Brigitte Gyr

 

 

(Frankreich)

 

 

 

GEDICHTE

 

 

 

1.

erwürgt vom tag das wort

breitet sein überschattetes schicksal aus

angesichts der stille schöne frucht

gereift abgelöst vom ursprung

eingeschlossen ins laub

weiß verschleiert

lese ich die hellen trauben heraus

presse ihren saft

ins fass hinein in dem

rebenblut gärt

 

 

 

​2.

eines tages aus sand hervorgegangen

wird unsere unterschrift

abrutschen gleich einem stein

unsere haut ein einzigartiger schmerz

das skalpell wird aus silber sein

und das messer tödlich

wie ein holzsoldat

 

 

 

3.

Jegliche wasserspur

​fortan

​eingesunken

die abwesenheit ist nicht zu entschlüsseln

nur ein geruch

​von sprache

​ausser atem

die es schwer hat im sand​

​karg​

wie ein verbot von weit her

 

heucheln

sich anstrengen​

den​ ausgeschütteten teil

​ zu verringern

tränen

oder

blut das laken

​durchnässend

 

das intime zutiefst berührt

im wässrigen blick

 

 

 

4.

beinahe hätte sich…

dein schatten, seines körpers

beraubt, erhoben vor uns

geblendet von der sonne

 

beinahe wir hätten ihn mit füßen getreten ohne ihn zu sehen

auf der mauer wo er lachte

hätte sein schrei auf der grauen schicht des

lakens unsere roten träume erhascht

beseitigend jede spur

von diesem wir, uns ursprünglichen,

die sich so sehr liebten

beinahe hätte sich…

durch eine espe vielleicht…​

 

vom wind beflügelt​

« ein leichtes wir»

das leben erweckend aus

der erstickten sprache

damit deine erinnerung erneut ersteht

aus der verleugneten asche

 

 

 

5.

in weiß dieser morgen

die welt hat sich entfernt

zu einer​ trauer ohne ende

die die schatten beschwert

 

 

 

deutsche Übersetzung von Eva-Maria Berg

 

 

 

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1    Au Décousu de l’Aile, Ed Jacques Brémond, 1988​

 

2    Avant je vous voyais en noir et blanc, Editions Brémond, 2001, ​

​      Prix Claude Sernet​

 

3    La Forteresse de cendres, Edition Dé bleu/Idée bleue, 2006

 

4    Incertitude de la note juste, Editions Lanskine, 2014

5    Poème inédit

 

 

 

 

 

 

 

 

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Brigitte Gyr ist 1945 in Genf geboren, wo sie Rechts- und Politikwissenschaften studiert hat und als Rechtsanwältin tätig war.

Sie lebt seit 1976 in Paris, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Sie arbeitet sowohl als Lektorin als auch als Übersetzerin (sie hat ins Französische ein Dutzend Bücher übersetzt aus dem Englischen, Deutschen, Italienischen, Spanischen) mit Verlagen zusammen., u.a. Teilnahme an der Anthologie zu Lyrik aus Konzentrationslagern, erschienen in den Presses universitaires von Reims unter der Leitung von Henri Pouzol.
Sie nimmt regelmäßig teil an Lesungen und Festivals in Frankreich sowie in anderen Ländern (Festival franco-anglais de poésie, festival Algérie, in Deutschland und in der Schweiz), und ihre Texte wurden veröffentlicht in verschiedenen Zeitschriften: z.B. Ralentir travaux, Chariton Review, KoggeBrief, Autre Sud, Le Nouveau Recueil, La Traductière, Triages, Revue des deux Rives…

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