Backpacker, die an der Kurve vorbei schießen.

Ich kann das vielleicht auch anders sagen:

Zwei Backpacker blitzen an der Kurve vorbei auf dem Weg nach Stoupa. Der Morgen ist erst angebrochen. Noch ist das Gepäck leicht. Ihr Schritt federnd. Der Körper entspannt. Der Atem von der Frische des Morgens erfüllt. Der Gaumen trägt die  Erinnerung des Sommerfrühstücks.

 

Zwei muntere Backpacker. Sie wollen nicht trampen. Sie wollen laufen. Ihre Kräfte messen. Bergab ist es einfacher.

 

Seit mehreren Tagen bin ich hier. Wohne hoch in einem Haus am Hang. Hinter dem Haus wächst der Berg. Weiter nach oben an den Berg angeschmiegt – das Dorf. Vor mir die Weite.  Die Weite des Meeres. Die sich mit dem Himmel vereint.

Von der Terrasse blicke ich auf ein Stück aus der scharfen Kurve, die das Dorf streift. Und dann weiter zu den nächsten Dörfern führt. Erst durch die Backpacker habe ich sie wahrgenommen. Das Meer saugt meine Aufmerksamkeit ein. Bannt meinen Blick. Hypnotisch bewege ich mich auf der Terrasse mit einem vom Meer gefesselten Blick. Und ab und an löse ich mich wie aus einem Traum und bekomme Einblick in die Umgebung. Nehme wahr, was ich ausgeblendet habe. Flächen von Olivenhainen und Häuser aus Stein. Alte und neue griechische Häuser. Maniotische Türme. Die unzähligen Windungen der Landstraße. Die mich vom Meer trennen.

Ich habe Durst nach den Farben des Meeres. Es ist eine Sucht, die kaum zu stillen ist. Wie werde ich weiter leben. Wie werde ich überleben, wenn ich die Gegend verlasse.

 

 

IV

Ich habe die Klappe des Mülleimers über Nacht offen vergessen/ gelassen. Die Ameisen sind vor mir aufgestanden. Sie haben eine Ameisenstraße gebildet. Steigen in einer schmalen Reihe  nach oben zum Müll. Noch keine Straße nach unten.

Ich schließe den Deckel und unterbreche die Straße.  Einige Ameisen bleiben drinnen verschlossen. Sie werden zum Müllplatz kommen. Weit weg von hier. Auf der anderen Seite des Dorfes. Wo die Müllcontainer stehen.

Weit weg.

Wie werden sie ihren Weg zurück nach Hause finden.

Werden sie sich ein anderes Zuhause schaffen.

Werden sie von anderen Ameisen aufgenommen. Angenommen.

Oder werden sie verloren gehen in der Fremde?

 

 

V

Der Gesang der Zikaden lässt die Landschaft vibrieren. Die Luft steht. Das Meer wacht langsam auf. Die Berge auf  Koruni treten aus dem Dunst. Das Meer ist verschleiert. Unter dem Schleier wellt sich das Wasser in Quadrillionen von zitternden Unebenheiten. Diese Bewegungen will ich erfassen. Beschreiben. Benennen. Die Abstraktion der Bewegung erreichen. Für sie einen Ausdruck finden. Alles in Worte fassen. Ich suche. Quadrillionen von Versuchen müsste ich wagen. Schon nach dem ersten erkenne ich meine Grenzen.  Bevor ich mich weiter wage, hat sich die Bewegung des Meeres verändert. Der Schleier ist durchsichtiger geworden. Das Licht verwandelt sich ununterbrochen. Wie soll ich es einfangen in meinen Worten. Sobald ich einen Zustand wahrnehme und in Worten festhalten will, verfälsche ich das, was ist.

Das was ist, ändert sich. Ununterbrochen. Es ändert sich mit einer nicht nennbaren Geschwindigkeit. So, dass nie etwas ist.

Also, wann ist etwas?

Ich erkenne meine Grenzen. Und will darüber hinaus.

Außerhalb von mir ist die Welt grenzenlos.

 

 

VI

Am frühen  Morgen scheint das Meer unter dem Schleier sich sanft zu wiegen. Langsam bewegt sich die Sonne und erhellt die trübe Fläche unter mir. Erobert ein immer größeres Stück Landschaft.  Durchdringt den Schleier. Löst ihn auf. Hervor tritt das, was man wiedererkennt.  Das blaue Meer.

 

Vor mir das Meer. In meinem Rücken das Dorf auf dem Berg. Steil unten, die Olivenhaine gesprenkelt mit Häusern.  Kleine und größere Festungen aus Stein. Einzeln oder in Gruppen aufgestellt.

Im Rücken hör ich das Dorf aufwachen. Ich höre den Husten des Nachbarn rechts von mir. Den Schritt des Albaners, der neben an zur Miete wohnt und schon zur Arbeit eilt. Ich höre das Dorf aufwachen, Sich räuspern. Ich höre Mimis, den einsamen Spartaner, der hier im Dorf seit über dreißig Jahren lebt. Und immer noch der Fremde ist. Mimis, der in Deutschland gearbeitet hat. Dann nach Amerika weiter gezogen war.  Und sich hier zur Ruhe gesetzt hat. Mit seiner deutschen Rente. Mit seiner Rente aus Zeiten, als Renten noch das waren, was man von ihnen erwartete,

 

Mimis ist nicht nach Sparti gegangen. Nein, lieber hier in der Mani wollte er leben. Bei den manischen Manioten. Ob es ein Fehler war. Vielleicht. Sagt er. Vielleicht hätte ich besser in Amerika bleiben sollen. Oder in Deutschland.

 

Mimis Haus steht auf dem Hang und ist mit dem Hang mitgewachsen.

Mimis sieht man nie. Aber  sein Auto. Manchmal ist das Auto im Hof. Manchmal ist es weg.

Mimis sieht man nicht.  Zwei mal am Tag gibt er der Welt bescheid, er lebe noch. Morgens und am späten Nachmittag. Wenn er sein Radio einschaltet und Nachrichten hört. Oder  seine Lieblingsradiosendung:  Und danach eine literarische Sendung. Eine tägliche  Lesung aus einem literarischen  Werk. Was wohl Mimis zur Auflösung des griechischen Staatsrundfunks sagt. Und ob er nach Athen protestieren gehen wird?

 

Mimis ist ein Philosoph.

Mimis ist ein weiser Mann.

Sein Haus ist ein Labyrinth voller  Regale. Gefüllt mit Büchern. Griechische. Deutsche. Und englische Bücher. Geschichte und Philosophie. Romane.  Und Karten. Jede Menge Karten. Landkarten. Himmelskarten. Meereskarten. Karten, die die Orientierung im Leben erleichtern sollen.

 

Mimis Haus klettert am Fels hinab. Erstreckt sich über mehrere Ebenen, verwachsen mit der Felswand.

Mimis Haus ist das höchste Haus  im Dorf. Mit einem Bein steht es tief unter dem Dorf verankert. Mit dem anderen mitten drin. Auf der Platia. Gegenüber der Taverne.

Von unten, durch den Eingang, hat Mimis Haus den klarsten Blick auf den Dorfplatz. Und von oben, von der Terrasse, den weitesten Blick aufs Meer. Die Terrasse ist wie ein Wachturm. Zum Schutz des Dorfes gegen die Piraten.

Mimis kümmert sich nicht um die Piraten. Jeden Abend  wacht er auf der Terrasse  über den Sonnenuntergang.

 

Den Ilios. Den Sonnenkönig  ehren alle im Dorf. Und alle sind seinem täglichen Untergang verfallen.

Gegen Abend   sitzen die Männer an den  kleinen, runden, blauen, metallenen Tischen des Kafeneons auf der Platia. Trinken einen Ouzaki. Einen Tzipouro. Schweigen zusammen. Schauen auf Meer. Warten.

Jeden Tag warten sie auf das Gleiche. Auf Ilios großen Auftritt. Auf seinen dramatischen Niedergang.

Auch die Frauen warten. Gekauert auf kleine Schemel sitzen sie nebeneinander. Oder von einander abgewandt, wenn sie im Streit sind.  Sie  sitzen auf Bänken vor der Brüstung und schauen gebannt aufs Meer. Jeder Streit. Jedes Getratsche wird unterbrochen. Ein tägliches Armistitium. Waffenstillstand  zu Ehren von Jlios.

Zu Ehren von Ilios, Thalassas und Ouranos.

Auch ich bin dem Sonnenuntergang verfallen. Dem Meer und der wechselhaften  Farben am Himmel. Ich schweige mit dem Blick aufs Meer von meiner Terrasse aus.

 

Das Haus meiner Freunde, in dem ich wohne, ist in den Fels gebaut. Auf dem Fels. Ein altes, bescheidenes Bauernhaus. Den Witterungen ausgesetzt. Die Kamara und die Apothiki, heute als Wohnung ausgebaut, schmiegen sich an den Fels an. Die Futtertroge für die Tiere und die Vorratstruhen, die heute für das Werkzeug von Dieter dienen, sind in den Fels gemeißelt.

 

Manchmal steht die Luft still. Kein Blatt bewegt sich. Nur die Zikaden kratzen die  unsichtbare Membrane der angespannten Luft mit ihrem Zittergesang.  Ununterbrochen. Bis in die Nacht. Ein Meer von Zikadengezitter.  Ein Meer von betörendem. Von obsessiv wiederholendem. Hypnotisch wirkendem. Hochtönende,. Eintönigem. Einsilbigem Gesang. Punktiert von Grillengezirp.

In ein Meer von Oleanderduft.  Von Jasmin. Von Origami. Von Taigetos Salbei. Lasse ich mich fallen. Über meinem Kopf das Dach aus verknorrtem Weingewächs. Dicht ineinander verflochten.  Aus ihm hängen schwer die Trauben. Mit tränenförmigen Beeren. Die Ziegenzitzen, wie man die Sorte in meinem Geburtsland nennt.

 

 

VII

Es gibt viel zu sehen auf der Terrasse. Und von der Terrasse aus. Es gibt so viel zu sehen, dass man nie alles sehen kann. Denn alles verändert sich pausenlos. Und doch fast unbemerkbar. Es gibt viel zu sehen, und wenn man nicht aufpasst, verpasst man es auch.

 

Es ist bald 11 Uhr. Und ich habe den täglichen Streifzug der Eidechse  auf dem Terrassensims verpasst. Eine SMS hat mich ins Zimmer gerufen. Noch rechtzeitig, um eins meiner neuen Haustiere zu retten. Meine einbeinige oder dreibeinige Heuschrecke. Sie hat sich vermutlich von der Decke runterfallen lassen und ist auf dem Rücken gelandet.  Unbeholfen liegt jeder Käfer auf dem Rücken. Für einen invaliden Käfer endet so das Leben.

 

Es gibt viel zu sehen auf der Terrasse. Und von der Terrasse aus.

Die Ruhe des Mittags trügt. Das Dorf macht Siesta. Die Zikaden unterbrechen sich nicht. Ilijos wirft mir seine Sperren senkrecht über den Kopf. Ich sitze im Schutz der  Weinblätter. Nur das Meer hat keinen Schutz.  Die Sonne spiegelt sich schmerzhaft auf ihre Oberfläche.

 

Manchmal singen die Vögel  wie Enten. Oder sind es (immer noch) die Singzikaden, die ihre Stimme verstellen?

Die Katzen hier sind alle schlangenschlank. Ich muss an meinem Kater denken. Ein Monster ist er im Vergleich. Übergewichtig und bewegungsscheu.

 

Eine kleine Eidechse erscheint. Vermutlich ist sie die Tochter der großen Eidechse. Einen blauen Schwanz hat sie. Wache, winzige Augen. Und einen Körper, wie mit einem Korsett geschmückt. Einen Pepita-Korsett und einen blauen, am Körper angeschmiegten Rock. Sie schleicht an der Wand entlang. Erstarrt bei meinem Anblick. Wartet, bis sie glaubt, mich abgelenkt zu haben. Dann verschwindet sie hinter den Fensterläden in einer Wandritze.

 

Die Katzenmutter schert sich nicht darum. Schläft auf der Marquise der Sommerküche. Im Schatten der in Ektase blühenden Bougainvillea.

 

Die Katzen hier sind meistens auf der Jagd. Heuschrecken, Mäuse, Ratten. Im Winter Oliven und was es sonst so gibt. Von  der Natur und vom Menschen. Der Mensch gibt wenig dazu. Seit ich hier bin, erleichtere ich das Leben einer vierfachen Katzenmutter. Ob ich ihr das Richtige gebe, weiß ich nicht. Sie liegt im hohen Gras mit ihren  Kindern. Stillt sie, spielt mit ihnen. Schimpft und liebkost.

Ob Tag oder Nacht, oft ist sie auf der Jagd. Manchmal, wenn sie genug von allem hat, von Kindern und vom Jagen, kommt sie zu mir. Oder sie versteckt sich in der riesigen,  in Millionen Blüten ausgebrochenen Bougainvillea, die über das Küchendach ihre Äste hängen lässt.

Vom dort hat sie die Gegend im Blick. Sieht,  ob ich ihr etwas hingelegt habe. Oder ob sich eine Beute in der Nähe blicken lässt.

Unter dem Küchendach, über der Feuerstelle, versteckt in einer Ritze wohnt ein rosafarbener, fast dursichtiger Gecko. Ein Haus ohne Geckos ist ein Haus ohne Seele, hat mir einmal meine schwarze Schwester Yvonne Vera aus Zimbabwe gesagt.

Yvonne lebt nicht mehr, aber ihre Bücher und ihr Spruch sind immer noch in meiner Erinnerung.

 

 

VIII

Ein Orangenbaum leuchtet  voller großen, überreifer Orangen in der Sonne am Morgen.

Am Abend, im dämmernden Abendlicht.

Ein Orangenbaum nur für mich voll gehängt.

 

Es ist so viel zu sehen auf der Terrasse. Und im Garten. Soviel, dass ich das Meiste verpasse.

Heute Morgen machte mich der Orangenbaum auf sich aufmerksam. Lud mich zu seinem Obst ein. Warf mir eine Orange vor die Füße.

Ich habe sie nicht gleich aufgehoben.  Es war früh am Morgen und ich musste den Garten wässern. Während ich fort war, mischte sich eine Spinne ein. Sie zog einen Faden zwischen Orange und Orangenbaum.

Der silberne Faden glänzte in der Morgensonne.

Ich verzichtete auf die Orange.

 

Mehrere Generationen wohnen in einem Orangenbaum. Eine Familie.  Ein Clan. Eine ganze  Gesellschaft.

Manchmal sind kleine Knospen, Blüten, kaum merkbare kleine Früchte und reifes Obst zugleich da. Und sie scheinen sich alle zu vertragen. Wenn die Orangen überreif sind, lassen sie sich fallen. Oder schrumpfen ein. Trocknen aus. Fallen zu Boden. Befruchten die Erde.

Vielleicht sollen wir von den Orangenbäumen lernen.

 

 

IX

Nicht nur die Manioten sind stur. Auch die Heuschrecken. Warum auch immer, manche wollen bei mir im Zimmer wohnen.

Ich habe zwei Haustiere jetzt: Orestes, eine dreibeinige Schrecke, ockerfarben mit leuchtendgrünblauen und gelben Verzierungen und braunschwarzen Zeichnungen auf der äußeren Seite des Körpers. Ihr fehlt das eine Hinterbein. Sie hinkt wie ein lahmer Mensch durch die Gegend.

Eigentlich haben Heuschrecken 3 Paar Beine. Aber die großen Hinterbeine sind die wichtigsten. Die Springbeine.  Und Orestes fehlt ein Springbein.

 

Das zweite Tier ist auch eine Heuschrecke. Eine mit durchsichtigen,  hellgrünen, seidenartigen Flügeln. Mit nur einem Fühler. Und die ab jetzt  Klytaemnestra heißt.

Klytaemnestra und Orestes.

Leider ist das nicht richtig. Es ist sogar Verwirrung stiftend. Denn scheinbar sind beide Weibchen. Und gehören sogar zu unterschiedlichen Gattung.

Aber auch ich bin stur. Und nenne die flügellose Schrecke einfach Orestes.

Orestes, die Lahme. Ich schmeiße sie vom Fenster den Abhang herunter. Und bald ist sie wieder zurück. Stellt sich oben auf mein Mückenzelt und schaut mir beim Schlafen zu. Seit ich verstanden habe, dass sie sich mit dem Außenzelt zufrieden gibt, lasse ich sie dort nachts wachen. Morgens sehe ich sie auf der Wand in der Küche herumhampeln.

Ob sie von mir Frühstück erwartet?

 

 

        Reading Heidelberg DAI

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schriftstellerin, Publizistin, Dozentin für Kreativität und kreatives Schreiben
Stellvertretende Direktorin LEVURE LITTERAIRE
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www.levurelitteraire.com

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