Bernd Marcel Gonner

 

Bernd in der Tür halb

 

(Deutschland)

 

 

 

Transitverkehr

 

Thors Vater hat sein Auskommen vom Umkommen andrer. Den Dackel der Reifenstuhl hatte er neulich unter der Reiße. Wobei Reiße was Wörtliches hat. Das alte Innenleben raus – die Seele sowieso schon flöten, flüchtiges Ding; hätte nichts zum Dran-Weiden gehabt, weil Ausweiden was fürn Schlachtergemüt und zugehörige Metzelfinger – aber dann, sobald ‘s Weiden zuend, was für die feinen, Finger und Gemüter, sobald der Balg am Stück gebeizt: das Stopfen und Anfüttern, als zöge mit Werg und Sägespänen eine neue Seele ein, ganz der Alte, grüne Augen hat er gehabt, nun schimmert’s aus den Tiefen vom Glasfluss, ungesäumt übern Styx (Umspannwerk Haspe, die Ennepe hatte ihr’n Ölfilm aufgelegt wie ne Dirne Rouge: traf ihn der Schlag) mitten ins dralle Leben gerissen (oder: wie man was Sterblichem anzieht ‘s Gewand der Unsterblichkeit). Tierpräparator also. Thors Großvater mit Hundeöl im Geschäft. Das Feuer unter den Sudkesseln gibt Thors Nächten Glanz. Selbst auf die karmesinrote Glut ist er scharf; wenn Neumond ist oder das Himmelsstück überm Hof nichts als Wolken, kann er sie, das Gesicht ans Barackenfenster gedrückt, ausmachen. Die Stirn schwarz vom Quetschen. Fettige Tatze. Oleum caninum, wie ausm Märchen, wo’s nur Bösewichte und finstres Gelichter hat, das sich gegenseitig das Fell abzieht und den Teig bis aufs dunkle Herzstück und die blanken Knochen auskocht. Thor wischt sich die Balz mitm Glas von der Stirn – und immer ran mit der Schmierage an die Hose. Geht sowieso nicht mehr ab. Als ob’s Hundeöl überall seine Marken setzt. Je fetter der Pudel gewachsen, desto kerniger die Erinnrung an ihn. Kleinstadtapotheker, den Kittelsaum von zweifelhafter Färbung, Siedlungsweiber mitm Ruf irgendwas zwischen Engel der Armen und Kurpfuscherin und Landärzte, denen die Wartezimmer dritter Klasse nicht leer werden von den Kindern, denen die Lunge unter Tage kohlraben- gewachsen ist, solche nehmen dem Großvater seine räudige Medizin ab. Was über bleibt, verschickt er von Haspe weg mit der Bahn blöckeweise an Seifensiedereien im Sauerland.

Als der Großvater stirbt, gehn die Kessel ans Altmetall. Glockeschlagen im Treppenhaus. Die Riefe, wo der eine, der große Kessel den Putz gefräst, heute noch wie für Thors Finger gemacht. Legt er ein’n rein. Mittelfinger, wie zum Groll ausgestreckt. Denkt an den Schuppen: erst eine Zeitlang leer, (sagen wir:) halbsommerüber, bis dem Hauswart der Winter in’n Sinn kommt, Lager für Kohlen und Kohl, dann nur noch Kartoffeln, dann Schrumpfköpfe von Kartoffeln, reine Schimmelwelt, ein Druck drauf[1] und es weckt die Sporen: schnaufst du’s ein, bist du tot; dann weg der Bretterverschlag mit der Schwengelpumpe davor, ein Aufwasch, die Straßenbahn zwei Querstraßen weiter glaubt ebenfalls mit an den Fortschritt, Thor hat die Schule grade geschmissen. An der Kreuzung die Gleise gleich raus, breitergelegt, drei Spuren Auto-mobil die eine, drei die andere Richtung, der Raum staunt (was die Pläne vom Hochbauamt ihm schon zu ahnen gaben): soviel Licht und Himmel zum Dummwerden, kann man im Leben nicht aus- und zu Ende denken; die Reifenstuhl schleift ihren Hund an der kurzgehaltenen Leine über die kurzgeratene Ampelphase, dass sie wenigstens da mitkommt – aber Thor, Thor! will die Arme nur noch ausgestreckt, quer vom Körper weg, wenn er die Kreuzung mit nem Zug nimmt, dass ihm schwindelt – ne, Schwindel kennt er nicht. Thor! In den Gleisstummeln steht der Regen. Der Rost gedeiht. Auf dass sie die Stadt weiter verderben. Thor träumt nach vorn. Der Mariannenplatz war blau … Steine, Pack, Scherben. Brüder und Schwestern. Aus dem braungetünchten, wie zusammengeklappt wirkenden Haus von gegenüber kommt ihm einer manchmal auf der Kreuzung entgegen, da hört er Sätze wie Sage vom Ganzen / den Satz, den Bruch, / das geteilte Geschrei, den / trägen Ton, der Tage / Licht. Notizzettel im Handteller, der Asphalt leuchtet. S hat auch was mit den Brüdern und Schwestern zu tun, das spürt er. Sieht aus, mutet an wie einer von den Handwerken vom Glasfenster vom Hauptbahnhof, der mit der wilderen Mähne und der Grabgabel in der Hand, auf die er sich halb stützt, halb loslegt mit der. Als gäb’s gewaltig was zum Umgraben, hier und sofort. Das Hemd aus der Hose, auch da die Bewegung. Der andre den Kragen überm Jackett, die Krawatte, wenn, dann zu kurz. Die Stirn vor, ins Leben geplatzt, das Kinn zurück, als erschräk’s darüber, Angriff und Rückzug zugleich. Der Geist überm Kleingeist. Schwebend. Am End’, sagt der Kleingeist, ersaufen eh alle im selben Wasser, was tust du so hochgereckt? So einer bräucht’ einen Spaten. Zum Ausmisten. Zum Totewecken. Thor spricht ihn an. Die Fußgängerampel dreht auf Rot. Der Verkehr reißt sich los. Sie auf der Mittelinsel, Gestrandete, zwanglos frei. Die Beine im Schlick, doch Luft zum Atmen genug. „Nussschale“, sagt der mit dem Glanz auf der Stirn und deutet auf den weißwarnenden Randstein. Pass auf! … so viele Bullen waren da … Er sagt: „Ich hab noch einen. Einen Chemigrafen. Er hat eine Vision, er hat Bilder gesehen, demonstrierende Arbeiter mit Transparenten. Er schreibt davon und schickt mir das, was er schreibt.“ Thor zögert. „Hier ist es nicht so“, sagt Thor. „Hier?“ Der mit der Stirn macht eine Bewegung, die die ganze Kreuzung einschließt. „Das mit den Visionen“, sagt Thor. „Nicht hier und nicht da“, sagte der andre und winkt hinter sich mit dem Finger. „Tod immer.“ Thor denkt, er zitiert was, das jemand  geschrieben hat. Womöglich er selbst. „Klingt wie’n Spaten“, sagt Thor. „Aber keiner, der Gräber aushebt. Einer der nach dem Leben sticht, Blatt um Blatt. Schöne glänzende Schnitte.“ Der andre nickt, kaum dass Thor ‘s merkt. Die Ampel schaltet zum dritten, zum vierten Mal auf Grün. „Meister“, sagt der mit dem Spaten im Kopf, „Ernst Meister“ – und weist auf das Haus mit der Tünche, die es versteckt. „Komm rüber –“, er wartet – „Thor“, sagt Thor, als er spannt, dass da einer die Hand hinhält, ob er sich offenbare – er geht los, hält inne, kippt den Kopf mit dem Wind, sagt dem bereits Gehenden, Meister, in den Rücken: „Ich komm’. »

Thor kommt. Erst einmal, später mehrmals die Woche. Er liest Gedichte von Meister. Er liest, was der Chemigraf schreibt, Nicolas. Frischer, gleichwohl stachliger Trieb auf der Schutthalde der auf jung und unschuldig geschminkten Republik: Born. Zum Erquicken. „Ersticken“, sagt Nicolas, „sollen sie.“ Lacht. Thor mit der abgebrochenen Schule. Meister versteht ihn. Er hasst seine Arbeit in der väterlichen Firma – und hat keinen Ausweg. Er sagt nicht: Lern etwas. Hat es ihm etwas genützt? Sie sprechen über den Kleinmut der Menschen, die Trostlosigkeit ihrer Verrichtungen, womit sie die Herzen auszehren und träge machen. Diese Unwirtlichkeit, diese Hitze, die nicht wärmt, in der sich Leute für Geld vernichten, schreibt Born. Meister sagt, wenn das Leben kein Ende hätte, wenn der Tod nicht wäre, würde der Mensch sich trauen; er würde aus seinen Fehltritten lernen (er sagt solche Wörter, sagt: Grimm, Bitterkeit, Missgunst: Brutstätten und Keime der Abwege, die man dann freilich nicht mehr so nennen könne, – aber nicht streng, unbarmherzig, sondern wie’n lässliches, kaum ernst zu nehmendes Ding sagte er das), seine Verfehlungen stünden ihm nicht wie ein Druck im Rücken, den man nur loswird, indem man sich nicht mehr umdreht und so tut, als wär’s nicht geschehn, – sondern (er liest ab, ein hektograhierter Zettel) die unbegrenzte Zeit gäbe einem unbegrenzten Mut – die Schwächen, die Unzulänglichkeiten, man könnte sich umschaun, sich selbst ins alte, ewig junge Gesicht, und dann wär’s soweit für den zweiten, den wievielten Anlauf. Misslingen wäre nur das Tor zu neuem Mut. Thor drückt derweil mit dem groben Pinsel ein schwarzes Rund aufs Papier, nach oben, zur Seite hin lässt er es offen, der gut daumenbreite, satte Strich franst an den zueinandergestellten Enden aus. Auf dem Sofa knetet das Mädchen seine Puppe. Seine Haare lassen den Vater ahnen: ungestüm, schwer, seitlich gescheitelt, ein Zug nach unten. Der Bub mit den Malkreiden kennt nur sein Blatt. Der Große erkundet auf einem Bogen, der den Beistelltisch überlappt, Raufaserschnitt, glattgeköpft, eine Welt aus Trichtern und konischen Gebilden, welche Höhlen und Himmel belauschen. Thor denkt an die berittenen Polizisten, denen er – die Schalmeienzüge waren eben durch, die gestärkten Westen, die glänzenden Messingknöpfe, die Gesichter, die vom wiedereingefundenen Sonntagsbraten sich bereits andeutungsweise spannten, manche schon feist – an der Gruga, um eine Straßenbreite getrennt, gegenüberstand, die Grundschule durch, er in der Lederbüchse, die Oberschenkel knapp bedeckt, die Puschen, deren Riemen die Sohle ans nackte Fußgewölbe presste, dass aus Holz und Schweiß sich eine grade so ausgehaltene Nähe ergab, obendrein eine fast wolllüstige Vorform von Schmerz – selbiger von den Berittenen (in den steifen Kleppermänteln wie zur kommenden Liturgie auserkoren) auf die Menge der jungen Leute überging – mittels Holz- und Gummiknüppeln, Thors Augen schnappten und kamen nicht los: eine Haarsträhne, die sich mit Blut auf der Schläfe paarte, frisch wie zum Lecken, ein schwarz aufgerissener Mund mit dem Laut des allgemeinen Gejohls und Geschreis, ein Mund, dem die Heftnadeln in den Lippen zu stecken schienen, Hände, die an einem Kleppermantel reißen, und der Reiter bekommt eine Unwucht, das Tschako segelt plump ins Gewühl, dann eine Welle zurück, als eine ausscherende Staffel die Menge abdrängt, zwei Grünuniformierte treiben’s über einem bereits zu Boden Gestreckten mit härteren Bandagen, einen schleifen sie, willfährig seine Glieder, kein Mucks, in den Windschatten ihrer Verrichtungen, – und erst, als die Fronten die Quartiere ihrer verlorenen Unschuld beziehn, dort das verwilderte Pack, da die ordnende Hand, kommt die Staatsmacht wieder ins Nahgebiet ihres Begreifens, einen in der Zäsurhaftigkeit langen Moment hält die Ruhe, von Kehllauten und Pfiffen gesalzt, das Zepter hoch, überblickt das Gewühl, das sich innwendig abmüht, tausendfüßlerhaft, bis – er hört eine Fliegenklatsche sausen – ein Schuss fällt, Thors Herz eine Doppelsystole hinlegt und seine Puschen das Pflaster abklatschen. Das Gekreisch, das ihm im und über dem Nacken hängt, gilt – er wehrt sich gegen das Schrein in seinem Kopf, das ihn drei Häuserblöcke weit, kreuz und quer steinigt, bis er sich hechelnd mit Oberkörpergewicht und immer noch, von dem Muskeldrang her, Schwung holenden Armen gegen die Kniee stemmt – nicht ihm. Am nächsten Tag liest er: In Abwehr offener Widersetzlichkeit polizeilich erschossen: Philipp Müller. Aus der Hüfte schiebt Meister den Pinsel, ein Stöckchen in seiner fleischigen Hand, an den blauen und gelben Lineaturen entlang, größtmöglich abständig, die genoppte Strickweste hält seine (mühsam – wohin? und wofür?) aufgesparte Kraft in Zaum. Dann gibt er nach; sitzt, lässig und beinah elegant, im Sessel, der Pinsel Stab eines Dirigenten, der die Musik vom Blatt weg erzwingt. „Folgt etwas daraus?“, fragt ihn Meister. Thor schiebt sich die Finger in die Ohren, um das Geschrei loszuwerden. Er zieht einen weniger harten, weniger deutlichen Strich quer durch und an dem geschlossnen Segment auch ein Stück weit über den Kreis, von links unten in Richtung der rechten oberen Öffnung. Die letzte kurze Strecke wieder mit Nachdruck.  „Folgt was?“, wiederholt Thor. „Nichts folgt“, sagt Meister. „Man hält still.“ Er stippt den Finger auf den Boden der Zigarettenschachtel, das Röllchen schlüpft. „Ich möcht’ nur den ungeborenen Kindern in die Augen blicken können“, sagte er unvermittelt. „Das Leben ist so erbärmlich kurz und finster. Die Welt muss eine andere werden!“ Er lässt das Feuerzeug schnappen. Thor lässt die Daumenkuppe unter den Versen entlanggleiten: Und ich wollt doch / das Auge nicht missen / entlang den Geschlechtern nach uns. „In Klammern gesetzt“, sagt Meister ruhig, „weil’s sonst zu weh tut.“ Thor schmeißt seine Zigarette über den Tisch. „Ich will das Leben nicht in Klammern setzen“, fährt er auf. Steht plötzlich übergroß im engen Wohnzimmer. Papier, Graphitstifte, die Näpfchen mit Farben, der seiner Näpfchen beraubte Blechkasten, das Wasserglas zwingen den hochgekurbelten Tisch in die Beine – beinah, denkt Thor. Noch ein Schrei meinerseits oder von Seiten der Welt, und’s kracht. Meister schickt die Kinder nach draußen. „Ich auch nicht“, sagt er leise und steckt zwei Näpfchen auf ihren Steg im Kastengrund. „Ich will nichts verraten“, presst er, während er weitere Näpfchen einrasten lässt. Fahr fort, denkt Thor und stößt Meister sacht am Ellenbogen an. Wie einen Pinsel, der sich in Zeichen und Farbe offenbaren soll. „Nicht gewusst …“, sagt Meister, und Thor merkt, dass er Anlauf nimmt – „Nicht gewusst“, wiederholt Thor wie zum Anschub – „Nicht gewusst …“, Meister schöpft Atem, als wär’s unmöglich, nicht zu ersticken; lässt dem Zigarettenrauch seinen Lauf, eine bläuliche Helix steht in der Luft, „… dass mir Liebe geweissagt war aus der Liebe.“ Thor steckt ein Näpfchen neben Meisters letzte paar ein, zieht dessen massigen Leib näher, bis sich die beiden in ein paar gemeinsamen Punkten, flachen Stellen, berührn. Brüder und Brüder und Schwestern und Schwestern, denkt Thor. Los.

Thor lernt Schriftsetzer. Thor geht nach Berlin. Meister hat ihm den Schlüssel für seine Hagener Wohnung in die Hand gelegt. Der Grat von den Bartzinken glänzt silbrig scharf. Wenn er wiederkommt, kann er aufsperren, ohne zu läuten. Die Kinder schlafen vielleicht. Die Frau hat mit einer Radierplatte im Ätzbad zu tun. Thor ballt die Faust überm Metall. Thor wohnt möbliert, Dienstbotenkammer mit Badmitbenutzung am Freitag und Klo auf dem Halbstock. Er fertigt Flugblätter für ein Druckereikollektiv. Als die Witwe eines Freitagmorgens, ungebadet, der Boiler kocht gerade hoch, stirbt, schließt er sich Hausbesetzern in der Taborstraße an, ein ausgesacktes Stück Blinddarm Kreuzbergs, das in den Osten schwärt. Die weiten, von halben Baumleichen bestandenen Straßen, die Stämme wie Bleistifte dünn, menschenleer und von einer Düsternis, die jeder neu aufgeständerten Stadtautobahn drüben im Westen, jedem Planierraupenvorschub, jedem Amalgam aus Baustahl und Beton spottet. Nachts geht Thor mit der Taschenlampe aus dem Haus, um den Weg nicht zu verliern, im Winter schon am frühen Nachmittag. Die Trottoirs heißen ihn mit Stolpersteinen willkommen. Sein Eiland trägt ein Gesicht aus Abwehr. Er macht sich’s warm. Er verputzt Wände und legt Abwasserrohre. Er heizt den Badeofen mit kleingehacktem Bauholz, den seine Eltern in die Kiesgrube gekippt haben samt Chaiselongue vom Großvater. Er teilt, doch das Wort Kommunismus schreibt er mit gemischten Gefühlen (und setzt’s in Fraktur). Heute kein Brot – morgen rot – wer glaubt das noch? Es gibt Brot und Torte. Mit Nicolas fährt er nach Adlershof. Der Kohlerauch auf der andren Spreeseite beizt Zähne und Glasscheiben gelb; der Trambahnwagen, der sie zur Wohnung der Dichterin bringt – ein Rekowagen gelinder Alpträume: als hätt’ man ein Armeleut’-Paradies aus umgekommner Hoffnung, Knauser und Notzucht rekonstruiert. Das Laub in verbackenen Fladen und raunzigen Halden, Besen: Saisonartikel für den Sommer, der am Ende der Kohlezeit wiederkehrn mag. Seghers spricht, als lebten Ulbricht und Stalin noch. Der Sombrero auf dem Schreibtisch (Mexiko, sagt sie) so unwirklich, als hätte sie ihn selbst aus dem mit unbedingtem Aufbauwillen gedroschenen Stroh des Arbeiter- und Bauernstaates geflochten. Das Bügeleisen zum Plätten harrt hinter dem Vorhang vom Ausgusstisch. Sie betet die Litaneien sozialistischer Schriftsteller. Die der willigen. Die andere ist Stalins Kirchenreform zum Opfer gefallen: subversive Tätigkeiten, Konspiration mit dem Westen, Landesverrat. Wer bereute, wanderte trotzdem in Zuchthaus und Steinbruch. „Arnold Zweig“, sagt Thor, und sie reagiert nicht. „Erich Arendt“, sagt Nicolas, und sie blickt auf das Aquarell, das den Stierkämpfer zeigt, im Begriff, den Speer dem zum letzten Mal schwer entgegenbockenden Tier in den Nacken zu treiben. Darunter steht: Augenblick der Wahrheit. „Hanns Eissler, Erwin Strittmatter“, sagt Thor und die Dichterin sagt: „Neruda und Laxness waren da.“ Sie dreht ein Hufeisen in den Händen, legt es neben der hochbrüstigen Schreibmaschine ab. Brechts Arbeitsjournale von einer schwarzen Madonna erdrückt. „Beschützerin der Seeleute“, sagt die Seghers, und Thor tritt auf den Kastenbalkon, nippt vom schwefligen Dunst und fragt, von innen geduckt: „Welches Meer? Wollte Brecht nicht, dass die Regierung sich ein neues Volk wählt? Über welchen Ozean will man das herschippern?“ Die Seghers bittet ihn auf das braune Velours des Sofas zum Kaffee. Nicolas krampft dort schon. Thor muss sich bücken, so tief ist der Tisch. Das Steinzeug schabt. Thor hört’s scharren. Mit welchen Hufen? So geht das also, denkt er sich. Dein Ozean heißt Treue. Deine Zuversicht wiegt so schwer wie das Hufeisen. Sag schon: jenseits der stapelgehefteten Mustererzählungen, die’s den Recht- und Linksgläubigen predigen und den Bigotten noch einmal von vorn, von der Genesis her buchstabieren, gibt’s da Sprache? Oder nur offene Münder und nichts als Seufzer der Anbetung? Zungenloser Lobpreis? Solcher Lall. Wer braucht Schulmeister? Woher die Gewissheit, wer Freund und wer Feind ist? Der Kachelofen glüht zum Kakteenköpfen. Von der Kehrseite her mit Schweigen beschlagen, denkt Thor. Die Seghers rückt den Flechtschuh am Überseezwirn daran zurecht. Glüh uns was vor von Mexikos Hitze!, denkt er sich. Dein lauer Kaffee als Übungsweg. Dauerausnahmezustand des Mittelmaßes. Überall alarmiert. Diese Unwirtlichkeit, diese Hitze, die nicht wärmt. Wieviel Betörtheit, wieviel Verrat an sich selbst braucht es, um soviel Hitze auszuhalten? Wieviel Ergebenheitsadressen, wieviel Bleiwesten in ihrem kalten Glanz, die Organe der Empfindsamkeit zu schützen? Zum Abschied zieht die Seghers einen Sonderdruck ihrer frühen Erzählungen aus dem Flurregal. Das Tapirfigürchen davor rückt sie behutsam zur Seite und schiebt es dann wieder zurück. Nicolas nimmt eine Giraffe mit halbgestutztem Bein vom Brett. Bringt ein Fabelwesen, irgendwas zwischen Hirsch und Elch (keins von beidem, sagt die Seghers), aus dem Geviert seiner staubfreien Schonung. Die Seghers setzt beide zurück. „Die mögen’s gern ungestört“, sagt sie. Thor denkt nur: Finger weg von den Büchern! Haltet still! Er zählt: einen lapislazuliblau glasierten Frosch, einen grün patinierten Gusseisenfrosch, einen aus Messing. Macht drei. Die Seghers hat ihnen (und den Fröschen schon lange nicht mehr) kein Wasser angeboten. Zuletzt zeigt Thor noch auf eine Pappscheibe voller Zahlenkolonnen, in Jahresringen von innen nach außen gedruckt, ein Zeiger, mit einer Drahtklammer im Mittelloch angeheftet, lässt sich verstellen. „Meine Kalorientabelle“, sagt die Seghers. Kann man Angst messen?, denkt Thor. Als die Seghers die Tabelle an den Nagel zurückhängt, greift Thors linke Hand nach dem Wohnungsschlüssel für ungebetene Gäste. Die Seghers stellt den Zeiger auf Brot. Thors Hand schiebt sich locker in den Hosensack. Die rechte sagt der Dichterin tonlos Worte des Abschieds, der Mund redet zahm. Ich komme wieder, denkt Thor. Deine Kalorientabelle fetz ich auf Durchmarsch.

 

Wann ist es soweit, zu schrein? Das Land richtet sich ein. Nicolas zieht ins Wendland. Beruf: Dichter der erdabgewandten Seite, dem Menschen allein zugewandt. Der Atommüll bekommt seine eigene Grabstelle, eine Familiengruft, offen für Zuwachs. Gorleben soll auf dem salzigen Stein stehn. Auf dass Generationen von Schafen sich die Zungen wund lecken daran und das Blut arm und weiß wird davon. Welche Proteste pissen dem Bürger ans Bein? Wieviele Knüppel helfen dem Aufschwung? Welche Randalierer ritzen das wohlanständige Tuch? Für alle wird’s reichen. Noch zwei, drei Jahrzehnte buckeln, aber dann! Das Leben nimmt Fahrt auf, Beschleunigungsstreifen linker- und rechterhand, doppelt gespurt. Morgen ist Zukunft. Die Geschichte kommt an ihr Ende. Standstreifen, Parkbucht, Tief- und Hochgaragen, Aufzüge automatisch. Für jeden ein Plätzchen. Noch sind die Bruchstellen zu sehn:  Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche / und der Blumenfenster – schreibt der Dichter der erdabgewandten Seite der Geschichte. Am 15. Juni 1979 stirbt Meister, am 7. Dezember Nicolas. Vier Jahre später, im Juni, wie Meister, doch zwei Wochen früher, die Seghers. Thor ist noch keine vierzig Jahre alt, als er das letzte Mal den Schlüssel ins Schloss der Hagener Wohnungstür steckt. Meisters Kinder sind groß geworden, ob aufgewacht, weiß Thor nicht, doch er tut gut daran, es zu vermuten. Er braucht sie nicht zu wecken. Der Vater hat mit ihnen Verse und das Brot der geheimen Zeichen geteilt, sie können lesen. Die beiden ältesten sind in Nicolas’ Alter, als dieser den letzten Hopser in Richtung Staub tut. Thor übernimmt einen Teil seines Hofs. Thor pflanzt Bäume und wässert Gemüse. Er stopft seins und andere hungrige Mäuler. Er druckt die Gedichte seiner Freunde. Er schreibt von der menschenzugewandten Seite des Menschen und druckt auch das. Er leckt sich die Zunge blutig daran. Thors Großvater hat Hundeöl gekocht, sein Vater Kadavern den Anschein des Lebens verliehen: wie echt. Thor will es roh und wund.

An Nicolas’ Todestag, die Seghers ist kein halbes Jahr unter der Erde, fährt er nach Ostberlin. Die unter der Moos- und Algendecke süßlich verrottende Halbtonne des Bahnhofs Friedrichstraße passiert er im Dämmer. Bekannte bürgen für ihn. Zweitagesvisum. Die S-Bahn nach Schönefeld nimmt das Ostkreuz im tiefergelegten Gleisbogen, er könnte dahertrotten neben dem Schreihals; Kreischen ins Knochenmark. Die Pneumatik der Türen ruft kein pneuma, keinen Heiligen Geist wach. Die Zangengriffe knallen aufs Holz zurück. Der Gummiduft wärmt, ein Kumpel aus Kinderzeit. Er passt eine ältere Frau ab, die ihr Taschengespann vor dem Eingang der Hausnummer 81 abstellt und erst Kellertür, dann Kellerverschlag aufklinkt. Der Schlüssel gleitet ins Schloss. Rechts die Bücherregale, Papier, das die Säure mürb frisst. Ein Angruß künstlicher Vanille. Thor zieht das Türblatt an den Rahmen, es tut einen Ruck und Riegel und Kasten sind satt. Der Drehknopf vom Licht schmatzt, zweimal, ein jähes Aufreißen des Tempelvorhangs, dann nur noch ein Knistern von den Flammen des Heiligtums und kurz mit Blindheit geschlagen. Sonst schmerzt nichts. Thor hangelt sich an den Regalen entlang. Er hört eine aus einer Schulklasse nach der Kalorientabelle fragen. Die Leiterin der Gedenkstätte gibt beflissen Auskunft: Die Seghers und ihr Gewicht! Der Zeiger steht jetzt auf Eier. Brot mit Ei, Vorbote der himmlischen Speisen, Seghers’ letzte Mahlzeit. Thor lässt sich ins schmiegsame Velours des Sofas fallen. Feine Cordrippen sind dabei, seine Finger fahren darüber. Cordvelours. Gibt es das? Nach einer Weile, das orangefarbene Peitschenlicht wirft es durchs Ast- und Zweigwerk in den Raum, als käme kein morgen, knipst Thor das Kastenradio an. Der Drucktaster rastet ein. Das arktische Hintergrundleuchten der Skala erwacht. Ein Gardelltango kommt hoch. Thor regelt die Lautstärke ab. Gerade so, dass er den Sänger des hochgepuschten Schmerzes hört, wenn er sich nicht regt. Als Seghers Verleger Walter Janka 1957 der Schauprozess gemacht wird: Konspiration, Landesverrat – die böse verstimmte Leier, Beweise zurückgehalten oder gefälscht, sitzt die Dichterin auf den Zuschauerplätzen und kneift hart den Mund zu. Welches Totemtierchen steht davor Wache? Welcher Frosch trocknet aus? Fünf Jahre später, Janka kommt frei, auf den Beinen zwar, innerlich indes von anderer Welt: bodenlos gestürzt oder niedergerungen, sie kann ihren Mund nicht halten (ist es Notwehr, ist es Zynismus angesichts des Flickwerks und Abgrunds ihrer unwahr gewordenen Jugendträume – knapp vorm Eingeständnis, ist es ein Biss, der ihr selber gilt?): Ich bin der Meinung, dass du jetzt eine Ausbildung an der Parteihochschule absolvieren solltest! Janka schreibt das Drehbuch zu Seghers Roman Die Toten bleiben jung – hat er sich so sehr im Tollhaus gefühlt? Jung – und doch tot? Thor ruckt hoch, Gardells Stimme schmilzt in den Äther. Warum bringt das Radio nicht stündlich Nachrichten aus der Welt der schönen, guten und wahren Künste? Lässt die Lügner vor den abgeschalteten Mikrofonen reden, bis sie heiser sind? Erzählt den Ringen des Saturn von euren Atombunkern und Wasserstoffbomben! Von den Startcodes für eure Raketen! Von euren Glücksmomenten im Bleiglanz der Druckbehälter! Zimmermanns neue Oper geborn. Dichter reimen für den Weltfrieden. Teach-in der Versschmiede. Liveschaltung zum Woodstock der Einfältigen und Arglosen. Thor wischt sich den Tapir in die hohle, aufgehaltene Hand. Kassiert den ersten Frosch. Lässt die Schneckengehäuse aus Mexiko in der Hosentasche gegeneinanderklirren, eins prächtiger und vielfarbiger geädert als das andere. Der Hirsch und der Elch, die Porzellanpilze und rohen Tonfläschchen, das Nilpferd im Niedrigbrand sacken in den Beutel. Er greift sich die Bleistiftstummel, die auf dem Schreibtisch bereit liegen wie die Abgeordneten des Schriftstellerverbandes der gesamtsozialistischen Republiken, Reih und Glied, dicht geschlossen. Er horcht, ob die Bücher ihrer Befreiung bereits gewahr werden. Dort raschelt es, da klaffen zwei Buchdeckel auf, zeigt sich ein Spaltbreit Luft zwischen den Seiten. Der Schund schweigt, er hat schon lange nichts mehr zu sagen. Andere werden lauter. Brecht macht Vorschläge; passt auf! Nehmt sie nicht vorschnell an. Das Wirrwarr höhnt. Thor setzt sich an den niederen Beitisch, horcht nur noch halb, dann viertel hin, nimmt die Haube von der Schreibmaschine, zieht die oberste Schublade auf, fasriges Normpapier, er spannt einen Bogen ein, dreht in die Mitte, das Farbband schlägt an: Hier, / gekrümmt / zwischen zwei Nichtsen, / … – eine dritte Stimme legt sich über Gardells Jammer- und Lobgesang und Meisters Stimme, Nicolas seine: Libuda (Thor, denkt Thor) erreicht das offene Land. Libuda (Thor, denkt er wieder) hat, wie eine Kinderkrankheit, die Stadt hinter sich. Er wird antworten: Ich bin nur durchgefahren. – Er tippt die letzten drei Worte. Morgen wird jemand sie lesen. Die Tür schnappt ins Schloss. Die Kreuzungen sind gefegt. Niemand kommt ihm entgegen. Er blickt sich um. Die Fenster von Seghers Wohnung stehn offen. Die schwarze Madonna sitzt auf dem Klodeckel, ihr Zugang zum Meer. Auf Durchreise auch sie. Von der S-Bahn der Sington der Drehstrommotoren. Transitverkehr. Hier, / gekrümmt / zwischen zwei Nichtsen, / sage ich Liebe.

 

 

 

Volk der Freien oder Zecken sterben nie

 

Aus halber Frühjahrswut aber

Formte das Blut seine Blume:

Den Gansschrei liebten die

Den ersten März des Lebens.

(Uwe Kolbe, Landschaft. In: Abschiede. Liebesgedichte. Berlin (Aufbau) 31988)

 

Lena hatte Paul vom Wagenplatz in ihr besetztes Haus mitgenommen. Wortlos, mit nichts in den Händen hatte sie ihn vor Aaron hingeschoben. Dessen roter Irokesenkamm hatte ihm da entgegengeleuchtet, und er hatte die Büffel in der Nase gehabt von wegen der Lederhose, die Aaron selbst jetzt, bei der beginnenden Hitze trug – was Paul nicht verwunderte, sah er doch wie ein aus der Spur geratener Indianer aus. Er hatte ihn restlos verstört mit seiner Unbedingtheit. Mit seinem Zorn, wenn er von den Vernichtern der Erde sprach, wie er die Regierenden nannte, und mit seiner Liebe, die Paul gleich am ersten Tag aus den strahlenden Augen entgegenschlug. Paul, dem Winzling und Leichtgewicht mit seinen verfilzten Zöpfen und dem Geruch von Räucherstäbchen auf dem Leib. Sie hatten „Goldnes Kalb“ gespielt – als wären sie Kinder, deren Körper ihren Schwerpunkt bloß ein wenig Richtung Himmel verlegt hatten – und Paul war durch den Flur gebrescht und hatte immer nur gerufen und dabei den Finger auf Aaron gehalten „Du bist Aaron, du bist Aaron!“ Sie hatten eine Truhe mit Eisenbeschlägen auf eine Klappleiter mitten im Raum gehieft, und Aaron und Lena waren drum herum getanzt, das zuchtlose Volk Gottes. Zuchtlos, hatte Paul geflucht, dieser Wiedergänger aus dem Totenreich der Geschichte, was das solle, doch Aaron hatte das auf später verschoben, ein Trostgebet für ihn hintan. Da hatte Paul, folgsam wie Mose, seine Steintafeln zerbrochen, es waren Brocken von Pflastersteinen gewesen, die er über die rohen Holzdielen gekickt hatte, und mit Widerwillen in der Stimme geschrien: „So spricht der Herr, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten.“ Paul mochte Gewalt nicht. Er hatte sich auf den Boden vor die Klappleiter gepflanzt und der Bierflasche an seiner Stiefelsohle den Deckel abgesprengt. Aaron hatte ihn hochgerissen, und Paul hatte im Hochreißen mehr geflüstert als gesprochen: „Füllt heute eure Hände zum Dienst für den Herrn – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.“ Mit einem Fluch auf den Lippen war er wieder vor der Leiter zusammengesackt, während Aaron, das Bier in der Hand, neben ihm in der Hocke, losredete, fast atemlos. „Weißt du, was uns treibt?“ Paul hatte den Bierdeckel zerdrückt und den Kopf geschüttelt. „Begehren. Liebe zum Guten. Ablehnung des Schlechten. Sagt der Philosoph. Und unsre ganze Aggression ist bloß die Hoffnung auf das Gute und die Furcht davor, dass es noch schlechter wird da draußen.“ „Philosoph“, hatte Paul verächtlich ausgestoßen, und doch hatte er verstanden. Liebe zum Guten. Begehren. Das war, wenn Lena in ihren Gemüsebeeten im Hinterhof wühlte, wenn Eisbein, Aarons schmutziger Köter, sich im Dreck wälzte vor lauter Übermut und er sich mit Aaron im Gras, weil sie Wurzeln schlagen wollten. Das ganze verdammte Gold zurück in die Erde graben. „Wenn wir uns ins Bett hauen“, hatte Aaron geflachst, das Siegeszeichen beschworn und Paul am Kragen gepackt, „und uns alle lieb haben oder wenigstens zwei einander.“ Nichts mehr allein und nur für sich. Und das goldne Kalb, hatte Paul gerufen und war aufgesprungen, das sei der Abgrund, in den die Menschen jetzt blickten, weil niemand sein Essen mit dem anderen teile, sein Gemüsebeet vermine und sogar um seine Garage noch einen Elektrozaun bolze. Unzucht. Und keiner, der dreinschlagen würde. Am Tisch, wie in einem Nachklang der Erregung, hatten sie dann ihre Teller reihum ausgeleckt und eine von Lenas Melonen mit dem Messer geköpft wie mit einer Hand. Betrunken von zwei Bier, hatte Aaron, an die Flurtür gelehnt, nach Pauls Lippen gesucht, immer den Räucherstäbchen nach, als der Drückschalter summte und das Licht ausging – „Die Erde wieder ein Garten. Wir die Hüter.“ – und Paul hatte sofort Aarons tierischen Schweißgeruch in der Nase gehabt.

 

Im selben Sommer havarierten zwei Atomkraftwerke. Hitzestürme fegten über die Äcker im Osten des Landes und im dritten Jahr in Folge verdorrte das Getreide auf den von Tiefpflügen und Saatgutbeize verwüsteten Böden. Tektonische Beben sprengten das große transatlantische Kabel, und das Reißen der Saiten grub sich durch die Platinen der Großrechner wie Gletschergeröll. Aus den auszitternden Greifarmen der Umformer schossen Blitze, Gottesanbeterinnen vor nächtlichem Himmel. Das Land versank und stand in seinen Metropolen wieder auf. „Heer der Willigen“ nannten die Regierenden diejenigen, die in die Fabriken der Metropolen strömten, vor den Öfen der Kraftwerke Kohlestaub schluckten und auf den Höfen um die großen Städte herum als Maschinisten, Melker und Schlachter anpackten. Wärme, Nahrung und Güter für die großen Besitzenden. Man gab ihnen das Nötige zum Leben und ein wenig mehr, und sie waren glücklich, nicht in die kalten Dörfer mit ihren dornigen Äckern, nicht in die zersprengten Städte mit ihren marodierenden Banden zurückkehren zu müssen. Dort lebte der Schaum des Abschaums. Volk der Freien nannten sich welche, die sich selbst vor den Pflug spannten und aßen, was sie dem Boden abrangen. Andere zogen wie Erweckte durchs Land und tauften im Namen von fratzenstarrenden Göttern oder wartend auf die Ankunft exakt beschriebener Raumschiffe, kiemenartige Gebilde, mit Erleuchteten von transgalaktischen Planeten bestückt. Wieder andere hatten sich in Baracken am Rand der Gewerbeansiedlungen eingerichtet, die rostenden Einkaufswägen voll mit Dosenwurst, Dauerkäse, Schnaps und Essig in Kanistern und Skianzügen für die Zeit des Schnees und glitzernden Sakkos aus Polyester für die Zeit des Frühlings.

 

Im Winter war Paul von seinem Bauwagen vor Aarons Ofen und in dessen Bett gewechselt. Die Wagenplätze wurden dichtgemacht. Die Regierung der Willigen duldete nichts zwischen sich und ihrem Volk. Aarons Bettzeug roch, wie bei ihm, nach Holzbrand und den Scharmützeln der Nacht. Sie hatten vor dem Ofen gehockt, jeder ein Fell unter dem Hintern, Lena mit parfümiertem Tee und Joint zwischen ihnen und Eisbein. Es war ein Dasein auf Zeit, solange, bis sie auch die letzten besetzten Häuser ausräuchern und deren Bewohner in plombierten Eisenbahnwagons ins Nichts, in die große Ödnis vor dem unsinkbaren Glanz der Metropolen, wie sie es nannten, verfrachten würden. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Medizin. Tot und frei, so stand es auf den Plakaten der S-Bahnhöfe. Allen zur Abschreckung. Man las es im Ruß der Lokomotiven, mit vom Schwefelrauch brennenden Augen, gierig und im Licht der Entronnenen. Draußen waren die Backsteinfassaden mit dem anziehenden Abend schwarz geworden, und sie, die Kälte und Dunkelheit des Raums im Rücken, hatten für den Moment geglaubt, dass die Kälte die Schwärze hervorbringt wie das gelbe Leuchten am Morgen den neuen Tag. Lena hatte das Lied von den hungrigen Mäulern aufgesagt. Dass sie im besetzten Haus zu zehnt vor dem Ofen gehockt hätten bei klirrender Kälte und dass sie gedacht hätten, wenn sie die Tür nicht nur einen Spalt, sondern einen ganzen Meter breit aufstießen, dann säßen auf einmal zwanzig Verlauste mehr vor dem Feuer. Irgendetwas von wegen überspringender Glut. Da hatte Aaron sich im roten Schopf gekratzt und an seiner Hand geschnüffelt wie einer, der Witterung nach sich selbst aufnimmt. Paul hatte an die Aschetonnen im Hof gedacht, die nur voller wurden mit jedem ausgekratzten Eimer, keine Spur mehr Silber, trotz Bad im Abendlicht. Keiner würde kommen und freiwillig ein Stück Kohle dazulegen. Die Glut würde verrecken. Mit den ersten Knüppeln der Polizei, mit dem ersten geräumten Haus hatten sie gelernt. Dass die Glut auf die Straße gehört, nicht in den Ofen. Paul war aufgestanden, hatte aus dem Fenster gespäht, ein Hund, der an der Ecke sein Geschäft erledigte. Lena hatte da zwischen Tee und Joint etwas gesagt vom Hunger, der groß ist, und dass Hunger auf jeden Fall mehr meint als den Teller Suppe mit eingebrocktem Brot darin. Und überall diese Hungrigen. Aaron hatte Würggeräusche gemacht, gelacht und auf den Hundehaufen gezeigt. Paul hatte es brennen sehen, erst schwelen, dann lichterloh, doch das Bild log. Er hatte ein Stück Kohle genommen und es Aaron in die Tasche gesteckt. „Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“, hatte der ihm zugeflüstert, plötzlich wieder angedockt. „Kannst du nachlesen. Irgendwo da drin.“ Er stocherte abwechselnd auf Pauls Herz und auf seins, zog ihn aufs Bett, scheuchte Lena mit einem Wisch der Hand zur Tür, die sie offenstehen ließ – ihr alles verschwendendes Lächeln im Rückblick: da hatten sie ihren Segen –, Tee rann über die staubigen Dielen, „Das Volk der Freien“, flüsterte Aaron, „Allen alles“.

 

Das besetzte Haus war über Nacht geräumt worden. Hunderte gepanzerter Polizisten hatten die fünf Handvoll Bewohner aufgetrieben und in fensterlosen Kübelwagen zum Güterbahnhof verbracht. Die Fahrt in den Viehwagen hatte drei Tage gedauert, durch Dörfer mit grauen Fensterscheiben und schwarzen Gardinen, Städte, auf deren Bahnsteigen Rudel Halbstarker vor Öltonnen tanzten, in denen Feuer glommen, Kinder –  Götterbastarde, aus jeder Art geschlagen, – mit Zahnbürsten den Dreck aus den Drahtgittern der Bänke filzten und sich die Finger leckten danach oder sich von fliegenden Händlern ein Eis direkt in die Hand erbettelten, braune ungemähte Wiesen und Feldbrachen, von Quecke und Disteln überzogen. Schwarzuniformierte hatten die Türen aufgeschoben, Gewehre im Anschlag, und in Richtung neues Leben genickt. Eine Kommune inmitten todgesagter Erde, zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Sämtliche Heimsuchungen schon im Rücken. Die Plagen vor ihnen noch ohne all ihre schönen Namen. Maikäfer, flieg. Dein Vater war im Krieg. Aaron, sein Kamm ein Feuerschein, war mit dem Haufen Langhaariger, Zottliger und zerrissener Hemden losgezogen.

Eine Woche vor der Räumung hatte Paul seinerseits Lebwohl geprobt und war nach Weimar los[2], ein Hausprojekt beschnuppern, ob es etwas wäre, denn der Boden brannte für sie in der großen Stadt. Parasiten nannten die Regierenden sie, Stachel im Fleisch der Willigen – und der Geruch größerer Brände lag bereits in den höheren Luftschichten. Einen Tag und eine Nacht hatte er am Bahnhof auf den Lokalzug gewartet, und in den Holzwagen mit der Lok aus der Zeit vor den beiden Kriegen, krokodilsgrün, mit genieteten Blechen besetzt, kam es ihm vor, als führe er in das, was sie Zukunft nannten. Nach sechs Wochen erreichte ihn Aarons Brief. Aus der Kommune inmitten der todgesagten Erde. Auf dem Umschlag klebte die Marke mit dem Brandenburger Tor, hundertmal von seiner Zunge beleckt, und er wusste nicht, wie Aaron es geschafft hatte, den Brief auf den Weg zu bekommen zu ihm, bestand doch nur noch Frachtverkehr zwischen dem, was sie als Metropolen zu den Sternen schossen, und, wenn es hochkam, einmal im verlängerten Lichtjahr von dort ins Land der todgesagten Erde. Eiland der Unseligen auf ihre letzten Tage. Der wackeren Maikäfer Luftnummer[3]. Land ohne Gewähr, Land unter, niemands Land. Paul bleckte die Zähne. Land vor die Hunde. Pommernland ist abgebrannt. Paul schnürte seine Stiefel und stopfte seinen Seesack. Klopfte den Gastgebern auf die Schulter und winkte mit dem Kopf den Abschiedsgruß. In der Morgendämmerung des zweiten Tages passierte der Zug, eine Legion von Güterwagons mit einem halb ramponierten, bis auf die Gerippe der Polstersitze ausgeweideten Pullmanwagen hinter dem Bug der Maschinen, die Nord-Süd-Hochspannungstrasse, dreimal mannshoch mit Stacheldraht bewehrt, von Hubschraubern überwacht, in den Leitungen zirpte der Strom aus den Kohlekraftwerken, die in den Wüsten um das, was Leipzig geheißen hatte, brüteten. Aaron hatte ihm auf zwei eng mit seinen nachgerade winzigen Buchstaben bedeckten Seiten berichtet, was käme. Wie kalter und warmer Regen zugleich, hatte Aaron geschrieben. Schwere Pferde, die den Pflug zögen. Gemüse für alle. Lageräpfel für mehr als den Winter. Holz, stämme- und stapelweise, und er hatte mit halb neckendem Unterton von den Muskeln geträumt, die ihnen wachsen und von den Zähnen, die ihnen wegbrechen würden vom ewigen Getreidekauen. Paul sah sich am Brunnen Wasser holen, große Blecheimer, dachte an die Zahnschmerzen, die erst enden würden, wenn das Stummelchen ausfiele, er sah ihren, seinen und Aarons Bauwagen am Rand des Walds, Brombeerranken drumherum, echte Dornröschenstacheln, scharf auf jeden Feind, Aaron bei jedem Wetter – bei Wind und Regen, Südhauch und Polarsturm, bei Sau und Sonne – in seiner Lederhose, beim Unkrautjäten, beim Rübenputzen, auf dem Plumpsklo, er sah die dampfenden Pferde, die das Holz aus dem Wald herausschafften über den krachenden Schnee, er sah sie zusammen alt werden und nicht an Wundbrand sterben, das Krankenhaus weiter als tausend Meilen unter dem Meer.

Der Zug hielt, und noch während er seinen Seesack mit dem Fuß Richtung Bank bugsierte, fuhr er schon wieder an. Im Augenwinkel sah er die rauchbleckende Tonne am Ende des Bahnsteigs, als von der anderen Seite ein Schatten über ihn ging. So schnell er sich umdrehte, schneller waren die Fäuste der grinsenden, zahnlückigen Glatzköpfe, die ihm, der Zecke mit den Zotteln, ins Gesicht flogen. Er drehte sich, stieß im Wegdrehen mit den Füßen gegen den Seesack, eine Glatze kickte ihm den Stiefel in die Kniekehle, der Schmerz kam so plötzlich und mit ganzer Wucht, dass er den Fall kaum spürte, noch ein Tritt in die Seite, sein Kopf schrammte, von seinen in welchem Reflex auch immer hochgerissenen Händen halb geschützt, über das Pflaster, das mehr silbern als grau aufblitzte, sein Stiefel gab ein schneidendes Geräusch auf dem Stein, wie sein Fuß, warum auch immer, ausklappte, und sein Stück Kohle kollerte genau in dem Moment aus der Tasche.

Dann rief Aaron. Paul saß auf der Bank, drehte sich zu ihm um, sah ihn hinter dem Schuppen hervorkommen und winkte. Aaron sprang ins Gleisbett, der Schotter knirschte, er lachte und stemmte sich hoch am Bahnsteigrand, zeigte seine schwieligen Handflächen wie Trophäen und warf ihm aus dem Schwung der Bewegung, die ihn aus der Hocke in den Stand brachte, über den halben Bahnsteig einen Apfel zu. „So schmeckt das Paradies“, rief er, als Paul ihn küsste, und Paul wusste nicht, ob er den Apfel oder seinen Kuss meinte und rammte ihm seinen Kopf in den Bauch, aus kindischer Lust. Lena stand beim Schuppen mit einem Sackkarren. Mehr als genug für sein bisschen Huckepackkram.

Aaron kniete neben ihm. In seiner hundertmal durchgeschwitzten und nass gewordenen Lederhose. – Er roch es. Er sah, wie sein Mund sich bewegte, doch er hörte nichts. Lena kam angelaufen; drängte sich an Aaron. Vor ihren Füßen das Stück Kohle. Vorsicht, wollte er rufen, die glimmt noch. Dann hörte er die Büffelherden anrennen oder seinetwegen mochten es auch Bisons sein. Schweres Beben über der Erde. Aaron sagte wieder etwas, der heimgekehrte Indianer. Und klar, von daher auch die Büffel. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, sagte Aaron – klar, Zecken sterben nie, das Volk der Freien.

 

 

 

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[1]      „drauf“ evtl. streichen

[2]      Mögliche Variante: fort; im Grunde aber wie obenstehend lassen; das „los“ ist als rhythmische Wiederholung zu „losegzogen“ angelegt

[3]      Mögliche Variante:  Landepiste auf Hals- und Beinbruch – eher nicht!
 

 

 

 

 

 

 

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Bernd Marcel Gonner, *1966, Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache Studiert (1988-1994); mit DaF auf universitären Inseln in Prag (1995-1997) und München (1997-2009) tätig, seit 2009 freiberuflich im Bereich DaF (Goethe-Institut München u.a.) und als Autor. Genetisch vom Osten Europas infiziert; Anarchist in Bauch und Herz, ohne den Kopf dabei auszuschalten, im Gegenteil: auch die Theorie zur Anarchie ist lieferbar. Schreibend unterwegs seit dem 18. Lebensjahr; Lyrik, Erzählungen, (Figuren-)Theater; ein umfangreicher Parallelwelten-Roman kurz vor dem Abschluss. Lebt seit einiger Zeit quasi im Nichts. Seit 2012 Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Bernhard Ruchti. Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis der Landeshauptstadt Saarbrücken 2013.

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