Andreas Kirchgäßner

 

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(Deutschland)

 

 

 

Sieben Farben der Nacht

Bei den Trancetänzern der Gnawa in Marokko

 

 

 

Im Café warten

 

 

 

Andreas-K

 

 

 

Abdellah Guinea kommt wenn er kommt, er ist eben ein Gnawi, sagt Mustafa und bestellt noch zwei Kawa nusnus, halb Milch, halb Kaffee. Wir sitzen in seinem Lieblingscafé am Hafen. Mit jedem Kaffee verfliegen ein paar meiner Hoffnungen. Von Jimi Hendrix über Embryo bis Peter Gabriel haben fast alle von mir verehrten Rockmusiker mit den Gnawa gespielt. Die Rezeptionistin meines Hotels machte mir jedoch klar, dass die Musik nur die Oberfläche ist:

 

Lala Malika!, sagte sie. Ihre Lippen formten den Namen wie einen Kuss. Die Augen schwammen und sie verlor die ein- und ausströmenden Hotelgäste aus dem Blick. Das runde Gesicht wurde noch weicher, ihre weichen Hände griffen in die Luft. Malika ist die schönste, sagte sie, immer sei sie elegant gekleidet. Ihr Haar färbe sie mit purpurfarbenem Henna, trage dazu violette Tücher. Am liebsten esse sie Kuchen. Auch Kekse und Bonbons. Sie dämpfte ihre Stimme, um mir ein Geheimnis zu verraten: Malika rauche. Ihre Marke sei „Marlboro“. Akribisch beschrieb die Rezeptionistin mir dann die Mluk: Mulay Abd al-Qadir al-Gilali, der Weltenwanderer, Lalla Mimuna, die Schwarze, Sidi Musa, der die Wasser teilt, Sidi Marzuq, der von Gott beschenkte, al-Buhala, der Einfältige, Sidi Hammu, der Metzger, Lalla Mira, die luxuriöse Verführerin, schließlich die überaus attraktive und um so gefährlichere Lalla Aischa. Am liebsten waren ihr diese verführerischen Mluk, denn sie hatte mir anvertraut, wie lange sie nun schon einen Mann sucht. Was tut eine marokkanische Hotelangestellte im fortgeschrittenen Alter von 35 Jahren, wenn sie keinen Mann findet? Sie wendet sich den Mluk zu, einer Gesellschaft oft anrüchiger Frauen und Männer, die eine so suggestive Macht haben, dass nicht einmal die Suren des Korans ihre Ausschweifungen verhindern können.

 

Ich will sie endlich persönlich kennen lernen, diese Mluk. Dazu brauche ich Mustafa, meinen besten Freund in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira. Er schließt kurz die Augen. Einen kurzen Moment, den er braucht, um alle Einwände herunterzuschlucken. Wie immer bringe ich ihn in die Bredouille. Frage ich ihn nach Lala Malika, schüttelt er nur den Kopf. Das ist das Alte, sagt er. Ich verstehe, dass die Mluk einst das Leben der Menschen bestimmten, einst, bevor die große Rückbesinnung auf den Propheten begann. Für Mustafa gehören die Mluk seit seiner Kindheit zu Essaouira. Es muss ihn schmerzen, sie nun als Götzen zu brandmarken.

 

Er ist ein schlaksiger Mann mit einem Gesicht, das ihn immer noch wie ein Lausbub aussehen lässt. Dabei ist er nach mehreren Mekkafahrten längst ein angesehener El Hadj in Essaouira. Als Holzwarenhändler hat er guten Kontakt zu den Gnawa. Weil sie nicht allein von ihren nächtlichen Heilungsritualen leben können, arbeiten sie tagsüber als Schreiner und beliefern ihn mit ihren Produkten. Auch den Gembri, ihren dreisaitigen Schlagbass, bauen sie sich selbst: Das Holz des archaischen Instruments, das Fell, mit dem es bespannt ist, seine Größe und sein Klang variieren von Meister zu Meister.

 

Ich schaue hinüber zum Hafen. Um das Jahr 1770 beauftragte Sultan Mohammed Ben Abdallah den französischen Baumeister Théodore Cornut damit, die Stadt nach europäischem Vorbild zu entwerfen. Seeräuber hatten Cornut bei einer Kaperfahrt gefangen genommen und dem Sultan als Beute übergeben. Mit seiner Hilfe baute der Sultan Essaouira zum ersten Handelsplatz seines Königsreiches aus, verband die Karawanen aus Timbouktou mit den Seehandelslinien nach Europa und in die neue Welt. Aus Afrika kamen nicht nur Elfenbein, Goldstaub und Straußenfedern, sondern auch Sklaven. Zu seiner besten Zeit beherbergte Essaouira Handelsniederlassungen aus ganz Europa, siebzehn Konsulate und Tausende Juden, die beste Handelsbeziehungen in alle Welt garantierten. In diesem Schmelztiegel organisierten sich die schwarzen Sklaven als Bruderschaft und nannten sich „Gnawa“. Das Wort „Gnawa“ stammt von der Bezeichnung „Guinea“ ab und weist geographisch auf den Westsudan hin.

 

Plötzlich sitzt ein schwarzer, in der Dunkelheit fast unsichtbarer Mann an unserem Tisch. Hände werden geschüttelt und auf die Brust gelegt. Komplimente wechseln hin und her. Mustafa nennt Abdellah Guinea ehrfurchtsvoll „Maâlem“, den Meister. In seinem abgetragenen Trainingsanzug wirkt Abdellah eher wie ein Bettler. Sein Haar quillt sperrig unter der Pudelmütze hervor, der Bart ist ungestutzt. Mustafa gibt ihm mein Geld. Morgen um elf treffen wir uns, sagt Abdellah, bevor er wieder in der Dunkelheit verschwindet.

 

Am nächsten Tag bin ich pünktlich. Wir warten wieder. Ist Abdellah am Ende mit meinem Geld durchgebrannt?

 

Im 11. Jahrhundert begann von den Gebieten der heutigen westafrikanischen Staaten Mauretanien, Senegal, Niger und Mali die groß angelegte Verschleppung westafrikanischer Gefangener zur Sklavenarbeit in die Zuckerrohrplantagen des heutigen Essaouira. Wie überall, wohin die Westafrikaner verschleppt wurden, etablierten sie auch in Marokko ihre Kulte und Rituale, ihren Geisterglauben und ihre Musik. Sie gründeten eine Bruderschaft des Volksislam. In Ermangelung eines Heiligen, eines Marabous, den sie hätten verehren können, erklärten sie den schwarzen Sklaven des Propheten, Sidi Bilal, zu ihrem Ahnherrn. Sidi Bilal konvertierte bereits zu Mohameds Lebzeiten vom Christentum zum Islam. Der Prophet schenkte ihm dafür die Freiheit und machte ihn zum ersten Muezzin. Und doch sind die Gnawa unter den Muslimen umstritten. Von den Hütern des reinen Islams wird ihre Rechtgläubigkeit stark bezweifelt. Wo steht im Koran, dass zum Gebet gesungen, musiziert oder gar getanzt werden darf?

 

Wenn er nicht kommt, gehen wir zu ihm, sagt Mustafa. Er führt mich in immer engere Gassen. Es stinkt nach Urin. Vom Karren eines Händlers kaufen wir Kuchenstücke. Mustafa schiebt eine abgewetzte Tür auf. Nach zwei Schritten begräbt uns absolute Dunkelheit. Ich krieche hinter Mustafa eine Wendeltreppe hinauf. Es scheint mir wie ein Geburtskanal. Dann schlägt uns das Licht ins Gesicht. Wir stehen im Blut. Im Hof hängt eine geschlachtete Ziege. Das Blut wurde auf dem Boden verstrichen. Einen Schluck davon hat Abdellah getrunken, erklärt Mustafa. Im Islam ist das ein Sakrileg. Aber die Gnawa müssen einige Tabus brechen, um in Verbindung mit den Geistern zu treten.

 

Abdellah geleitet uns in sein kleines Zimmer hinter dem Hof. Dort läuft ein Farbfernseher. Ein paar Jugendliche sitzt davor. Abdellahs Musiker. Ein Bericht über das Gnawa-Festival wird ausgestrahlt. Die Moderatorin steht mit wehendem Haar vor Festivalbesuchern, die in die Kamera winken. Die Jugendlichen kommentieren ihre Worte, als ob sie sie hören könnte.

Abdellah stopft Kiff in seine lange Pfeife. Als Sohn des legendären Gnawa-Meisters Boubker Guinea erlangte er nach langjähriger Ausbildung den Rang des Meisters, des Maâlems. Die höchste Auszeichnung unter den Gnawa. Aber dieses Zimmer, Ess-, Wohn- und Schlafraum für seine ganze Familie, verrät bitterste Armut.

 

Wir überreichen ihm unseren Kuchen. Ein Stück gibt er seinen Kindern, eins ist für ihn, der Rest für seine Musiker. Er raucht die Kiffpfeife. Das ist, was er ständig tut. Er ist froh, vom Alkohol los zu sein. Der schlechte Schnaps – ein Gebräu aus hochprozentigem Alkohol für Schellack – hat bereits seine Gesundheit angegriffen. Ich sehe seine Hände zittern. Ich frage ihn nach der Zeremonie, der „Lila“, die er heute Nacht leiten wird. Er hat dafür eine Wohnung aufgetan. Mitten in der Altstadt. Dort werden wir uns am Abend treffen. Inschallah!

 

 

 

Said spielt

 

 

 

Ganz am Ende der Gasse, wo keine Wohnung mehr zu erwarten ist, öffnet sich am Abend eine unscheinbare Tür. Man bringt mich in einen kleinen Innenhof. Nirgendwo sehe ich Abdellah Guinea. Ich schaue auf die Uhr und denke, dass ich das Warten nie lernen werde. In der Küche lärmen Frauen, lachen rau. Der Duft von gebratener Ziege erfüllt die Luft. Oben färbt sich das kleine Viereck Himmel mit dem Blau der Nacht. Die ersten Sterne.

 

Die Gnawa-Frauen kommen in den Innenhof. Ihre Gesichter hellen sich auf. Starke, ganz unverwechselbare Gesichter auf breiten, fülligen Körpern. Almani! Ein Deutscher! Sie stellen mir eine niedrige Kiste hin, auf der ich sitzen kann und sofort sitzen alle im Kreis und sie reden Arabisch und es klingt wie Holzhacken. Dann kommt auch die Zeremonienmeisterin, die Moqadema, eine füllige Frau mit einer brachialen Stimme. Ungeniert und laut zieht sie den Rotz hoch und die anderen Frauen lächeln: Wer mit den Mluk in Verbindung steht, kann sich Manieren nicht leisten.

 

Immer mehr Besucher strömen in den Innenhof. Die Kunde, dass es hier eine Trancenacht geben wird, hat sich schnell verbreitet. Mich schauen sie fragend an: Wo sind deine Musiker? In diesem Moment tritt Abdellahs Frau herein. Hinter ihr her kommen auch die drei jüngsten ihrer vielen Kinder. Auf Abdellah angesprochen erklärt sie, ihr Mann trinke mit den anderen. Die Ungeduld der Besucher wächst.

 

Um 11 Uhr nachts, Dunkelheit spannt sich über das Haus und schwache Lichter erhellen den schönen Innenhof, huscht eine Gestalt in blütenweißem Gewandt an den Wartenden vorbei. Ihr folgen weitere Personen, die sich ebenfalls bemühen, unerkannt zu bleiben.

– Auch schon da, brüllt die Moqadema. Warum kommst du nicht erst morgen früh?

 

Aber Abdellah ist ein Mann der Würde. Er gibt eine Erklärung ab, die mir niemand übersetzt – vielleicht, weil er die niedrige Gage verantwortlich macht. Er verschwindet im Hinterraum. Seine Musiker hinterher. Erst als sie unter sich sind, stellt Abdellah, wie eine Erklärung, ein Grippemedikament vor sich. Seine Musiker ziehen nun ihre modischen Jeans und Jacken aus und werfen rote Gewänder über.

 

 

 

Prozession

 

 

 

 

 

 

Wir machen uns auf den Weg.

Zwei Gassen weiter sammeln wir uns zur Prozession. „Aada“.

Ein Gebet zum Anfang und dazwischen, immer wieder ein Gebet. Vorneweg tragen Frauen und Kinder Kerzen, Datteln und Milch. Ihr Licht hüllt uns wie dünne Gaze ein. Sie besprenkeln den Boden mit der Milch, opfern den Geistern auch die Datteln. Hinter ihnen Abdellah. Sein weißes Gewand schimmert, als wäre er selbst ein Geist. Vor seinem Bauch eine große Tbel. Er schlägt das Fell mit einem krummen Stock an. Die anderen Musiker fallen ein. Langsam beginnen sie, jeder Schlag wie ein Kanonenböller. Dann steigern sie das Tempo. Die Krakebs klirren. Bis ans Ende der Medina wird man sie hören. Laut müssen sie sein, um die schlechten Geister zu vertreiben und den Ort für den Einzug der Mlouk zu bereiten. Langsam schiebt sich die Prozession vorwärts. Es sind nur 200 Meter. Aber diese kurze Strecke genügt, um zahlreiche neue Besucher anzulocken.

 

Im Innenhof bilden sie einen Kreis, singen und beginnen, einer nach dem anderen, zu den ansteigenden Trommelrhythmen zu tanzen. Aada, der Ruf nach den Bambara, den Ahnen der schwarzen Vorfahren. Abdellah greift zu seinem Guembri, stimmt die Lieder des Erinnerns an.

 

Die Tänze werden zu pantomimischen Darstellungen, einer späht, duckt sich, schleicht heran und wir sehen den Wald, den es hier nicht gibt, nicht hier, aber dort, in der kollektiven Erinnerung an das Land, aus dem ihre Vorfahren hierher verschleppt wurden. Ein verzierter, langer Stock wird angelegt wie eine Flinte, sie jagen in den Wäldern am Rande des oberen Nigerbogens, und obwohl alle Tänzer von unterschiedlichsten Rauschmitteln schwer betäubt, sind sie konzentriert, tanzen synchron, und jede Unkonzentriertheit wäre fatal, wie auf der Jagd in einem Land, in das sie sich kollektiv zurück wünschen und in das jeder einzeln, nüchtern befragt, niemals reisen wollte, nach Niger, Mali, Burkina, wer wollte dort schon hin, in dieses Hungerleiden?

 

Im Haus hat sich die Zahl der Besucher vervielfacht. Dicht an dicht umlagern sie die kleine Bühne im Hof. Dort nimmt Abdellah auf einem ausgebreiteten Fell Platz. Schweiß läuft ihm über Gesicht und Nacken. Er schlägt den Gembri an, zupft die dicken Saiten. Verschiebt den hohen Steg, um ihn zu stimmen. Spielt einen Lauf. Erhebt seine Stimme. Sie klingt tief und zart.

 

 

 

Abdellah Guinea musiziert – Fulani-Ghaba-Wald

 

 

 

Es ist schon Nacht. Die Frauen decken die niedrigen, runden Tische. Erst mit Brot, das sie symmetrisch anordnen wie Mandalas. In die Mitte stellen sie Platten voller gekochter Oliven, Gemüse und Ziegenfleisch. Der erste Gang ist den Musikern vorbehalten. Erst als sie gegessen und die Pfeifen geraucht haben, bitten sie die Gäste an die Tische. Abdellahs Kinder fallen hungrig über Oliven, Brot und Fleisch her. Der Grund, warum Abdellah sie mitbringt: Sie sollen sich mal wieder richtig satt essen.

 

Auch ein paar Betrunkene wollen herein. Vergeblich versucht man, sie zum Gehen zu überreden. Die schwer lallenden Männer werden aufdringlich. Ich sehe die Besorgnis auf Abdellahs Gesicht.

 

Da steht plötzlich, auf zwei Stöcke gestützt, ein steinaltes Männchen im Hof. Maâlem Machmuth Akharrez. Er trägt einen spitzen Filzhut und einen leuchtend roten Überwurf. Seine kleinen Augen funkeln. Über hundert Jahre alt soll der Gnawi sein. Man küsst ihm die Hand, die Stirn. Die Betrunkenen verdrücken sich. Er lächelt, hat sie gar nicht bemerkt. Kauert sich an den Tisch und isst mit uns. Mustafa rät mir, ihn für sein Kommen zu bezahlen. Eine Alterskasse kennen die Gnawa nicht.

 

Von Nebenan klingt das Lachen der Frauen herüber. Sie essen getrennt von uns. Die Tür dorthin steht ein wenig offen. Eine junge Frau fällt mir auf. Indisch sieht sie aus, das lange Haar hochgesteckt, die Augen groß geschminkt. Einen blumenbestickten Stoff hat sie sich wie einen Sari umgeworfen. Sie lacht und entblößt Zähne, die nur noch Stummel sind.

 

Im Innenhof bläst derweil ein graubärtiger kleiner Mann Kohle in einem Tongefäß an. Ihm bin ich bereits am Rande des verfallenden Judenviertel begegnet, wo er einen winzigen Laden betreibt. Er hatte mir eine Photographie gezeigt. Darauf ist er als junger Mann in der Gnawatracht zu sehen. Neben ihm sitzt ein Latino, den ich erst beim zweiten Hinsehen erkenne: Carlos Santana.

 

Der Mann erzählte von früher, als er noch ein angesehener Moqadem, ein Zeremonienmeister der Gnawa war. Dann blieb ihm die Luft weg. Zuviel Kiff. Für diese Lila hat er trotzdem ein purpurrotes Kleid übergeworfen und eine schwarze Ledermütze aufgesetzt. Die Nasha, die eigentliche Reise zu den Geistern hat begonnen. Ein Korb voll farbiger Tücher und bunter Räucherdöschen steht vor Abdellahs Füßen. Die Moqadema legt Räucherwerk und Kräuter auf die glühende Kohle. Parfüm, um die Geister zu betören. Ihre Worte durchstoßen die Luft. „Amén“ schallt es zurück. Ein Hin und Her, in dem sich die Moqadema und das Publikum gegenseitig hochschaukeln, call and responce, ein weiteres Erinnerungsstück aus dem Gepäck der schwarzen Sklaven.

 

 

 

Ftah er-rahba – Öffnung des Raumes

 

 

 

Hundert Gäste sind inzwischen im Hof versammelt. Sie sitzen dicht gedrängt, zur Linken die Frauen, zur Rechten die Männer. Viele Jugendliche, die ungeduldig mit ihren Handys spielen, vielleicht noch weitere Freunde zur Reise einladen. Abdellah schlägt den Rhythmus der „Fath ar-rabba“ an, das Pochen an die Tür der Mluk. Die ersten Tänzer treten aus dem Publikum vor die Musiker. Weiße Tücher, weiße Kleider, weißes Harz und die Musik ohne die harten Metallkastagnetten – dies ist nicht nur die Öffnung des Raumes für die Mluk, es ist auch die Absicherung gegenüber dem allmächtigen Islam. Keine schwarzen Sudanesen eröffnen die Reise, sondern jene gnun muslimin, die im Koran bezeugt sind. Dort heißt es, dass Gott den Menschen „aus Ton gleich dem der Töpferware“ schuf, die Geister aber „aus einem Gemisch von Feuer“. Diese Geister brauchen die Gnawa als Helfer und Beschützer.

Abdelkadir Jilali, die Gnawa rufen ihn in immer neuen Liedern, ihn, der in weißem Mantel mit einem langen Wanderstab unterwegs ist zwischen Marokko und Bagdad, ein ewiger Wanderer und Ahnherr der Sufis, er weiß, dass er sterben wird, wenn er Bagdad erreicht, denn dort ist er begraben. Ya g-gilali dawi hali, heile mich, o du Gilali, ich bin krank und habe keinen Heiligen, ich bitte um Gastfreundschaft, o du aus Bagdad.

Ich schaue hinüber zu Mustafa, der am Eingang steht und die hereindrängenden kontrolliert. Auch er sieht zu mir und ich nicke, ja, sieh doch, sie folgen dem Koran, aber er schüttelt nur den Kopf: So leicht lässt er sich nicht täuschen!

 

 

 

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Es folgt eine kurze Pause, in der die Moqadema Abdellah den Schweiß von der Stirn tupft. Dann stimmt er das nächste Lied an: Sidi Bilal, der schwarze Muezzin, und das Schwarz seiner Haut leitet hinüber zur Familie der schwarzen Sklaven, ein Grenzgänger zwischen dem Islam hier und den Mluk dort. Schwarze Tücher, schwarzes Räucherwerk, die Musik scheppert von den Metallkastagnetten. Ein untersetzer Mann stürzt vor den Musikern zu Boden, als habe ihn jemand mit einem Tritt dorthin befördert. Mit weit geöffneten Nasenflügeln saugt er den Rauch ein und die Moqadema legt ihm das schwarze Tuch über. Mühsam rappelt er sich auf, kniet zunächst und beginnt, im Rhythmus zu wiegen, erhebt sich auf die Beine, ein schwankender Bär, aber seinen Kopf wirft er herum, vor und zurück, das Tuch fliegt ab und die Moqadema legt es ihm wieder über, seine Arme schleudern durch die Luft, als wollte er sie wegwerfen, die Arme, loswerden den schweren Körper. Mit der flachen Hand schlägt ihm die Moqadema auf den Rücken, holt ihn zurück, Kumpel, hier geblieben, es ist noch zu früh, er strampelt, zuckt, die Moqadema zupft sein Tuch zurecht und ich verstehe, sie begleitet ihn, er kann sich verlassen, verlässt sich, ein Rhythmenwechsel, die Jugendlichen zücken ihre Handys, der Bär fällt der Länge nach hintüber, den Jugendlichen vor die Füße, die seinen Sturz festgehalten haben mit der Videofunktion ihrer Handys. Die Moqadema schiebt ihren schweren Körper ins Bild, und sie schüttelt den Bär, bis er wieder bei sich ist.

 

Sidi Mimun ist da, der stärkste, der dunkelste, der gefährlichste der schwarzen Mluk, und ein dürrer Mann tritt vor Abdellah, saugt unter dem schwarzen Tuch den Rauch ein, auch er tanzt, wankt vor und zurück, und die Moqadema stützt ihn nicht, sie muss sich den Frauen zuwenden, die nun auf die Bühne streben, Mimun, der Schwarze, ist ein Verführer und die Fläche gehört den Frauen, immer mehr Frauen kommen, eine Blondgefärbte flüstert ihrer Freundin zu, sich wieder zu setzen, aber die Dunkle will zum Dunklen, die Blonde muss ihr wieder und wieder das Tuch überlegen, denn es fliegt weg vom fliegenden Haar, sie muss der immer hemmungsloser das Haar schleudernden einen Zopf binden, vergeblich natürlich, Haar und Kopf und Körper sind entfesselt und dann die Schreie, die heraufquellen, Schmerz, Lust, und ich schaue schamhaft weg, denn ich will nicht der sein, der dies finanziert, um sich daran zu weiden.

 

Nebeneinander zucken fünf Frauen, verschmelzen zu einem Zucken, dem Schlagen im Takt, dem Stampfen der Barfüße, das Haar fliegt, es hat keinen Sinn mehr, die Tücher immer neu zu drapieren, die Haare, die Köpfe, die Körper tun, was sie wollen, was der schwarze Mimun will, und was Mimun will, scheint mir glasklar: Doch wer wollte hier wen zur Verantwortung ziehen?

 

Ein abrupter Rhythmenwechsel. Ein Tänzer geht in die Knie. Die Moqadema hilft ihm wieder auf. Er tanzt weiter. Blau, die Farbe des Meeres und des Propheten Moses. Der erste Tänzer fällt um. Man trägt ihn ins Vorzimmer, besprenkelt ihn, bis er erwacht. Ein neues Lied. Eine neue Farbe. Rot. Sidi Hammou, der Schlachter. Die Moqadema hantiert im Tanz mit einem Schlachtermesser. Sticht es in Mund und Augenhöhlen. Schwer zu sehen, ob sie sich wirklich verletzt.

Grün, die Farbe des Propheten und seiner Nachkommen. Dann wieder Schwarz, die Farbe der „Leute“ des Waldes. Eigentliche sind es die Geister des Waldes, aber die wagt niemand beim Namen zu rufen. Die Rhythmen ziehen an.

 

Ich sehe Abdellahs zuckende Tochter, und ihre Mutter kann sie kaum noch halten, sie will fliegen, sehe zu Mustafa und sein Gesicht verrät seinen Unmut, er hat es von Anfang an gewusst, diese Begegnung, die er nur mir zuliebe arrangiert hat, ist verderbt. Aber jetzt kann er sie nicht mehr aufhalten, die Dunkle fällt ins Dunkel, die Blondgefärbte umfasst ihren bebenden Leib und zieht sie heraus. Die Moqadema besprenkelt sie mit Rosenwasser, dann muss sie zurück, denn kaum erwacht die Dunkle aus dem Dunkeln, schlägt auch schon die Blondgefärbte die Arme und Beine von sich, wirft den Kopf und kein Tuch in keiner Farbe bleibt auf ihrem Haar.

 

Erst brennt eine Kerze, dann ein ganzes Bündel, Mimun liebt die offene Flamme, liebt es, sich daran zu brennen und die Moqadema fährt sich mit dem brennenden Kerzenbündel unter den Armen entlang, unter dem Kinn, sie wäscht sich in Flammen und ihr Körper scheint erleuchtet in der Dunkelheit, ihr Gesicht leuchtet aus den Nasenhöhlen, das ist der Beweis, dass die Moqadema über göttliche Heilungskraft verfügt, über Baraka, den Segen, und sie bietet die Kerzen den Zuschauern an und die legen Abdellah Geldscheine zu Füßen. Alle geben und auch ich gebe und bekomme eine Kerze und mit ihr den Segen.

 

 

 

Die Frauen

 

 

 

Die Lichter werden gelöscht. Dies ist die Stunde der mächtigen, schönen Mluk mit dem hüftlangen Haar. Lala Malika. Ihre Ankunft versetzt das Publikum in Erregung. Und schon sind die Frauen auf der Bühne, nun, im Schutz der Nacht wilder noch und lauter ihre Schreie. Sie schleudern Köpfe und Glieder, niemand mehr verhüllt unter einem Tuch, Arme, Beine, Haar wirbelt durcheinander, ein orgiastisches Bild und ich sitze immer noch mit meinem Mikro da, als pflockte mich das Stativ am Boden fest, glotze und reiße mich vom Glotzen los, lasse die Augen in die Reihen der Zuschauer schweifen, sehe die „Inderin“, durchzuckt vom Schlagen der Kastagnetten, in immer neuen Wellen aufgepeitscht, sie fällt, liegt ausgestreckt am Boden, starr, beginnt sich zu spannen, das Kreuz überspannt, der ganze Körper ein gespannter Bogen, nur ein paar Sekunden, ihre Lider zucken. In der Trance ist sie bei Lala Aischa, jener Geistfrau, die ihr Leiden verursacht. Für eine Weile wird sie sie besänftigen. Wird sich Erleichterung verschaffen. Auf einmal wünsche ich mich in die Haut dieser Frau. Einmal dem eigenen Quälgeist begegnen, von Angesicht zu Angesicht, um mit ihm ein Stillhalteabkommen zu schließen.

Die „Inderin“ wird jetzt gerüttelt, bis sie erwacht. Sie rappelt sich auf. Geht, ohne sich noch umzusehen. Es ist fünf Uhr in der Früh. Die Zeremonie ist vorbei.

 

Mustafa und ich durchstreifen die leeren Gassen der Stadt. Die Steine atmen noch einmal, bevor tausend Füße über sie hinweg trampeln. In meinen Ohren rauscht es. Krakebs und Gembri, call and response. Erstaunlich, wie wach ich bin, ein wenig wie neu geboren. War am Ende auch mein „Mlouk“ unter den sieben gerufenen?

 

Wir folgen ein paar Fischern in eine Garküche. Zum Minztee serviert man uns Linsensuppe. Mustafa erzählt, dass keiner der traditionellen Gnawa-Meister in Essaouira, die mit Weltstars wie Cat Stevens, Bob Marley, Pat Metheny zusammengespielt haben, es je zu Wohlstand brachte. Ich frage nach dem Grund. Ziehen die Plattenkonzerne die Gnawa über den Tisch? Nein, sagt er. Es sind die Gnawa selbst. Sie sind zu sehr bei ihren Mluk.

 

Am nächsten Tag treffe ich Abdellah. Ich frage ihn, ob die Lila gelungen war. Naam, brummt er. Ja. Gelungen. Was war gelungen, will ich wissen. Dass die Betrunkenen wieder gegangen sind, sagt er.

 

 

 

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Biographie

 

Andreas Kirchgäßner wurde 1957 in Freiburg geboren. Nach Abitur und einer Landwirtschaftslehre, einer Umschulung zum Maschinenschlosser und zahlreichen Jobs in der Stahlindustrie, als Lagerarbeiter und LKW-Fahrer unternahm er von 1991-93 eine Reise quer durch Westafrika. Seit 1994 lebt er als freischaffender Autor in Merdingen. 1998 bekam er seinen ersten Drehbuchauftrag von der Stuttgarter Filmgalerie 451. 1999 wurde seine Filmkomödie Jobsharing von der Baden-württembergischen Filmförderung (MFG) gefördert. Seit 2001 bereist er Marokko und macht Beiträge über sufische Bruderschaften für WDR, SWR, Deutschlandradio, Hessischen Rundfunk, Saarländischen Rundfunk. Seit 2004 ist er Trainer beim Drehbuchcamp der ARD-ZDF-Medienakademie (Freiburg, Frankfurt) für Scriptentwicklung. Er schreibt Romane, Jugendromane, Erstlesebücher, Hörspiele, Feature und Zeitungsessays über Afrika. Er leitet Textwerkstätten und berät Autoren dramaturgisch.

 

Werke:

 

Romane:

Zeitverlust, demand verlag, 2002

Anazarah (Jugendroman Horlemann 2010)

 

Hörspiele / Feature (Auswahl):

Job-Sharing (SWR4)

Malaria-Drums (SWR2)

Die Erben Sidi Bilals (Feature HR2)

Der Preis des Perlhuhns (SWR2)

Die sieben Farben der Nacht, Faiz Ali Faiz, Aissawa-Trance, Jazz-Racines-Haiti, Nass El Ghiwane, „N’neka – Marokko meets Nigeria“, Coincidence (alles WDR3)

Oumou Sangaré, „Wiedersehen in Essaouira“ und  „Tamburi Mundi – Der Klang des Fremden“, „Das Haus des Abderrahmane Paco“ (alles SWR2).

 

Drehbücher (Auswahl):

Jobsharing

„Marie-Sophie“ mit Ariane Mayer für den gleichnamigen Spielfilm

 

Erstlesebücher:

Das alte Haus, Ars Editions, 2001

Ein Kaninchen stiftet Chaos, Ars Editions, 2002

Donnerwetter, Wikinger! Ars Editions, 2003

Fussball-Freunde, Ars Editions, 2004

Das geheime Hexenfest, Ars Editions, 2006

Hexe Mini, Wendemini (2007)

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