Arne Rautenberg et Rodica Draghincescu

 

GESCHPRÄCH

 

 

Rodica Draghincescu fragt

 

 

Arne Rautenberg

Fotos: © Birgit Rautenberg

                                                   

                           

 

RD: Was bedeutet Ihnen die Literatur?


AR : Literatur bedeutet für mich hauptsächlich schreiben. Doch die Antwort auf die Frage nach dem empfundenen Antrieb jedweden Schreibens wird sich wohl nicht mit einer singulären Sichtweise zufrieden geben. Vielleicht liegt die Antwort in der Autoreflexion verborgen; denn Schreiben ist immer auch Autoreflexion: Man verbringt viel Zeit mit seinem Ich, lernt sich, seine Wahrnehmung aus sich selbst heraus kennen, blättert sie vor sich auf und empfindet möglicherweise eine tiefe Befriedigung aus dem Umstand, Zeit mit sich zu verbringen, sich seiner selbst bewusst zu werden und daraus in Kombination mit rezeptiver und erkenntnistheoretischer Rückstrahlung sein Selbstbewusstsein zu nähren, gar sein Selbstwertgefühl zu ziehen. Vielleicht hat das Schreiben auch eine Ableiterfunktion; alle negativen Energien, die sich aus der Frage nach dem Sinn ‘des Ganzen’ ergeben, lassen sich ableiten, finden ein Behältnis und können aus der Umlaufbahn lästiger Hirnwendung heraus- und abgelegt werden. Vielleicht gibt es auch eine gewisse Sucht nach dem winzig leichten Schwindelgefühl, dem Endorphinausstoß der einem viel zu selten widerfährt, wenn man glaubt, gerade poetisch Außergewöhnliches zu leisten. Vielleicht hinterlässt die Summe aller Texte, die über Jahre hinweg entstanden sind, ein Befriedigungsgefühl: Und lässt sich diese Summe nicht letztendlich als Zeitkonserve in ganz eigener und innerer Sache lesen, als eine exorbitante Form des emanzipierten Tagebuchs? Zweifelhafte Utopien.

 

 

RD: Wie sehen die Bedingungen aus, unter denen Sie schreiben?

 

AR : Das Damoklesschwert meiner Tage sieht so aus: Ein Tag, von dem nichts Geschriebenes übrig bleibt, ist nichts wert. Also habe ich gelernt, mich zu disziplinieren. Ich schreibe, wenn möglich, jeden Morgen und jeden Abend. Dazwischen bin ich Familienvater. So geht das bestenfalls sieben Tage die Woche. Einen Fernseher habe ich nicht. Am liebsten sitze ich vor meinem Laptop am Schreibtisch; schlimmstenfalls notiere ich mir zwischendurch irgendwo unterwegs etwas auf die Hand. Ein gutes Wort, vermeeren, zum Beispiel. Da ich ein ungeduldiger und flüchtiger Mensch bin, brauche ich den Computer. Alles muss schnell gehen, wenn es schnell gehen kann; ausschneiden, einfügen, dauernd zwischenkorrigieren – das wäre mir auf dem Papierweg viel zu mühsam, vielleicht auch zu besinnlich. Ich will hetzen und klotzen; entweder einen guten Wurf machen oder mit wehenden Fahnen untergehen. Viel Wut und Frust ist dabei; manchmal arbeite ich viele Stunden für ein paar Zeilen; dann wieder scheint das Schreiben wie von allein durch mich durch zu gehen. Hinterher lese ich mir den Text durch und wundere mich, dass ich ihn geschrieben haben soll. Momente, nach denen man süchtig werden kann.  Wenn eine Textfassung fertig ist wird ein kleines Heer von Schattenlektoren beschäftigt. Mit deren Kritik setze ich mich auseinander.

Ein paar Wochen und Prüfungen später kann der Text, wenn immer noch für gut

befunden wird, das Haus verlassen.

 

 

RD: Ist man Schriftsteller? Wird man Schriftsteller? Genügt Begabung, um Schriftsteller zu sein?

 

AR : Ich hätte mit 15 Jahren von der Schule abgehen und früher Geld verdienen können als alle meine Freunde. Habe ich aber nicht; stattdessen war ich bis zum 19. Lebensjahr ein schlechter Schüler, habe mich durchs Abitur gequält, um anschließend verschiedene Jobs zu machen und schließlich Kunstgeschichte zu studieren. Seit meiner Jugend konnte ich allerdings das Kräftefeld ermessen, das von der Kunst ausgeht, von einem Jenseits aller Konventionen. Mir war früh klar, dass Begabung heißt, sich einen künstlerischen Killerinstinkt zuzulegen, eine absolute Unbedingtheit. Die Dada-Leute und die Kunst der Geisteskranken haben mich bis heute nicht losgelassen. Viele Jahre habe ich gemalt und gezeichnet. Dann fand ich über visuelle Texte zum Gedicht – und vom Gedicht zur Prosa; inzwischen habe ich mich in allerlei literarischen Genres heillos und lustvoll verstrickt, Erfahrungen gewonnen und mir immer neue Herausforderungen gesucht. In den letzten Monaten arbeitete ich vermehrt wieder künstlerisch, tackerte an 100 Collagen. Letztlich, so meine Erkenntnis, ist das Tackern von Collagen gar nicht so anders als das Schreiben eines Gedichts. In beidem steckt mein Propaganda-Programm: Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammen gehören – und daraus bunt blitzende Funken zu schlagen.

 

 

RD: Yves Bonnefoy sagt in einem Interview: „der Dichter ist das Produkt seiner eigenen Kindheit“. Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Kindheit und den Texten, die ein vielleicht kindlich-erwachsener Autor schreibt?

 

AR : Ich habe drei Jahre vor meinem fünften Geburtstag mit meinem Eltern in Afghanistan verbracht. Ein Diener hat mich mit einem Sonnenschirm vom Kindergartenbus abgeholt und nach Hause gebracht. Zurück in Deutschland sind wir ständig umgezogen; als Einzelkind war ich recht einsam. Das änderte sich erst mit Beginn der Schulzeit. Wohl deshalb bin ich heute zu einem Nesthocker geworden, der hier in Kiel, immerhin Deutschlands größter Stadt am Meer, zufrieden mit seiner Familie lebt. Wie sich meine Kindheit auf das Schreiben ausgewirkt hat, weiß ich nicht. Wenn ich mir alte Bilder, etwa aus Afghanistan, ansehe, kann ich kaum glauben, dass ich das darauf sein soll. Diese Zeit, vielleicht die bedeutsamste Zeit meiner Kindheit, ist für mich ein abenteuerlicher weißer Fleck. Momentan fehlen mir die Farben, mir diesen weißen Fleck bunt auszumalen. Aber ich habe mich auch noch nicht auf die Suche nach ihnen begeben. Das kindliche Moment, die Sehnsucht nach dem Spiel, ist mir als Autor allerdings bestens bekannt.

 

 

RD: Wie sollte ein Text geschrieben werden, um heute, in dieser Zeit der großen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Krisen, das Publikum anzusprechen?

 

AR : Ich mag Literatur, die einem freien Geist entspringt und zum Denken anregt, Literatur, die provozieren kann, Überraschungen und neue Erkenntnisse für den Leser bereit hält. Oft müssen dafür Konventionen über Bord geworfen und Experimente gemacht werden. Scheitern ist immer auch eine Chance, Mauselöcher im Abseits zu finden, durch die man wieder in völlig andere Räume entschwinden kann. Nichts verabscheue ich mehr als mich durch Kunst indoktrinieren zu lassen. Sobald ich etwas Schulmeisterliches wittere, mir Autoren zu sagen versuchen, wie etwas zu sein hat, bin ich weg. Falls ich etwas erläutert bekommen möchte, lese ich Erläuterungen, keine Gedichte. Die Krisen der Welt entstammen der Unmündigkeit des Denkens. Eine üble Saat, gegen die es als Fallbeispiel des freien Denkens anzustinken gilt.

 

 

RD: Sind Ihre Gedichte die biographischen Metamorphosen eines auf kontinuierlicher Suche begriffenen Wesens? Zeichnen Sie Fiktionen oder die Realität, in der Sie leben, auf? Und haben diese Aufzeichnungen mit dem Mythos der Rückkehr zu sich selbst zu tun?

 

AR : Auf der Suche bleiben, auf der Jagd nach dem Außergewöhnlichen, ist mir Antrieb und Motor zugleich. Dass diese Suche von einem selbst ausgeht und bei einem selbst auch wieder endet, bleibt in ihr eingeschrieben, egal ob man sich im Fiktiven oder im Aufzeichnen des Realen bewegt. Das Fiktive ist ebenso Stellvertreter des Realen, wie das Reale Stellvertreter des Fiktiven ist. Für den Leser sollte dieser Unterschied schlichtweg redundant sein dürfen.  

 

 

RD: Sie schreiben: „unendlich kommt der wind der regen/die lebensmitte schmilzt mir heiß sie/gießen heißt die form erfassen//die mich einst formt wenn ich vergreist wie/windstill wird es wie verlassen/und endlich kommt der kindersegen“. Wieviel Vorsehung ist in der Dichtung? Erinnert ein Gedicht an die vergangene Zukunft? Oder an die zukünftige Vergangenheit? Ist der Dichter ein Philosoph?

 

AR : In Sprache ist ja immer auch ein kollektives Gedächtnis aktivierbar. Wer sich dort mittels Poesie an den Rändern bewegt, neue Windungen für neue Gedanken eröffnet, ist schnell im Prophezeihungsbereich. Wenn dann noch eine artifizielle Form hinzukommt, ist der Zauberspruch nicht mehr weit. Das poetische Genre kann seine Wurzeln nicht leugnen. Wozu auch? Im Fall des oben stehenden Gedichts, welches aus einem Zyklus stammt, war allerdings eine formale Überlegung Grundlage. Ich bin einmal eingeladen gewesen, ein religiöses Gedicht zu schreiben. Dafür wollte ich einen Kreuzreim durch eine Leerzeile brechen. Um den gebrochenen Kreuzreim herum legte ich dann eine erste und letzte Zeile, die komplett durchgereimt war – um den gebrochenen Kreuzreim zu versiegeln. Ein paar Kehrassonanzen und Binnenreimstrukturen, fertig war die Form. Drei Monate habe ich, während eines Stipendiums in der Schweiz, jeden Morgen und jeden Abend an diesen Gedichten gearbeitet. Wie ein Schmuckmacher kam ich mir vor, der Wort um Wort prüft, um es in ein Collier einzusetzen. Als ich nach Hause fuhr, hatte ich 45 Gedichte. Wenn ich mir diese 45 Gedichte heute ansehe, stelle ich fest, das 10 ganz okay sind, 25 sind misslungen und weitere 10 sind richtig gut geworden. Um diese 10 Gedichte geht es. Drei Monate harte Arbeit für 10 Sechszeiler. Wer soll einem diese Arbeit bezahlen? Dichten macht arm.

 

 

RD: Im Jahr 2002 haben Sie bei Hoffmann und Campe einen Roman veröffentlicht, „Der Sperrmüllkönig“. Wie ist für Sie die Balance zwischen Poesie und Prosa?

 

AR : Wenn ich Lyrik schreibe, verspüre ich oft das Bedürfnis, breiter formulieren zu dürfen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, sondern einfach drauflos zu erzählen. Wenn ich Prosa schreibe, einen Roman etwa, ist das genau umgekehrt. Dann wünsche ich mir, offensiver an der Sprache schleifen zu dürfen und mich in einer kleineren Form zu bewegen. Wenn ich gut bin, schaffe ich eine Seite Prosa am Tag; es ist nicht einfach, 250 mal hintereinander gut zu sein, das ist etwa so wie bei einem Marathonlauf: Seitenstiche bei Kilometer 21. Beim Schreiben meines letzten Romans musste ich in der Mitte eine Pause machen und ein paar Wochen lang Gedichte schreiben, einfach auch, um wieder ein Gefühl für das Fertigmachen von Texten zu bekommen. Beim Schreiben eines Romans ist mir oft, als sei ich der Herr in Brechts Gedicht "Der Radwechsel": "Ich bin nicht gern, wo ich herkomme/ Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre./ Warum sehe ich den Radwechsel/ Mit Ungeduld?"   

 

 

RD: Wieviel Freiheit sollte ein Dichter, ein Romanautor haben? Inwiefern sollte er den sozialen Konventionen unterworfen sein? Wie frei fühlen Sie sich selbst?

 

AR : Maximale Freiheit ist erstrebenswert, aber unrealistisch. In der Lyrik ist man weit weniger der Konvention unterworfen, als in der Prosa. Ein Hardcover kostet einen großen Verlag schnell 50.000 Euro. Da wird natürlich gerechnet und auf Marktkonformität geschielt. Der Boom des "neuen deutschen Erzählens" der letzten Jahre ist vorbei, die Stimmung ist schlecht. Dafür blüht seit einigen Jahren die junge deutsche Lyrik in wunderbarer Weise. Sie ist sehr vielseitig und frei, wird aber auch nicht sonderlich gern im großen Stil verlegt. Was die Konventionen, also das Geldverdienen, angeht, mache ich eine Mischkalkulation. Als Mensch bin ich diesen Konventionen unterworfen, als Künstler befreie ich mich von ihnen, d.h. ich schreibe im Jenseits dieser Konventionen an neuen Herausforderungen, biete die Ergebnisse dann aber offensiv an. Mein Geld verdiene ich durch Veröffentlichungshonorare, Lesungen und Zeitungsarbeiten, durch Stipendien-Bittstellerei und gelegentliche Preise. Und wie eine Prostituierte wird alles Geld, was reinkommt, sofort wieder ausgegeben. Planungssicherheit gibt es nicht; ein Abenteuer, wenn ein Vier-Personen-Haushalt davon abhängt.   

 

 

RD: Man konnte von einem harmonischen Verhältnis zwischen Gelehrtheit und Natürlichkeit, Tiefsinn und Zauber im Fall Ihrer Texte sprechen. Diese haben eine oft  überraschende, bewegliche Architektur. Wie entwerfen Sie Ihre Texte?

 

AR : Manchmal wache ich mit einer guten Gedichtzeile auf. Manchmal fliegt mir ein ganzes Gedicht einfach so zu und ich brauche es nur noch aufzuschreiben. Manchmal sitze ich vor meinem Laptop und hoffe auf Inspiration. Grübeln, puzzeln, ent- und verwerfen, ausschneiden, einfügen, Lexika, Wörterbücher wälzen, wach bleiben. Manchmal lassen mich ältere Gedichte wegen ihrer Form oder ihres Inhalts nicht los und ich beschließe, einen Zyklus aus ihnen zu machen. Manchmal will es nicht mehr weiter gehen und alles muss beiseite gelegt werden.

 

 

RD: Glauben Sie, dass die Kultur im vereinten Europa zu einem Haus der Freundschaft geworden ist?

 

AR : Auf jeden Fall. Ich kenne keinen Kollegen, der nicht auch mit einem Schriftsteller aus Europa persönlich zu tun gehabt hätte. Mein Übersetzer kommt aus Schottland, wir besuchen uns seit vielen Jahren und lernen von der Poesie unserer Kulturen. Im letzten Jahr war ich in Berlin zu einem Übersetzungsseminar der keltischen Sprachen: Gälisch, irisch, bretonisch, walisisch – – immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Dichter sein können. Was die Kultur angeht, kann Europa gar nicht groß genug sein.

 

 

Was sind Ihre literarischen Projekte für die kommenden Jahre?

 

AR : Romane, Erzählungen, Gedichte, Kinderbücher, Essays, Theaterstücke, visuelle, konkrete und lautpoetische Texte; außerdem weiter in die bildende Kunst einsteigen, zudem möglichst viel veröffentlichen, viel unterwegs sein – die Konkurrenz durch Omnipräsenz schocken, mehr machen, besser sein, Spaß haben. Und vielleicht noch im Lotto gewinnen, um ein weiteres Kind zu zeugen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Arne Rautenberg, geboren 1967, lebt als freier Autor und Künstler in Kiel. Studium der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Volkskunde. Schreibt für die Neue Zürcher Zeitung. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Christine Lavant Publikumspreis 2001 und dem Förderpreis für satirische Literatur von Random House 2002. Vielerlei Veröffentlichungen, zuletzt: Der Sperrmüllkönig, Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, sowie: einblick in die erschaffung des rades, Gedichte, Hrsg. Dieter M. Gräf, Darling Publications, Köln 2004.

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