Carmen-Francesca Banciu

 

Foto: Marijuana Gheorghiu

 

(Deutschland)

 

 

 

EIN LAND VOLLER HELDEN

(Roman)

 

KAPITEL 51

 

 

 

Mit der Zeit verkrampfte sich mein Mund, und ich konnte keinen Gedanken mehr aussprechen. Nur dann und wann. Sagt Ilina. Gelang es mir unter übermenschlichen Anstrengungen, einen Pflock zwischen den versteinerten Kiefer zu rammen, der die Zähne einen Augenblick lang auseinanderzwang. Einen Augenblick lang. Genug, dass ich Laute von mir gab. Halbe. Unartikulierte Wörter.

 

Die Tränen rannen mir zwischen die Zähne. Valer war in Berlin. Ich glaubte, seine Abwesenheit zerhacke meine Wörter. Valer ist nicht hier. Wieder nicht. Um am anderen Ende zu ziehen. Um das Wort aus dem Engpass der Zähne zu zerren. Es hervorbrechen zu lassen. Es umzuwandeln. Zum Fließen zu bringen. Wie ein Fluss mit harmonischem Hauch.

 

Valer aber ließ nicht mit sich reden. Es selbst zerhackte seine Wörter. Er verwandelte sie in Schreie. In Gebrüll. In Pfeile. In Steinzeitwaffen. Er sagte. Schau an, wir haben es geschafft. Mir aber schwindelte. Was er für einen Sieg hielt, nahm mir den Atem. Valer hat die Wörter zu Silben reduziert. Hat sie ihres Ausdrucks beraubt. Ich habe einen Schritt nach vorn getan, sagte er. Und Maxim war voller Bewunderung. Die Wörter sind unser Feind. Sie verbieten uns das Leben. Die Wörter sind eine Falle des Gedankens. Sie töten die Kommunikation.
Valer ist die Abwesenheit schlecht hin. Selbst wenn er hier ist, ist Valer nicht hier. Das nennt er Kommunikation über den Wörtern. Und Maxim vergöttert ihn.

 

Valer ist nie dort, wo er ist. Ich schon. Es ist ein Wunder, sagt Ilina. Es ist, als hätte ich das Leben von vorn begonnen. Ich habe wieder atmen gelernt. Ich habe tief durchatmen gelernt und kann meinen Atem steuern, dass er meinen Bauch füllt. Ich habe gelernt, zu spüren, wie sich darin ein scheues Beben regt. Wie es durch die Wirbelsäule zum Kopf aufsteigt. Ein berauschend sanfter Schauer, der mein Gehirn überzieht. Es zum Leuchten bringt. Ich steuere meine Atmung. Ich fülle meinen Bauch mit Wärme. Ich fühle, wie sie aufsteigt. Wie eine unbekannte Musik meinen Brustkorb erfüllt. Eine duftgeschwängerte Musik. Etwas. Ein Überfluss, der eine andere Gestalt annimmt. Ich sehe die reine Luft. Die unendlichen Felder. Wasserweiten. Und den tiefen Himmel. Ein Überfluss,  der aus mir entspringt. Zu Worten wird.. Eine klare Stimme. Ein Lied. Ein Poem. Ich.

 

Mari-Maria sagt. Die Worte sind in mir verschlossen wie in einem Kern mit sieben Hüllen.  Worte, verschlossen in einem steinernen Kern.

Und der Kern vergraben, tief in meinem Inneren. Zwischen Magen und Herz. Ein schmerzlicher Ort, von wo eines Tages die Explosion ausgehen wird.

 

Ich träume. Ich träume Ströme von Worten. Befreit. Wie ein Bienenschwarm, von der Sonne vergoldet. Ich träume die Verkettung der Worte. Ihre kosmische Harmonie. Das Summen. Ich träume, dass sie fließen, wie Honig. Dann ein junger Fluss. Ein fröhlich springender Bach. Dann ein reifer Fluss. Ruhig und tief. Ich träume dieses Fließen aus dem einen ins andere. Das Fließe ins Meer. Doe Melancholie. Die Selbstverständlichkeit der Veränderung. Das EI. Seine Vollkommenheit. Das runde Wort.

 

Was geschieht mit ihm, mit dem Wort, wenn es von seiner himmlischen Harmonie abgetrennt. Seine Einstimmung auf die Klänge der Welt zerstört wird. Was geschieht mit ihm, dem Wort, das zum Jäger gewordene ist. Sagt Ilina. Das Wort, das wie ein Falle das Unaussprechliche einzufangen versucht. Das Wort, welches das Endlose begrenzen will, indem es dieses auszudrücken sucht.

Nein, Ilina. Sagt Maria-Maria. Das Wort ist ein Kind. Quecksilber. Licht schlechthin. Das sich verändert. Sich enthält. Das Wort braucht keine Macht. Es ist.

Das befreite Wort. Sagt Ilina. Das befreite Wort ist ein Orkan. Ein ungeheuer.

 

Das Wort ist das Leben, sagt Maria-Maria.

SIe zieht den Schal fester um die Schultern. Legt seine Ränder über der Brust zusammen. Dort, wo sie meint. Dass eines Tages die Explosion ihren Ursprung haben wird. Eine Lichtexplosion, die alles erfassen wird. So dass die Liebe Früchte trägt.

 

Wir wissen nicht. Wir müssen erfahren. Wir wissen nicht, dass wir wissen. Und müssen erfahren. Darum diese ganze Qual. Der Schmerz. Die Schönheit.

Wir werden uns quälen. Bis wir uns erinnern. Bis wir innewerden. Bis wir wissen. Bis wir wissen, dass wir wissen. Und vergessen, dass wir wissen. Vergessen, Weil wir nicht mehr zu wissen brauchen.

Bis ich und die andern. Bis ich eins werde. Will alle eins werden. Ihr seid ich. Und ich bin ihr alle. Und wir alle sind. Wir sind. Eins.
 
 

 


By PalmArtPress (Germany – USA)
COMING IN SPRING 2015.
Erscheinungstermin: Frühling 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

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Carmen-Francesca Banciu ist am 25. Oktober in Lipova, Rumänien geboren.
Sie ist aufgewachsen in Guttenbrunn, Lipova, Timisoara und Arad.
Nächste Stationen: Bukarest, Berlin, New York und wieder Berlin.
Nach ihrem Aufenthalt in Berlin als Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD im Jahr 1991 hat sie Berlin als ihren Hauptwohnsitz gewählt und Deutsch als ihre neue Literatursprache.
Sie lebt als freischaffende Autorin, Dozentin für Kreativitätstraining-und kreatives Schreiben und Coach für Autoren und angehende Autoren, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreatives Schreiben und eine Weiterbildungsliteraturwerkstatt für Autoren aus der Bundesrepublik, leitet Kurse an Sommerakademien, an Goethe Instituten und Universitäten. U.a. leitete sie Seminare für das Autorinnen Forum Rheinsberg, Literaturbüro Detmold, G.I. Berlin, Berkeley Univ. u. Rutgers Univ. in USA und anderen Institutionen.

1985 nach der Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung « Das strahlende Ghetto » bekam sie Publikationsverbot in Rumänien.
Erste Veröffentlichung in Buchform 1984 in Bukarest.
Erste Veröffentlichung in Buchform in deutscher Sprache 1992.
Seit 1996 schreibt und veröffentlicht sie hauptsächlich in deutscher Sprache.

Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die ihr ermöglicht haben an ihr Werk zu arbeiten, viel Energie und Leidenschaft ihrer Adoptivsprache zu widmen und gleichzeitig ihre drei Kinder groß zu ziehen.
Sie liebt es zu Reisen, neue Orte und Mensche kennenlernen, auf Lesetouren zu gehen und ihr Publikum zu treffen.
Neben ihrer Tätigkeit als Schriftellerin liest, zeichnet, fotografiert und kocht sie gerne.

Seit 1990 hält sie Lesungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Portugal, Holland, Rumänien, Litauen, Ungarn, Lettland, Griechenland, Kanada, Polen, Italien und in den Vereinigten Staaten.
U.a. hat sie Lesungen gehalten im: Literaturhaus, LCB, Literaturwerkstatt, Haus der Kulturen der Welt, RKI, Auswärtiges Amt, Rumänische Botschaft, Wissenschaftskolleg zu Berlin,
Literaturhaus Frankfurt, Buchmesse Frankfurt, Buchmesse Leipzig, Buchmesse Göteborg/Schweden, Buchmesse Pau (Frankreich), Literaturhaus Basel, Salzburg, Jacobs University in Bremen,
Lesungen u.a. im Cornelia Street Café, New York, German House NYU, NYU CECS, Romanian Cultural Institute New York, Rutgers Univ., NJ, Brandeis Univ., MA, Amherst Univ. MA, Goethe Institute Boston MA, Mansfield Univ. PA, Brynmawr College, PA, Lycoming College, PA, Bloomington Univ. IN, Berkeley Univ., CA, Univ. of Georgia (Athens), Univ. of Chicago, IL.

Seit 1993 leitet sie Kurse und Workshops für Kreativität-und kreatives Schreiben u.a. in Deutschland, England, Polen, Rumänien, Italien und USA.

1993-2004 hat sie auf Einladung von Frau Dr. Brigitte Labs-Ehlert für das Literaturbüro Ostwestfalen Lippe ind Detmold die Schreibwerkstatt für junge Autoren gegründet und geleitet.

Seit 2003 ist sie Contributing Editor für die Internetzeitschrift « LOGOS a Journal for Modern Culture and Society » und “The Brooklyn Rail” in New York.

Seit Juli 2012 leitet sie zusammen mit Tim Mücke die deutschsprachige Redaktion der interdisziplinären und mehrsprachigen E-Zeitschrift « Levure Litteraire » mit Hauptsitz in Frankreich.

 

 

Würdigung

 

1982 Literaturpreis der Zeitschrift Luceafärul, Bukarest
1985 Internationaler Kurzgeschichtenpreis der Stadt Arnsberg
1985 Preis der Schüler und Studentenjury Arnsberg
1990 Salzburger Stipendium des Kulturministeriums, Österreich
1991 Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD
1992 Stiftung Preußische Seehandlung
1993 Austauschstipendium des Berliner Senats. Stipendium in Amsterdam (1 Monat)
1993 Arbeitsstipendium des Senats für Kulturelle Angelegenheiten Berlin
1994 Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Ahrenshoop (1 Monat)
1994-1995 Stipendium der Anna-Krueger Stiftung/Wissenschaftskolleg zu Berlin
1996 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1998 Stiftung Preußische Seehandlung
1999 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1999 Stiftung Kulturfonds, Künstlerhaus Ahrenshoop
2001 Aufenthaltsstipendium in der Villa Waldberta, Feldafing
2002-2003 Arbeitsstipendium der Preußischen Seehandlung
2004 Aufenthalt in USA als „Craig-Kade Writer in Residence“ an der Rutgers University, New Jersey USA für das Herbst Semester
2005 Fellow des Center for European Studies Rutgers Univ.
2005 Stipedium ARTOMI Artists Collony , Ledig House, New York
2007 GEDOK Literaturförderpreis
2009 Stipendium Homines Urbani an der Villa Decius in Krakau, Polen
2010 DAAD- Writer-in-Residence, Department of European Studies and Modern Languages, University of Bath, UK
2012 Master Class and der Abteilung für Germanistik der Universität Tscherepowetz, Rußland

 

 

 

www.banciu.de

www.literaturport.de

www.goethe.de

 

http://www.mutterromancefebe.wordpress.com
www.levurelitteraire.com

 

 

 

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