Alida Bremer

 

Alida BremerFoto: Ali El Baya

 

(Kroatien-Deutschland)

 

 

 

Der Gattopardo

 

Das Tosen des Meeres wich einer tiefen Ruhe.

Giusseppe Tomasi di Lampedusa

 

 

Die drei Brüder griffen nach den Zipfeln des Leichentuchs und hoben Vahid an. Vahid war steif und schwer, weil er tot war. Einst waren sie vier Brüder, und Vahid war der erste von ihnen, wie sein Name schon sagte. Mit seinen fünfzehn Jahren war er noch bis vorgestern der älteste gewesen, nun war der zweite Bruder an die erste Stelle gerückt. Diese Rolle bekam ihm nicht gut. Er wirkte noch bedrückter als die beiden „Kleinen“, so hatte Vahid, als er noch lebte, die zwei jüngeren Brüder genannt, obwohl sie sich darüber immer beschwert hatten. Sie waren gar nicht so klein – der jüngste war hochgewachsen, und mit seinem mageren, ernsten Gesicht wirkte er manchmal wie ein Mann.

Das Leichentuch war eigentlich eines der vier Bettlaken, die Frau Elena Ventrucci von ihrer Großmutter Clara geerbt hatte. Diese – von allen immer nur nonna Clara genannt – hatte einst in einem vornehmen Haus in Palermo gedient. Im Haus eines Fürsten, der den Namen dieser Insel hier trug. Dieser verfluchten sonnigen Insel, die langsam zu einem Riesengrab wurde, und auf die Elena von Sizilien gekommen war, weil sie sich in einen melancholischen Fischer verliebt hatte. Im Vergleich mit dieser Insel kam ihr Sizilien wie ein Kontinent vor. Und der Fischer mit dem Gemüt eines Don Quijote war auch schon lange tot. Warum bin ich bloß hier geblieben, fragte sich bisweilen Elena, obwohl sie wusste, dass die Frage überflüssig wie tote Wespen in einem Marmeladenglas war. Denn wer weiß, was das Leben in Palermo ihr beschert hätte.

Die Bettlaken, bestickt mit dunkelblauem, rotem und goldenem Garn, waren ihre Aussteuer, und ursprünglich waren sie der Lohn, den nonna Clara von der Familie des Fürsten bekommen hatte. Die adelige Familie hatte kein Geld mehr gehabt und die Bedienstete mit verschiedenen nutzlosen, aber hübschen Dingen entlohnt: mit Glasschalen, an denen sich kleine runde Engel frech an dicken Weintrauben festhielten, mit Tischdecken aus schon etwas fleckigem Damast, mit Zierkissen aus verblasstem roten und grünen Plüsch und mit Mandeln, die in schwarze Schokolade eingetaucht für die Ewigkeit konserviert waren. Nonna Clara hatte einmal sogar einen Affen aus Ebenholz und Silber bekommen, der sich um seine eigene Achse drehte und dabei böse mit seinen schwarzen Zähnen grinste.

Die Affenzähne waren schwarz, da nonna Clara keine Lust hatte, das Silber außerhalb ihrer Dienstzeiten zu polieren. Zu Hause wollte sie nie eine Cassata backen, nicht einmal zu Ostern, obwohl sie wegen ihrer Torten bei den Herrschaften in ihrem Palazzo so hoch angesehen war, als wäre sie eine gelernte Konditorin, und obwohl sie selber manchmal sagte: „Kläglich, der an Ostern keine Cassata isst.“ Das war ihre Art, einen Abstand zu der Familie des Fürsten zu halten. „Esst Biscotti, damit ihr euch ja nichts einbildet!“, drohte sie ihren Töchtern und ihrer schüchternen Enkelin Elena, die als Erwachsene jenen Affen und diversen anderen Nippes geerbt hatte und sich gar nichts einbildete. Heute hatte sie dieses nie benutzte Laken aus einer Truhe geholt, es roch nach Lavendel und war leicht vergilbt an den Rändern; sie hatte es den drei Brüdern gegeben.

Die Übergabe verlief in einer feierlichen Stille, die bestimmt im Sinne von nonna Clara gewesen wäre, denn sie mochte keine großen Worte, obwohl sie dem feinen Laken vermutlich nachgetrauert hätte. Aber ihre Enkelin hoffte, dass nonna Clara im Himmel die Dinge am Ende doch so sehen würde wie sie.

Obwohl sie kein Englisch konnte, verstand Elena Vestrucci nach längerem Hin und Her, was diese Kinder von ihr wollten. Sie hatte ihnen etwas zu essen angeboten, aber sie schienen keinen Hunger zu haben. Sie wirkten schüchtern und trotzdem bestimmt, während sie ihre Pantomime vorführten: Sie brauchten ein großes Tuch, eine Decke, ein Laken. Für jemanden, der schlief. Oder der tot war.

Es gab viele Tote auf der Insel und Elena fragte sich, ob die drei ihre Mutter oder ihren Vater verloren hatten. Doch entweder verstanden sie ihre Fragen nicht, oder sie verstand ihre Antwort nicht. Die Jungen sagten im Chor „Vahid“ und bemühten sich, nicht zu weinen, deswegen fragte sie nicht weiter.

Die bestickten Laken, die sie seit einer Ewigkeit nicht mehr aus der Truhe herausgeholt hatte, kamen ihr sofort in den Sinn, und die Kinder schienen sehr zufrieden zu sein, als sie ihnen eines davon zeigte. Vor allem das bunte Wappen, das dem Laken ein wahrlich königliches Aussehen verlieh, schien sie zu begeistern. Auf ihren vom Zurückhalten der Tränen verkrampften Gesichtern zeigte sich ein Lächeln, besser gesagt es waren drei Lächeln, die fast identisch aussahen. Alle drei streichelten nacheinander den kleinen gattopardo, der sich inmitten des Wappens festkrallte. Nun, wenn es sie nur glücklich machte, und wenn sie meinten, dass es ihnen dienlich sein könnte, wer immer dieser schlafende oder tote Vahid auch sein mochte.

Elena Ventrucci bekreuzigte sich langsam und trat einen Schritt zurück. Die Jungen verbeugten sich vor ihr und rannten los. Der, der nun der älteste war, presste das Tuch an seine Brust.

In der Leichenhalle war es voll wie in einem Bienenstock. Die drei Brüder schlüpften an aufgeregt gestikulierenden Polizisten und an einer schreienden Frau vorbei. Sie fanden Vahid ausgestreckt am Boden, so wie sie ihn zurückgelassen hatten. Seine nasse Kleidung war getrocknet, die weißen Salzspuren ließen sie alt aussehen, dabei waren es die besten Kleidungsstücke, die Vahid je besessen hatte. Für die lange Reise hatte die Mutter nur das Beste für ihre vier Söhne herausgelegt.

Die drei wollten jetzt aber in keinem Fall an ihre Mutter denken, die zu Hause ununterbrochen an sie dachte, sie hatte vielleicht schon das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte, ihre Mutter hatte immer solche Gefühle. Träume. Vorahnungen. Sogar Gewissheiten, die zumeist nachts über sie kamen. Nein, an die Mutter wollten sie nicht denken, sie hatten zu tun! Sie wickelten Vahids Körper vorsichtig in das jetzt nur noch leicht nach Lavendel duftende Tuch (wir verpacken ihn, wie man auf dem Markt einen Riesenfisch in eine Zeitungt einwickelt, dachte der jüngste Brüder, traute sich jedoch nicht, diesen Gedanken laut auszusprechen).

Sie hoben ihre Last an und taumelten, als würden sie aus dem Gleichgewicht kommen, doch bald standen sie wie drei Soldaten, in Reih und Glied, der Vierzehnjährige vorne, der Zwölfjährige hinten, und der Elfjährige in der Mitte. Niemand beachtete sie, obwohl die Leichenhalle voller toter und lebender Menschen war. Sie wussten nicht, wo sie Vahid begraben sollten, wollten aber den Platz mit ihm gemeinsam suchen und ihn so schnell wie möglich hier herausholen. Das war kein Ort für ihn, deshalb hatten sie es so eilig, außerdem hatte der Zwölfjährige klug bemerkt, dass es später vielleicht schwieriger sein würde, Vahid aus diesem Tumult zu befreien. Er war es auch, der die Stickerei auf dem Leichentuch sorgfältig abgedeckt hatte, damit niemand den kleinen gattopardo sah, solange sie noch jemand hätte aufhalten können.

 

*

 

Als Elena Ventrucci noch eine junge Frau war, konnten die spektakulären Sonnenuntergänge, die man auf der kleinen Terrasse hinter ihrem Haus erleben konnte, sie immer aufs Neue mit der Insel aussöhnen. Obwohl sie auch damals nicht immer Lust hatte, sich ihrem Zauber auszusetzen, denn sie ahnte, dass genau sie es waren, die sie an diese Einöde aus karger Erde, Felsen und Palmen banden.

Seit dem Tod ihres treuen Ehemanns, mit dem es ihr nicht gegeben war, Kinder zu zeugen, und der ihr das nie vorgeworfen hatte (wenngleich seine Mutter angeblich vor Gram aufgrund der Unfruchtbarkeit der Schwiegertochter krank geworden war, was sie allerdings nicht daran hinderte, weitere zehn Jahre zu leben und Elena zu traktieren: Du weißt, dass meine Zähne schlecht sind, Elena, dieses Lamm hat man dir untergejubelt, das Fleisch ist hart wie Segeltuch, eine Tomatensoße, die nicht sechs Stunden geköchelt hat, bekommt mir nicht, Elena, das Ricotta für diesen Kuchen scheint mir nicht mehr frisch gewesen zu sein, Elena, und die Orangenschalen, die du kandiert hast, sind bitter, als hättest du mit Zucker gespart, Elena – und in solchen Augenblicken erinnerte sich Elena mit Wehmut an ihre nonna Clara, die über sich selbst zu schimpfen pflegte, aber andere Menschen in Ruhe ließ), war ihr die Insel verhasst gewesen, denn sie schien sie an sich binden zu wollen, ohne ihr irgendetwas anderes zu bieten als diese Sonnenuntergänge. Deshalb achtete sie schon am Nachmittag darauf, dass die grünen Holztürläden, die tagsüber das Zimmer vor der Terrasse wohltuend überschatteten, immer fest verschlossen waren, damit sie ja nichts von der Pracht, die sich zwischen dem Himmel und dem Meer entfaltete, mitbekam.

Aber heute war sie von den drei Jungen in ihren Alltagsritualen gestört worden, und als sie ihr Abendbrot beendet hatte – Silberzwiebeln, ein Stück geräucherten Schinken und eine Scheibe Brot, das sie vor zwei Tagen gebacken hatte und das schon etwas trocken war, weshalb sie es zwischen zwei Bissen in eine Schale mit Olivenöl tunkte – war es schon zu spät, um das Haus vor trügerischen Bildern von Außen zu schützen und der inneren Dunkelheit zu überlassen.

Da heute alles anders war, nahm sie ihr Glas mit dem feierlich schmeckenden Wein, den sie heute – nachdem die Jungen mit dem Laken der nonna Clara verschwunden waren – aus dem Keller geholt und behutsam entkorkt hatte, und ging auf die Terrasse. In den Himmel über dem Meer blicken. Vielleicht wird es ein Spiel mit Schäfchenwolken geben, die sich schnell zusammenzogen und hier und da ein Loch frei ließen, durch das die sich verabschiedenden Sonnenstrahlen den Weg zum Meer fanden und auf seiner Oberfläche goldene Kreise bildeten, als würde Gott eine Botschaft hinterlassen wollen. Wenn es eine Botschaft für die Bewohner der Insel war, oder für jene, die in ihren überfüllten Barken zu ihr wollten, dann war sie jedenfalls nie angekommen.

Sie setzte sich nicht, sondern blieb stehen und prostete dem rot-gelb-violetten Horizont zu. Hinter dem Haus verlief ein schmaler Pfad, der zwischen zwei größeren Gassen lag, und der selten benutzt wurde. Doch genau dort, wo nie jemand stand, erblickte sie jetzt drei dunkle Silhouetten. Ihre Gäste von heute schienen zurückgekehrt zu sein. Vielleicht wollten sie sie nach noch einem Betttuch fragen? Sie hätte ihnen doch sofort alle vier geben sollen! Hinter den Silhouetten hatte die Sonne ihre himmlische Zeremonie beendet, und so zeichneten sich die schwarzen Umrisse vor einem Hintergrund ab, der die Farbe gerinnenden Bluts angenommen hatte.

 

*

 

„So“, sagte Elena Vestrucci, obwohl die drei nichts verstanden, aber ihr war nach einer Rede zumute, „das haben wir gut gemacht. Eine solche Arbeit muss gefeiert werden. Hier habt ihr Gläser. Keine Sorge, ich habe im Keller noch eine Flasche, wenn das hier zu wenig sein sollte. Bevor wir ins Bett gehen, können wir anstoßen. Oder trinkt ihr überhaupt nicht? Ein wenig Wein kann niemandem schaden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt um drei Uhr morgens wach war! Das Leben ist herrlich und voller Überraschungen. Auch das will gefeiert werden. Der Tod gehört dazu, aber das habt ihr ja schon gelernt. Ich habe für euch mein Ehebett vorbereitet, in dem nie jemand außer mir und meinen Verblichenen geschlafen haben, ich werde im Bett meiner seligen Schwiegermutter schlafen, Gott sei ihrer Seele gnädig, denn besonders liebeswürdig war sie nicht. Und glaubt mir, Vahid wird es im Grab meines Mannes gut gehen. Eigentlich hatte ich geplant, dass nur wir beide dort liegen, aber wenn uns die Vorsehung auf diese Weise einen Sohn geschickt hat, dann wollen wir ihn nicht zurückweisen“.

Die Jungen zögerten, aber dann streckte der Älteste von ihnen, der bis gestern der Zweitälteste gewesen war, seine Hand aus und nahm eines der Gläser vom Tisch und hob es mit zitternder Hand zum Mund.

 

 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

Geboren 1959 in Split/Kroatien. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad, Rom, Münster und Saarbrücken. Promotion im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Saarbrücken. Freie Autorin und Übersetzerin. Lebt in Münster.

Veröffentlichungen (Auswahl): (Hrsg.): Jugoslawische (Sch)Erben: Probleme und Perspektiven (Osnabrück 1993); Kriminalistische Dekonstruktion: Zur Poetik der postmodernen Kriminalromane (Würzburg 1999);  (Hrsg.): Literarischer Reiseführer: Istrien (Klagenfurt/Celovec 2008); (Hrsg. mit Silvija Hinzmann und Dagmar Schruf): Südliche Luft. 20 Liebeserklärungen an Kroatien (Berlin 2008); (Hrsg.): Fabula rasa oder: Zagreb liegt am Meer: Die kroatische Literatur der letzten 25 Jahre. Die Horen, Band 229 (Bremerhaven 2008). Gemeinsam mit dem KulturKontakt Austria Herausgeberin der Reihe „Kroatische Literatur der Gegenwart“ in zehn Bänden; Mitwirkung an der Anthologie Konzert für das Eis, Gedichte aus Kroatien (Hrsg. Hans Thill, Heidelberg 2010).

Der erste Roman Olivas Garten ist 2013 beim Eichborn Verlag in Köln erschienen.

Zahlreiche literarische Übersetzungen (Romane, Theaterstücke, Gedichtbände, Essays) aus dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen u.a. von Edo Popović, Bora Ćosić, Dragan Velikić, Ivana Sajko, Delimir Rešicki, Marko Pogačar, Renato Baretić, Roman Simić, Zvonko Maković, Jakša Fiamengo, Branko Čegec, Damir Karakaš.

Kuratorin der Programme „Kroatien als Schwerpunktland zur Leipziger Buchmesse“ 2008, „Fokus Südosteuropa“ auf der Leipziger Buchmesse 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014 und „Kroatien Kreativ 2013“ anlässlich des Beitritts Kroatiens in die EU. 2008-2014 freie Mitarbeiterin der S. Fischer Stiftung und im Rahmen dieser Arbeit 2008-2014 Projektleiterin des Netzwerks Traduki.

Für das ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus Kroatien und Bosnien und Herzegowina mit der Ehrennadel der Stadt Münster und für Verdienste um die kroatische Kultur mit dem Staatsorden der Republik Kroatien ausgezeichnet.

„Grenzgänger“ Stipendium der Robert Bosch Stiftung für die Arbeit am Roman Olivas Garten. Stipendium des Internationalen Hauses der Autoren Graz. Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds für die Arbeit am Roman Der Aufstand der Ungenießbaren von Edo Popović (Luchterhand, 2012). Mitglied des VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) und des kroatischen PEN Zentrums.

 

 

www.alida-bremer.de

 

 

Articles similaires

Tags

Partager