André Schinkel

 

 

 

(Deutschland)

 

 

Heldenbank. Eine Geschichte aus unserer Zeit

 

         1

 

Die Tote lag am Westufer des Bernsteinsees, im weitläufigen Areal zwischen dem Bitterfelder Hafen und der blauen Bank zu Ehren der Fluthelfer, die in einem frühen Sommer des neuen Jahrhunderts, unter der läßlichen Aufsicht des Betroffenheitspacks, das Schlimmste verhindert hatten. Ihnen zum Dank war das für den Landstrich so ungewöhnliche wie zweckmäßige Denkmal errichtet worden; ihre Namen konnte man zu Tausenden auf den kleinen Plaketten auf den Holmen der Bank lesen.

 

Es waren die Wochen des kleinen Aufbäumens eines alten Bergleutestolzes gewesen, lange in Alkohol und Schweigen konserviert und in den Sportclubs kultiviert in der Hoffnung, es mögen reichere Zeiten kommen.

 

Aber so war es nicht – stattdessen hatte man die ‚Organe‘ zu informieren, und das Streunen der Schaulustigen wogte und brach einfach nicht ab: zu selten noch war hier etwas los, in den dürren, kargen Schonungen einer wackligen Aussicht, die der Wechsel vom Stampfen und Dröhnen der Industrieen zur Verheißung, dem Idyll einer Rückkehr ins Naturgemachte, in den flatternden Köpfen ausgelöst hatte.

Viele hatten sich – schleichend und lauernd – an den Ruch der Verzweiflung gewöhnt, aber es schlief die Begierde darunter, daß ein Aufbruch in eine Ferne, wie sie die geflutete Goitzsche vorgaukelte, jederzeit vonstatten gehen könne; auf Gedeih und Verderb, ohne Rückblick, und mit großen Schritten hinfort.

 

Wem das nicht gelang, der blieb und harrte, und er hielt sich mit Ausflügen in die nun frei gegebenen ehemaligen Sperrgebiete redlich, fütterte Ponys, mähte zu Hause den Rasen und lauschte dem Rauschen der Fernverkehrsstraße, die das Leuchten und Duften in die anderen Städte brachte, deren Bewohner sich über den Namen des gefallenen Städtchens mokierten – und nicht einen einzigen Tag in ihm verbracht hatten.

 

Aber das war den Hiesigen inzwischen gleich, und beinahe schien es, als würden sie die Hin- und Herwendungen ihres Schicksals ertragen. Doch nun lag eine Tote im Schilf des Westufers der Goitzsche, und auch die letzte Hoffnung, so schien es, war mit dem Ausbruch jener ungezügelten, schamfreien Schaulust dahin.

 

 

         2

 

Im Lauf der Jahre hatte es die Heldenbank auf die stattliche Länge von mehreren hundert Metern gebracht, und noch immer trudelten die Meldungen wirklicher und selbsternannter Fluthelfer ein. Die brachliegenden Chemiebetriebe am Nordrand der Stadt waren aus ihrem Dornröschenschlaf unter dem wehenden Mantel der Geschichte erwacht und nahmen wieder verhalten ihre Arbeit auf. Um das noch zu begründende Image als Garten- und Wasserstadt besorgt, nahm die Administration des Städtchens das mit einem Gemisch aus Erleichterung und Mißtrauen hin – wie die Heimkehr des Retters, der das Chaos, das er nun zu ordnen und zu bekämpfen vorgab, erst ausgelöst hatte.

 

Die Alten des Landstrichs – sie wurden hier erstaunlicherweise viel älter als anderswo: wenn sie die Sechzig überwunden hatten, fürchteten sie die Neunzig nicht mehr – hockten in ihren Pensionen und löffelten den Papps, den man ihnen hinstellte. Vor Zeiten, murmelten sie, hatte es hier noch wirkliche, uralte, sächsische und anhaltinische, Gerichte gegeben: Kartoffeln mit Kümmel und Pilzen, den gefürchteten Milchreis Dessauer Art darunter, jene absonderliche Süßspeise mit dem Pfiff knall-würziger Knackwurst, die man dazu reichte, in deren Öl das Ganze: Reis, Wurst, Zucker und Zimt, ersäuft lag.

 

Heute allerdings war es keinem wichtig, woran es den Bitterfelder Methusalems fehlte – ein ganzer Polizeistab schlängelte sich dafür am Fritz-Heinrich-Stadion vorbei, war schließlich gezwungen, die letzten Meter durch das halbwüste Gelände zum Ufer des Bernsteinsees hinab tatsächlich zu Fuß zu bezwingen und an der blauen Linie der Bank entlang den Fundort, nicht ohne eine Truppe Schaulustiger hinter die Absperrung treiben zu müssen, zu erreichen. Der See blinkte in der frühen Sonne, und in seiner Ruhe glich er einer Kaltwasserlagune; von der linken Wasserseite her strömte der Landstraßenlärm über die Wellen, im Hafen legte ein Boot ab, die Möwen sicherten von der Schilfseite her.

 

Wer die Sache gemeldet habe, schnauzte der zuständige Hauptkommissar und dröhnte am Ufer herum, wie lange sie tot sei, wo sein Kaffee bleibe, der lange bestellt sei, wer von den Fundzeugen schon brauch- und vernehmbar sei. Die Spurensicherung eilte, die Zeugenschaft stotterte ihren Sermon, der Kommissar, übernächtigt, verlor sich in Gebrumm, übler Laune, scheuchte seinen Assistentenpulk durchs Gelände.

 

Am Abend, als die Sperrzone geräumt war, schien die Ruhe des Gewässers die Stelle, an der man den leblosen Leib gefunden hatte, wieder zu umfangen: die Horden der Mücken stellten sich wieder ein: wie am Vorabend, konnte man meinen, wenn man dabei gewesen wäre. Der Mond zog ein wenig voller von Osten herauf, das Singen und Fabulieren hatten die Sprosser von den Grasmücken und Finken übernommen – ihr die Nacht einnehmendes Klagen stand dem der südlicheren Nachtigallen kaum nach.

 

Ein paar wilde Katzen schnürten gen Stadt, um die Papierkörbe zu erforschen, einige Eulen liebten sich verhalten im Schatten des äußersten Ausläufers der Fluthelferbank, und in der Saarstraße prügelten sich drei Betrunkene nachtlagerreif.

 

 

         3

 

Es handelte sich um die Leiche eines sächsischen Mädchens, wie man alsbald herausfand, einer jungen Frau vielmehr, denn sie hatte bereits Kinder geboren und eine Familie gegründet, so daß man anfangs nicht so recht wußte, wie es sie von einem Katastrophengebiet – dem Südleipziger Revier – ins andere verschlagen haben könnte.

 

Es war ein Sonnabendmorgen, an dem ein paar unerschütterliche Jogger und Hundeführer sie fanden: sie lag, die Beine halb ins Wasser gestreckt, verdreht zwischen dem Rohr, in dem die Hänflinge und Sänger einen Lärm veranstalteten, als seien sie es gewesen, die sie entdeckt hätten, nicht der strebsame Setterrüde eines Lehrerpaars, der sich aus Jagdlust zwischen den Halmen der Schilfkolben verlor.

 

Ihren Wagen hatte man schnell oberhalb des Zugangs zum See, am Stadion, ausgemacht; auf einer der Seitentrassen, die früher in den Tagebau, das gesperrte Gebiet der Restlöcher und Halden, führten: ein kleiner blaßgrüner Zweitürer mit abgefahrenen Reifen, falb und leicht in die Böschung geneigt, ohne besonderes Merkmal.

 

Für die Zuordnung des Wagens hatte es nur ein paar Stunden und der Aufmerksamkeit einiger Freizeitdetektive bedurft – im Handschuhfach fand man den Führerschein des Mädchens, im übrigen Innern des Fahrzeugs Papiere, Kondome und Geld; fünf Bernsteine, zwei Bücher; ein Stück Mooreichenholz, halb zerbröckelt.

 

Die Tage verstrichen in einer Art, daß sie den Launen des überarbeiteten Hauptkommissars hätten entsprungen sein können. Der Abraum der Zweifel lastete fahl in der Luft, und in den Köpfen derer, die das Gesehene und Gehörte in reißerische Gerüchte zu verwandeln hatten, schwollen die Phantasieleistungen auf ein Maximum an, so daß die Kunde vom Tode der Frau bis in die benachbarten Großstädte drang. Skateboarder und Mountainbiker, die den See seit Jahr und Tag auf die jeweils schnellste Weise zu umrunden suchten, hielten an der von der Polizei durchkämmten Unglückstätte ein ums andere Mal an und ergingen sich in den dunklen Visionen, wie es soweit hatte kommen können. Der Tod in der Stadt – das war, nach Leid und immer wieder befeuerter Hoffnung, eine neue Erfahrung und ein Grund, die Familie des Opfers zu bedauern, auch wenn sie eine aushäusige war. Pläne einer Lynchjustiz schwelten, wenn es den zuständigen ‚Organen‘ nicht bald gelingen möge, für Ordnung zu sorgen, so war man sich einig, würde man das selbst in die Hand nehmen müssen. Die Wut und der Ärger verebbten erst, wenn an den Abenden das Flackern der Fernseher in den Häusern begann – niemand bemerkte, wie sich mit Einbruch der Dunkelheit aus dem angrenzenden Wald, der auf der Sandhalde des ehemaligen Tagebaus entstanden war, eine behende Gestalt der blauen Bank näherte und auf ihr in der Dämmerung saß.

 

Und währenddessen hockten die Alten in ihren Aufenthaltsräumen in den Pensionen der Stadt verteilt, löffelten Papps und gedachten ihrer guten alten, sächsischen oder anhaltinischen – sie wußten es nicht mehr genau – Küche im Mondschein. Denn der Mond hatte sich mittlerweile zu voller Größe bequemt, seit zwei Nächten hing er wie ein strahlendes Flutlicht über dem schweigenden Lau des Bernsteinmeers und leuchtete die Stelle im Schilf, von der man bald ahnte, daß sie ein Tatort sein müsse, ungerührt aus.   

        

 

         4

 

Laut Obduktion konnte die Frau in der Folge von Tritten oder Schlägen gestorben sein, aber die Forensiker waren nicht sicher, was wiederum zu einigen neuerlichen Unmutsbekundungen des Hauptkommissars führte. Namentlich eine Knochenabsplitterung unterhalb ihres Schädels gab ihnen Rätsel auf – sie fand im äußeren Zustand kaum eine Entsprechung. Eher schien es, als habe man das Opfer eines Unfalls vor sich denn eines Gewaltverbrechens. Aber wo sollte sie am Ufer des Sees derartig verunglückt sein.

 

Es wurde zum rätselhaftesten Fall der Saison in der Gegend. Das Murren der Öffentlichkeit setzte den Nerven des Hauptkommissars zu, aber noch mehr wurmte ihn die völlige Sinnferne und Indizienlosigkeit der Geschichte. Man hatte, außer dem Kollaps für eine Familie südlich von Leipzig, nicht viel zu verkünden gehabt. Die Ermittlungen zogen sich hin, die wenigen Spuren verloren sich zusehends ins Vage.

 

Es war zum Verzweifeln. Aber man konnte die Sache nicht zu den Akten legen, bevor nicht wenigstens die Umstände ihres Todes geklärt worden waren. Die Kondome im Wagen taten ihr Übriges, den Verdacht einer Beziehungsgeschichte nicht ausräumen zu können. Auf der Legende strich der Kommissar eine Spur nach der andern, er unterzog den Mann des Opfers einer peinlichen Befragung und erntete doch nur Weniges: Entsetzen und Ahnungslosigkeit. Zeitweise schien er einer in seinem Hirn zurechtgelegten Lösung ganz nah, ums Haar hätte er mit dem Segen des Staatsanwalts den Witwer verhaftet – er hatte sich bald in Gestammel und Gelächter verstrickt und ihr in den Tod nachgerufen, was für eine Hure sie sei, daß sie ihn mit den Kindern sitzenließe. Allein, es fehlte der entscheidende Hinweis: sein geprüftes Alibi war die eigene Hurerei, und es war nicht erkauft.

 

Der Kommissar tobte, aber es nützte ihm nichts. Der Rapport vor den übergeordneten Rängen wurde für ihn zur Tortur, die Laune im Ermittlungsbüro lag am Boden. Die Spurensicherung werkelte fiebrig, verwertbare Resultate zu bringen.

 

Mit der unmöglichen Liebe aber ist es wie mit dem Willen zum Sieg – man kann sie nicht herausfordern, ohne ein Opfer zu bedenken. Gleichwohl, ob das Opfer in der Kühlabteilung lag oder sich in den Nächten am Unglücksort rumtrieb: es war Klarheit über seinen Zustand zu errringen. In der Weise, wie sich der Mob nun in den Zeitungen austobte, hatte sich ein Verhängnis über das Schicksal der Toten gelegt; und der Grund dieses Fatums konnte nur in der Tiefe der menschlichen Tragödie zu finden sein, die in jedem Fall, den das Kommissariat ins Archiv gebracht hatte, früher oder später aufschien. Es gab Bücher dafür, und für nahezu jeden Beweggrund, der zum Tod eines Menschen führte, gab es eine triftigere Perversion als die Liebe. Aber die Menschen, das wußte der Hauptkommissar, waren nur einfach gestrickt, und weniges lag ihnen so fern wie die Tiefe.

 

In den Träumen der Alten quackerte indes der Milchreis, mit fetten Würsten verbrämt, und: mit dem Bratenöl einer fernen Verheißung beschickt. Die Sonne ging auf und ging unter über dem Stadion. Der Mond schickte sich an, schlanker zu werden. Das Schilf sang. Der Fall blieb noch ungelöst. Und in den Halden hockte die Angst.

 

 

         5

 

„Es geht nicht“, hatte sie ihm geschrieben, als ihr die Furcht die Luft zum Atmen nahm: „Es geht nicht, Geliebter, ich werde Dich nicht vergessen.“ Zuvor hatte sie seine Briefe verbrannt, entschlossen, dem Mann treu zu bleiben, an den sie sich, weil er der Vater ihrer Kinder war, gebunden fühlte. Eine Lebensentscheidung.

Wohl war ihr nicht dabei, aber das war ihr schon lange nicht mehr. Die Avancen Kasulkes, des scheuen Mannes, den sie in einem der weit gestreuten Metropölchen getroffen, in den sie sich sofort verliebt hatte, mußte sie beantworten – und es erschien ihr wie das Erwachen aus langer Umnachtung, wie ein unstillbarer Reiz.

Dieser Reiz war es auch, der bewirkte, daß aus dem Gedankenspiel, mit dem vorsichtigen, dem tastenden Geständnis Kasulkes schlagartig Ernst wurde; ein berückender Ernst, in dem man sich bewußt zu werden hatte, daß die lauernde Vertrocknung auf lange herausgezögert war und zugleich alles schreckhaft verändert. Nächtelang hatten sie sich auf der blauen Bank herumgedrückt, betört und ratlos zugleich, und in das Treiben des Dunkels gestarrt, sich ihrer Düfte versichert und versucht, zur Vernunft zu kommen, ein Ende zu finden, was immer, und gründlich, mißlang. Nächtelang hatten sie sich umschlungen gehalten und hatten doch immer sich zu ihren Kindern gewandt, waren in ihre zerstörten Ehen gekehrt, das gezackte Band der Kassiopeia über dem Herzen, in der rauschenden Nacht; immer das elende Ende der Treffen vor Augen, die Wendung derselben vom Ruch des gefährlichen Tändelns zurück in das Spiel, das die Engführung des Zivilisierten vorgab.

 

„Es geht nicht“, das hatte sie schon auf der Bank zu ihm gesagt, unter Tränen, wie ihm schien oder wie er es sich wünschte. Sie saß, die Silhouette verspannt, aber von der Richtigkeit ihres Entschlusses überzeugt. Er, Kasulke, wußte nun, daß sie in ihr Südleipziger Katastrophen-Revier zurückkehren würde; es war der Gedanke, mit dem er sich lange ängstlich getragen hatte – nun hatte er ihn in völlige Hilflosigkeit versetzt.

 

Es geht nicht – nichts anderes als diesen Satz hatte er von ihr erwarten können, und doch traf er ihn wie der buchstäbliche Hieb mit der Machete. Zerplatzt und sinnlos, vergoren der Papps seiner Hoffnung, zerstört jeder Blick in das Wurmloch, das man das Künftige nennt; keine, und noch so fadenscheinige, Aussicht für eine Hockwende ins Glück. Es geht nicht – das war das Signal für den Rückweg ins zerstörte Areal zweier frostiger Ehen, eine Sache, die Kasulke bei aller Schwierigkeit schon abgehakt glaubte. Sie konnte nicht umhin, ihn zum Abschied zu küssen, und er strich ihr verzagt über die Brauen.

 

Diese Bank, das Zeichen ihrer heimlichen Liebe, der Blick über das Wasser, das sich bis zum Pegelturm hinzog –  alles hatte mit der Drehung einer Sekunde die Bedeutung verloren. ‚Das Verheißene in den Orkus gekippt‘, dachte er. Und: ‚Alles umsonst.‘

 

 

         6

 

Nach und nach klarte es auf im Kopf des Herrn Hauptkommissars. Die Spurensicherung hatte wider Erwarten gute Arbeit geleistet. Der Erfolg einer heißen Fährte, heißer als alle je in den Wochen der Ermittlung verfolgten, konnte zur Freude der Staatsanwaltschaft bald gemeldet werden. Über die Details schwieg man sich noch aus, aber mit dem Haldenwald, der sich bis zum Südende des Bernsteinsees hinzog, und daß sich dort die Lösung versteckt halten könnte, hatte bisher keiner der Beamter gerechnet.

 

Wie es in der Forscherdivision der ehrwürdigen Archäologie eine Reihe Ehrenamtlicher gibt, so hatte augenscheinlich auch die Polizeiarbeit, zumal, wenn sie in der Öffentlichkeit nicht sonderlich treffsicher schien, von der Zuarbeit einiger Aufmerksamer und Uneigennütziger zu profitieren; und so kam es, daß vor allem aufgrund einiger Hinweise aus der Bevölkerung der Abweg ins Dickicht sich als fruchtbar erwies.

 

Schnell waren die schon abberufenen Beobachtungsposten wiedererrichtet, und die Ferngläser zerstachen die Nacht. Der Mond war zur Hälfte gemagert und vollzog in den Wolken einen bauchigen Bogen gen Westen, dem Horizontstreifen zu, an dem sich die Essen der aus den Ruinen geschasster Administrationen gestampften neuen Werke in trügerischer Einhelligkeit verteilten und sich schon den Boden neideten.

 

Bald würde der Verkehr auf der Landstraße aufbranden und bis in die Dämmerung schwellen; und über dem Pegelturm schliche graurot ein Morgen herbei: das, so war es dem Kommissar, könne endlich die Stunde des Zugriffs sein.

 

Guter Dinge war er nun, der Herr Kommissar, und die Herren Sprosser sangen ihr Klaglied im Schilf in der Erwartung, ihr Amt an die Rohrsänger und Meisen zu übergeben. Bald würde es, unter der Obacht der Goitzschewächter, wieder Ruhe geben am Bernsteinsee, die gute, alte, die selige Stagnation, und so sollte es bleiben fortan.

 

Gleichwohl: man müsse die Erfolge feiern, wie sie kommen. ‚Vom Unglück erschlagen‘ – der Ermittler summte sich eins, darüber dräute der Stillstand wie je; die Mooreichen tickten, und im Knackwurstrauch rauschten die Bitterfelder Ulmenwälder der Zukunft; denn so sollte es sein; und in einiger Entfernung, auf der Heldenbank über dem Ufer, hockte ein unglücklicher Verbrecher, ein Mensch, zum baldigen Zugriff bereit.

 

 

         7

 

Kasulke saß auf der Bank und drehte den Brief in den Händen. Wieder und wieder hatte er ihr geschrieben, sie beschworen und von Vernunft geredet, obwohl er längst wußte, daß es für ihn und jeden Gedanken an die Vernunft längst zu spät war. Später hatte er den Liebreiz ihrer Blicke, die Schönheit ihres Leibs besungen, den Schwung ihres Munds als große Entdeckung gefeiert, wohl ahnend, das sei die Verliebtheit.

 

Lange gab sie ihm Antwort darauf; ihr Entgegenkommen schmeichelte ihm, zerstreute sein schlechtes Gewissen, die Bedenken. Jetzt hielt er ihren letzten Brief in den Händen, der nun, das wußte er seit einigen Tagen, ohne Absender war. Er wußte alles und wußte es nicht. Nun, da die Türen verschlossen waren, blieb ihm kein Weg.

Dieses Leben, es ekelte ihn an, so, wie ihn der anhaltinische Milchreis anekelte, mit dem ihn die Großmutter einst vollgestopft hatte. ‚Coup de foudre‘, dachte er und zog das Papier aus dem Umschlag. ‚Amour fou – was für ein Blödsinn!‘

 

Zärtlich drehte er das Blatt in den Händen, in der selben Folge der Bewegung, mit der er ihr noch vor zehn Tagen durch das duftende, kurze, gesträhnte Haar gestrichen hatte. Ihre Blicke, ihr Duft und ihr Lachen, das war es, was ihn zu ihr hinzog; ihre Blicke, ihr Duft, das hatte ihn bald überrollt. Ihr Lachen – eine Zeitlang erschien es ihm göttlich nach den schrecklichen Jahren, die nun verloren waren wie Aussicht auf etwas Besseres, das man, und vor dem Tod allemal, zu finden gedachte. Er dachte an das Schrecknis der Ehe, das er zu führen hatte, von dem er sich längst abgelöst hatte. Gedachte der Pein, die ihm dieses Abwenden bereitet hatte: in der Erkenntnis, daß sie dieses Abwenden nicht hatte vollziehen können. Es geht nicht – es hatte ihn wortlos gemacht, und unter dieser Reglosigkeit hatte sich allerdings schon die Wut angestaut … Als er zu sich kam, war sie nicht mehr bei ihm. Er saß am nördlichen Ende der Bank, die so vielen Beherzten als Denkort und Erinnerungsmal galt, unfähig, zu denken; die Nacht von den Sprossern zerfetzt, von fern das Straßengeräusch. ‚Anhaltinischer Milchreis!‘, fauchte es in ihm, und: ‚Wie Du ihn haßtest!‘ So einfach war das. – Bücher und Bernsteine hatte er ihr geschenkt, und um das Letztgültige sich nicht zu bitten getraut … aber nun das. Zurückweichend mußte sie über die Holme der Bank gestürzt sein … aber er wußte es nicht mehr. Er wußte es nicht. Als er sie später im Schilf liegen sah, war er in die Wälder getürmt. Nichts würde so sein wie an den Tagen zuvor.

 

Seit letzter Nacht beobachteten sie ihn. Ihn wunderte, daß sie ihm nicht schon längst auf den Schritt gekommen waren. Vielleicht war es die Gnadenfrist für die Unverfrorenheit, sagte er sich, seines Versteckspiels gewesen. Aber nun hatte er genug, sagte er sich. Ohne zu wissen, was wirklich passiert war, nahm er die Schuld an, mit der Vision ihres Dufts in Gedanken, der nicht für ihn gemacht war. Er würde sich stellen … 

 

Es war die Sekunde seiner Verhaftung. In der Luft hing das Kichern der Alten – sie hatten es immer gewußt. Aber sie fragte ja keiner. Die Stadt lag, in der Rest-Nacht, ein irisierendes Leuchten, die geträumten Kraftwerke dröhnten quer über die geflutete Goitzsche, über der nun zaghaft ein fadenscheiniger Neumond abzog. Der Spiegel des Sees, schimmernd, im letzten Nachtvogelgeräusch: die Hoffnung des Landstrichs. Am nächsten Tag würde es in allen Zeitungen, in allen Katastrophengebieten, stehen – das war die Aussicht, die dem Herrn Kommissar jetzt ein selbstherrliches Feixen entlockte.

 

 

Zwischenspiel

 

Hier ist es endlich still. Die Dinge schweben über ihren verlassenen Schatten. Das Schweigen repariert die Trommelfelle, vergilbt über dem Kopf zu einer höheren Stille. Der Pfeilschaft in der Schulter, noch eben ein rasender Schmerz, blinkt jetzt und blakt wie ein ehernes Talglicht, dem sich nun die Luftzufuhr Stück für Stück in die Leere entzieht. Du schwebst, wie die Dinge betrachtest du deinen Schatten, eine unförmige, doch inzwischen schwerelose Furchung dein Leib, die Arme streng gewinkelt mit dem knirschenden Geräusch deines vertrocknenden Fleischs. Du schwebst und liegst zugleich noch in den Bergen, wo ich dich traf, mit Blicken zunächst, die nicht ausreichten dann – dein Körper gelinde gedreht in einer pudrigen Wüste aus Schnee, und das schartige Gefieder der Vögel dreht sich, ohne dich noch zu erreichen, ebenso schweigend und still in der Nähe. Jetzt erst siehst du die zerhackten, zerschnittenen Ballen der Hand – wie sie dir auf deiner überstürzten wie sinnlosen Flucht nicht auffallen konnten, zieht sich jetzt der Schmerz aus ihnen zurück, läuft an den sich verkrümmenden Sehnen entlang, verschwindet in der verkümmernden Dattel deines Körpers … wo du die letzte Mahlzeit noch fühlst … jetzt, jetzt, schwächer werdend, jetzt nicht mehr, nun hast du sie vergessen und spürst dem Verschwinden deines Beingefühls nach, während du dich, in stiller Rotunde, um dich selbst drehst, ein schwindender Schatten dein Leib … das Schweigen repariert die Trommelfelle, und das weise Knistern des Abschieds erreicht, überrollt dich mit Wärme. Es ist das einzige Geräusch und das Tröstlichste, was dir deine vertrocknenden und zugleich gesundenden Ohren jetzt bieten. Nun bist du erleichtert, drehst in der Rotunde auf dem Gebirg’, das dein verlorener Glaube ist, an alles, die Sühne, den Geist deines Tuns. Der Gedanke ans Licht heißt: das Nachlassen des Schmerzes. Er steht auf dir und leuchtet, betrachtet dich wie den Schatten seines eigenen Leibs. Ein Fluß von Strahlen wie Hände auf dir, ein Leuchten, ein Irrlicht, eine frohe Verheißung. Keine Pein mehr in den Gliedern … wie beim letzten Schritt, als dich der Blick und der Pfeil traf. Nur Stille. Die Séance der Erlösung, wie sie über dir, unter dir, Schatten deines Leibs, und inmitten dir schwebt. Das Blinken des Pfeilschafts erloschen, das Rumoren der Spitze im Fleischsaum der Schulter verstummt. Das Klirren der Waffen und Schnäbel entfernt. Die gurgelnde Mahlzeit im sich verbiegenden Leib das vergessene Pfand für das Andere, das, denkst du, ohne zu wissen (oder denkt dich der Strahl des Gedankens?) … das dich nach dem Durchschreiten der Stille erreicht. Aber noch drehst du dich in der Rotunde aus Schweigen und Licht, und nimmst schwindend wahr, und auch die Dinge verschwinden um dich, reiten durch die schwindende Luft in den Schutz der schwindenden Mauern aus Fels, drehn ihre Runden hinter einem gleißenden Spalier aus Graten und Licht … und gehn dir vergessen: wie du sie vergißt und dich und alles in diesem stummen, kaum rauschenden Inferno des nachlassenden Schmerzes, der, ein guter Gedanke, dem alles verschluckenden, dem Ablicht zutreibt, das hinter der Stille, der Erlösung des nachlassenden Schmerzes, beginnt und dich in eine noch viel unendlichere Stille, und den Schatten deines Leibs, endlich befreit. Gelinde dreht sich das Schweigen. Die Schatten schweben über den verlassenen Dingen.

 

 

Dreizehntes Nachtstück

 

Die Flugzeuge starten im Hirn des Akrobaten, sagst du und weißt nicht, was das heißt, was du eigentlich sagst. Gelbes Gelächter geht dem voraus, oder nach, du weißt es nicht so genau. In den Uteren räudiger Büffel reifen die Leiber der Föten der Offiziellen, die uns, glaubst du, einst das Leben bestimmen. Eine riesige Leber wächst dir zwischen den Beinen, anstelle des Fruchtfleischs, das, so wolltest du hoffen, den Glanz neuer Herzen erregt. Aus den eiternden Warzen ruft dich der Gott. Die Lager voller Mumien und Wasserleichen, Landwehrkanäle … rasselnde Gehölze, das welke Gesträuch der Erschöpfung. Wieder Erschöpfung. Als hättest du dich nicht genug in Erschöpfung ergangen. Die silbernen Rauten, sagst du, schmulen nach dem goldenen Zeitalterdreieck, nach der Ewigkeit, sagst du verbissen, und reibst dich auf zwischen den beträchtlichen Mühen, die dein Daseinspfand sind, ledern und karg, lichtlos, verweht. Das Dasein, überhaupt, grummelt es in dir, wer legt das schon fest. Die Leiber der Föten der Offziellen, sagt es in dir, aber das ist lange noch hin … so täuschst du dich selbst. Dein Leben sind wirre Sätze, ein wirres Zeug ist dein Atem, das weißt du und änderst es nicht. Tellurische Pfähle, hin- und herrammelnd im Fleisch deiner Gedanken, auf der Suche nach einer erdigen Erfüllung, stockend und stotternd, von der Bewegung besessen, nach einem so vorläufigen wie undenkbaren Ziel. Wind auf den Sehnen deines verdorrenden Leibs … der Seim, driftend im Blocksatz ans Ende der Seiten, weiße Lettern auf braunschwarzem Schlamm, dein Codex gigas, von lachenden Teufeln beherrscht. Das, sagst du, ist deine Crux, ist deine Strafe: eingemauert ins eigene Fleisch sein und schreiben müssen, die blutenden Glieder der Finger dein Kiel, auf der schwärenden Haut deines Albs, wo die Bücher aufhörn zu lagern, und eine Luft beginnt, die die Worte abschneidet, ein unendliches Ödland beginnt, wo du von den Zugriffen der Unerreichbaren bedroht wirst. Und du selbst bist es, der den Saum der Bücher bestimmt … der Bibliothekar deines eigenen Unglücks, die Gesänge im Argen … das Röhren der durstenden Kamele in den Wüsteneien der Aussicht … die heillose Vertrocknung in der Königinnen-Dattel, die aus dem Brustpanzer eines der Buchleiber schielt … die Liebe, raunst du, aber da verhältst du, versagt dir die Stimme. Die Automaten des Zweifels, wassernd und gründelnd am Wehr, nächtelang hinter den Rippen. Bis ihnen der Balg reißt vor Erwartung. Und über den Norden abtreibt, wie immer nach Norden, aber das weißt du, und du planst es schon ein. Du sitzt und schreibst … und gehst in den Bergen zugleich, durch die Täler, wo die Mythen schlafen, das Mythenwalhalla deiner geborstenen Träume; das Pergament knirscht, die Teufel beobachten dich, und der häßlichste unter ihnen sitzt dir, so glaubst du, im Kopf, die Zähne und Krallen bereit. Dagegen, hoffst du, schreibst du nun an, durcheilst die Schluchten zwischen den Steilwänden der Worte, setzt Striche und Punkte, wo der lederne Gletscher deiner Schreibunterlage beginnt … Umschiffst, umgehst die Menhire der ewigen Zweifel, aus denen du endlich heraustrittst, vom Licht der Dämonenaugen geblendet, von den schleichenden Horden der Aasvögel verfolgt, ein gefiederter Styx, geduldig und lauernd. Sonne und Kälte, sibirischer Frost. Die Flugzeugwracks in den Lüften, eingemauert wie du. Sattelrobben und Lummen, in den Träumen, gefällt, erschlagen, zerweidet; die Vision eines Küstengebirges … aber das ist nur dein Wasserkrug, neben der frischgezogenen Mauer, kläglich, ein irdenes, tellurisches Türmchen neben der verlöschenden Funzel aus Talg und Teufelskrallenextrakt. Bären, halluziniert, über die Grenzen hängend – zwischen dem Buch, das du schreibst, und dem Abgrund am Ende der Täler, das gähnende Tal der Erlösung, weißt du, von dem dich das Lanzengewirr deiner Pflichten abhält, solange der letzte Psalm nicht in die Haut, die deine Schuld trägt, gemeißelt, geschabt und in den Ablaß gegeben … solange die Schuld nicht in die Buße verlegt ist. Du sitzt und schreibst, und gehst in den Bergen zugleich; in den Wänsten der Büffel reifen die Föten der Leiber der Offziellen; du gehst und echolalierst es dir nach, gelbes Gelächter voraus, die Morgana einer nicht benennbaren Erfüllung. Du sitzt und schreibst die letzte Minuskel, die deine Erlösung, dein Ablaß sein soll … mit sicherer, versteinerter Hand das falbe Sela. Der Wind weht, die Wände des Fleischs zerbrochen in Nichts, die Berge im kristallenen Licht. Dort bist du, und ich sehe zu dir herüber, aber ich hüte mich, auch nur einen Ton von mir geben, in Angst, du könntest mich aufspürn … entdecken … und in dein verwirrtes, befreites Treiben hineinziehn. Die Augen fixiert, die Krallen ruhen, gewarnt, in ihren Scheiden. Du hast das Buch unter der Achsel, deinen steinschweren Nimbus. Du hast es, im Glauben an deinen einzigen Gott, doch nur für mich geschrieben, meine Bibliothek in den Lüften, die dich schon, und regalweise, ein scharfkantiger Grat über den Schätzen, auf den oberen Talhängen streift. Der Bogen des Winds geht und streicht dir über den Körper, mit herrschsüchtigen Zähren. Ich schweige, du gehst; fliegen willst du, mit dem Buch in den Armen, aber die Erde zieht dich und zieht dich wieder zurück an den Saum. Das Buch der Bücher, dein Pfand für das Leben … Staub, Wachs – das Kolophonium auf der Saite deines vertrockneten Leibs, der glasige, muschelige Bruch deiner Erregung. Ich sehe dich in den Bergen. Du bist verloren wie ich … aber du weißt nichts davon. Mir jedoch reicht es und genügt für den Schuß. Den Abschuß. Zerschuß. Die Sehne spannt sich, fliegt über den Abgrund zu dir. Aus den eiternden Warzen ruft dich der Gott, sagst du, eine riesige Leber zwischen den Beinen. Die Lager, Landwehrkanäle voller Leichen und Mumien, denkst du, aber du sagst es nicht mehr. Du sackst getroffen zusammen. Die Vögel schießen, vom Sirren des Pfeilschafts erschrocken, in die Höhe und stürzen sich auf dich. Du wehrst dich, dein Arm taucht wieder und wieder, zwischen den Bälgen der Aasvögel, auf. Aber es sind zu viele auf dir. Sie überwältigen dich schließlich, dein Arm sinkt winkend herüber … zweifelnd und fern, blaß und unausgeräumt. Sie hacken dir die Augäpfel aus. Die Schwänze der Bestien gehn dir eisern durchs Fleisch. Dem folgt Vierzehngeschrei.

 

 

 

 

 

 

 

 

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André Schinkel, *27. April 1972 im sächsischen Eilenburg. Er wuchs in Bad Düben und Holzweißig bei Bitterfeld auf und lebt seit seiner Lehrzeit in Halle (Saale). In seinem Studium der Germanistik und Archäologie beschäftigte er sich mit der Literatur der Neuzeit sowie den meso- und neolithischen Kulturen Mitteleuropas. Er debütierte 1994 mit dem Gedichtband „durch ödland nachts“, dem folgten bis heute weitere 16 Bücher. Er arbeitet als Autor, Gutachter und Redakteur, für seine Gedichte, Erzählungen und Essays wurde er mit dem Georg-Kaiser-Förderpreis und dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis für Lyrik (aus der Hand von Wolf Biermann) ausgezeichnet. Er war hallescher Stadtschreiber, Stadtschreiber der Burgstadt Ranis und ist Mitglied des P.E.N.

 

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