Brigitte Struzyk

 

Die Linde am Rhin

 

Das Sonnenlicht gleitet herab auf dem Spinnenfaden
in die Hüfte des Holzes, weniges zwischen das Laub.
Als wäre sie im Begriff gewesen, ein Rad zu schlagen,
als sie zu wurzeln begann, steht sie da am Ufer des Rhins,
als strecke sie nun für immer die Beine zum Himmel
und stecke den Kopf in den Sand, ihr Wurzelhirn, ihre Kapillar-Haare

Im Milchlicht des Morgens kost ein Fingerwind
die üppige Linde, blättert im Laub und zupft
da und dort die Blätter vom Zweig, die segeln herab
und fliegen dem fliehenden Sommer entgegen ins Gras
zu Füßen der Weitverzweigten vis à vis.
Gelbe Herzblätter trennen sich eben
vom großen Ganzen, dem zärtlichen Haushalt

Am nächsten schon herbstlichen Morgen die tänzelnden Blätter!
Wie graues Haar das Alter verkündet, verfärbt sich das Laub.
Es nimmt zu an Gelb. In der Schwebe
auf der Wippe, der Kippe, das Jahr.
Schön färbt er den Einbruch, der Herbst

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Frühling in Kreuzberg etc 043.jpg

 

 
Glühendes Grün in der Dämmerung,
golden gefüttert und unterkühlt,
bewegt sich kein Blatt, nicht eines
segelt hinab. Die Linde steht da,
im Dienst wirkt sie gleichsam,
ein Alleebaum, preußisch und nüchtern.
Unter dem Anflug von Ernst wedelt ein kleiner Zweig.
Er rührt sich, ein Blatt tanzt herab,
Sonnenstäubchen paart sich mit Sonnenstäubchen.

Am Mittag erblindet die Linde im Licht.
Die Sonne steht im Zenit und blendet.
Düster verstimmt erscheint der Baum
vor dem beleuchteten Rhin.
Er spiegelt ihn wider, sein flirrendes Laub
belebt sich mit startenden Vögeln.

Aufwind am Morgen, die fälligen Blätter
schweben nach oben, bevor sie sich senken.
Krähenschwarz strebt die Vogelwolke zur Krone.
Unter der Dusche von Licht werden die Flügel erleuchtet.

Braune Samennüsse segeln im Fluß.
Ein gelber Pfeil schießt an der Linde vorbei,
unterdessen trudeln die Blätter Schleifen und Schlangen,
und die Vögel streiten laut mit dem Herbst.

Jedes Blatt fällt einzeln und ist einzeln zu sehen:
Wurzel, Spreite, Blattrand, Spitze.
Wenn es dunkel wird über dem Rhin und der Linde,
dann kommen die Tierchen aus ihren Höhlen,
die sie im Winkel der Blattadern bauen.
Sie wimmeln, sie laufen schnell über das Blatt hin,
essen die aufgeflogenen Sporen der Pilze.
Sie sorgen für sich und pflegen den Baum.

Im Gleitflug weht ein gelbes Blatt hinein zu mir
ein geädertes, von Sägezähnchen gesäumtes Herz
mitsamt der kleinen Nuss am Samensegel.
Sie sind mir willkommen wie alte Bekannte.
Wie etwas herbeigeredet wird, schreibt
Unsereine auch etwas herbei.
Sieh, die Linde spricht ja mit mir!
Sie schreibt ihr Blatt ab und mit ihm
sendet sie ihren Brief so an mich.

Alles ist Text, Textur und somit auch Sprache.
Bist du allein, sprichst du mit allem,
ist der Algenfaden, der Spaltpilz, jede Zelle
mit dir im Gespräch.

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Frühling in Kreuzberg etc 079.jpg

 

 
Es gab eine Zeit, sie kommt mit dem Blatt
gewendet zurück in einem anderem Licht.
Da stand ich klein vor den Linden,
vor den Hebellinden am Törchen.
Die Wurzeln hoben die Gehwegplatten.

Vom Balkon die Geranien schnatterten
mit ihren Storchenschnäbeln hinter mir her,
der Ginster flammte in meinem Rücken
zwischen den Blumen hindurch. Im Steingarten,
süße Milch noch am Gaumen,
sprang ich von Muschelkalkstein zu Muschelkalkstein,
den Besen zwischen den Schenkeln. Ich war dran.

Ich fegte die Risse blank vor den Linden.
Wie wundervoll war doch die Welt,
die Lindenwurzeln pochten, wie das Blut
die Herzwand federn läßt, auf das Leben.

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Biesdorf Herbst 040.jpg

 

 
Die Rhinlinde flirrt und wiegt sich im Wind.
Es flüstern die Blätter mir zu.
Sie sprudeln über vom Lichtfluss

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Agb und so 037.jpg

 

 
Ich kehre und kehre wieder
die aufgebrochenen Platten
voller Samensegel und Nüsse.
Sie platzen mit einem kleinen Knall unterm Absatz
Das Kratzen der roten Kunststoffborsten
in den Rillen des Bordsteins im Ohr,
memoriere ich : Protoplasma der Zelle
im Wasser im Eiweiß, in der Milch,
im Fleisch und im Blut,
junge Zellen an Stengel und Wurzelspitze
sind vollkommen mit Plasma gefüllt.
Im Alter verschmelzen die Hohlräume miteinander,
nur als dünne Schicht überzieht das Plasma die Wände

Die roten Kunststoffborsten biegen sich
unter dem Nachdruck der Kinderhand.
Das Kind lernt.
Kocht man grüne Blätter eine Zeitlang in Wasser
und legt sie darauf in heißen Alkohol,
dann erscheinen sie farblos.
Man hat ihnen das Blattgrün entzogen.
Der Zellkern und die Farbstoffträger gleiten
wie Schiffe auf dem Strom dahin.
Zwischen den roten Borsten das verfärbte Laub,
der Erdgeruch der verdunstenden Blätter.

Ein Wirbeln und Zwitschern, ein Klopfen und Schlagen,
bewohnt wie ein Hochhaus ist die Winterlinde.
Oben im Baum rufen die großen Vögel sich zu:
Kein Mensch ist im Park auf den Beinen.
Die Luft durchziehen Sonnenfäden.
Vom Boden steigt Frische auf,
kühlt die fallenden Blätter, erwärmt sich.

Die Blätterfülle flüstert barock mir zu,
das Wuchernde einer Vielzahl, das Volle,
losgelöst von der Vielfalt also,
das göttliche Urwesen der Dinge

Wenn du allein bist, hörst du den Vögeln zu.
Es dauert seine Zeit, bis du verstehst.
Sie berichten, sie singen nicht oft, nun,
sie pfeifen sich eins, bevor sie starten,
vor zurück hoch runter rauf.
Zwischen Zwitschern und Flügelschlag
ziehen die Spinnen die Fäden
vom Schnabel zum Schwanz.
Sie schaukeln die Luft in ihren Netzen

Im Zwielicht leuchtet milde die Pracht
Lochstickerei gegen den Himmel,
spitzt sich zu wechselnden Mustern im Dunkel zu.
Im Schalloch der Nacht ruft das Käuzchen durch sie hindurch
Unlust und Lust angstlos verewigte Angst

Am Morgen weben die Vögel den Stimmenteppich.
Er trägt die Luft in die Höhe, zu Boden und auf den nüchternen Rhin,
wo am Ufer der Fischreiher steht.
Nebenan im toten Holz klopft der Grünspecht.
In der Linde zwitschert der Zeisig , ein gelbes Blatt,
fliegt er auf und davon.
Ringeltauben turteln ein Astwerk höher,
und die Rabenkrähe knattert und stottert und quarrt.
Goldammer, Grünling, Feldsperling, Star
sind im Gespräch, die Elster rattert.
So ein Durcheinander von Stimmen
ohne Partitur, Sinn und Verstand?

Eine Wespe rutscht tot vom Fenster.
Wie schnell so ein Leben vergeht.
Unter der standfesten Linde
gingen sie auf und ab und dann
in die Zeitläufte ein. Es dauert,
und vielleicht sogar, nein,
es ist nicht das Auf und Ab der Geschichte,
es ist auch nicht der Kuss eines Paares
in ihrem Schattenrauschen, dem Lichtgekose,
kein Friedrich kein Heinrich kein Kurt.

Im Grunde bleibt alles gleich,
Unser Verstand und ihr standfestes Tun.
Sie versteht, sie besteht die Zeit. Sie steht.

Nach einer Woche ohne mich
ist sie gelichtet. Entfallen die vielen
grüngelben Blätter. Der Stamm
wird nun bis zur Spitze sichtbar,
Eichhörnchenblitze, Vogelgezuck:
Aufschlußreich Durchblick

Ich sehe zu ihr auf, den Kopf im Nacken.
Wolken segeln vorbei. Die großen Vögel
umkreisen die Krone.
Alsbald tänzeln die Blätter, ein gelbes fällt auf den Rhin

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Frühling in Kreuzberg etc 049.jpg

 

 
Es gab eine Zeit, sie kommt mit dem Blatt
gewendet zurück in einem anderem Licht.
Es war Herbst, rot flammte die Eberesche.
Die Linden am Törchen färbten sich gelb.
Da zischten die Schwäne über das Interhotel hinweg.
Das Ochsenauge glubschte mich gläsern an,
jene kreisrunde Wasserlinsenquelle im Park.
Ich kam vom Doktor Allwissend, das Zauberkorn keimte
in meinem Leib. Was ich schon fühlte, das wusste er.
Die ganze Erde hätte ich sattmachen können, da ich verstand,
zwischen Himmel und Erde war keine Zeit zu verlieren,
nicht einmal im Schlaf.
Jede Zelle stemmte sich gegen den Außendruck,
übertrug unglaubliche Kräfte und hielt uns am Leben,
mich und mein keimendes Kind

Wurzel und Stamm wachsen ein ganzes Leben.
Wieviel Leben webt in dem Baum
sich ein Netz von Kommen und Gehen.
Die Wildgänse fliegen im Keil durch die Linde.
So scheint es. Kehlig entfernt,
schlitzen sie wieder und wieder den Himmel.
Blau tönt der Riss in den Lüften. Er hält
alles aus, was ihm in die Quere kommt.

Vom See schaukelt ein Wind sich auf.
Er rüttelt und schüttelt und wirbelt
die Blätter umher. Er rupft sie herunter.
Alsbald dreht er sich um. Sie zittern,
obschon er sie lässt, bis erneut sie tanzen.
Das Licht springt Böcke auf dem Rhin.
Eine Flotte gefallener Blätter bewegt sich,
les feuilles mortes, die Feuilletons

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Biesdorf Herbst 006.jpg

 

 
Sind wir eigentlich nur Nachrichtenempfänger?
Augenauswischerei, das ist Fernsehen.
Wenn der Vulkan in Washington ausbricht.
Wenn der Börsenkurs ins Bodenlose sinkt.
Wenn Vorstände haften müssten, persönlich,
wenn sie aber doch wieder einmal
mit vollen Taschen davongekommen sind,
wenn dann Verjährung eintritt, und die Haustiere
einen Europa-Pass kriegen, lachen hier die Hühner.

Ich reisse die Fensterflügel weitauf.
Durchlüften! Die stickige Giftladung raus!
Da schneit es gelbe Blätter, gelbe Herzen.
Mit ausgestreckten Händen stehe ich da,
ergriffen, drehe ich meine Hände nach oben
zum Flockenfangen.

Das heißt doch das Gold übersehen,
das Rot verleugnen, nicht nur das.
Dass sie sich vergreift, diese Kinderhand,
automatisch dreht sie sich wieder um
kraft der eingeschriebenen Daseinsströme.
Das heißt entweder oder, vielleicht nur,
denn das Alter regiert so nicht mehr, reagiert. auf
Es war getan fast eh gedacht

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Frühling in Kreuzberg etc 066.jpg

 

 
Die Krähe ratscht ein Sägeblatt in die Luft
Honigsüße vertropft in dem Lied eines Vogels,
ungeachtet des vielstimmigen Chores.
Wie ich die Ohren spitze, so ebbt er ab.
Soviel ich höre, so viel hört er auf,
als ob er nie erhört worden wäre,
unerhört einfach aus und vorbei.
Mittagsruhe weit und breit. Nur Verkehr.

Kommt die Nacht, wirft die Linde Chinoiserien
auf die Netzhaut. Die Blätter, in Licht getaucht,
tupft sie aufs Röntgenbild ihrer Äste.
Gehen die Scheinwerfer aus, fällt der Pinsel.
Obwohl die Nacht alles verbirgt, schärft sie
den Blick, und du siehst einen blendenden Ton,
um so mehr hörst du auch vielstimmiges Schwarz.
Wenn du die Blutbahn besteigen könntest, würde der Zug,
bevor du noch kämst, einladend halten,
soviel du wüßtest, würdest du sehn, durchsehn würdest du

Tanzendes Wasser versilbert das flüssige Grün,
worin schwarzbraun die Stämme sich spiegeln.
Durch die Luft schweben Glockentöne herüber.
Die Zeit legt sich auf den Rhin und fließt träge dahin,
Semikolon Synkopen Samensegel befördernd.

Zum Abflug drehen sie sich um sich herum,
als bohrten sie Rechts- und Linksgewinde in die Luft.
Wahre Luftlöcherketten schmiegen sich ihnen an
bei der Landung auf Wegen und Rhin.
Vielleicht ist es ihre Stunde. Sie hat ja geschlagen.

Verändere ich den Winkel, sehe ich die Linde
mitsamt ihren Nachbarn als einen einzigen Baum.
Sonst blanke serielle Reihung, nun eins
mit den andern, die verzweigte Verwandtschaft
aus gleichem Holz von gleichem Stand.

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Biesdorf Herbst 107.jpg

 

 
Mit einem Blick siehst du die Artenvielfalt unter ihnen.
Der zweite will vergleichen, sucht und findet
die Differenzen, ach, sie bewegt sich doch
so einzigartig, flittert, flirrt, flirtet nur sie.
Im Licht gebadet, wie ein Film im Rückwärtsgang
die Körner wieder in die Ähren springen lassen kann,
sind alle Blätter wieder an den Zweigen, nicht ein Blatt
liegt auf dem Weg, im Gras, noch schwimmt es auf dem Rhin,
scheinbar zurückgekehrt mit jenem roten Kunststoffsbesen.
Die Blätter bleiben, es ist kaum zu glauben, an den Zweigen.

Es gab eine Zeit sie kommt mit dem Blatt
gewendet zurück in einem anderem Licht.
Ich will zurück, es gab eine Zeit,
da war ich meiner nicht mächtig, aber vollkommen,
in einem anderen Licht, als sie neben mir ging, Hand in Hand.
Ach, wie die Sonne da schien, so fielen die Schatten über uns her
und nun dunkeln sie ein, blitzen auf und schweigen.
Eine Uhr fiept digitale Signale über den See..
Da fliehe ich in die Stadt, flehe um Nachsicht.

Wie ich nach der Stadtflucht meine Augen weide
an ihren Blättern, am Windspiel im Gezweig,
wie ich den Fortschritt ihrer Verfärbung bestaune!
Sie ist die Treue, die Verlässlichkeit, sie ist da.
Sie verändert sich vor meinen Augen und bleibt.
Sie läuft mir nicht weg wie die Zeit.

Vertrauen ist ein kostbarer Stoff, eine Rarität
in den großen Städten . Sie sind provinziell,
diese Ecken , an die sich der Großstadtmensch hält.
Sie müssen so bleiben, sonst wachsen ihm nicht die Nägel.
Schließt ein Lichtspieltheater, dessen staubiger Plüschgeruch,
kriegt man den in die Nase nach zwanzig Jahren,
einem Heimat, Vertrauen, Verwurzelung bietet,
schließt dieses Kino, geht eine Welt unter,
fällt man den Baum vor der Tür, stirbt eine Zeit.
Vom Tischtuch der Welt erwischt der Städter nur einen Zipfel,
den er festhält wie ein Kleinkind sein Speituch,
akustische Assoziationen, vertraute Gerüche:
mit geschlossenen Augen findet er heim.
Er folgt wohl dem eingeschriebenen Text,
der Kerbe im Hinterhoflattenholz.

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Biesdorf Herbst 062.jpg

 

 
So ein feiner Vorhang von Regen trennt uns
Das gelbe Blattwerk leuchtet zu mir, eine Sonne
Speichert im Laub den Sommer ab, lädt ihn herunter
Zu den verlorenen Schritten im Regen.

Sie verwandelt sich vor meinen Augen.
Die Strahlkraft nimmt zu,
ganze Sätze grünblättriger Zweige
sind gelb geworden über Nacht.
So einfarbig gelb erscheint sie mir üppiger noch,
obwohl doch der Wind sie zaust,
sie die Blätter abwirft, ihm entgegen.
Sie bewegt sich nach einer lautlosen Fuge.
Die Zeit eilt voraus und wird eingeholt, wiederholt
vom ewigen Auf- und Ab der Bewegung

Windstille. Sonne und Vogelgesang.
Es trudeln die Blätter erdangezogen.
Sie leuchtet.
Anthrazit grünspan abgezweigt gelb

Klar zittert der Rhin. Er trägt Farben:
moosgrün lindgelb ocker und braun,
ein Aufschreibesystem im Farbfluss
für dieses stoische Fließen,
eben alles im Fluss, auch die Blätter
meiner Linde, die Hochzeit hat.
Die Zweige sind einander zugeneigt.
Sie blättern sich auf und beben.
Für den Augenblick ist alles ein einziger Frieden.

Aus dem Nichts kommt ein Herbststurm.
Schräge Gedankenstriche durch den Tag,
eben noch lind und lau, und nun ruppiger Regen,
scharfer Wind. Doch die Blattfülle hält zu dem Baum.
Noch ist es nicht Zeit, dreimal mehr noch
gelb gelb gelb gelb und wieder gelb
So wird sie zur Flamme.

Licht ist der Wipfel geworden.
Die starken Äste treten hervor
wie Adern auf dem Handrücken,
von den grünen Blättern ist keine Spur mehr,
alles gelb, auf dem Fluss gleitet ein Plastikkajak
weidenblattartig sattgrün,
seelenruhig stechen die Paddel in den leuchtenden Fluss.

Japan, warum murmle ich Japan,
seh den Kabuki Mann gestikulieren?
Wenn ich das Filigran mit den Augen weide,
in den sanften Rührungen der Blätter
asiatische Wassertropfenmusik vernehme?

Auf dem Geweih der oberen nackten Äste
ruht voll der Mond. In der Ferne
schlägt ein Hund an, er kläfft Treppen in die Nacht
Das Käuzchen schreit Bögen hoch in den Himmel
Sie reichen überall hin, sie heben die Nacht
über die Nächte über den Mond, sie fallen
in jenen verwilderten Garten ein, wo wir waren.

Hier gibt es Blocksberge, Krähenberge und Moor,
hier gibt es die Stille, die nach dem Schrei kommt
und die vor dem Sturm, das harte Griffbrett,
das dich auf die Saiten spannt und wo die Wirbel
sich von selbst überdrehen, bis der Akkord kracht,
und der Sturm bricht los.

Überdreht, übertrieben, überheblich worüber
Üyötüyö heißt finnisch Nachtarbeit
Üyötüyö ruft das Käuzchen jetzt und ich folge.

Es gab eine Zeit. Sie kommt mit dem Blatt
gewendet in einem anderen Licht.
Odisiei der Mond war das erste Lied
meines ersten Kindes in der ersten Zeit
nach dem Dammbruch, verdammt war alles,
was uns nicht wachsen ließ, uns zusammen.

So begann schon das Ende mit dem Anfang wie immer
Diese Mördergrube von Herz beruhigt sich nicht
Ich gehe die Treppen hinunter über den Bogen,
gehe in mich und begegne dem Kind,
das ich mal war und dem, das ich hatte
Es ruft jemand nach mir durch die Nacht.
Woher , worüber, wodurch, wohin und warum?
Lebendige Fetzen, vom Tod gerufen.
Er erholt sich und ich weiß nicht wie weiter

In den weißen Himmel ragen die kahlen Äste.
Das Haupt der Linde ist fast entlaubt,
Aber die Hüftgegend ist den November avisiert!
Der Oktober geht zu Ende am Rhin.
Wenige Tage nur noch für die Kanuausleihstation.
Ein Papierflugzeug aus der gestrigen Zeitung landet.

 

 

C:\Users\rodica\AppData\Local\Temp\Agb und so 029.jpg

 

 
Erster November. Heute kann ich die Blätter zählen.
Die entlaubte Krone trägt einen schwerelosen Himmel.
Der Mann mit dem Blasrohr fegt das Ufer.
Den Motor trägt er auf dem Rücken.
Er wirbelt die Lindenblätter noch einmal herum,
bläst sie ins Wasser, und die Enten fliehn.
Er rechnet ab mit der losgelassenen Pracht,
schwingt das Rohr und macht einen Heidenlärm.
Der Passant am anderen Ufer nimmt die Hände aus den Taschen,
um die Ohren sich zuzuhalten beim Schlurfen durchs Laub.
Die Katze im Gras verzieht sich.
Staubsauger, Laubsauger, Natursauger, obendrein
fehlt nun von den gezählten Blättern die Hälfte.

In vier Tagen hat sie die Blätter verloren.
Sie hat sie los, sie hat sie fallengelassen.
Bis aufs Holz entkleidet, die rissige Borke,
dunkelt sie ein im weißen Licht.
Zartwandige Zellen am kegelförmigen Ende:
das ist der Bauplan der Zweige, durch Teilung
vermehren sie lebhaft ihr Wachstum das ganze Jahr,
bis die Blätter fallen, die Spitzen des Stammes
der einen und einzigen Pflanze im Austausch
mit allen Winden und Wassern und Sonne

Die Gefäßbündel bilden kein Mark mehr.
Ring-, Schrauben-, Netz- Tüpfelgefäße
der Holzfasern leiten nicht mehr das Wasser.
Neben den toten Zellen ruhen die lebenden.
Mit der Last nimmt die Stärke zu.
Die Merkmale des Lebens ruhen im Holz,
Bastteile und Gefäßbündel werden eins.

Kambium! Wachstum wirkendes Gewebe,
so etwas wie Seele des Holzes, Liebesvertrag.
Das Kambium leitet die Wechselfälle
nach innen, wendet dem Holz sich zu,
vermehrt es und stärkt seine Macht.
Nach außen wandelt es sich dem Bast an.
So wächst der Stamm in die Dicke.
Also ist Wachstum Liebe, Wandel und Tausch.

Der Zuwachs geschieht vom Frühjahr zum Herbst hin
Grünholz, Frühjahrsholz, Herbstholz
So kommen die Jahresringe in den Stamm.
Die Differenz macht sie sichtbar.
Älteres Holz zeigt eine dunklere Färbung,
das hellere Holz die der jüngsten Ringe

Je stärker der Stamm, desto mehr Stoff
geht von innen nach außen hin und her
Das leisten die Nebenmarkstrahlen.
Wird er verletzt, der Baumstamm, wie der meiner Linde,
in Bisshöhe, dort, wo er jung war und schmeckte,
bilden die lebenden Zellen an der Wundstelle Kork.
Gehen die Wunden bis in das Holz, so wuchert die Wunde
um sich herum und zieht alles in Mitleidenschaft,
so dass die Verletzung weiträumig überwallt wird.
Die angrenzenden Stellen wuchern so stark,
die eigentlich unverletzten, dass zum Schutz
fantastisch geformtes Gewebe entsteht, wilde Furchen.

Es gab eine Zeit. Sie kommt mit dem letzten Blatt
gewendet in einem anderen Licht.
Selbst wohl in frühster Kindheit gebissen,
biss ich das zarte Zellengewebe im Kern,
und wusste nicht, was ich tat, sicher nur Gutes,
das denkt schließlich jede von sich, wenn sie handelt,
nicht absichtlich zerstört, aber vernichtet.
Wie zum Wachstum des Baumes alles beiträgt
und so auch zu seiner Vernichtung, trug ich bei
zum Wachstum und zur Zerstörung, überwiegen
wird für den Rest meines Lebens der Tod.

Es verwächst sich die Wunde am Stamm.
Wie verwächst sich der Tod im Leben?
Überall auf der Erde stehen die Stämme senkrecht.
Meine Linde ist von Anbeginn schräg.
Sie gleicht diese Neigung nach links damit aus,
dass die den rechten Stammgast mit einem Schwung
von der Linkslast befreit.

Die Schwerkraft reizt die Stängel,
Geotropie hält zum aufrechten Stand und Wachstum an.
Die Schwerkraft wirkt auf die Stämme.
Erdwendig, positiv geotrop ist die Wurzel,
erdflüchtig, negativ-geotrop ist der Stamm.
Wird die Stammspitze im Sturm gebrochen,
übernimmt einer der oberen Zweige.
So verhalten sich alle grünen Gewächse der Erde.

So kahl sie ist, so grün ist sie von Moos beflort.
Kein Vogel sucht sie nun auf, setzt sich nieder.
Doch sie kommen zurück nach der Winternacht
Der Frühling ist in ihr angelegt. Es wird Zeit mit dem Blatt,
das sich wieder dem Licht zuwendet wie wir.

Articles similaires

Tags

Partager