Alexander Gerdanovits

 

 

(Rumänien-Österreich)

 

 

 

ZUR AUSSTELLUNG „ORDNUNG UND OBSESSION

IN DER STADTGALERIE KLAGENFURT

 

(JANUAR – JUNI 2017)

 

 

In dieser dritten Sammlungsausstellung der Stadtgalerie Klagenfurt geht es um Serien, Zyklen, Werkgruppen, also um Werke von Kunstschaffenden, die das Malen und Zeichnen als Prozess, als Abenteuer, in dem nichts auskalkulierbar ist, begreifen. Ist es der Drang zur Ordnung als Antriebsfeder dort wo ein immer wiederkehrendes Motiv malerisch oder zeichnerisch gefasst wird, wo Malerei oder Fotografie als Ordnung-Schaffen begriffen wird oder ist es eher der Drang zum Ausloten von Variationsmöglichkeiten innerhalb einer Werkserie? Einige dieser verschiedenen Zugangsweisen wollten Beatrix Obernosterer und ich (die beiden Kuratoren) mit dieser Schau vergegenwärtigen.

 

Gleich beim Betreten des ersten Raums wird man mit dem Titel der Ausstellung konfrontiert: Ordnung und Obsession und mit acht Radierungen aus der Serie der „Monatsköpfe“ von Kiki Kogelnik, der wichtigsten Pop-Art-Künstlerin Österreichs. In einer Aussage des Jahres 1996, befragt nach dem obsessiven Festhalten am Motiv der Köpfe, antwortete Kiki Kogelnik, dass „die Köpfe von ihrer Arbeit von 40 Jahren kamen“, nämlich von ihren  „Hangings“, zum Schluss seien nur mehr die Köpfe übrig geblieben und fügte hinzu: „Man könnte auch Cezanne fragen, warum er ausgerechnet Äpfel gemalt hat.“ In Kogelniks Oeuvre war der Mensch immer ein wichtiger Teil.

 

Gertrud Weiss-Richter ist bekanntlich eine Künstlerin, die mit Symbolen arbeitet: das Motiv der Stufen, des Kreuzes, der Leiter oder – wie im konkreten Fall – jenes der Stelen. Ihre Bilder werden von einer starken Symbolik getragen: Stelen in mehreren Variationen, die die Sehnsucht nach dem Hinauf wecken.

 

Diese Arbeiten haben auch eine sozialkritische Komponente, Grete Misar schrieb 1992 in einer Kärntner Tageszeitung: „Eine Malerin reagiert auf die Schrecken ihrer Zeit“. Was ihre Werke jedoch am meisten auszeichnet ist die subtile, ausgewogene Farbgebung, das zeichnerische Element. Diese Serie aus den Jahren 1991/1992 ist in Mischtechnik (Acryl und Buntstifte) auf Filterpapier der ehemaligen Sorgendorfer Brauerei gemalt. Ausgestellt wurden sie erstmals 1992 im Künstlerhaus Klagenfurt zusammen mit Kopfstelen aus Wachs und Bronze, Malereien auf Papier und Federzeichnungen.

 

Literatur war immer wieder Anregung zu Bildzyklen für Caroline, eine Künstlerin, die zurecht in den Kunstsammlungen der Stadt mehrfach vertreten ist. Von ihr sind zwei Serien zu sehen: „Apparition: Das Medium“ und „Telekinese“, die beide inhaltlich von spiritistischen Erscheinungen ausgehen und aus diversen damaligen Lektüren der Künstlerin (Kübler-Ross) inspiriert sind. Formal zeigen diese Serien das grafische und koloristische Talent der Künstlerin. Diese Tuschezeichnungen aus den Jahren 1978 – 1980 stellen einen Höhepunkt in Carolines Schaffen dar, sie zeugen von einer Leichtigkeit und Größe, die aus der Partizipation ihres künstlerischen Bewusstseins an der Wirklichkeit resultiert. Die realistische Wiedergabe des Gesehenen oder Geträumten interessiert die Künstlerin genauso wenig wie die Zurschaustellung ihres Könnens. Die Übertragung ihrer Gefühlswelt in eine Bildlösung geschieht auf eine intuitive Art. Ihre Arbeiten können als existenzielle Entwürfe, als Metaphern für Grenzerfahrungen zwischen Leben und Tod, zwischen Angst, Verzweiflung, Hoffnung und Freude betrachtet werden.

 

Das obsessive Festhalten an einem Thema ist offensichtlich im Falle des jungen rumänischen Malers und Grafikers Bogdan Tomsa. In der Arbeit „153“ collagiert er 153 kleine, gezeichnete Selbstportraits auf Leinwand. Diese „Selfies“ wirken wie Notizen zur Selbstanalyse. Im Zuge dieser Introspektion durch das geradezu tagebuchartige Selbstportrait-Zeichnen entdeckt der Autor dieser Serie auch das Fremde in sich selbst. Zehn dieser kleinformatigen Arbeiten wurden der Stadtgalerie Klagenfurt vom Künstler geschenkt und fügen sich thematisch sehr gut in diese Schau ein.

 

 

 

      Bogdan Tomsa Selbstportraits

 

 

 

Im Falle von Peter Krawagna ist es weniger das Motiv als solches, sondern das Licht, das das Motiv immer anders erscheinen lässt, bzw. das veränderliche Erscheinungsbild der Dinge, das den Künstler fasziniert.  Eine Schiffswerft auf der Insel Symi oder, um in die 1960er Jahre zurückzugehen,  Lastwägen, die vor seinem Haus in Krumpendorf vorbeifuhren, sind nur vordergründig die visuellen Ausgangspunkte für Peter Krawagnas Gemälde. Krawagnas Bilder haben zwar Motive, sie zeigen jedoch mehr das Sehen als das Motiv selbst. Die Malerei an sich fasziniert Krawagna, der in seinen Werken spezifisch malerische Probleme zu lösen versucht.  Die Entstehung seiner Lastwagen-Serie hängt  biografisch mit dem Bezug eines Hauses an einer stark befahrenen Straße entlang des Wörthersees  zusammen.  In dieser Werkgruppe, die einen Wendepunkt im Schaffen des Künstlers bedeutet, beschäftigte sich Krawagna zum ersten Mal mit bewegten Motiven. Dies sollte für spätere Werkphasen immer wieder von Bedeutung werden.

 

Im selben Raum ist eine Serie von Akten von Giselbert Hoke zu sehen.  Wieland Schmied notierte einst, dass sich Hokes Akte in der Regel den Betrachtern entziehen, „sich auflösen“[1]. Ähnlich seinen Landschaften, einer anderen wichtigen Werkgruppe, scheinen sie an einem Abgrund zu stehen, nichts scheint unzweifelhaft sicher zu sein.  In den Akten aus den Jahren 1980- 1981 droht die Figur zu verschwinden, „sie ist nicht mehr greifbar, die Konturen sind verwischt.“

 

 

 
       Giselbert Hoke

 

 

 

Aufs Wesentliche konzentriert sich Paul Kulnig, der hier mit extrem verdichteten, reduzierten, von allen Nebensächlichkeiten befreiten Aktdarstellungen aus den Jahren 1975-1978 vertreten ist. Das Jahr 1971 war ein wichtiger Meilenstein in der Biografie Kulnigs: damals fand  seine aufsehenerregende Ausstellung im Klagenfurter Stadttheater statt, die ihn mit einem Schlag bekannt machte. Das bevorzugte Leitmotiv seines Oeuvres in den 1970er Jahren waren Akte. Für diese Ausstellung hat Kulnig die vier Akte, die im Besitz der Kulturabteilung sind, mit einigen weiteren Kostbarkeiten aus seinen Mappen ergänzt.

 

 

 

       Paul Kulnig

 

 

 

Weiters werden Arbeiten von Armin Guerino und Tomas Hoke, die 1987, während des Aufenthalts im Paris-Atelier der Stadt Klagenfurt und des Land Kärnten, entstanden sind, präsentiert.  Im Falle des Triptychons von Armin Guerino versuchte der Künstler Giovanni Bellinis „Junge Frau bei der Toilette“ [1515] aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien mit seinen Gedanken aufzuspüren.  Ergänzt werden diese Arbeiten aus den 1980er Jahren mit einem Tryptichon aus dem Jahre 2015, betitelt „Situation“.

 

Für Tomas Hoke begann im Sommer 1987 in Paris eine sehr intensive Phase in der Auseinandersetzung mit der Zeichnung, denn das Atelier ist für bildhauerische Arbeit zu klein. Es entstanden hunderte Zeichnungen auf Kupferdruckpapier,  die zum Großteil das Motiv des menschlichen Kopfes umkreisen, der als Organ des Sendens und Empfangens, als Ort der Transformation und Selbstbehauptung untersucht wird. Dieses Motiv ist bis heute auch in der plastisch-installatorischen Arbeit des Künstlers präsent. Ein kleiner Teil der in Paris entstandenen Arbeiten wurde auch auf roher, ungrundierter Leinwand realisiert.  Die Stadt Klagenfurt besitzt drei Arbeiten auf Leinwand aus dieser Serie, die mit acht Leihgaben aus dem Besitz des Künstlers ergänzt wurden.

 

Die Paletten bilden eine eigene Werkgruppe in Cornelius Koligs Werk, sie sind Teil des Paradieses, jenes Horts seines künstlerischen Lebenswerks, jenes Gartens der Lüste und der Farben, jenes Labor- und Experimentierraumes. Für Kolig bleibt Kunst immer mehrdeutig, jede Erklärung würde seiner Arbeit die Sprengkraft rauben. Wie Martin Behr es formulierte, sind die Leitgedanken des Werks von Cornelius Kolig  „das menschliche Dasein, die Anziehungskraft von Nacktheit und Sexualität sowie die Unausweichlichkeit des Todes“[2]. Im eigens für den Katalog verfassten Text weist der Künstler auf die erotischen Konnotationen der Paletten hin. Indem er beispielsweise aus der Anthurienblüte ein Sexualsymbol macht, stellt Kolig die übliche Trennung von Natur und Kunst in Frage. Die Paletten Koligs mutieren zum „sinnlichen Tummelplatz des Vorspiels zum Malakt“.

 

 

 
       Cornelius Kolig

 

 

 

Eines der Hauptwerke von Meina Schellander ist ebenfalls zu bewundern: Das Projekt einer Reihe von 33 antagonistischen figuralen Phasen, entstanden 1976/77. Kaum ein anderer bildender Künstler arbeitet so oft mit Serien, Werkgruppen als sie. Seit Jahrzehnten baut sie an immer neuen Arbeiten, die oft aus dem Zusammenhang mit anderen besser zu verstehen sind. Viele ihrer Projekte sind bis heute nicht oder nur teilweise realisiert worden. Diese Bronze-Arbeit stellt ein Modell 1:10 dar. Die Möglichkeit, es in Originalgröße auszuführen und einer gegebenen parallelen Bewegung zuzuordnen, z.B. einer Terrassenanlage am Ufer eines Flusses oder entlang einer begeh- oder befahrbaren Strecke, hat sich nicht ergeben. Es geht in diesem Reihen-Projekt um den Versuch, zwei gegensätzliche Prinzipien in zwei Reihen gegenüberzustellen und sie gegeneinander/aufeinander laufen zu sehen. Zwei Reihen von je 33 skulpturalen Einheiten durchlaufen eine Entwicklung. Auf einer Reihe kann man verschiedenste Körperhaltungen, die bis zur Desintegration der Körperteile gehen,  sehen, auf der anderen gerät das durchgestrichene Quadrat durch Negationen in verschiedene architektonische Situationen. Außer der Position 17, sind alle zueinander ungleich.

 

Weiter zeigen wir noch eine vierteilige Radierungsserie von Meina Schellander: „Der quergestreifte Pillenmensch“, diese entstand 1969 und ist ein Werk, das unmittelbar nach der Akademiezeit Meina Schellanders Bewusstseinsforschung eingeleitet hat. Dabei handelt es sich um vier zusammengehörige Farbradierungen, die an ihre Zeichnungen der vorangegangenen Jahre anknüpfen.

 

Und nun zur zweiten Künstlerin aus Rumänien, zur namhaften Grafikerin und Objektkünstlerin Suzana Fantanariu, die sich schon mehrmals in Kärnten in Ausstellungen vorgestellt hat. Mit Malereien und Graphik, sowie auch mit fantasievollen Collagen und Objekten untersucht sie in der Regel anthropologische Fragestellungen. Eine wichtige Werkgruppe in ihrem Oeuvre stellen die „Utopischen Tagebücher“ dar. Hier collagiert die Künstlerin Alltagsutensilien in reliefartigen Textiltafeln, in denen auch graphische Formulierungen nicht fehlen. So zeichnet sie gewissermaßen die Schatten der Objekte nach – in jenem „Utopischen Tagebuch“, das sie, gemeinsam mit den vier bunten Säulen, der Stadtgalerie Klagenfurt als Schenkung vor kurzem überreicht hat. Zur selben Werkgruppe der Säulen gehören auch ihre monumentalen Holzschnittsäulen, in denen Fantanariu diese jahrhundertealte druckgrafische Technik ins Dreidimensionale führt, sie verarbeitet ausdrucksstarke Holzschnitte zu säulenartigen Objekten. Ergänzend zeigen wir noch drei ihrer Holzschnitte aus den 1970er und 1980er Jahren, die ihren Ruf als eine der bedeutendsten Grafikerinnen Rumäniens begründet haben.

 

 

 

       Suzana Fântânariu

 

 

 

Eine große künstlerische Wahlverwandtschaft gibt es, länderübergreifend, zwischen Suzana Fantanariu und Valentin Oman. Die Wandmalereien Valentin Omans in Tanzenberg, in den Jahren 1986-1987 entstanden, gelten zurecht als Omans Hauptwerk. In den hier gezeigten Arbeiten, die parallel zur Gestaltung der Seitenwände des Altarraums in Tanzenberg entstanden sind, ist ebenfalls der Mensch das Zentrum seiner Malerei, es geht jedoch um einen Archteypus des Menschen, um eine anthropomorphe Form. Oman sieht die Brüchigkeit der menschlichen Existenz und fasst sie in der Spannung zwischen Werden und Vergehen, zwischen Immanenz und Transzendenz. Die schemenhaften Figuren gleichen verblassenden Erinnerungen. Das vertikale Prinzip, das wir auch in Gertrud Weiss-Richters Stelenbildern oder in Fantanarius Säulen finden, ist in diesen Bildern vorherrschend. Das Fragmentarische, das Brüchige ist Omans Leitmotiv schlechthin.

 

Im Radierungszyklus „Café Hawelka“ versucht Max Gangl den Geist einzufangen, der in diesem legendären Wiener Kaffeehaus lebendig ist. Zarte Farben kontrastieren mit Aquatinta-schattierungen, die neben der Milieuschilderung auch die Atmosphäre des Interieurs reflektieren. Kein Geringerer als Walther Koschatzky betonte damals, dass sich Gangl mit diesem Werk seinen Platz inmitten der Kunstszene behaupten konnte. 1983 gewann Gangl auch den Theodor Körner-Preis für Grafik.

 

Ein Radierungszyklus von Zoran Music darf in dieser Ausstellung nicht fehlen. In Venedig, diesem Schmelztiegel abendländischer und morgenländischer Kulturen erkannte Music nach eigener Aussage seine künstlerische Bestimmung und seine innere Wahrheit[3]. Music selber war zeitlebens ein Wanderer zwischen dem byzantinisch geprägten Osten und dem lateinischen Westen. Seit den Nachkriegsjahren spielte die Druckgraphik in Musics Werk eine der Malerei durchaus gleichgewichtige Rolle. Die Radierungsserie „Canal della Giudecca“ stammt aus den Jahren 1980-81. Hier nimmt Music ein Thema auf, das schon in den 1940erJahren in seinem Oeuvre auftaucht.

 

Die Fotografie ist durch Arbeiten von Michael Seyer, Peter Paul Wiplinger und Marko Lipus ebenfalls repräsentiert. Im richtigen Moment auf den Auslöser drücken – für viele Fotografen hat dieser entscheidende Moment eine geradezu mystische Qualität. In seiner Fotoserie „Spiegelungen. Gartengitter an der Sattnitz“ geht Peter Paul Wiplinger den ständig sich verändernden Wasserbewegungen, ihrer Gesetzmäßigkeit mit dem fotografischen Instrumentarium nach. Dass sich die Widerspiegelungen der Gartengitter in Bruchteilen von Sekunden ändern können, dass sich durch den gewählten Bildausschnitt und die Distanz zum Motiv eine gewisse Ordnung ergibt, sind nur einige der Erkenntnisse des Fotografen. Das Grundmuster der Fotoserie von Wiplinger ist die Variation, es handelt sich um das aus der Musik übernommene „Thema mit Variationen“.

 

Michael Seyers Fotos hingegen ergeben einen Zyklus, Seyer richtet seinen Apparat mit feinfühliger Distanz auf sein fotografisches Gegenüber, auf Ausschnitte aus „Pariser Gärten“ und tritt mit der Natur in einen poetischen Dialog. Fotos schneiden ein Bild aus der Bewegung der Zeit und frieren den Augenblick ein, machen ihn vieldeutig. Gute Fotografien arbeiten mit dieser Vieldeutigkeit. Bei Seyer entsteht durch das fotografische Bild eine neue Wirklichkeit. Wie recht hatte der vor kurzem verstorbene Schriftsteller John Berger wenn er die Aktivität des Fotografen folgendermaßen beschrieb: es sei der Augenblick eines Ganzen, die Fähigkeit, Übereinstimmungen wahrzunehmen, „den Blick auf eine Ordnung zu erhaschen, die allem zugrunde liegt.“

 

Marko Lipus ist mit drei Arbeiten aus seiner Fotoserie „Kratzungen“ vertreten. Dem Zerschneiden, Brechen und Zerkratzen der Negative der von ihm fotografierten Schriftsteller folgt eine weitere Bearbeitung mit Nadeln, Messern und Schmirgelpapier. Lipus‘ „Kratzungen“ erinnern teils an die Schraffuren einer Radierung. Wie Nina Schedlmayer betonte, ist sein Umgang mit seinen Fotomodellen unterschiedlich: „manchmal liebevoll, manchmal ironisch, manchmal beides.“ Wenn Sie die Bilder genau beobachten, sehen Sie wie aus Peter Handkes Schulter ein Herzchen emporwächst oder wie sich im Jonke-Portrait ein winziger Zug, ein Rad, eine Figur hineingeschlichen haben.

 

 

 

       Marko Lipus vor seinen Fotos

 

 

 

Wolfgang Walkensteiner, der Kurator der vorigen Deja Vu-Ausstellung, darf in dieser Ausstellung nicht fehlen. Walkensteiner entwickelte in den 1980er Jahren eine Form der Landschaftsmalerei, die sich der Figuration verweigerte und doch auf ihrem Gegenstand beharrte. „Landschaftsfragmente“ nannte der Künstler einige dieser Landschaftsstudien, die in ihrer Zartheit geradezu lyrisch wirken. Walkensteiner gibt zu: „ich bin niemals vor einer landschaft gesessen um diese zu malen, die aquarelle und eitemperabilder jener zeit wurden als struktur  irgendwelch organischen malvorlagen entnommen. im atelier.

Dass die Schau auch Unvermutetes und Überraschendes enthält, beweist eine Collage-Serie von Wolfgang Walkensteiner. Diese entstand, als sich nach eigenen Worten, „seine  Sehnsucht nach dieser Ausbreitung in gemalten „Landschaften“  zurückzog, es  „blieb ein leeres gefühl, bloße notwendigkeit, von der ab nun auszugehen war“. Dies nannte der Künstler „Heimat“ und war der Ausgangspunkt für die so betitelte Collage-Serie. Walkensteiner erkannte, dass der Angelpunkt jedes Kunstwerks, dass „die drehtür des labyrinths zum offenen ursprung“ die Komposition ist.   

 

Christine de Paulis Arbeiten kennzeichnet eine freie gestische Malerei bei gleichzeitiger Abkehr von jeglicher Gegenständlichkeit. Die Grundintention und die treibende Kraft in ihrer Kunst ist nicht die Abbildung, sondern die Formdeutung, ähnlich wie bei ihrem Mentor Josef Mikl. In ihren Werken, die eine formale Eigenständigkeit erlangt haben, geht es um eine Suche nach Ordnung, nach Strukturen, die im Mikrokosmos der Malerei das große Ordnungsgefüge der Welt widerspiegeln. Ihre Kunst ist dynamisch, Farben, Formen und Linien finden ein Zueinander. Im Falle de Paulis übersetzt Malerei reale oder vorgestellte Dinge in ein Gefüge aus Zeichen. Zarte Striche, sanfte Schwingungen ergeben eine abstrakte Bilderwelt die unverkennbar ist.

 

Von Richard Klammers Favela-Werkserie, die dem Künstler ein schier unerschöpfliches Experimentierfeld zu bieten scheint, zeigt die Stadtgalerie vier Arbeiten, die der Stadtgalerie Klagenfurt gehören, ergänzt durch zwei Leihgaben. Bereits in der zweidimensionalen, malerischen Arbeit sieht man Ansätze, die den flachen Bildraum der Leinwand zu sprengen versuchen. Im Dreidimensionalen, mittels bemalter Reliefs, konstruiert der Künstler Architekturen, die sich in Verschachtelungen räumliche Dichte erschaffen. Die informellen Städtelandschaften, die hiermit entstehen, sind keine Abbildungen der Wirklichkeit sondern phantastische Gebilde, die den Moment der Freiheit und der Anarchie in sich tragen.

 

Von Johanes Zechner ist der Radierungszyklus „Narziss und Echo“ zu sehen. Die Geschichte des schönen Jünglings Narziss, der von der Nymphe Echo geliebt wird und ihre Liebe nicht erwidert und daraufhin von der Rachegöttin Nemesis damit bestraft wird, dass er sich hoffnungslos in sein Spiegelbild verliebte, als er es in einem Teich erblickte, inspirierte Johanes Zechner zu zarten Radierungen.

Franz Moro ist mit einer Serie von Menschenbildern vertreten, die thematisch ins Groteske und Ironische führen und in ihrer zeichnerischen Kompetenz und stimmigen Chromatik unvergleichlich sind. Mit einem rebellischen Unterton, aber auch mit viel Witz erschafft Franz Moro in Bildern wie „Eine Heurigenpartie“, „Autofahrer“ oder „Eine nicht gerade schöne Person“ ein Universum, das von Figuren, Phantasie- und Mischwesen bevölkert ist. Im Besitz der Stadt befinden sich drei Arbeiten aus dieser Serie, die mit zwei Werken aus dem Besitz des Künstlers ergänzt wurden. Diese Arbeiten gehören zweifelsohne zu den Hauptwerken Franz Moros.
 

 

 

       Franz Moro, Autofahrer

 

 

 

Phantasie- und Mischwesen finden wir auch in Ulrich Plieschnigs Werkgruppe aus dem Jahre 1985, in der Serie der „Bunten Figurenversammlungen“, die die zeichnerischen und malerischen Qualitäten Plieschnigs bestätigt. Es ist als Glücksfall zu bezeichnen, dass der Künstler noch drei weitere Arbeiten aus dieser frühen Serie in seinem Atelier gefunden hat, um die zwei Arbeiten, die der Stadt Klagenfurt gehören, zu ergänzen. Auch den malerischen Furor der Malerin Ute Aschbacher kann man bewundern, die Künstlerin widmet sich in ihren drei großformatigen Herkules-Bildern diesem mythologischen Thema widmet. Ute Aschbachers Malerei strotzt nur so von Kraft und Vitalität. Die Künstlerin stellt dem mythologischen Helden einen Tiger, eine neunköpfige Schlange (Hydra) und einen Stier gegenüber, die Vorzeichnungen dafür entstanden in Wien, die Arbeiten an sich in ihrem Atelier Privé (Künstleratelier) in Paris. Ute Aschbacher ist eine Vielreisende, das Reisen und das Sammeln von Motiven, Eindrücken, Anregungen scheinen ihre künstlerische Überlebensstrategie zu sein.

 

Gernot Fischer-Kondratovitch spielt sein malerisches und zeichnerisches Talent in großformatigen Bildern aus, die auch vornehmlich in Serien entstehen. Die Arbeiten betitelt „Himmlisches Gefühl“ beschäftigen sich – wie der Künstler betonte – mit dem Grundbedürfnis des Menschen nach einem Glücksrausch der Gefühle. Im Grunde geht es jedoch um die Malerei selbst. Es ist ein weiteres Beispiel für den Fortbestand der Malerei in der Gegenwart. Es ist kein diskurslastiger Konzeptualismus, den Fischer-Kondratovitch in seinen Bildern zur Schau stellt. Er gehört auch nicht zu jenen Künstlern, die das Handwerkliche vernachlässigen.

 

Aus den Tiefen seines Ateliers hat Dietmar Franz für diese Ausstellung eine Serie mit Äpfeln gehoben, die noch nie gezeigt wurde (jamais vu): die Serie heißt « APPLE RECORDS » und beinhaltet 16 schallplatten-große, seriell angelegte Sperrholztafeln mit jeweils einem Apfel (mit stilisierten Loch) in der Mitte. Diese Arbeiten erinnern an die 1960er Jahre und das tatsächlich existierende gleichnamige Plattenlabel, das von den Beatles gegründet wurde; sie haben auch etwas von der Ästhetik alter flämischer Stillleben des 16./17. Jahrhunderts. Parallel dazu zeigen wir die Taschen des Künstlers, von denen eine im Besitz der Stadtgalerie ist. Diese Serie der „bag news“ umfasst dreidimensionale Sperrholzobjekte in Form und Größe der in Österreich handelsüblichen Papiertragetaschen, die mit detailverliebten Zeichnungen versehen sind. Darunter zu finden sind typische Postkartenmotive, oder Zitate aus der Kunstgeschichte, die er immer wieder ironisch durchbricht. Immer wieder kippt die Idylle und entlarvt Abgründiges.

 

Der in Haimburg lebende Künstler Edwin Wiegele ist mit Arbeiten aus der Werkserie « mea philyra – Mein Lindenbaum ». Der Lindenbaum, der im Hof vor jenem Haus steht, das Edwin Wiegele seit vielen Jahren bewohnt, wird für ihn zum Symbol für Natur und zum Leitmotiv dieser Serie. Durch experimentelle Hinterglasmalerei gelingt es Wiegele, die einzigartigen Strukturen des Baumstammes darzustellen. Auf großflächigem Untergrund trägt Wiegele mitunter 15 bis 20 Farbschichten auf, die er mit Kratzungen bearbeitet – die Arbeiten bekommen dadurch eine besondere Transparenz. Eine zweite dreiteilige Serie „Blütenflug der Himmelsboten“ ergänzt die Ausstellung.

 

Last but not least zeigen wir drei der monumentalen Papierschnitte von Lisa Huber: den Buckelwal, die Schildkröte und die Giraffe. Auch Lisa Huber arbeitet vorwiegend in Zyklen und Serien. Unerreicht sind ihre überdimensionalen Farbholzschnitte oder ihre Scherenschnitte. Im Falle der in Berlin lebenden Kärntnerin mutiert die Druckgraphik fast zur Malerei. Ich kenne niemanden, der – ähnlich wie Lisa Huber – mit Farbholzschnitten, aber auch Papierschnitten „malt“. Die Sujets der drei ausgestellten Schnitte sind Tierfiguren, die sich aus mehreren, übereinander gelegten Schichten Wachspapier die räumliche Textur des Bildes erzeugen. Je mehr Schichten vorhanden sind, desto dunkler und implizit plastischer erscheint jener Teil des Motivs.

 

Jede Sammlungsausstellung lädt zu neuerlicher Betrachtung, zu Neuentdeckungen oder Wiederentdeckungen ein. Es entstehen neue Nachbarschaften zwischen Werken, die Bilder der Stadt haben für einige Monate das Archiv oder ihre gewöhnlichen Standorte verlassen. Die Besucher werde eingeladen, sich auf diese Werke einzulassen, denn – um nochmals John Berger zu zitieren: Kunst „überliefert Botschaften, die von der Rückseite des Sichtbaren kommen“[4].

 

 

Alexander Gerdanovits

Kurator der Ausstellung

 

 

 

______________________________

[1] siehe Schmied, Wieland, Eröffnungen. Beiträge zu einer Geschichte der Kunst in Österreich nach 1945, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra, o. Datum, S. 136-137.

[2] Behr, Martin, „Cornelius Kolig hat ein großes Herz für alle Sinne“, in: Salzburger Nachrichten, 13.01.2014.

[3] Music. Malerei, Zeichnung, Graphik, Mathildenhöhe Darmstadt 21.8. – 2.10.1977, S. X.

[4] Siehe: Thuswaldner, Anton: „Das Leben ist dünn wie eine geschärfte Klinge“, in: Der Kurier, 4.1.2017, S. 7.

 
 

 

 

 

 

 

 

____________________________________________

 

KURZ VITA/BIO

 

ALEXANDER GERDANOVITS
 

– wurde am 24. Mai 1974 in Temeswar (Timisoara), Rumänien geboren.

– zwischen 1980 – 1988 besuchte er die deutsche Abteilung der Allgemeinschule Nr. 3  (das heutige “W. Shakespeare”-Gymnasium) in Temeswar.

– in den Jahren 1988 – 1990 war er Schüler des Kollegs “C. D.  Loga” in Temeswar und in der Zeitspanne 1990 – 1992 besuchte er das “N. Lenau” –Gymnasium in Temeswar, wo er auch die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestand. In dieser Zeit gewann er mehrmals den 1. Preis bei  verschiedenen “Schüler-Olympiaden” (Wettbewerbe für Deutsche und Rumänische Sprache und Literatur).

– 1992 begann er sein Germanistik- und Anglistikstudium an der Universität Klagenfurt, Österreich. 1998 folgte ein Auslandssemester in Cambridge, England, wo er an der “Anglia Polytechnic University” dank eines “Erasmus”-Stipendiums studierte. 1999 absolvierte er sein Studium an der Universität Klagenfurt.

– im Jahr 2000 wurde sein erstes Buch “Streifzüge. Betrachtungen zur Literatur” (Solness Verlag, Temeswar), eine Sammlung von Essays zu ausgewählten Themen der Literaturgeschichte, veröffentlicht. Das Buch wurde mit dem Debütpreis “Nikolaus Berwanger” des Rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet.

– 2006 erschien sein zweites Buch “Erlebnis Kunst” (Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar),  das einen Überblick über die Kunstszene im Banat (Rumänien) und in Kärnten (Österreich) gibt.

– seit vielen Jahren arbeitet er hauptberuflich als Privatsekretär und Konsulent der rumänischen Operndiva Angela Gheorghiu.

– veröffentlicht regelmäßig Beiträge in rumänischen und österreichischen Kulturzeitschriften (z. B. “Die Brücke”), wie auch in Tageszeitungen (“ADZ”, “Kleine Zeitung” u. a.).

– ist Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes.

– seit 2007 kuratiert und organisiert er die Ausstellungsserie “Konfrontation” in der Galerie 3 in Klagenfurt, in der er in der Zeitspanne 2010-2016 auch als Mitarbeiter angestellt war. Bei vielen Vernissagen (Paul Kulnig/Kunstverein; Peter Krawagna, Suzana Fantanariu, Paul Kulnig,Leon Vreme, Peter Jecza, Ilse Mayr, Lisa Huber, Gerda Smolik u.v.a./Galerie 3; Valentin Oman, Stefan Kreuzer, Birgit Bachmann/Schaukraftwerk Kelag) hielt er dir Eröffnungsreden. 

– seit 2014 Mitarbeiter der Kulturabteilung der Stadt Klagenfurt, Betreuer der Kunstsammlungen der Stadt Klagenfurt; Kurator mehrerer Ausstellungen (u.a.: « Siegfried Tragatschnig – Kunst als Lebenshaltung/Alpen Adria-Galerie Klagenfurt; Ordnung und Obsession. Serien, Werkgruppen, Zyklen/Stadtgalerie Klagenfurt). 

 

Articles similaires

Tags

Partager