Alida Bremer

 

 

(Deutschland)

 

 

 

Kindersprache, Mutterland

 

Nicht alle Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Etwa die Verkehrsregulierung durch Ampeln. Eine Rebellion dagegen ist sinnlos, mitunter gefährlich, auf jeden Fall gesetzeswidrig. Die Sprache der Ampel macht es einem einfach, ihre Regeln zu respektieren: Rot für absolutes Anhalten, Grün für freie Fahrt, Gelb für Momente des Zögerns. Warum sollte man diese Regeln missachten wollen? Sie sind einfach perfekt. Das unendliche Spektrum der Möglichkeiten wird auf drei Farben reduziert. Mehr Klarheit geht nicht: Rot und Grün grenzen sich scharf voneinander ab; Gelb vereinigt in sich alle diffusen Momente. Kein Rosa und kein Blau trüben die Präzision dieser Regelung.

 

Die (ungeschriebene?) Regel jedoch, dass man nur in die eigene Muttersprache zu übersetzen habe, darf man meiner Meinung nach dagegen hinterfragen. Und zwar mehrfach. Die erste Frage könnte lauten: « Was ist eine Muttersprache? » Die These dazu könnte man so formulieren: « Die Bedeutung der ‘Muttersprache’ für die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten eines Menschen wird maßlos überbewertet ».  Die zweite Frage wäre: « Aber wieso darf man das nicht? Hängt die Befähigung, in eine Zielsprache zu übersetzen, nicht von den jeweiligen Kenntnissen dieser Sprache ab? »

 

Ich habe Deutsch von meinen Kindern gelernt. Ich las ihnen deutsche Kinderbücher vor und hörte mit ihnen vor dem Einschlafen Kassetten mit Geschichten über den Räuber Hotzenplotz. Wir sangen zusammen « Ein Männlein steht im Walde » oder « Kommt ein Vogel geflogen » oder « Es klappert die Mühle », und ich begriff gemeinsam mit ihnen, was ein rauschender Bach ist. Kroatisch haben meine Kinder ein wenig von mir, ein wenig von meiner Mutter, aber vor allem in Kroatien selbst gelernt, das sie Mutterland nennen. Wir hörten auch kroatische Kinderlieder, aber nicht so häufig. Mama wollte Deutsch lernen.

 

Ich höre die Skeptiker: « Eine erlernte Sprache kann man nie wie eine Muttersprache beherrschen ». Das stimmt. Aber es stimmt auch, dass man die Muttersprache verlernen und die neuerworbene Sprache immer weiter erlernen kann. Irgendwo in der Unendlichkeit treffen sich die zwei Geraden, die parallel nebeneinander verlaufen. Irgendwo in der Unendlichkeit werden alle Sprachen sowieso zu einer Sprache. Dieser Punkt wird uns alle in vollkommen polyglotte Menschen verwandeln, während er Übersetzerinnen und Übersetzer überflüssig machen wird. Bis zu seinem Auftauchen beharren die einen in der Verteidigung der Muttersprache; die anderen – zufällige Eindringlinge in eine neuerworbene Sprache oder aber von der Biographie begünstigte Glückspilze, die etwa eine französische Mutter und einen amerikanischen Vater haben, aber in Berlin leben und französische und englische Krimis ins Deutsche übersetzen, oder die in der Kindheit aus Russland ausgewandert sind, um in Finnland zu leben, und jetzt in St. Petersburg sitzen und Nikolai Gogol ins Finnische übertragen – verteidigen ihr Recht, in ihre Zweit- oder gar Drittsprache zu übersetzen.

 

Der Komplexität der Sprache, welche multilinguale Menschen als etwas Unstetes, Flüchtiges, Verwobenes, zu allen Seiten Offenes sehen, stehen schwerwiegende Argumente der Hüter der Muttersprache gegenüber: Herz und Hirn, so heißt es, werden in frühester Kindheit geformt, die Muttermilch sei jener Nährstoff, von dem sie ihre Kraft gewinnen. Diese Kraft ist einmalig, man hat ja nur eine Mutter und nur eine Muttersprache. Wie alle scheinbar stichhaltigen Thesen zeigt auch diese Risse an ihren Rändern, Schatten in ihrem Inneren. Was geschieht, wenn die Mutter tot ist, was, wenn eine Amme das Kind aufzieht, die eine andere Sprache als die Mutter spricht? Was, wenn das Kind sein Leben lang wortkarg und deshalb nolens volens für immer in einer reduzierten Muttersprache bleibt, sein Geschwisterchen aber alles nachplappert, was es hört, und sein Leben lang immer mehr Sprache dazu lernt, wenn es die Sprache der Mutter und die Sprache des Vaters, die Sprache der Länder, die es bereist, die Sprache der eigenen Bildung gleich gut beherrscht, oder zumindest zu beherrschen sich bemüht? Was wenn Mama Kroatisch und Deutsch spricht?

 

Unser sehr europäischer Glaube an die Übermacht der Muttersprache ist eng gebunden an unseren Begriff der Nation. Wir Europäer glauben an unsere diversen heiligen Muttersprachen und unsere sakrosankten Vaterländer und tun uns sehr schwer mit der neuzeitigen Durchlässigkeit der Staatsgrenzen auf dem Kontinent, dessen Außengrenzen vor unseren Augen zu Massengräbern werden. Jene Elternmetaphorik gibt uns Geborgenheit, und für die Illusion ihrer ontologischen Begründung führen wir Kriege, schotten uns ab, grenzen Andere aus, behaupten wider besseren Wissens, dass man niemals eine fremde Sprache vollständig beherrschen könne, falls man sie nicht mit der Muttermilch aufgesaugt hat. Als ob man eine Sprache je vollständig beherrschen kann!

 

Meine sprachliche Ampel steht immer auf Gelb: Ich übersetze ins Deutsche, aber meine Mutter ist Kroatin. Sie stammt aus einer Fischerfamilie; der Nachname ihres Vaters hörte sich bulgarisch an, was ihr manchmal Schwierigkeiten bereitete, der Vorname ihrer Mutter war italienisch, auch wenn niemand in der Familie Italienisch sprach.

 

Meine Ampel leuchtet gelb wie die Sonne, die in der kroatischen Sprache ein Neutrum ist. Nun kann man darüber staunen, welche Schwierigkeiten und welche unerwartete Bereicherung das Geschlecht eines Substantivs beim Übersetzen mit sich bringen kann! Im Gedicht « Was hat das Feuerzeug gesagt » des kroatischen Dichters Marko Pogačar, dessen Nachname übrigens « Fladenbäcker » bedeutet, war das Feuerzeug, im Kroatischen ein Er, ein Lehrling der Sonne, im Kroatischen ein Es. Die Sonne war im Originalgedicht problemlos ein Meister – das Neutrum ist dem Maskulinum interessanterweise viel näher als dem Femininum, so dass ein Es (sunce – die kroatische Sonne) als ein Meister nicht befremdlich wirkte. Wir sind alle gewöhnt, von Meistern und Lehrlingen als von Männern zu denken und zu sprechen, selten jedoch von Meisterinnen. Nun ist im Deutschen aber eine Meisterin das Vorbild für den Lehrling, der im Deutschen ein Es (upaljač – das kroatische Feuerzeug) geworden ist:

 

 

 

WAS HAT DAS FEUERZEUG GESAGT

 

Ich, der Sonnenlehrling, bin vom wilden Herzen herabgestiegen

und geleitet von revolutionären Absichten

bewaffnet mit einer klaren Idee und mit meiner giftigen Zunge

spazierte ich in den Kindergarten eines ruhigen Arbeiterviertels hinein.

 

die Religionsunterrichtstunde begann.

die Kinder waren vor der Tafel angetreten, wie die Orgelpfeifen, aufrecht

wie die himmlische Mannschaft, während die göttliche Hymne ertönt

und sie zerbrachen ihre Zähne an den Losungen.

 

ich, der Sonnenlehrling, war in einem Punkt Duruttist, ich wusste

die Kirche in Flammen ist die einzige Kirche, die erleuchtet.

in mir funkte plötzlich etwas vom Können meiner Meisterin auf, jene

Entschlossenheit, mit der sie sich der Arbeit hingibt,

und ich entschied, ihre Plomben einzuschmelzen.

 

ich, der Sonnenlehrling, stieg auf ein umgestülptes Töpfchen

und rief lange in die Nacht, wobei ich immer stärker leuchtete

wacht auf, Verdammte dieses Spielplatzes, wache auf

Heer der Erniedrigten im Sandkasten.

 

Der Dichter machte sich übrigens Sorgen, ob in der Übersetzung der letzten Verse seines Gedichts « Die Internationale » zu erkennen sein würde. Mich hat diese Sorge belustigt. Der Autor kennt dieses Lied nur in der kroatischen Übersetzung, die zwar nicht ganz dem Original entspricht, dem Dichter aber als Original erscheint. Nicht nur, dass man in der Übersetzung das gute alte Lied erkennen kann, nein, erst in der deutschen Übersetzung erleben die letzten Verse seines Gedichts ihre volle Entfaltung.

 

 

 

 

 

 

 

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BIO

 

Marko Pogačar wurde 1984 in Split/Kroatien geboren. Er veröffentlichte fünf Gedichbände, vier Essaysammlungen und ein Buch mit Kurzgeschichten. Er ist der Herausgeber der Anthologie Hrvatska mlada lirika 2014 (Kroatische junge Lyrik 2014). Er war Redakteur des Kulturmagazins « Zarez » und ist Mitglied der Redaktion der Literaturzeitschrift Quorum, außerdem ist er einer der Redakteure des Internet-Portals Proletter. Für seine literarische Arbeit bekam er Stipendien u.a. von Civitella Ranieri, Passa Porta, Milo Dor, Brandenburger Tor, Literarische Colloquium Berlin, Internationales Haus der Autoren Graz, Krokodil Beograd, Literaturhaus NÖ, Récollets-Paris, Poeteka Tirana. Für seine Lyrik, Prosa und Essays wurde er mit zahlreichen kroatischen und internationalen Preisen ausgezeichnet; seine Bücher und einzelne Texte wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. In der Edition Korrespondenzen sind bisher die Gedichtbände An die verlorenen Hälften und Schwarzes Land in der Übersetzung von Alida Bremer erschienen.

 

 

 

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Alida Bremer, geboren 1959 in Split/Kroatien. Freie Autorin und Übersetzerin. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik, Slawistik und Germanistik in Belgrad/Serbien, Rom/Italien, Münster und Saarbrücken/Deutschland. Promotion im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Saarbrücken. Alida Bremer arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin an den Universitäten in Münster und Gießen und als Organisatorin, Kulturvermittlerin, Kuratorin, Moderatorin und Dolmetscherin bei internationalen Literaturfestivals, Lesungen, Buchmessen, verschiedenen Veranstaltungen und Tagungen in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Kroatien, in Kosovo und in Serbien. Für ihre literaturwissenschaftliche, schriftstellerische und übersetzerische Arbeit bekam sie zahlreiche Stipendien, u.a. das „Grenzgänger“ Stipendium der Robert Bosch Stiftung für die Arbeit am Roman Olivas Garten (2013; übersetzt ins Kroatische und ins Mazedonische). Ihre Essays, Erzählungen und Gedichte wurden in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportelen veröffentlicht (u.a. Der Spiegel, Lettre International, Manuskripte, Lichtungen, Schreibheft, Zeit Online, Citybooks) und in verschiedene Sprachen übersetzt. Das unveröffentlichte Manuskript ihrer Trilogie « Drehort Adria » wurde für den Alfred-Döblin-Preis 2017 nominiert. Für das ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Herzegowina wurde sie mit der Ehrennadel der Stadt Münster und für Verdienste um die kroatische Kultur mit dem Staatsorden der Republik Kroatien ausgezeichnet. Lebt in Münster.

 

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