Brigitte Struzyk

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Am Rande

(Die Kawenzmänner)

 

Die Vielgestalt des Gleichen-

die Verwandtschaft-

wandelt die Wand von Bäumen

am Rande zu einem Wald

Von Zweig zu Zweig das Grün

formt an den Zackenrändern Töne,

ja, sie betonen, was vom Himmel fällt,

vom Wind gehoben, ja vom Wind.

Der Regen treibt in jede Lücke Blei.

 

Die Vielgestalt des Gleichen-

die Verwandtschaft –

verflüchtigt sich im Unterholz.

Dürr und verkümmert krümmt es sich

unter dem strotzend Großen.

Braune Skelette gehen sich an die Stämme.

Hier fließt zusammen, was von oben kommt.

Es fördert die Verrottung die Verwandtschaft.

 

Die Vielgestalt des Gleichen-

die Verwandtschaft-

verdrängt die Schwachen, heißt sie sterben.

Doch oben in den Kronen thronen

die starken Äste unberührt

von all dem Weitverzweigten

der Verwandtschaft.

Sie wachsen angeregt noch höher,

so stark geworden über dem,

was unten welkt, verdorrt-

Verwandtschaft.

 

Die Vielgestalt des Gleichen

schafft Diverses.

Das schließt sich gegenseitig aus.

Die Eigenart befördert Wachstum.

Der Wipfel rauscht Behauptung.

Die Niedrigkeit am Fuße bleibts.

Sie trachtet kaum nach Leben,

selbst wenn, dann bei sich selbst.

Die Wurzeln aber-

die Verwandtschaft –

halten das Disparate fest zusammen

als Vielgestalt des Gleichen.

Ja, hast du nicht gesehen,

der Fuchs geht um….

 

 

 

Anmut sag ich da

 

einfach wo glatt

die Worte mir fehlen,

will ich das fassen

zwischen den Rispen

vom Wollgras,

das Leuchten…

Schon kommen die Enten

Erpel mit Goldkopf

Ich teile mein Brot

wie meine Winke

für  Autofahrer

Der erste bittet,

die Kurve zu kriegen.

Aus dem roten dann

steigt der Schornsteinfeger.

Der Postbote ist schon

der Klempner davon.

So sitze ich hier

am Walkspund

und memoriere

„Anmut sparet nicht

noch Mühle“ und fühle,

du fehlst mir

 

 

 

Spatz auf dem roten Stuhl

 

unter der Uferstufe,

Spatz auf dem Platz.

Hier habe ich Hochzeit gehalten

und weiß nicht mit wem.

Verbrannt ist der Schuppen.

Ich weiß nicht warum.

Der Zug ist gefahren.

Ich weiß nicht wohin.

Schwarzfahrerin  des Schicksals,

bin ich immer noch da

bei dem Ufer, den Spatzen

und weiß nicht wohin

 

 

 

Vorüber vorbei das Boot

 

Beim Zittern des Schilfs

Wird die Ölspur blind

Im Sirrenden regt

das Blesshuhn den Atem

zu Säumen von Tiefseetönen

auf dem Plankenteer

haftet das Echo für und für

Wen oder was ruft es?

Antwortest du?

 

 

 

Wundern

 

Für Karl-Georg Hirsch

 

Dass es so weit reichen würde

Dass es so tief gehen könnte

Dass es so stark weichen würde

Dass es sich so drehen könnte

Dass es sich so gleichen würde

Immer wieder neu sein könnte

 

 

 

Kinder im Theater

 

Sie stehen am Orchestergraben

Und starren auf das weite Meer

Von Tönen, Klängen, OH!

Da legt ein Horn an, sieh!

Die Geigen! Auf und Ab!

Dort ankert wohl ein Cello!

Und nun das Nebelhorn!

Die Tuba spielt sich ein…

 

 

 

Abend in Sacrow

 

Vom schattigen Ufer, so sanft

steigen sie hoch, die klassischen Töne,

vom Wasser getragen, in Luft gelöst.

Sie kommen und gehen im dunkelnden Wasser.

 

Nicht lange gefackelt- die Schiffe, die Schiffe!

Sie folgen der Tonspur

Sie kreuzen und leuchten,

die Töne im Schlepptau.

 

Mir kommen die Tränen

Ich steh an der Mauer

So abgehackt einst

So offen nun alles

 

Musik auf dem Wasser

vis a vis

die Glienicker Brücke.

 

 

 

Der Herbst hirscht in den Winter

 

Der Wind röhrt durch den Wald

Fegt die Binsen geht

Über Land  schwer atmend

 

Da packt es dich

Ich warte

 

 

 

Kein Kraut /nicht gewachsen

 

Impatiens

Noli tangere

Rühr mich nicht an

Waldspringkraut

Hüpferling

Bleib mir vom Leib

Flenderkraut

Blatzkräudig

Bleib wo du bist

Altweiberzorn

Huppenmann

Lass mich in Ruh

Kikrihahn

Flohkräudl

Kraul mich

Komm her

 

 

 

 

 

 

 

 

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Brigitte Struzyk (2. April 1946 in Steinbach-Hallenberg, Thüringen als Brigitte Kraft) ist eine deutsche Schriftstellerin.

 

Leben

Brigitte Struzyk ist die Tochter eines Musikwissenschaftlers und einer Klavierlehrerin. Sie wuchs in Weimar auf. Dort machte sie 1964 ihr Abitur und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur Agrartechnikerin. Danach war sie Volontärin an den Städtischen Bühnen in Zwickau, und von 1965 bis 1969 studierte sie Theaterwissenschaft an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Nachdem sie dort ihr Diplom erworben hatte, arbeitete sie als Dramaturgin und Regieassistentin am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz und Zittau. Von 1970 bis 1982 war sie Lektorin im Aufbau-Verlag, anfangs in Weimar und ab 1976 in Ost-Berlin, wo sie im Stadtteil Prenzlauer Berg lebte und mit befreundeten Autorinnen des gleichen Geburtsjahrgangs die Gruppe 46 bildete, die bis 1979 bestand. Von 1982 bis 1990 war Brigitte Struzyk freie Schriftstellerin. Nach der Wende war sie von 1990 bis 1998 als persönliche Referentin im Baudezernat des Berliner Bezirks Pankow für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Seit 1998 ist sie wieder freie Schriftstellerin.

 

Brigitte Struzyk, die seit 1991 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland ist, erhielt 1991 den Lion-Feuchtwanger-Preis, 1992 eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, 2001 ein Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, 2003 ein Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben. 2004 war sie Stadtschreiberin zu Rheinsberg.

 

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