Alexander Gerdanovits

 

 

(Österreich)

 

 


 

 

 

Suzana Fântânariu stellt in der Klagenfurter Galerie 3 aus

 

 

Fântânariu, Kulnig, Mayr

 

 

Seit dem Frühsommer des Jahres 2008 gibt es in der Galerie 3 in Klagenfurt das Ausstellungsprojekt “Konfrontation”, im Rahmen dessen rumänische bildende Künstler ihren österreichischen Kollegen gegenübergestellt werden. Heuer werden neben Zeichnungen Paul Kulnigs und Acrylbildern Ilse Mayrs (beide aus Klagenfurt) Arbeiten der rumänischen Graphikerin und Objektkünstlerin Suzana Fântânariu, mit deren Personale im Juli 2008 die Serie eröffnet wurde, präsentiert.

 

Aus der Bukowina stammend, wurde Suzana Fântânariu an der Klausenburger Akademie für Kunst ausgebildet. Seit einigen Jahrzehnten ist sie in Temeswar als Künstlerin und Professorin an der dortigen Hochschule für Kunst der West-Universität tätig. Zahlreiche Ausstellungen und Preise im In- und Ausland haben ihren Status als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der gegenwärtigen rumänischen Bildenden Kunst bestätigt.

 

Ihre graphischen Arbeiten, sowie auch ihre großformatigen Bilder, Collagen, Objekte und Installationen behandeln Themen wie die conditio humana, die “Geworfenheit” des Menschen in der Geschichte, die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz, Kategorien wie Zeit und Raum, der menschliche Körper als Hülle, als “Verpackung für die Seele”.

 

Ein überaus kostbares Highlight der Ausstellung sind die zwei Zeichnungen Suzana Fântânarius, die im Jahre 1986  in Babadag, in der Dobrudscha, entstanden sind. Der rumänische Schriftsteller I.D. Sârbu bezeichnete diese Arbeiten als “eine Seite aus einem schmerzhaften Tagebuch”, sie stellen in der Regel Hügellandschaften oder große Horizontweiten dar und sind eher großdimensional geraten. Fântânariu konstruiert große Bilder, die als Ausdruck seelischer Zustände, sublimiert durch den künstlerischen Gestus, interpretiert werden können. Eine Vereinfachung der formalen Strukturen erzeugt das Mysteriöse dieser Blätter.

 

Im Kabinett der Galerie 3 gibt es einige Blätter aus der Serie “Hyper-Zeichen in einem totemischen Inventar” zu sehen. In den ausgestellten Collagen findet sich die Mumie als Paradigma der Kunst Fântânarius wieder. Es ist die Obsession des Körpers, die Suzana Fântânariu nicht losläßt. Die Mumie, die nur rein äußerlich an die ägyptischen Formen erinnert, erscheint wie eine Urform, die ewiges Leben konserviert. Die als Collage zusammengefügten Reminiszenzen des alltäglichen Lebens sind Zeichen des menschlichen Lebens, der Realität, die in der visualisierten Idee der Mumie sublimiert werden. Es geht um eine Resakralisierung der belanglosen Elemente in einer totemischen Form.

 

In keiner Ausstellung Suzana Fântânarius dürfen ihre Objekte fehlen. Der Ausbruch der Künstlerin in die Dreidimensionalität, ins Skulpturale begann schon sehr früh. Ihre überdimensionalen Mumienobjekte, von ihr “Verpackungen für die Seele” genannt, sind die bekanntesten. Ihre kleineren Objekte jedoch, in denen sie banale, simple, “einsame” oder “arme” Objekte festhält, die sie in ein Kunstwerk integriert und ihnen dadurch einen höheren Sinn verleiht, überraschen immer wieder. Waren sie zu Beginn eher konzeptuell, entwickelten sie sich immer mehr ins Meditative, Poetische.

 

Wenn in den “Verpackungen für die Seele” oder in den vor kurzem entstandenen Objekten “Herta Müller I” und “Herta Müller II” eine existenziell-politische Dimension erkennbar ist, so ironisiert sie im “Madame Barbie”-Objekt gewisse Trends und Erscheinungen der zeitgenössichen Welt. Suzana Fântânariu ist als Objektkünstlerin nie bloß ein Handlanger des Zufalls, sie ist kein “metteur en scène des objets”, denn alle Relikte von Leben und Gelebtem werden verwandelt, alles ihr Zugefallene wird von ihr transfiguriert. Sie befindet sich in einem stets produktiven Dialog mit der Welt der Objekte.

 

Eine grosse Wahlverwandtschaft gibt es zur Autorin Herta Müller, schon lange bevor diese den Nobelpreis letztes Jahr gewann. Ihre Beziehung zur rumäniendeutschen Schriftstellerin und die Entstehung der beiden “Herta Müller”-Objekte, die heuer in der Klagenfurter Galerie 3 ausgestellt sind, beschrieb sie folgendermaßen: “2010… es war Winter, es war kalt… hier in meiner Blockwohnung in Badea Cartan… ich hatte gerade 60 Objekte fertiggestellt… ich entspannte mich. Während ich die Sammlung der Zeitschrift “Orizont” durchblätterte, sah ich Herta Müllers Porträt wieder, der ich nur ein einziges Mal, im Vorbeigehen, kurz, leider viel zu kurz, begegnet war. Ich erinnerte mich, sie war in Schwarz gekleidet… etwas regte sich in meinem Inneren. Viele Jahre sind seit damals vergangen. Es folgte der Nobelpreis, so paradox, so utopisch! Dies hinderte mich, für und über Herta Müller zu reden, zu schreiben, zu malen – aus Angst vor jener Festlichkeitsattitüde, die mir aus dem alten kommunistischen Regime viel zu vertraut war… Und trotzdem, die Photos aus der Zeitschrift “Orizont” waren faszinierend, traurig, tief, expressiv, ich dekodierte in ihnen das Lächeln der Mona Lisa in der gegenwärtigen Variante, vom Leben gezeichnet, über der Geschichte und der Finsternis stehend.”[1] Was die verdichtete, poetische Sprache Herta Müllers in der Literatur vermag, gelingt Suzana Fântânariu in der bildenden Kunst, nämlich die Geschichte einer existenziellen Erfahrung in dem von Diktaturen und Ängsten bedrohten südosteuropäischen Raum zu erzählen. Die Künstlerin beschäftigt die Frage nach der menschlichen Identität, der Dichotomie Körper-Seele. Herta Müller betonte einst in einem Interview, dass wir in der Kunst “schön” zu all dem sagen, was wir nicht aushalten: “Wann ist denn ein Film schön für uns, für mich? Oder wann ist ein Gemälde schön? Wann ist eine Musik schön? Wenn mir ein Knoten in den Hals kommt, wenn es mich mitreißt. Das Wort schön ist ja in der Kunst nicht etwas, was uns Freude macht.”[2] Suzana Fântânarius Kunst reißt uns eben mit, sie läßt niemanden gleichgültig. Ob es ihre “Porträts”, die existenzielle Angst ausdrücken, oder ihre in düsteren Farbtönen gezeichneten Landschaften sind, die pessimistische Grundhaltung ist prädominant. Suzana Fântânarius Werk kann auch als ein Seismograph der rumänischen Wirklichkeit bezeichnet werden. Ihre “Mumien”-Objekte sind nicht nur Hinweise auf die Dialektik von Transzendenz und Immanenz, auf das anthropomorphe Paradigma. Die eingeschnürten, “verpackten” großformatigen Gestalten stellen ebenfalls die extreme Einschränkung und Einengung der Menschen in einer Diktatur dar.

 

 

 

www.geocentral.net/suzana

 

 

 

1 Tagebuchaufzeichnungen der Künstlerin.

2 Müller, Herta, „Ich glaube nicht an die Sprache“. Herta Müller im Gespräch mit Renata Schmidtkunz, Wieser Verlag, Klagenfurt, 2009, S. 24.

 

 

 

 

 

 

 

______________________________

 

ALEXANDER GERDANOVITS

 

– wurde am 24. Mai 1974 in Temeswar (Timisoara), Rumänien geboren.

– zwischen 1980 – 1988 besuchte er die deutsche Abteilung der Allgemeinschule Nr. 3  (das heutige “W. Shakespeare”-Gymnasium) in Temeswar.

– in den Jahren 1988 – 1990 war er Schüler des Kollegs “C. D.  Loga” in Temeswar und in der Zeitspanne 1990 – 1992 besuchte er das “N. Lenau” –Gymnasium in Temeswar, wo er auch die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestand. In dieser Zeit gewann er mehrmals den 1. Preis bei  verschiedenen “Schüler-Olympiaden” (Wettbewerbe für Deutsche und Rumänische Sprache und Literatur).

– 1992 begann er sein Germanistik- und Anglistikstudium an der Universität Klagenfurt, Österreich. 1998 folgte ein Auslandssemester in Cambridge, England, wo er an der “Anglia Polytechnic University” dank eines “Erasmus”-Stipendiums studierte. 1999 absolvierte er sein Studium an der Universität Klagenfurt.

– im Jahr 2000 wurde sein erstes Buch “Streifzüge. Betrachtungen zur Literatur” (Solness Verlag, Temeswar), eine Sammlung von Essays zu ausgewählten Themen der Literaturgeschichte, veröffentlicht. Das Buch wurde mit dem Debütpreis “Nikolaus Berwanger” des Rumänischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet.

– 2006 erschien sein zweites Buch “Erlebnis Kunst” (Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar),  das einen Überblick über die Kunstszene im Banat (Rumänien) und in Kärnten (Österreich) gibt.

– seit vielen Jahren arbeitet er hauptberuflich als Privatsekretär und Konsulent der rumänischen Operndiva Angela Gheorghiu.

– veröffentlicht regelmäßig Beiträge in rumänischen und österreichischen Kulturzeitschriften (z. B. “Die Brücke”), wie auch in Tageszeitungen (“ADZ”, “Kleine Zeitung” u. a.).

– ist Mitglied des Rumänischen Schriftstellerverbandes.

– seit 2007 kuratiert und organisiert er die Ausstellungsserie “Konfrontation” in der Galerie 3 in Klagenfurt, in der er seit dem Herbst 2010 auch als Mitarbeiter angestellt ist. Bei vielenVernissagen (Paul Kulnig/Kunstverein; Peter Krawagna, Suzana Fantanariu, Paul Kulnig. Leon Vreme, Peter Jecza, Ilse Mayr/Galerie 3) hielt er dir Eröffnungsreden.

–  im Moment schreibt er an seiner Dissertation in Philosophie an der Universität Klagenfurt.

Articles similaires

Tags

Partager