Barbara Traber

 

Porträt Barbara Traber 01

 

(Schweiz)

 

&

 

Hüsniye Kahraman-Korkmaz

 

Hüsniye-Kahraman-Korkmaz

 

(Türkei-Schweiz)

 

 

 
«Die rote Hüsniye»

Vorwort :

 

Eines Tages rief mich Anita Meier-Geiger aus Thun an. Ob ich bereit wäre, einer türkischen Kurdin, die seit langem in der Schweiz lebe, zu helfen, ihr Leben aufzuschreiben? Sie habe angefangen, mit Hüsniye an einem solchen Text zu arbeiten, aber als Deutschlehrerin für Fremdsprachige habe sie keine schriftstellerische Erfahrung. Ich versprach ihr, mich bei der Kurdin zu melden.

Wenige Tage später traf ich Hüsniye zum ersten Mal: eine hübsche, schlanke Frau, jung aussehend, mit langem schwarzem Haar – ohne Kopftuch! –  und Brille, vom Typ her südländisch, aber nicht wirklich „fremd“. Sie war mir auf den ersten Blick sympathisch mit ihrem fröhlichen Lachen, ihrer Offenheit und positiven Ausstrahlung. Es gefiel mir, wie anschaulich, lebendig und temperamentvoll sie erzählte. Über ihren großen Wortschatz im Deutschen und Ihre Intelligenz staunte ich und sagte zu, jede Woche vorbeizukommen und ihre Schilderungen auf Tonband aufzunehmen und abzutippen.

Mit der Zeit spielte sich eine Art Ritual ab. Ich klingelte jeweils um zwei Uhr nachmittags, Hüsniye öffnete, begrüßte mich herzlich, und ich zog meine Schuhe aus. Die helle Wohnung in Thun blitzte nämlich vor Sauberkeit, das fiel mir von Anfang an auf. Kaum hatte Hüsniye mir ein Glas Tee hingestellt, begann sie zu erzählen, sie wusste immer genau, wo wir zuletzt aufgehört hatten. Fragen stellte ich fast keine, um den Fluss des Erzählens nicht zu unterbrechen, ich ließ sie stundenlang reden und hörte intensiv zu. Immer mehr tauchte ich ein in ein unbekanntes Land, in ein fremdes Leben.

Als ich mich beim dritten Besuch verabschieden wollte, blieb Hüsniye bei der Tür stehen und fragte leicht beunruhigt: „Ich hoffe, ich habe dich nicht etwa verletzt. Vielleicht stört dich meine politische Einstellung? Wirst du wirklich weitermachen?“ Ich lachte: „Keine Angst, dass du eine Linke bist, schockiert mich nicht, im Gegenteil, ich bewundere Rosa Luxemburg – und ich bin hartnäckig. Jetzt haben wir angefangen – und das halten wir durch bis zum Schluss!“ Sie atmete auf.

Hüsniye ist so ganz anders, als man sich eine Asylantin vorstellt. Sie ist 1957 in Dersim, in einer abgelegenen, gebirgigen Gegend im Osten der Türkei, zur Welt gekommen – als alevitische Kurdin, einer Minderheit, die unterdrückt wurde und deren Sprache verboten war. Als Jugendliche wurde sie politisch wach und sich bewusst, dass sie mehrfach diskriminiert war: als Frau, als Kurdin, als Nichtmuslimin, als Sehbehinderte. Von da an begann sie sich politisch zu engagieren, zu kämpfen; der türkische Revolutionär Ibrahim Kaypakkaya wurde ihr großes Vorbild, und man nannte sie bald „die rote Hüsniye“. Als 1980 der Militärputsch ausbrach und die Türkei in ein Chaos stürzte, musste sie mit Tod oder Gefängnis rechnen, obwohl sie sich nichts zuschulden hatte kommen lassen. Sie kam in Untersuchungshaft und verbrachte über ein Jahr unter extrem harten Bedingungen im Militärgefängnis in Erzincan.

Nach ihrer Freilassung heiratete sie 1983 Haydar Ali Kharaman. Nach der Geburt ihres Sohnes fiel sie in einen depressiven Zustand. Weitere politische Provokationen zwangen ihren Mann, 1986 in die Schweiz zu flüchten. Nach einem halben Jahr ließ er seine Frau, die weder einen Pass noch Ausweispapiere erhielt, mit dem Kind mithilfe eines Schleppers nachkommen. Am Anfang fühlte sich Hüsniye, die nie nach Europa hatte flüchten wollen, in der Schweiz fremd und unglücklich und dachte, sie werde bald sterben. Trotzdem begann sie wieder zu kämpfen, lernte Deutsch, fand Arbeit und neue Aufgaben, und wurde Mutter eines zweiten Kindes, einer Tochter. Als anerkannter Flüchtling, heute längst mit Schweizer Bürgerrecht, hat sie sich mit ihrer Familie voll integriert. In Thun hat sie eine neue Heimat gefunden.

Schon immer hat Hüsniye gern gelesen, vor allem auch Biografien, und daraus viel gelernt. Eines Tages kam in ihr der Wunsch auf, anstatt sich durch Schreien Gehör zu verschaffen – was nicht ihre Art ist –, ihr Leben offen und ehrlich zu erzählen und aufschreiben zu lassen. Sie hofft dadurch, Grenzen zwischen Menschen niederzureissen und zu zeigen, dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind und es sich lohnt, positiv zu denken und sich für die Menschenrechte einzusetzen. Egal welcher Nation oder Religion man angehöre – wichtig sei es, ein gutes Herz zu haben, ist ihre Überzeugung.

Leicht vergessen wir, was für ein (unverdientes) Glück wir haben, in einer Demokratie geboren zu sein. Viele wissen nicht, dass jede vierte Person, die in der Schweiz als anerkannter Flüchtling lebt, ein Opfer von Krieg und Folter, von systematischer Gewalt, ist. Hüsniyes Erlebnisse und Erfahrungen können dazu beitragen, dass wir „Fremde“ besser verstehen und mehr Anteil an ihrem Schicksal nehmen.

Die Aufgabe, Hüsniyes Leben mit all den Hochs und Tiefs aufzuschreiben ist für mich zu einem besonderen Erlebnis geworden. Ich habe eine starke, mutige Frau kennenlernen dürfen, die nie aufgegeben hat und trotz großer Schwierigkeiten auf bewundernswerte Art ihren Weg gegangen ist. Mit Hüsniye habe ich gelacht, geweint, gebangt und gelitten. Ich habe sie ins Herz geschlossen.

 

Barbara Traber

 

 

 

«Die rote Hüsniye»

Ausbruch des Militärputsches und Verhaftung

 

In der Nacht vom 12. September 1980, gegen drei oder vier Uhr in der Frühe, schreckten wir  alle aus dem Schlaf auf. Ich hörte draußen das Geräusch eines Lastwagens, und jemand rief mit einem Megaphon: «Achtung, Achtung, es ist verboten, auf die Straße zu gehen, bevor  weitere Befehle erteilt werden.»

Ich stand sofort auf und fragte: «Was ist denn los?» Wir versammelten uns nun mitten in der Nacht, alle meine Brüder, auch mein Vater war gerade bei uns.

Alle zehn Jahre gab es in der Türkei einen Militärputsch. 1960 hatte es schon einmal einen gegeben. Der zweite Militärputsch, 1971, erfolgte als «Memorandum», als Warnung des Generalstabs an den Staatspräsidenten, womit damals der Rücktritt der Regierung erzwungen wurde. Mein Vater wusste nun sofort, dass es erneut ein Militärputsch sein musste. Er drehte das Radio an: «Ich bin General Evren, ich spreche zu Ihnen. Seit vier Uhr sind alle Regionen des Landes in unserer Hand. Alle müssen uns gehorchen. Bis weitere Befehle folgen, ist es verboten, auf die Straße zu gehen …»

Es gab lauter Verbote. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zuhause zu bleiben.

Dieser dritte Militärputsch in der Geschichte der modernen Türkei fand unter der Leitung des Generalstabschefs Kenan Evren statt. Man konnte Ende der 1970er-Jahre nicht viel bewegen, sonst wurde man sofort und ohne Grund verhaftet. Nach außen hieß es, die Türkei sei ein demokratisches Land geworden, aber unsere Partei hatte immer gesagt: Nein, das stimmt nicht, hintenherum läuft es ganz anders. Es war eine schlimme Zeit mit ungelösten wirtschaftlichen und sozialen Problemen, Streiks und Gewalt. Tausende von Menschen wurden gefangen genommen, und zwar am gleichen Tag, am 12. September, und danach als politische Gefangene gefoltert und zum Tode verurteilt.

Als Gründe für den Putsch nannte die Militärjunta: Schutz der Einheit des Landes, Sicherung der nationalen Einheit und Gemeinsamkeit, Verhinderung eines Bürgerkrieges und Wiederherstellung der Staatsautorität. Kenan Evren verhängte das Kriegsrecht und verbot alle politischen Parteien. Das Militär versuchte die Gesellschaft der Türkei durch Säuberungsaktionen in staatlichen Institutionen zu entpolitisieren.

(…)

Mein Vater hörte an diesem 12. September 1980 den ganzen Tag Radio. Ich war unglaublich nervös, wir saßen alle zuhause herum, wir konnten nichts tun außer zu warten. Es war ein schlimmer Tag. Nachts stand ich auf, weil ich nicht schlafen konnte vor lauter Unruhe. Wir wussten nicht, was draußen los war, und durften die Wohnung nicht verlassen. Ununterbrochen zirkulierten Militär- und Polizeiautos durch die Straßen.

Ich fragte mich die ganze Zeit fieberhaft, was ich tun sollte, ich hatte verbotene Bücher zuhause, auch illegale Broschüren und Zeitungen. Diese hätten gefährlich werden können, nicht nur für mich, für die ganze Familie. Wenn man mich damit erwischt hätte, hätte ich mit bis zu 24 Jahren Gefängnis rechnen müssen. Ich konnte die Bücher aber nicht einfach im Garten begraben, wir wohnten im Parterre, und man hätte mich beobachten und mich anzeigen können. Man weiß nie, ob man nicht, wenn Leute unter Folter stehen, verraten wird. Ich kann Menschen, die unter Folter Namen preisgeben, nicht verurteilen, weil nicht alle die Kraft haben zu schweigen, wenn sie starken körperlichen Schmerzen ausgesetzt werden.

Wir blieben notgedrungen die ganze Zeit daheim. Am Radio hörten wir immer nur General Kenan Evren sprechen. Das Vaterland sei in Gefahr, und «die Armee habe für das Wohl und die Unteilbarkeit des Landes die Macht übernommen», wiederholte er ständig. Zwei Tage später hörten wir immer noch nur Kenan Evrens Stimme. Inzwischen durften wir zwar tagsüber die Häuser verlassen und zur Arbeit gehen. Nachts jedoch gab es eine Ausgangssperre. Für uns Linke würde eine ganz schwierige Zeit folgen, wusste ich, und ich musste flüchten. Wohin?

Zuerst musste ich meine Bücher im Garten  begraben, sehr vorsichtig, um meine Familie nicht in Gefahr zu bringen. Ich suchte einen geeigneten Platz unter einem Baum und ging die Bücher dort begraben, sobald es draußen dunkel geworden war. Meine Mutter kam spät heim, mein Vater war bei Beser, seiner zweiten Frau. Nur in unserem Wohnblock gab es Aleviten. Wir waren immer in der Minderheit und jeweils die ersten Opfer. Wir wurden nicht geschützt.

Es gab zwar einen Plan, was wir bei einem Angriff machen würden, aber es passierte (noch) nichts.

In den nächsten Tagen traf ich mich mit einer Parteigenossin an einem geheimen Ort. Wir durften uns nicht zusammen zeigen, wir wurden die ganze Zeit beobachtet. Ich beschloss, nicht länger zuhause zu bleiben, sondern sobald wie möglich zu flüchten. Ich verließ unsere Wohnung am 15. September und sagte meiner Mutter, ich müsse weggehen, es wäre sonst zu gefährlich für alle, das Militär könnte vorbeikommen und mich festnehmen. Ich musste mit dem Schlimmsten rechnen, auch damit, dass sie mich töten würden. Schon oft war ich vorübergehend verhaftet worden und wusste: Wenn sie mich wieder erwischen, können sie mit mir machen, was sie wollen. Bei einem Militärputsch, wenn alle Gesetze außer Kraft sind, ist der Polizei alles erlaubt.

Ich fuhr in ein abgelegenes kleines Dorf in den Bergen, wo die Polizei mich nicht sofort vermuten würde. Zuerst würde man in der Stadt nach mir suchen, nahm ich an. Einige Genossen von mir waren auch dort. Wir machten zwar nach wie vor ein bisschen Propaganda, aber wir waren äußerst vorsichtig. Doch auf die Dauer konnten wir nicht im Dorf bleiben. Ein Genosse ging in die Stadt, um die Lage auszukundschaften, und als er zurückkam, meldete er, von unserer Gruppe sei bisher niemand festgenommen worden. Ich beschloss deshalb, nach Erzincan zurückzukehren, ich konnte und wollte mich von den Bauern nicht länger aushalten lassen. Es verlangte zwar niemand, ich müsse gehen, aber wir stellten eine große Gefahr dar für die Leute im Dorf.

Ich kam gegen Ende September nach Hause zurück. Es schien alles normal zu sein in der Stadt. Nach 22 Uhr herrschte immer noch Ausgangssperre. Für mich – inzwischen 23-jährig – war es auf die Dauer langweilig, passiv herumzusitzen. Ich wollte mich weiterhin politisch engagieren und schaute immer die Nachrichten im Fernsehen, um informiert zu sein.

 

Eines Tages sah ich im Fernsehen eine Freundin, mit der ich oft zusammen unterwegs gewesen war. Ich hatte sie schon über einen Monat nicht mehr gesehen, sie wohnte nicht in Erzincan, sondern in einer anderen Stadt. Einige meiner Genossen waren mit ihr zusammen verhaftet worden, man hatte ihnen – das sah man gut – die Arme gebrochen, meiner Freundin waren die Haare geschoren worden, sie sah verwahrlost aus. Sie war eine politisch sehr engagierte Frau, ihr Mann ebenfalls, sie hatten zusammen im Osten der Türkei politische Aktivitäten durchgeführt. Sie trug, unterwegs in einem Bus, eine Notiz auf sich, die sie an andere Genossen weitergeben sollte. Im Bus fuhren auch Polizisten mit. Als sie dies merkte, nahm sie den Zettel sofort in den Mund und schluckte ihn, aber sie sahen es und nahmen sie in Untersuchungshaft. Sie wurde einen Monat lang gefoltert und dann in der Zelle liegen gelassen, weil man meinte, sie sei tot; andere Gefangene merkten, dass sie noch lebte. Ich wusste sofort: Die Situation war nun höchst gefährlich, auch für mich.

Ich stellte den Fernseher ab und erzählte nichts davon, ich wollte meine Eltern und Brüder nicht beunruhigen. Nachts konnte ich nicht schlafen. Ich fragte mich die ganze Zeit: Was soll ich unternehmen? Wohin soll ich flüchten? Ich hatte inzwischen den Kontakt zu den Genossen abgebrochen. Wir durften im Moment keine Propaganda machen, die Gefahr, sofort verhaftet zu werden, war zu groß. Ich fühlte mich in dieser Situation völlig allein.

Am nächsten Tag ging ich in die Stadt und fühlte mich innerlich ganz leer. Haydar war immer noch im Gefängnis. Es war eine schreckliche Zeit, man wusste nie, was passieren würde. Besonders die Ungewissheit, was auf uns zukommen würde, fand ich unerträglich. Vorher hatte ich von einer besseren Welt, von Freiheit und Gleichberechtigung für alle träumen können und wie es eines Tages keine Armut, keine Diskriminierung, keine Grenzen mehr geben würde … Jetzt plötzlich war es nur noch finster um mich.

Was erwartete mich? Tod – oder Gefängnis? Mit beidem musste ich rechnen.

Ich hatte in der Stadt auf einmal das unangenehme Gefühl, dass ich von irgendjemandem die ganze Zeit beobachtet wurde. Ich spüre oft vieles, vielleicht wegen meiner Sehbehinderung.

Auf dem Weg nachhause merkte ich, dass jemand mir folgte. Ich durfte auf keinen Fall zurückblicken, sonst hätte man gewusst, dass ich nervös war… Ich ging möglichst langsam und ruhig weiter. Es war etwa drei oder vier Uhr nachmittags, als ich endlich zuhause ankam.

Ich schloss sofort die Tür hinter mir ab. Ich hatte nur ein Messer, um mich zu verteidigen. Aber ich hätte niemals einen Menschen töten können. Nein, unmöglich, ich konnte und kann das nicht, selbst wenn es ein Feind wäre!

Um mich abzulenken, begann ich, in der Wohnung ein bisschen aufzuräumen. Plötzlich klopfte es heftig an die Tür. Ich wusste sofort: Das ist die Polizei! Die Zeit ist gekommen, mich zu verhaften. Ich hatte aber keine Panik. Ich wurde in die Rolle des Opfers gedrängt, ich konnte nicht weglaufen. Das Haus war bereits umstellt. Sie  wussten, dass ich zuhause war, sie hatten mich beobachtet und schrien nun, ich solle die Tür aufmachen.

Einige Männer, Polizisten, stürmten in die Wohnung, packten mich an den Haaren und schlugen mich, bis meine Nase zu bluten begann. Warum ich nicht sofort geöffnet habe, wollten sie wissen.

«Ich habe nicht gewusst, wer geklopft hat», antwortete ich und bat sie, ihren Ausweis zu zeigen. Sie drückten mich brutal an die Wand, aber ich ließ mich nicht einschüchtern und verlangte erneut, ihren Ausweis zu sehen. Ein Polizist schlug mich und befahl mir zu schweigen. Sie würden jetzt sprechen, nicht ich. Sie durchsuchten die ganze Wohnung, leerten Schubladen, rissen Dinge aus Schränken hervor, und ich dachte die ganze Zeit: Arme Mutter, nun musst du dieses schreckliche Durcheinander wieder in Ordnung bringen! Ich wusste, dass ich nichts machen, mich nicht wehren und nicht flüchten konnte. Mein Leben ist zu Ende, überlegte ich.

«Du bist Kommunistin, jetzt ist die Zeit gekommen, dich zu bestrafen, dein Schicksal ist in unserer Hand, wir nehmen dich fest», sagten sie. Sie fanden aber nichts Auffälliges, keine Beweise meiner politischen Aktivitäten. «Sicher hat sie irgendwo etwas begraben», meinte einer, aber die Suche ergab nichts. Sie stießen mich schließlich gewaltsam aus der Wohnung. Draußen stand eine Nachbarin und schaute nur zu, sie konnte mir nicht helfen. Ich bat sie, meiner Mutter zu sagen, dass ich festgenommen worden sei. Das war wichtig. Es kommt oft vor, dass Leute irgendwohin verschleppt und getötet werden – und niemand erfährt es.

Mehrere Polizeiautos standen vor dem Haus bereit – und ich war doch nur eine einzige Person, eine wehrlose junge Frau! Sie beschimpften mich die ganze Zeit: «Rote Hure!» Ich wurde brutal in ein Auto gestoßen, zwei Polizisten nahmen mich in die Mitte und fesselten meine Arme. Einer riss mir die Brille weg. Und sie verbanden mir die Augen mit einer schwarzen Binde, so dass ich nicht sehen konnte, wohin sie mich brachten. Ich war absolut hilflos, konnte mich nicht wehren. Ich dachte immer nur an meine Mutter und sagte innerlich: Entschuldige, Mutter, ich mache dir viele Sorgen, und du musst nun auch noch die Wohnung putzen … An meinen Vater dachte ich in diesem Moment nicht. Es war ihm wahrscheinlich nicht egal, was mit mir geschah, doch weniger wichtig als meiner Mutter.

Sie fuhren und fuhren …Wohin?… Die Fahrt kam mir endlos vor. Ich wusste zwar, wo sich die Räumlichkeiten des Untersuchungshaft-Gefängnisses befanden, im Zentrum der Stadt, aber sie machten absichtlich Umwege, damit ich mich nicht orientieren konnte. Plötzlich gab es einen abrupten Halt. Die Männer rissen mich gewaltsam aus dem Auto, sie wollten mich einschüchtern. Ich konnte nichts sehen und wusste nicht, wo ich mich befand.

Sie stießen mich in ein Gebäude. Es hatte eine Treppe, und ich stürzte, weil ich nichts sah. Ich musste wieder aufstehen, sie rissen mich weiter – und dann war ich in einem Zimmer. Irgendwie spürte ich, dass ich das Gebäude kannte. Ich hörte viele Autos in der Nähe wegfahren und nahm an, das müsse das Untersuchungsgefängnis sein. Ich hörte Männerstimmen. Jemand sagte:

«Aha, Hüsniye. Hast du deine Freundin im Fernsehen gesehen?»

«Was für eine Freundin?», fragte ich und tat ahnungslos. Der Mann lachte. «Du weißt ganz genau, welche Freundin. Du hast gesehen, was wir mit ihr gemacht haben.» (Die Polizei dachte offenbar immer noch, sie sei tot.)

«Nein, ich weiß nicht, wen Sie meinen», behauptete ich. Sie nannten den Namen meiner Genossin. Dann begannen sie, mich mit dem Gummistock zu schlagen. Sie legten mir Handschellen an und schlugen mich überall, wieder und wieder, brutal, immer heftiger. Ich konnte mich nicht wehren, es hätte ohnehin nichts genützt. Sie schlugen mich, sie schlugen und schlugen auf mich ein …

 

(Ausschnitt, S. 108–117)

 

Die rote Hüsniye_Cover.jpg LL 12.

 

Barbara Traber/Hüsniye Kahraman-Korkmaz: «Die rote Hüsniye. Mein Leben für Gerechtigkeit», 263 Seiten, ISBN 978-3-03818-091-3, Weber Verlag,

CH-3645 Thun/Gwatt 2015,

www.weberverlag.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 
BIO

 

Hüsniye Kahraman-Korkmaz, geb. 1957 in der Provinz Dersim in der Türkei. Gymnasium in Erzincan, Ausbildung zur Kindergärtnerin. Wegen ihres politischen Engagements über ein Jahr Gefängnisaufenthalt. Flucht in die Schweiz. Lebt seit 1983 in Thun/Schweiz, heute mit Schweizer Bürgerrecht. Verheiratet, zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind.

 

 

Barbara Traber, geb. 1943 in Thun. Freie Autorin und Übersetzerin, zahlreiche Veröffentlichungen. Wohnt in Worb/Schweiz.

www.traber-traber.ch

Articles similaires

Tags

Partager