Barbara Kenneweg

 

Foto: U. Frank

 

(Deutschland)

 

 

 

ZENTER AM RAND

 

 

 
im gras liegend betrachte ich die pflastersteine vor meinem haus. die fläche ist seit jahren ungepflegt, schäbig grau, die mörtelfugen brüchig. in den fugen sprießt unkraut. goldgrünes moos zieht sich von den ritzen über die grauen quader wie ein leuchtender flor. ein spinnenfaden gleißt im sonnenlicht. die getrocknete schleimspur einer schnecke glitzert auch.

die hingelegten platten, die das eigentliche der fläche ausmachen, ersticken jeden keim unter sich. aus den engen, morschen zwischenräumen quillt glänzendes leben.

in diesen betrachtungen werde ich von einem arbeitslosen gestört. ich wohne in einem niemandsland zwischen zentrum und peripherie, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, irgendwie ist zwischen hochhausgebieten und s-bahnring, zwischen friedhof und gewerbestreifen ein kleiner grüner fleck mit kleinen grauen häusern stehengeblieben. mein viertel kennt keiner, nur arbeitslose auf fahrrädern verirren sich ab und zu in meine sackgasse, auf der suche nach dem jobcenter. sie landen dann vor einem verschlossenen tor, hinter dem auf einer brachfläche ein denkmal liegt, auf dem kopf. es ist halb verdeckt von einem haufen rindenmulch, aber man kann einiges noch lesen, auf der einen seite FORTSCHRITT – VOLKES – WÜRDIGES – ERICH, auf der anderen LISMUS – ATISCHEN – ÄLMANN – FREIHEIT. der arbeitslose guckt erstaunt und ziemlich hilflos. ich rufe ihm zu: „den trampelpfad hoch durch die büsche!“. wenn er mich nicht für eine verrückte hält, schafft er seinen termin beim jobcenter noch.

die grasgrüne ruhe ist hin, ich stehe auf und mache mich auf den weg ins einkaufszentrum. einkaufszentrum sagt hier allerdings keiner, das einkaufszentrum heißt einfach nur das center, oder eigentlich „zenter“, wie der „zent“.

die meisten zenter gibt es am rand. früher habe ich in mitte gewohnt, im zentrum, mittendrin. da gibt es überhaupt keine zenter, da ist alles zenter, vielmehr centre, die sträßchen sind gesäumt von von delikatessgeschäften, designerläden, coolen cafés und heißen bars. ich weiß nicht genau, was mir in mitte fehlte zu meinem glück. ein zenter bestimmt nicht.

die zenter sind für die peripherie. die peripherie ist größer als das zentrum, es gibt mehr vorstadt als mitte, schon von der fläche her, zudem sind die leute in der peripherie aufgrund ihrer größeren stapelhöhe pro quadratmeter zahlreicher. die stadt ist wie eingefallener rührkuchen am rand hoch, zum zentrum hin flach. die mitte ist eindeutig in der  minderheit, die meisten menschen sind am rand.

wenn ich einkaufen gehe, gehe ich seit geraumer zeit schon nicht mehr in mein alimentari, das kaltgepreßtes olivenöl von einem familienbetrieb in apulien importiert, und in dem ich während eines freundlichen plauschs übers politische weltgeschehen mit dem mich bedienenden attraktiven brasilianischen romanistikstudenten einen köstlichen espresso macchiato kippen kann, sondern ich gehe ins zenter.

das zenter ist lange nicht so schlimm wie andere zenter. es ist klein, drei etagen sind mit einer zentralen rolltreppe verbunden, man kann sich nicht verirren. dennoch gibt es im zenter alles, was man so braucht: zwei konkurrierende lebensmittelketten, drogerie, textil, fitnessstudio, heimtierbedarf, und in der mitte vom zenter, in einer art bude, gibt es neuerdings auch einen spielkonsolen- an- und verkauf. im obergeschoß sind pfennigfuchser und resterudi und containerconny untergebracht, das ist ganz praktisch, auch wenn man da nie findet, was man braucht, sondern immer etwas anderes.

als bauwerk ist das zenter eine art schachtel, umgeben von robustem immergrünen buschwerk und zahlreichen anderen, viel größeren schachteln, in denen leute wohnen, und die zwanzig stockwerke haben. dagegen wirken drei etagen sehr niedrig, auch die fünfstöckige schule und die vierstöckigen kindertagesstätten wirken niedrig, die bänke, die dazwischen hingestreut sind, wie für zwerge gemacht.

direkt vor dem zenter sind ziemlich viele bänke, umgeben von urinresistenten sträuchern, doch als einkäufer kann man sich kaum daraufsetzen, weil sie immer besetzt sind von den alkoholikern. viele alkoholiker sind es, die dort täglich sitzen mit ihren tüten, sie wechseln sich schichtweise ab. hier haben sie etwas zu schauen, zum einen die leute, die ins zenter hineingehen und wieder heraus, vorallem aber beobachten sie das schwimmbad. neben dem zenter ist nämlich ein schwimmbad, welches allerdings so klein ist, daß man es auf den ersten blick kaum für ein schwimmbad halten würde. es handelt sich um eine eingeschossige schachtel, nicht viel größer als das wohnzimmer einer villa, die kleinste kiste im viertel, abgesehen vom jugendclub, der ist ein pavillion aus preßspanplatten und etwa so groß wie eine garage. die zwanziggeschosser also blicken auf das schächtelchen herab wie riesen auf ein  menschenkind.

tatsächlich sehe ich immer nur kinder im bad, schulschwimmklassen, kitaschwimmgruppen, und da die vorderseite der schachtel aus glas besteht, gewissermaßen ein großes schaufenster ist, gucken die alkoholiker dadurch und hinein ins bad, auf die kinder. außerdem beobachten sie den eingang. wenn drinnen eine klasse schwimmt, steht draußen schon die nächste, während die gruppe, die gerade fertig geworden ist, sich irgendwie an den wartenden vorbeidrängelt und zum abzählen aufstellt. vielleicht ist einer verlorengegangen, ins zenter gelaufen zum spielkonsolenverkauf, in der umkleide umgekippt von der schlechten luft, oder ertrunken. so sehen also die alkoholiker von morgens um acht bis nachmittags um drei stets an die hundert schreiende kinder, badende und wartende, davon die hälfte trocken und sauber, die andere feucht und mit einem geruch nach chlor und muff. dazu kommen die schreienden lehrerinnen und referendarinnen und praktikantinnen, die häufig noch blutjung sind, da gibt es dann wirklich etwas zu sehen, echtes leben.

deshalb kommen sie hierher, die alkoholabhängigen, aus ihren komfortablen plattenbauwohnungen, wo sowieso nur der fernseher läuft, immer unterhaltung erträgt keiner. vor dem bad gibt es langeweile und zerstreuung in ausgewogener balance, die szene ist immer die gleiche, die blutjungen praktikantinnen wechseln häufig. ab und zu fehlt sogar beim abzählen ein kind.

im zenter huschen schlecht gekleidete menschen jeglichen alters mit großen und kleinen tüten hin und her. gesprochen wird wenig, wenn gesprochen wird, geht es um preise. hier herrscht ein gesetz, das keine gnade kennt. es hat einen absolutheitsgrad erreicht, von dem andere gesetze nur träumen können. das gesetz lautet BILLIG.

die leute kaufen billig, die läden bieten billig an, in großen billigen drahtkörben liegen billige handtaschen, billige bücher und billige filme. die käufer tragen, ebenso wie die verkäufer, billige pullover, hosen und schuhe, auf wühltischen kann man nach billigen büstenhaltern und billigen socken kramen, ein friseur macht billige frisuren, und ein reisebüro bietet billigreisen an. beträte man das zenter in der hoffnung etwas hochwertiges oder außergewöhnliches zu finden, wäre das fehl am platz. allerdings bemüht sich das zenter nach bestem wissen und gewissen, den bedürfnissen der kunden gerecht zu werden. dafür steht ein zentrales oberlicht, dönerbude, eisdiele, ein pornoshop und öffentliche toiletten zur verfügung.

zu anfang machte mir die häßlichkeit probleme, vielmehr nicht die häßlichkeit an sich, denn ich gehöre durchaus zu den menschen, die häßliches zu schätzen wissen, als kontrast oder als erinnerung an die vergänglichkeit beispielsweise. häufig finde ich schönes im häßlichen, an allen möglichen orten, an denen man es nicht suchen würde, durch den fahrtwind der autos lustig wackelnde grashalme am rand eines ungepflegten gehwegs, die vergessene kindermütze auf einem verlotterten spielplatz in grauer abenddämmerung, und so weiter und so weiter.

doch zu meinem erstaunen habe ich weder in dem zenter noch um das zenter herum jemals auch nur eine schöne sache gesehen. anfangs habe ich mich sehr bemüht. ich habe bei den künstlich geknautschten stretchjeans gesucht, bei den strassapplikationen der sonnentops und den make-up – masken der verkäuferinnen, ich habe gesucht am sonnenbrillenstand, auf der rolltreppe und im fahrstuhl, in den löchern der lochmetallverkleidungen, in den leergeräumten kartons der lebensmitteldiscounter. zuletzt habe ich in die müllkörbe gelugt, aber ich habe nichts gefunden, nichts schönes, nicht einmal etwas lustiges, nicht eine erfrischung. überall totalausverkauf, sogar in den gesichtern. in den gesichtern war es am schlimmsten.

plötzlich kam es mir so vor, als wäre das ganze zenter eine art dreistöckiger müllkorb, ein wohlgeordneter müllkorb, der den überschuss der weltwegwerfwirtschaft zu wegwerfpreisen wohlgeordnet über leuten auskippt, die auch irgendwie schon weggeworfen sind, straßsteintop hin oder her, verraten und verkauft, von klein auf zum resterampenverbraucher erzogen.

benommen wankte ich zur eisdiele und kaufte mir eine kugel erdbeereis. zum trost. es war erstaunlich billig. allerdings schmeckte es auch nicht nach erdbeeren, sondern so, wie kinder, die viele erdbeerlollies gegessen haben, sich denken, daß erdbeeren schmecken müssten. ich ließ mich auf die bank vor der drogerie plumpsen, neben eine palme. natürlich keine echte palme, sondern eine kunststoffimitation, die als einzige pflege regelmäßiges abstauben erfordert, hier aufgestellt, um das menschliche bedürfnis nach natur zu befriedigen. eigentlich war sie ganz hübsch.

inzwischen habe ich verstanden, dass in dem zentner nichts schönes zu finden ist, weil es dazu eben nicht da ist. ich bin glücklich, hier alles zu bekommen. was man so braucht, playstation, reizwäsche, hamsterkäfig… nur noch selten denke ich darüber nach, ob das zenter wirklich meine bedürfnisse befriedigt, oder ob es nur scheinbar so ist, ob es also meine scheinbaren bedürfnisse erst konstituiert, obwohl meine wahren bedürfnisse ganz andere sind. solche gedanken brachten mir wenig gewinn.

heute erledige ich ruhig meine einkäufe, dann setze ich mich in meinem billigen pullover still neben andere erschöpfte stille einkäufer auf die bank neben der plastikpalme, gerade unter das kleine oberlicht des zenters, und schlecke friedlich mein eis. straciatella. ich schlecke und füge mich beinahe ohne innere kämpfe in den umstand, daß es im zenter nichts schönes gibt und auch nichts schönes geben wird, es sei denn, das schöne von patina und verfall für kommende generationen.

schließe ich die augen, sehe ich morsche fugen und weiches moos. während zucker und aromastoffe auf meiner zunge zergehen, gestatte ich mir, von der zukunft des zenters zu träumen. ich sehe ein zur hälfte leerstehendes gebäude, von ketten und discountern verlassen, stattdessen von unordentlichen marktständen in beschlag genommen, an denen alte frauen gebrauchte wasserhähne, gebrauchte babymützen und gebrauchte lacklederstiefel feilbieten. ich sehe teile des daches eingestürzt durch unwetter. oder bomben? vor der immer noch rostfreien, leicht bemoosten lochmetallwand, zwischen umgestoßenen wühlkörben, sprießt durch die schwer rottende spitze eines polyester – bhs das erste veilchen. daneben, im intakten flügel, werden immer noch billigreisen angeboten, im schaufenster des reisebüros winkt ein pappkind in raumanzug, werbung für die sommersonderaktion: schießen sie sich mit der billigrakete auf den mond.

ich lächele. mein eis tropft.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Barbara Kenneweg (Autorin und Regisseurin)

 

wurde 1971 in Düsseldorf geboren. 1989 erhielt sie ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes für das „United World College of South East Asia“ (UWCSEA) in Singapur.  Sie studierte « Theatre Studies » und « Media Studies » an der « University of Ulster » in Nordirland und Theaterregie an der « Theaterakademie Spielstatt Ulm ».

 

Ende der neunziger Jahre begann Barbara Kenneweg als freie Autorin und Regisseurin zu arbeiten, zunächst für die Bühne. Sie erhielt diverse Auszeichnungen, u.a. einen Preis beim Wettbewerb des Uraufführungstheaters am Staatsschauspiel Dresden mit dem Text „In Vaterland“ (2002). Das Stück wurde bei den Mülheimer Theatertagen präsentiert. Es folgte ein Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung für ihre Prosaarbeiten (2003/4).

 

Barbara Kenneweg realisierte diverse interdisziplinäre Projekte, u.a. mit der Komponistin Susanne Stelzenbach („KLIMA – gefilde vermessen“, UA 2008, „panoramaUbahn“, UA 2009) und der bildenden Künstlerin Peggy Sylopp („Asphaltpost“, 2010).

 

Seit 2006 ist Barbara Kenneweg als Autorin und Regisseurin für den Rundfunk tätig, es entstanden Features in China, Nepal und Kambodscha sowie das Hörspiel „Gesicht verloren“ (2011).

 

 

http://www.barbara-kenneweg.de

 

http://www.merlin-verlag.de/theaterAutorenKennewegGesicht.htm

 

http://www.kulturradio.de/programm/sendungen/140221/hoerspiel_2204.html

 

 

Barbara Kenneweg, Autorin from GEDOK Berlin on Vimeo.

 

 

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