Carmen-Francesca Banciu

 

Carmen-Francesca BanciuFoto: Marijuana Gheorghiu

 

(Deutschland)

 

 

 

Der Duft der Welt

(Auszug aus LEICHTER WIND IM PARADIES, PalmArtPress 2015)

 

 

Carmen-Francesca Banciu2Touching Life  © Carmen-Francesca Banciu

 

Durch das offene Fenster drängt der Duft der Zitronenbäume herein. Süßlich-säuerlich-scharf.
Und der Duft von Melisse. Von Verveine. Von Oleander. Wer sagt, der Oleander duftet nicht!

Nur ein kurzfristiges Armistiz hat der Himmel uns vergönnt. Eine Atempause.
Der Regen fällt kühl über die sonnentrunkene Landschaft. Entlockt den Oreganoblättern ihren gewaltigen Duft.

Der Regen hat die Poren der Natur geöffnet. Die verstaubte Gegend mit einem nassen Schwamm abgewischt. Den Staub aufgelöst. Die Farben auf-geleuchtet. In den vertrockneten Gräsern. In den Klettertrompe- ten. In den Engelstrompeten. In den Bougainvilleen. In den Geranien. In allen pulsieren die Kräfte des Lebens.

Der Orangenbaum hängt schwer von Früchten. Sei- ne Blätter sind besprenkelt mit Wassertropfen. In den Tropfen bricht sich das Licht. In jedem Blatt spiegelt sich das benachbarte Blatt. Der Himmel. Die Olivenhaine. Und sicher auch das Meer.

Der Orangenbaum, schwer von Wassertropfen, hat ein paar Orangen verloren. Nass und verwaist liegen sie auf dem Boden. Auf der vom Regen aufgeweichten Erde. Immer wieder regnet es in diesem Sommer. Und es ist kalt. An einen einzigen kalten Sommertag erinnere ich mich, in den ganzen fünfzehn Sommern. Am Tag der

Sonnenfinsternis. Im Jahre 1999. Am 11 August. Zwei Minuten ohne Sonne. Zwei Minuten Dunkelheit. Zwei Minuten Ewigkeit. Die plötzlich uns frieren ließen. Der Trubel am Strand war plötzlich verstummt. Ein- gefroren. Als wäre das Leben selbst erstarrt. Dann kam die Sonne wieder. Und mit ihr kehrten die Wär- me und die Lebendigkeit zurück.

Nur kurz hellt sich der Himmel wieder auf. Danach wird es dunkelgrau. Und es regnet weiter. Erst fröhlich. Sprudelnd. Dann wird der Regen ruhig. Stetig. Zäh. Ein Herbstregen im Juli.

Der Regen ist vielsprachig. Vieltönig. Polyphon. Fällt stumpf auf die Betonmauer der Terrasse. Laut und schwer auf die Steinmauer des Gartens.

Auch auf dem Boden klingt der Regen unterschied- lich. Regenmusik. Ich möchte sie aufschreiben. In Noten übersetzen. Ich möchte eine Partitur schreiben. Zu den Regentropfen auf dem Boden. Auf der Erde. Auf den großen Pflastersteinen. Auf den mittleren. Und auf den kleineren Steinen.

Das Gelände ist uneben. Jeder Stein hat seine eigene Beschaffenheit. Jeder Tropfen macht seinen eigenen Klang.

Die Tropfen fallen mit hellem Klang auf den runden, blauen Metalltisch auf der Terrasse. Mit tiefem, geheimnisvollem Klang auf das Holz der Fensterläden. Mit stumpfem Klang auf die Kante des vergessenen

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Wasserglases in der Sommerküche. Mit platzendem Ton in die Futterschale der Katzen.

Auf die großen Weinblätter fallen die Tropfen federnd. Sie zerspringen. Zerstäuben auf den unzähligen kleinen Blättern der Bougainvillea. In den Pfeilen der Oleanderblätter bleiben sie einen Augenblick hängen. Dann zerrinnen sie. Zerfließen. Verlaufen entlang der Blätter und der Stiele.

Plötzlich hat der Regen aufgehört. Das fehlende Rauschen täuscht Ruhe vor.
Stille. Unbeweglichkeit. Entspannung. Der Garten atmet aus. Still sind die Blätter. Für einen Augenblick. Bis ein Wassertropfen sein Gleichgewicht verliert. Ins Rollen kommt. Auf das nächste Blatt fällt. Und alles in Bewegung setzt.

Erst langsam. Dann ändert sich das Tempo. Wird immer beliebter. Erreicht seinen Höhepunkt kurz vor dem Abend.

Ein Grashüpfer trocknet seine Beine ab. Mit den Beinen den Körper. Ein Salto. Und die Nässe verwandelt sich. Zerspringt in Nebelteilchen. Die sich in der Luft auflösen.

Heuschrecken. Schmetterlinge. Stechmücken trocknen ihre Flügel. Und gehen ihrem Tagwerk nach.

Unten am Hang, im Gras miaut ein Katzenkind. Seine Mutter steht auf der Terrasse, vor meinem geschlossenen Fenster. Schaut neugierig hinein.

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Eine kleine, mir unbekannte Grille. Eine Grille, die noch nicht zu meinem Haushalt gehört und viele Skolikis, die schwarzen, dicken Regenwürmer, die meist ab Herbst hier wimmeln, haben Asyl im Haus gesucht. Sie ziehen über die Wände, als wären sie in der freien Natur. Für sie ist hier alles Natur. Und alles ihr Reich.

Ob drinnen oder draußen. Ob unter einem Blatt. Unter einer Blüte. Zwischen Steinen. In Mauerritzen. In Dielenritzen. In Fensterläden. In Ecken. Unterm Dach. In den Holzbalken der Decke. Oder draußen auf der Terrasse. Im Blattwerk der Weintrauben. In den Augen und Rillen des knorrigen Holzes und der faltigen Haut des alten Weinstocks. In der Apothiki und der dunklen Kamara. Hinter dem Herd der Sommerküche. In den Gräsern. Und überall, wo es mir nicht einmal einfällt nachzuschauen. Überall dort hat jemand sein Zuhause.

Das Licht ist wieder da. Unwirklich. Unecht. Aggressiv. Aber auch wechselhaft. Schneidet helle Flächen aus den Dingen heraus. Die Oleanderblüten schwingen. Schaukeln. Zittern. Und die Zikaden singen wieder. Die Zikaden. Über die man sagt, man könne den Wecker nach ihnen stellen. Sie hören abends um neun auf. Pünktlich.

Ich habe das noch nie geprüft.

Langsam trennt sich ein Stück der Himmel vom Meer. Und dazwischen wachsen aus dem Wasser die Berge auf Koroni. Die geplättete Sonne schiebt sich durch die

Wolkenmangel. Streut glänzendes Silber auf das Meer.

Das Meer, eine unendliche Fischhaut, zittert aus Quadrillionen von winzigen Schuppen. In jeder einzelnen sucht der Himmel sein Gesicht.

Dann ist der Himmel wieder blau. Weiß bauschen sich die Wolken auf.
Zurück ist das Leuchten der Bougainvillea. Der Flachs und der Oleander strahlen. Die Orangen glühen.

Der Tisch auf der Terrasse. Der Betonboden. Alles ist wieder trocken. Nur der steingepflasterte Weg im Garten ist noch feucht.

Der ganze Hof ist mit Oleanderblättern und Blüten gepflastert. Mit orangenen Klettertrompetenblüten. Und allem, was der Regen aus den Bäumen gerissen hat. Mein morgendlicher Fleiß hat sich als Übereifer er- wiesen. Weder Gießen noch Fegen hätte die Natur hier gebraucht.

Sie kann auch ohne mich existieren.
Aber ich nicht ohne sie.
Trotzdem bin ich da auf der Terrasse und rette die Trauben. Einzig durch meine Anwesenheit. Sie schreckt die Vögel ab. Und die meisten Wespen. Und die fremden Heuschrecken. Denn meine Haustiere brauchen nicht zu rauben. Und meine Ernte plündern. Meine Haustiere füttere ich mit Obst jeden Tag. Auch die Spinnen halte ich ab durch meine Anwesen heit. Sie flüchten in die Küche. Oder ins Badezimmer. Aber sie flüchten unnötigerweise. Noch nie habe ich einer Spinne etwas angetan.
Das Meer ist bedeckt mit Silbermünzen. Die Vögel zwitschern.
Die Zikaden singen.
Die Grillen zirpen.
Die Wespen summen.
Die Katzenkinder miauen.
Ein Kater schreit.
Bald rauschen die Blätter wieder.
Was fehlt dieser Idylle?

Nach dem Regen. Ein leichter Wind weht vom Meer.

Die Nacht war kühl nach dem Regen. Viel zu kühl für diese Jahreszeit. Sogar die Regenwürmer im Badezimmer haben sich verkrochen. Oder haben sich eingerollt. Ich möchte eingekräuselt schreiben. Vermutlich gibt es dieses Wort für Regenwürmer nicht. Doch möchte ich es verwenden. Und bitte, dass es an- genommen wird.

Eingekräuselte Regenwürmer. Eingerollt. Wie schlafende Katzen und Hunde.
Die Sommernacht war kühl. So kühl, dass selbst eine weitere Decke nicht ausreichend war.

Am Morgen war die Kälte vergessen. Entflohen.

Insekten sind wie Menschen. Sie brauchen ein Zuhause. Zumindest Orest, der einbeinige peloponnesische Krieger. Er saß heute Morgen wieder an der Wand über meinem Baldachin.

 

 

 

 

 

 

Carmen-Francesca Banciu3

 

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Carmen-Francesca Banciu ist am 25. Oktober  in Lipova, Rumänien geboren.
Sie ist aufgewachsen in Guttenbrunn, Lipova, Timisoara und Arad.
Nächste Stationen: Bukarest, Berlin, New York und wieder Berlin.
Nach ihrem Aufenthalt in Berlin als Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD im Jahr 1991 hat sie Berlin als ihren Hauptwohnsitz gewählt und Deutsch als ihre neue Literatursprache.
Sie lebt als freischaffende Autorin, Dozentin für Kreativitätstraining-und kreatives Schreiben und Coach für Autoren und angehende Autoren, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreatives Schreiben und eine Weiterbildungsliteraturwerkstatt für Autoren aus der Bundesrepublik, leitet Kurse an Sommerakademien, an Goethe Instituten und Universitäten. U.a. leitete sie Seminare für das Autorinnen Forum Rheinsberg, Literaturbüro Detmold, G.I. Berlin, Berkeley Univ. u. Rutgers Univ. in USA und anderen Institutionen.

1985 nach der Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung « Das strahlende Ghetto » bekam sie Publikationsverbot in Rumänien.
Erste Veröffentlichung in Buchform 1984 in Bukarest.
Erste Veröffentlichung in Buchform in deutscher Sprache 1992.
Seit 1996 schreibt und veröffentlicht sie hauptsächlich in deutscher Sprache.

Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die ihr ermöglicht haben an ihr Werk zu arbeiten, viel Energie und Leidenschaft  ihrer Adoptivsprache zu widmen und gleichzeitig ihre drei Kinder groß zu ziehen.
Sie liebt es zu Reisen, neue Orte und Mensche kennenlernen, auf Lesetouren zu gehen und ihr Publikum zu treffen.
Neben ihrer Tätigkeit als Schriftellerin liest, zeichnet, fotografiert und kocht sie gerne.

Seit 1990 hält sie Lesungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Portugal, Holland, Rumänien, Litauen, Ungarn, Lettland, Griechenland, Kanada, Polen,  Italien und in den Vereinigten Staaten.
U.a. hat sie Lesungen gehalten im: Literaturhaus, LCB,  Literaturwerkstatt, Haus der Kulturen der Welt, RKI, Auswärtiges Amt, Rumänische Botschaft, Wissenschaftskolleg zu Berlin,
Literaturhaus Frankfurt, Buchmesse Frankfurt, Buchmesse Leipzig, Buchmesse Göteborg/Schweden, Buchmesse Pau (Frankreich), Literaturhaus Basel, Salzburg, Jacobs University in Bremen,
Lesungen u.a. im Cornelia Street Café, New York, German House NYU, NYU CECS, Romanian Cultural Institute New York, Rutgers Univ., NJ, Brandeis Univ., MA, Amherst Univ. MA, Goethe Institute Boston MA, Mansfield Univ. PA, Brynmawr College, PA, Lycoming College, PA, Bloomington Univ. IN, Berkeley Univ., CA, Univ. of Georgia (Athens), Univ. of Chicago, IL.

Seit 1993 leitet sie  Kurse und Workshops  für Kreativität-und kreatives Schreiben u.a.  in Deutschland, England, Polen, Rumänien, Italien und USA.

1993-2004 hat sie auf Einladung von Frau Dr. Brigitte Labs-Ehlert für das Literaturbüro Ostwestfalen Lippe ind Detmold  die Schreibwerkstatt für junge Autoren  gegründet und geleitet.

Seit 2003 ist sie Contributing Editor für die Internetzeitschrift « LOGOS a Journal for Modern Culture and Society » und “The Brooklyn Rail” in New York.

Seit  Juli 2012 leitet sie zusammen mit Tim Mücke die deutschsprachige Redaktion der interdisziplinären und mehrsprachigen E-Zeitschrift « Levure Litteraire » mit Hauptsitz in Frankreich.

 

 

Würdigung

 

1982 Literaturpreis der Zeitschrift Luceafärul, Bukarest
1985 Internationaler Kurzgeschichtenpreis der Stadt Arnsberg
1985 Preis der Schüler und Studentenjury Arnsberg
1990 Salzburger Stipendium des Kulturministeriums, Österreich
1991 Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD
1992 Stiftung Preußische Seehandlung
1993 Austauschstipendium des Berliner Senats. Stipendium in Amsterdam (1 Monat)
1993 Arbeitsstipendium des Senats für Kulturelle Angelegenheiten Berlin
1994 Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Ahrenshoop (1 Monat)
1994-1995 Stipendium der Anna-Krueger Stiftung/Wissenschaftskolleg zu Berlin
1996 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1998 Stiftung Preußische Seehandlung
1999 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1999 Stiftung Kulturfonds, Künstlerhaus Ahrenshoop
2001 Aufenthaltsstipendium in der Villa Waldberta, Feldafing
2002-2003 Arbeitsstipendium der Preußischen Seehandlung
2004 Aufenthalt in USA als „Craig-Kade Writer in Residence“ an der Rutgers University, New Jersey USA für das Herbst Semester
2005 Fellow des Center for European Studies Rutgers Univ.
2005 Stipedium ARTOMI Artists Collony , Ledig House, New York
2007 GEDOK Literaturförderpreis
2009 Stipendium Homines Urbani an der Villa Decius in Krakau, Polen
2010 DAAD- Writer-in-Residence, Department of European Studies and Modern Languages,  University of Bath, UK
2012 Master Class and der Abteilung für Germanistik der Universität Tscherepowetz, Rußland

 

 

 

www.banciu.de

www.literaturport.de

www.goethe.de

http://www.mutterromancefebe.wordpress.com
www.levurelitteraire.com

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