Andreas Kirchgäßner

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Fremde

 

Auszug aus dem Manuskript „Die sieben Farben der Nacht“

 

 

„Das arabische Unglück ist untrennbar verbunden mit dem Blick des Westens, des Anderen, einem Blick, der alles, selbst ein Entkommen, verhindert …“, schrieb der libanesische Journalist und Historiker Samir Kassir in dem Buch „Das arabische Unglück“, seinem letzten, bevor eine Autobombe ihn in Beirut im Jahr 2005 aus dem Leben riss. Mit dem Blick des Einen auf den Anderen wird zwangsläufig konfrontiert, wer über das Fremde schreibt. Und doch erklären namhafte Deutsche dem Fremden sein Fremdsein. So der ehemalige deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich: « Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt. »

 

Ein erstaunliches Elixier (arabisch: al-iksir) aus dem Arsenal (arabisch: dar as-sina’a) makabrer (arabisch: maqābir) Vorstellungen, bei denen hoffentlich kein Alkohol (arabisch: al-kuhl) oder gar Alchemie (arabisch: al-kimiya) im Spiel war. Oder hat Friedrich seine „Erkenntnisse“ bei einer Karaffe (ar.: garrafa) Soda (ar.: sauda) oder Kaffee (arabisch qahwa) mit Zucker (ar.: sukkar) auf einem Sofa (ar.: suffa) gewonnen? Als Jurist gehörte er dafür jedenfalls vor den Kadi (arabisch: Qadi), wo der Schaden beziffert werden müsste (arab. Sifr, bedeutet „leer“, und weist auf die Einführung der überaus wichtigen „Null“ in der Algebra (arab.: al-gabr) hin, eine Ziffer, die der Mathematiker und Universalgelehrte al-Chwarizmi (nach dem die Europäer den Algorithmus benannten) im 9. Jahrhundert von den Indern übernahm. Es sollte allerdings noch 400 Jahre dauern, bis die Europäer die Bedeutung dieser „Ziffer“ verstanden).

 

Die Kulturgeschichte der arabischen Lehnworte beschreibt untrüglich den Weg der Kulturgüter von den Arabern zu uns. Und Arabisch ist diejenige außereuropäische Sprache, aus der die meisten Wörter in den Westteil Europas gelangten. Die Wurzeln unserer Kultur sind also im wahrsten Sinne der Worte ohne den Blick auf den Orient kaum zu verstehen. Bedarf es da noch der historischen Belege, des Ibn Jakub, der als Diplomat des Kalifen von Cordoba schon im Jahre 973 nach Mainz, Speyer, Worms und bis zur Elbe kam, um feststellen, dass die Bewohner dieses Landes „gut bewaffnet mit Panzern, Helmen und Schwertern“ waren? Des Arabisch sprechenden Kaisers Friedrich II., der 1224 die größten islamischen Gelehrten an seinen Hof rief? Die Erziehung unserer mittelalterlichen Vorfahren zu „Ritterlichkeit“, Liebeskult und Minnesang durch die muslimische Hofkultur Spaniens? Oder sollte ich auf Cervantes, den Begründer des modernen europäischen Romans verweisen, der in „Don Quijote“ dem 1609 vertriebenen Mauren Ricote als Pilger verkleidet noch einmal durch Kastilien streifen und um sein verlorenes Vaterland Spanien weinen lässt?

 

Die muslimischen Eroberer hingegen entwickelten wenig Ehrgeiz, die unterworfenen Völker in ihren Wertekanon zu zwingen. Sie bestanden auf keiner „arabischen Leitkultur“, sondern ließen die Unterworfenen in ihren Parallelgesellschaften munter weiterleben, erhoben allerdings eine Kopfsteuer von den „Schriftbesitzern“, die „Dhimma“, was ihnen heute den Vorwurf einer Apartheid-Politik gegenüber Juden, Christen und Zoroastriern einbringt. Wie aber nennen wir dann die Hinrichtungen und Vertreibungen der spanischen Mauren und Juden durch die christliche Reconquista?

 

Entgehen können wir ihnen schon historisch nicht, diesen Fremden. Denn zu nichts anderem sollte der Satz von der historisch unbelegbaren Zugehörigkeit des Islam doch dienen: Sich des brüchig gewordenen Eigenen zu versichern, indem wir den Anderen ihre unverrückbare Fremdheit historisch belegen.

 

Doch trotz des „globalen Dorfes“, trotz der weltweiten Verbreitung von Facebook und Twitter, bleibt der Blick auf mich ähnlich befremdet. Fraglos sieht der Fremde mich verzerrt, doch da offenbar auch er nicht der ist, als den ich ihn sehe, vermag ich mein Selbstbild nicht zu korrigieren, mehr noch: Ich muss es in Zweifel ziehen. Wer bin ich, wie ist die Welt, aus der ich komme und wo sind meine Gewissheiten geblieben? Einfache, fast kindliche Fragen, die mich doch einholen, überrollen: Indem die Erfahrung des Fremden mich mir selbst entfremdet, bin ich plötzlich befremdet von mir, meiner Unzulänglichkeit, meinen Neurosen und Ängsten. Nirgendwo machte ich je so peinliche, so abgrundtief verstörende Erfahrungen mit mir, als dort, in der Fremde. Völlig ausgeschlossen und doch unausweichlich, dem befremdlich Eigenen die Treue zu halten. Doch diese Katharsis ermöglicht mir, mich neu zu erfinden. Wenn ich schon nicht der bin, für den ich mich gemeinhin hielt, wer könnte, wer möchte ich dann sein?

 

In dieser Möglichkeit der Neuerfindung meiner selbst liegt zweifelsohne die große Suggestivkraft des Reisens – und nicht etwa in einem aufklärerischen oder gar missionarischen Impetus. Wie nichts anderes auf der Welt bringt die Begegnung mit dem Fremden meine Gewohnheiten, mein Selbstbild, meine Strategien durcheinander, bringt mich zwangsläufig in Bewegung, zwingt mich, die Welt beweglich zu denken.

 

Hinter dem Vorhang des Hotelfensters verborgen belausche ich sie. Wie ein Voyeur. Es ist früher Morgen und im Licht der Straßenlaterne sind sie fast weiß. Haiks und Tücher machen sie zu Gespenstern. Sie nähern sich einander, reiben die von Gesichtsschleiern verdeckten Wangen aneinander, lachen und gehen wieder auseinander. Mit einer Leichtigkeit, als wären ihre Hüllen nichts als weißer Rauch. Jede, die hinzukommt, wird gestreichelt, umarmt, geküsst. Wie zärtlich sie im Schutz ihrer Hüllen sind!

 

„Èntîna almâni? Hast du Glück!“, sagt später der Taxifahrer, als wir Ouarzazate verlassen. Nur weil ich Deutscher bin, habe ich Glück, frage ich. Weil Du reisen kannst, sagt er.

Dann sagt er: „El-bahr!“, und läßt das Taxi blind rollen, denn seine Augen verlassen nicht mehr den Stausee El-Mansour. Ich recke den Hals. Nur kurz blinkt der See auf. Ein Schimmer zwischen Geröll. Der See sollte einmal den Drâa regulieren, um die Anbauflächen entlang des Flusslaufes zu vergrößern. Ein gigantisches Vorhaben, von der staatlichen Administration ehrgeizig voran getrieben. Heute verrotten die Kanäle. Der Wasserstand sinkt. Ländereien und Oasen hinunter ins Drâatal veröden und versalzen.

Plötzlich reißt die schroffe Landschaft auf. Gepflegte Hotel- und Wohnanlagen, moderne Kasbahs erheben sich inmitten üppiger Palmenhaine. Grüne Auen, ein Paradies, und doch stimmt etwas nicht, eine dreckige Lüge sticht ins Auge … Wer wohnt in den nachgeäfften Kashbahs, die Alain Delon und Sean Connery – wohl aus Spielerei – haben errichten lassen?

„Melyûnêr!“, sagt der Taxifahrer. Längst sind die Prominenten fort. Geblieben sind der Golfplatz, das Surf- und Segelcenter, die Palmen und Grünanlagen, die sich in einem unwirklichen Grün von der schroffen Landschaft abheben. Die Anlagen werden aus dem See mit Wasser versorgt. In großen Rohren wird das Wasser hinauf gepumpt.

 

Für den Stausee wurden die Bewohner aus ihren Dörfern am Dades ausgesiedelt. Ich habe die Ruinen dieser Dörfer gesehen. Lehmburgen, immer noch von betörender Schönheit. Sie stehen oberhalb des Flusses, schmiegen sich an den Gürtel der alten Palmengärten. Der See aber erreichte nie den amtlich berechneten Wasserstand. Bis heute stehen die verlassenen Dörfer vom Wasser unbeleckt da. Darin wieder zu wohnen, ist den Menschen aber streng verboten.

 

Für uns steuert der Taxifahrer sein klappriges Taxi über eine tief zerfurchte Piste. Gräbt sich durch Fahrrinnen, die der Regen gefüllt hat, wühlt sich durch Kinderscharen. Wir sind das Ereignis. Europäische Besucher in diesem Dorf, in dem es nichts zu sehen, nichts zu unternehmen, kein Souvenir gibt. Dieses Dorf, das man den umgesiedelten Menschen gebaut hat, liegt in der kargen Hochebene. Eine trostlose Anreihung von Lehm- und Betonklötzen. Die Wege versinken im Schlamm. Dahinter die Gärten, die nun von weit her mühsam und streng zugeteilt bewässert werden.

 

Aus dem Haus kommen zuerst die Frauen heraus. Sie lachen. Dann der Alte. Er watet in seiner dunklen Galabiya durch den Schlamm, nutzt die Gelegenheit zu einer Zigarette. Seine Raucherei ein ewiger Zankapfel. Zu teuer! Er grinst verschmitzt.

„Marhaba bîkum!“, begrüßt er mich. Ihm gehe es gut, sagt er:

„C’est la pluie! Toujours, comme vous êtes la!“ Immer, wenn wir hier sind, regnet es.

„L-hämdu-l-elläh!“

Jahrzehnte hat er in Frankreich gearbeitet. Hat dort angeblich den großen Max gespielt und das Geld auf den Kopf gehauen. Für ein paar Dirham bewacht er nun die Pumpe der Golfanlagen. An dem See, für den er sein altes Zuhause räumen musste. Ein Haus, dem er nachtrauert, wie alte Leute ihrer Jugend. Von seinem Arbeitsplatz am See aus kann er die Ruinen täglich sehen. Wie unpassend scheint mir mit einem Mal mein Gastgeschenk, über das er sich so freute: ein Fernglas.

 

Jetzt aber, wo wir da sind, schieben sie jeden Streit bei Seite. Meine Tochter wird von den Frauen gedrückt, geherzt, geküsst, links, rechts, links. Nur von mir halten sie Abstand, die Frauen. Ein flüchtiger Händedruck, butterweich. Sie führen uns hinein in den niedrigen Lehmbau. Vorbei an der Küche. Eine Gasflasche, ein zweiflammiger Gasherd. Sonst: eigentlich nichts. Der Innenhof: leer. Wir erreichen den Wohn-, Schlaf-, und Essraum. Davor müssen wir die Schuhe ausziehen. Dann treten wir ein. Matratzen um einen niedrigen Tisch. Wir sollen uns setzen. Der Fernseher wird angeschaltet. Wir sitzen, reden. Reden irgendwas. Sitzen. Glotzen. Werbung auf arabisch. Waschmittel. Dann die immer gleichen Nachrichten: Israelische Hubschrauber über Palästina, israelische Soldaten sprengen Türen, Israelis stürmen mit Schnellfeuerwaffen Wohnzimmer, die aussehen, wie das, in dem wir sitzen.

 

Für mich ist das der eigentliche Impuls zum Schreiben: Der Prozess der eigenen Verortung innerhalb einer Welt, die mir von früh an fremd erschien. Schreiben ist wie das Aussenden von Morsezeichen ins All:

„Hallo, ist da noch jemand, der so empfindet, wie ich?“

Danach bleibt es meistens still. Oder es kommen Zeichen in einer mir nicht entschlüsselbaren Kodierung zurück. Manchmal aber kommt eine Antwort, und dies sind die Glücksmomente, für die sich die Tortour des Reisens, des Schreibens lohnt.

 

Schreiben ist in sofern nichts als die Selbstvergewisserung in der Berührung mit dem Fremden. Nichts als Vortasten ins Fremde.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Biographie

 

Andreas Kirchgäßner wurde 1957 in Freiburg geboren. Nach Abitur und einer Landwirtschaftslehre, einer Umschulung zum Maschinenschlosser und zahlreichen Jobs in der Stahlindustrie, als Lagerarbeiter und LKW-Fahrer unternahm er von 1991-93 eine Reise quer durch Westafrika. Seit 1994 lebt er als freischaffender Autor in Merdingen. 1998 bekam er seinen ersten Drehbuchauftrag von der Stuttgarter Filmgalerie 451. 1999 wurde seine Filmkomödie Jobsharing von der Baden-württembergischen Filmförderung (MFG) gefördert. Seit 2001 bereist er Marokko und macht Beiträge über sufische Bruderschaften für WDR, SWR, Deutschlandradio, Hessischen Rundfunk, Saarländischen Rundfunk. Seit 2004 ist er Trainer beim Drehbuchcamp der ARD-ZDF-Medienakademie (Freiburg, Frankfurt) für Scriptentwicklung. Er schreibt Romane, Jugendromane, Erstlesebücher, Hörspiele, Feature und Zeitungsessays über Afrika. Er leitet Textwerkstätten und berät Autoren dramaturgisch.

 

 

Werke:

 

Romane:

Zeitverlust, demand verlag, 2002

Anazarah (Jugendroman Horlemann 2010)

 

Hörspiele / Feature (Auswahl):

Job-Sharing (SWR4)

Malaria-Drums (SWR2)

Die Erben Sidi Bilals (Feature HR2)

Der Preis des Perlhuhns (SWR2)

Die sieben Farben der Nacht, Faiz Ali Faiz, Aissawa-Trance, Jazz-Racines-Haiti, Nass El Ghiwane, „N’neka – Marokko meets Nigeria“, Coincidence (alles WDR3)

Oumou Sangaré, „Wiedersehen in Essaouira“ und  „Tamburi Mundi – Der Klang des Fremden“, „Das Haus des Abderrahmane Paco“ (alles SWR2).

 

Drehbücher (Auswahl):

Jobsharing

„Marie-Sophie“ mit Ariane Mayer für den gleichnamigen Spielfilm

 

Erstlesebücher:

Das alte Haus, Ars Editions, 2001

Ein Kaninchen stiftet Chaos, Ars Editions, 2002

Donnerwetter, Wikinger! Ars Editions, 2003

Fussball-Freunde, Ars Editions, 2004

Das geheime Hexenfest, Ars Editions, 2006

Hexe Mini, Wendemini (2007)

 

 

www.andreas-kirchgaessner.de

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