Carmen-Francesca Banciu

 

Foto: Marijuana Gheorghiu

 

(Deutschland)

 

 

 

LEICHTER WIND IM PARADIES

 

 

 

(Auszug)

 

 

 

Morgenstimmung

 

Der Gesang der Zikaden lässt die Landschaft vibrieren.

Die Luft steht.

Das Meer wacht langsam auf.

Die Berge auf  Koruni treten aus dem Dunst.

Das Meer ist verschleiert.

Unter dem Schleier bewegt sich das Wasser in Quadrillionen von zitternden Unebenheiten.

Diese Bewegungen will ich erfassen.

Beschreiben.

Benennen.

Die Abstraktion der Bewegung erreichen.

Für sie einen Ausdruck finden.

Alles in Worte fassen.

Ich suche.

Quadrillionen von Versuchen muss ich wagen.

Schon nach dem ersten erkenne ich meine Grenzen.

Bevor ich mich weiter wage, hat sich die Bewegung des Meeres verändert.

Der Schleier ist durchsichtiger geworden.

Das Licht verwandelt sich ununterbrochen.

Wie soll ich es einfangen mit meinen Worten.

Ohne zu verfälschen, das was ist.

Sobald ich einen Zustand wahrnehme und in Worten festhalten will, verfälsche ich das was ist.

Das, was ist, ändert sich. Ununterbrochen.

Es ändert sich mit einer nicht nennbaren Geschwindigkeit.

So, dass nie etwas ist.

Also, wann ist etwas?

Ich erkenne meine Grenzen. Und will darüber hinaus.

Außerhalb von mir ist die Welt grenzenlos.

 

 

 

 

 

 

Homesick

 

Ich habe vergessen die Klappe des Mülleimers über Nacht zu schließen.

Die Ameisen sind vor mir aufgestanden.

Sie haben eine Ameisenstraße gebildet.

Steigen in einer schmalen Reihe  nach oben zum Müll.

Noch keine Straße nach unten.

Ich schließe den Deckel und unterbreche die Straße.

Einige Ameisen bleiben drinnen eingeschlossen.

Sie werden zum Müllplatz kommen. Auf die anderen Seite des Dorfes. Dort, wo die Müllcontainer stehen.

Weit weg von hier.

Werden sie ihren Weg zurück nach Hause finden.

Werden sie sich ein anderes Zuhause schaffen.

Werden sie von anderen Ameisen aufgenommen.

Angenommen.

Oder werden sie verloren gehen in der Fremde.

Ich lasse den Deckel geschlossen.

 

 

 

 

 

 

       © Carmen-Francesca Banciu

 

 

 

Zikadenmusik

 

Manchmal steht die Luft still.

Kein Blatt bewegt sich.

Nur die Zikaden kratzten die unsichtbare Membrane der angespannten Luft mit ihrem Zittergesang.

Ununterbrochen.

Bis in die Nacht.

Ein Meer von Zikadengezitter.

Ein Meer von betörendem.

Von obsessiv wiederholtem.

Hypnotisierendem.

Hochtönendem.

Eintönigem.

Einsilbigem Gesang. Untermalt von Grillengezirp.

 

II

 

In ein Duftmeer von Oleander. Von Jasmin. Von Oregano. Von Tayigetos Salbei lasse ich mich fallen.

Über meinem Kopf das Dach aus verknorrtem Weingewächs.

Dicht ineinander verflochten.

Aus ihm hängen schwer die Trauben. Mit tränenförmigen Beeren. Mädchentrauben.

Die Ziegenzitzen, wie man die Sorte in meinem Geburtsland nennt.

 

 

 

Terrassensafari

 

Es gibt viel zu sehen auf der Terrasse. Und von der Terrasse aus.

Es gibt so viel zu sehen, dass man nie alles sehen kann.

Denn alles verändert sich pausenlos. Und doch fast unbemerkbar.

Es gibt viel zu sehen, und wenn man nicht aufpasst, verpasst man es auch.

 

Es ist bald 11 Uhr. Und ich habe den täglichen Streifzug der Eidechse  auf dem Terrassensims verpasst. Eine SMS hat mich ins Zimmer gerufen. Noch rechtzeitig, um eines meiner neuen Haustiere zu retten. Meine einbeinige. Eigentlich fünfbeinige Heuschrecke. Sie hat sich vermutlich von der Decke runterfallen lassen und ist auf dem Rücken gelandet.  Unbeholfen liegt sie auf dem Rücken wie ein Käfer. Für einen invaliden Käfer endet so das Leben.

 

 

 

Mein Zuhause gehört allen, meine Zahnbürste nur mir

 

Ein Grashüpfer hat die Spitze meiner elektrischen Zahnbürste erklommen. Widersetzt sich meinen Versuchen, ihn davon zu vertreiben. Ich muss Gewalt anwenden. Er fliegt mir ins Gesicht. Zurück auf den Kopf der Zahnbürste. Krallt sich fest. Abwehrbereit streckt er mir ein Bein entgegen. Wir sind zwar gleichberechtigt hier, sagte ich zu ihm. Aber die Zahnbürste gehört mir. Er schert sich einen feuchten Dreck darum.

Grashüpfer haben keinen Respekt vor Privateigentum.

Grashüpfer haben ihren eigenen Willen.

Ich aber auch.

 

II

 

Beim Zähneputzen beobachte ich vielen Wesen im Badezimmer: Käfer, Spinnen, Ameisen.  Sie sind wie ich in der Welt. Teil der Welt.  Meine Mitwesen. Gleichberechtigt.

Menschen ekeln sich vor Insekten.

Ekeln auch Insekten sich vor Menschen?

 

 

 

       © Carmen-Francesca Banciu

 

 

 

Die Kraft des Schweigens

 

Das Schweigen tut gut.

Ich bin hier, um zu schweigen.

Das Schweigen tut gut.

Ich nähre mich aus meinem Schweigen.

Ich schweige zusammen mit den Insekten.

Wenn ich sprechen will,

Gehe ich ans Meer

 

 

 

Schönes Schicksal

 

Jeden Tag tauchen neue Besucher auf

Heute Abend erscheinen zu Tisch:

Ein grün leuchtender Käfer

Ein Marienkäfer

Und ein rostfarbener Käfer mit langem Körper und schmalen Flügeln Er hat sein Unglück in meinem Weinglas gefunden

Rosa

Und Immer noch schön sieht er aus

Mit ausgebreiteten Flügeln

Für immer entspannt

Im tiefdunklen Rot

 

 

 

       © Carmen-Francesca Banciu

 

 

 

Meine Freundin Palomena V.

 

Ein Käfer, platt und von der Farbe der Fistiki, spaziert über mein Heft. Hellgrün- zart-leuchtend

Ein Geschöpf, wie aus Seide

Palomena

Palomena viridissima

Was für ein schöner Name

Für die gehasste grüne Stinkwanze.

 

 

 

       © Carmen-Francesca Banciu

 

 

 

Und ich, warum morde ich?

 

Eine Ameise klettert auf meinen Laptop.

Läuft über meine Tastatur.

Ich scheuche sie weg.

Sie wird sich in meinen Laptop hinein verirren.

Sich Darin vergraben.

Meinen Laptop beschädigen.

Ich puste. Ich schubse.

Sie kommt immer wieder zurück.

Ich greife sie

Wird sie meinen Zugriff überleben?

(Ich morde jeden Tag.

 

 

 

       © Carmen-Francesca Banciu
 
 

 


By PalmArtPress (Germany – USA)
COMING IN SPRING 2015.
Erscheinungstermin: Frühling 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

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Carmen-Francesca Banciu ist am 25. Oktober  in Lipova, Rumänien geboren.
Sie ist aufgewachsen in Guttenbrunn, Lipova, Timisoara und Arad.
Nächste Stationen: Bukarest, Berlin, New York und wieder Berlin.
Nach ihrem Aufenthalt in Berlin als Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD im Jahr 1991 hat sie Berlin als ihren Hauptwohnsitz gewählt und Deutsch als ihre neue Literatursprache.
Sie lebt als freischaffende Autorin, Dozentin für Kreativitätstraining-und kreatives Schreiben und Coach für Autoren und angehende Autoren, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreatives Schreiben und eine Weiterbildungsliteraturwerkstatt für Autoren aus der Bundesrepublik, leitet Kurse an Sommerakademien, an Goethe Instituten und Universitäten. U.a. leitete sie Seminare für das Autorinnen Forum Rheinsberg, Literaturbüro Detmold, G.I. Berlin, Berkeley Univ. u. Rutgers Univ. in USA und anderen Institutionen.

1985 nach der Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung « Das strahlende Ghetto » bekam sie Publikationsverbot in Rumänien.
Erste Veröffentlichung in Buchform 1984 in Bukarest.
Erste Veröffentlichung in Buchform in deutscher Sprache 1992.
Seit 1996 schreibt und veröffentlicht sie hauptsächlich in deutscher Sprache.

Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die ihr ermöglicht haben an ihr Werk zu arbeiten, viel Energie und Leidenschaft  ihrer Adoptivsprache zu widmen und gleichzeitig ihre drei Kinder groß zu ziehen.
Sie liebt es zu Reisen, neue Orte und Mensche kennenlernen, auf Lesetouren zu gehen und ihr Publikum zu treffen.
Neben ihrer Tätigkeit als Schriftellerin liest, zeichnet, fotografiert und kocht sie gerne.

Seit 1990 hält sie Lesungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, England, Portugal, Holland, Rumänien, Litauen, Ungarn, Lettland, Griechenland, Kanada, Polen,  Italien und in den Vereinigten Staaten.
U.a. hat sie Lesungen gehalten im: Literaturhaus, LCB,  Literaturwerkstatt, Haus der Kulturen der Welt, RKI, Auswärtiges Amt, Rumänische Botschaft, Wissenschaftskolleg zu Berlin,
Literaturhaus Frankfurt, Buchmesse Frankfurt, Buchmesse Leipzig, Buchmesse Göteborg/Schweden, Buchmesse Pau (Frankreich), Literaturhaus Basel, Salzburg, Jacobs University in Bremen,
Lesungen u.a. im Cornelia Street Café, New York, German House NYU, NYU CECS, Romanian Cultural Institute New York, Rutgers Univ., NJ, Brandeis Univ., MA, Amherst Univ. MA, Goethe Institute Boston MA, Mansfield Univ. PA, Brynmawr College, PA, Lycoming College, PA, Bloomington Univ. IN, Berkeley Univ., CA, Univ. of Georgia (Athens), Univ. of Chicago, IL.

Seit 1993 leitet sie  Kurse und Workshops  für Kreativität-und kreatives Schreiben u.a.  in Deutschland, England, Polen, Rumänien, Italien und USA.

1993-2004 hat sie auf Einladung von Frau Dr. Brigitte Labs-Ehlert für das Literaturbüro Ostwestfalen Lippe ind Detmold  die Schreibwerkstatt für junge Autoren  gegründet und geleitet.

Seit 2003 ist sie Contributing Editor für die Internetzeitschrift « LOGOS a Journal for Modern Culture and Society » und “The Brooklyn Rail” in New York.

Seit  Juli 2012 leitet sie zusammen mit Tim Mücke die deutschsprachige Redaktion der interdisziplinären und mehrsprachigen E-Zeitschrift « Levure Litteraire » mit Hauptsitz in Frankreich.

 

 

Würdigung

 

1982 Literaturpreis der Zeitschrift Luceafärul, Bukarest
1985 Internationaler Kurzgeschichtenpreis der Stadt Arnsberg
1985 Preis der Schüler und Studentenjury Arnsberg
1990 Salzburger Stipendium des Kulturministeriums, Österreich
1991 Stipendiatin des Künstlerprogramms des DAAD
1992 Stiftung Preußische Seehandlung
1993 Austauschstipendium des Berliner Senats. Stipendium in Amsterdam (1 Monat)
1993 Arbeitsstipendium des Senats für Kulturelle Angelegenheiten Berlin
1994 Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds Ahrenshoop (1 Monat)
1994-1995 Stipendium der Anna-Krueger Stiftung/Wissenschaftskolleg zu Berlin
1996 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1998 Stiftung Preußische Seehandlung
1999 Arbeitsstipendium für Berliner Autorinnen und Autoren
1999 Stiftung Kulturfonds, Künstlerhaus Ahrenshoop
2001 Aufenthaltsstipendium in der Villa Waldberta, Feldafing
2002-2003 Arbeitsstipendium der Preußischen Seehandlung
2004 Aufenthalt in USA als „Craig-Kade Writer in Residence“ an der Rutgers University, New Jersey USA für das Herbst Semester
2005 Fellow des Center for European Studies Rutgers Univ.
2005 Stipedium ARTOMI Artists Collony , Ledig House, New York
2007 GEDOK Literaturförderpreis
2009 Stipendium Homines Urbani an der Villa Decius in Krakau, Polen
2010 DAAD- Writer-in-Residence, Department of European Studies and Modern Languages,  University of Bath, UK
2012 Master Class and der Abteilung für Germanistik der Universität Tscherepowetz, Rußland

 

 

 

www.banciu.de

www.literaturport.de

www.goethe.de

 

http://www.mutterromancefebe.wordpress.com
www.levurelitteraire.com

 

 

 


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