Branko Čegec

 

Branko Cegec

 

(Kroatien)

 

 

 

Ein voller Mond in Istanbul

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

 

frühstück im haus house

 

in the house café sitzen heute früh nur frauen.

das schwarze dekoltee tippt wie wahnsinnig in sein iphone:

schreibt, gestikuliert, lacht.

das dooblezoom aus einer zeitung

kaut alles ruhig durch.

links rechts oben unten.

und ab damit in die schlucht.

saugt an einem grünen coctail.

eine heuschrecke nähert sich und: plumps! weg ist sie!

die deutsche hinter der brillenfassung

flirtet mit dem kellner.

raucht eine zigarette nach der anderen

in der nichtraucherzone.

bläst große rauchkringel

in die gesichter der passanten.

die klimaanlage tröpfelt auf das essen.

die lehrerin ist schön.

fährt ein kind nach dem anderen nach hause.

manchmal kommt ein bus.

manchmal kommt ein bote auf rollschuhen.

das haus ist nicht so eng wie ein hemd.

das dekoltee telfoniert: einmal, zweimal.

das doublezoom taucht aus der schale auf.

die deutsche erhebt sich und verschwindet grußlos.

ein schönes mädchen grüßt im vorbeigehen.

für immer.

der ventilator unter der decke rotiert kräftig mit seinen flügeln

und stürzt krachend auf den nachbartisch.

 

 

 

im osten wird es dunkel

 

der pistazienkuchen verschwindet in einem biss.

der blinde sänger hat eine andere frisur.

er hat sich rasiert, ein neues hemd angezogen.

ein klang ist nicht etwas, womit wir einverstanden sind.

er schneidet sich in all unsere himmelsrichtungen

und zerstört unsere orientierung:

oben ist unten, unten ist der westen

der osten folgt später und so

ganze vierzigtausend kilometer.

das taxameter funktioniert nicht in der dämmerung

während sich der verkehr auf der brücke zwischen den kontinenten staut.

welche seite ist dunkler?

immer die, auf der du ankommst.

nur wenige monate stehen auf der speisekarte

und der feierabend wird bereits verkündet:

trompetenspieler hüpfen,

trommelspieler tragen die zeitungen und das eis fort:

es ist zu spät für shoppping und verschnaufen.

du sammelst deine tüten zusammen und gehst:

es ist heiß, es ist kalt

zwischen den beinen.

 

 

 

der südliche trost

 

vier jahre bin ich allein:

no sex, no drugs, no rock’n’roll.

ich nehme heilkräuter ein:

es ist gut für den zyklus und für die verständigung.

ich sehe filme, ich onaniere:

ein bisschen fingerchen, ein bisschen technik,

ein bisschen ratgeber für einsame.

zweimal im jahr verreise ich

um nicht zurückzukehren.

um nicht allein zu sein.

ich kehre immer zum anfang zurück.

den reichen alles,

den armen nichts:

nur der süden, süden, süden.

so steht es

in der genesis.

vergangenheit und zukunft krümmen sich auf dem gang zusammen

im zwischengeschoss, vor der tür des aufzugs,

den ich nicht betrete.

ich kann nicht allein die klaustrophobie betreten!

ich weiß nicht, wie ich die vergangenheit außen vor lassen kann.

ich weigere mich, den tod und die endlichkeit zu akzeptieren.

ich schreibe einen essay über die moral,

über die einsamkeit und über die zweifel.

ich weine,

wenn mich der krampf erwischt

und die luft die lunge nicht erreicht.

ich bestelle ein bier,

dann vier.

wenn sich der blick getrübt hat,

wage ich mich in das treppenhaus

und begebe mich zum grund.

 

 

 

der südliche trost

 

vier jahre bin ich allein:

no sex, no drugs, no rock’n’roll.

ich nehme heilkräuter ein:

es ist gut für den zyklus und für die verständigung.

ich sehe filme, ich onaniere:

ein bisschen fingerchen, ein bisschen technik,

ein bisschen ratgeber für einsame.

zweimal im jahr verreise ich

um nicht zurückzukehren.

um nicht allein zu sein.

ich kehre immer zum anfang zurück.

den reichen alles,

den armen nichts:

nur der süden, süden, süden.

so steht es

in der genesis.

vergangenheit und zukunft krümmen sich auf dem gang zusammen

im zwischengeschoss, vor der tür des aufzugs,

den ich nicht betrete.

ich kann nicht allein die klaustrophobie betreten!

ich weiß nicht, wie ich die vergangenheit außen vor lassen kann.

ich weigere mich, den tod und die endlichkeit zu akzeptieren.

ich schreibe einen essay über die moral,

über die einsamkeit und über die zweifel.

ich weine,

wenn mich der krampf erwischt

und die luft die lunge nicht erreicht.

ich bestelle ein bier,

dann vier.

wenn sich der blick getrübt hat,

wage ich mich in das treppenhaus

und begebe mich zum grund.

 

 

 

 

 

 

 

 

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http://www.brankocegec.com

 


 

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